Demonstration der baltischen Sowjetrepubliken für Unabhängigkeit
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Was ist und wo liegt das Baltikum? Ein Blick auf die politische Geografie der Ostseeregion


17.2.2017
Seit dem politischen Umbruch von 1989/91 im östlichen Europa ist die Bezeichnung "Baltikum" wieder geläufig und begegnet einem als Regionalbezeichnung etwa in Wetterberichten und Reiseprospekten. In der Regel ist damit das Gebiet der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gemeint. In den öffentlichen Debatten dieser Länder taucht das Baltikum als regionale oder politische Selbstbeschreibung jedoch nicht auf, und auch der Begriff "baltische Staaten" deckt sich in diesem Zuschnitt nicht mit dem politischen Selbstverständnis dieser Nationen.

In seiner Rede auf dem ersten Treffen des Ostseerates 1992 in Kopenhagen bezeichnete der erste frei gewählte Präsident des wieder unabhängigen Estland, Lennart Meri, die Ostsee als "Mittelmeer der nordischen Länder", während er mit "baltisch" vor allem den sowjetischen Hegemonialanspruch auf die Ostseeregion assoziierte.[1] Ist Estland also kein baltischer Staat? Und was ist dann das Baltikum? Offensichtlich sind diese Fragen nicht allein anhand geografischer Kriterien zu beantworten.

Ein ähnliches Problem stellte sich bereits im Fall Russlands, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleichsam vom Norden in den Osten Europas driftete. Mit der neuen Verortung verband sich dann die Konstruktion der Verschiedenheit Russlands im Gegensatz zum europäischen Westen.[2] Die baltischen Staaten bewegen sich hingegen vom Osten in den Norden oder Westen Europas. Diese hier aufscheinenden politischen und kulturellen geografischen Konstruktionen und ihre Veränderungen sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.

Bezeichnungen für die Ostsee



Bei einer Betrachtung der mit "Baltikum" und "baltisch" verbundenen räumlichen Vorstellungen und Bedeutungen ist zunächst der enge Zusammenhang mit mare balticum als lateinischer Bezeichnung für die Ostsee festzuhalten, deren Ableitungen heute in zahlreichen Sprachen in der Region und darüber hinaus auftauchen.[3] Im Deutschen und in den nordeuropäischen Sprachen sind dagegen die Bezeichnung "Ostsee" und ihre Entsprechungen anzutreffen. Nur im Estnischen wird ein von balticum und "Ostsee" abweichender Name verwendet.

So genau die erste Erwähnung von balticum datiert werden kann, so unklar bleibt jedoch dessen Herkunft und Etymologie. Der Chronist Adam von Bremen schrieb um 1075: "Dieser Meeresarm heißt bei den Anwohnern (…) der ‚Baltische‘."[4] Drei Deutungen durchziehen seitdem die Erklärung des Begriffs: Die erste folgt Adams Ableitung vom lateinischen balteus (Gürtel) und verweist auf die lautliche Ähnlichkeit zum Wort "Belt". Die zweite basiert auf der Vermutung, dass Adam einen neuen Namen aus antiken Quellen erfunden habe. Eine dritte Deutung geht von der Aussage aus, dass der Name von den Einwohnerinnen und Einwohnern stammt, deren Sprachen der Gruppe der baltischen Sprachen zuzurechnen sind.[5]

Dieser letzte Zusammenhang ist aber nicht so evident, wie er auf den ersten Blick scheint, denn die Bezeichnung "baltische Sprachen" ist eine gelehrte Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die auf den Berliner Sprachwissenschaftler Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann zurückgeht. Er schlug 1845 vor, die bislang als lettische Sprachen im Plural bezeichnete Gruppe "die der Baltischen [Sprachen] oder sonst irgend wie zu nennen". [6] Die neue Bezeichnung leitete sich von der geografischen Lage ihrer Sprecherinnen und Sprecher an der Ostsee ab, nicht aber aus einer diesen Sprachen entstammenden Selbstbezeichnung. Diese Beobachtung deckt sich mit der Tatsache, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts "baltisch" im deutschen Verständnis noch die gesamte Ostseeregion umfasste. So gab es zwischen Kiel und Königsberg zahlreiche Vereine und Zeitschriften, die sich und ihr Tätigkeitsfeld als "baltisch" bezeichneten. Zudem wurde "baltisch" in einer Schilderung der Ostseeküstenländer von 1859 noch synonym für die Gesamtheit der Regionen an der Ostsee verwendet.[7] "Ostsee" und "baltisch" bezeichneten also bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebrauch ebenso wie in anderen Sprachen noch ein- und denselben Raum.


Fußnoten

1.
Lennart Meri, Läänemeri on meie elu telg, in: ders., Presidendikõned, Tartu 1996, S. 279ff. Zum Hintergrund der estnischen Debatte vgl. Karsten Brüggemann, Leaving the "Baltic States" and "Welcome to Estonia": Re-Regionalising Estonian Identity, in: European Review of History 10/2003, S. 343–360.
2.
Vgl. Larry Wolff, Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994; Iver B. Neumann, Uses of the Other. The "East" in European Identity Formation, Manchester 1999.
3.
Vgl. dazu ausführlich Josef Svennung, Belt und baltisch. Ostseeische Namensstudien mit besonderer Rücksicht auf Adam von Bremen, Uppsala–Wiesbaden 1953, S. 55, S. 75.
4.
Adam von Bremen, Bischofsgeschichte der Hamburger Kirche, in: Werner Trillmich/Rudolf Buchner (Hrsg.), Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches, Darmstadt 1961, S. 135–499, hier S. 447.
5.
Vgl. Svennung (Anm. 3), S. 34, S. 93; Ernst Fraenkel, Die baltischen Sprachen, Heidelberg 1950, S. 20.
6.
Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann, Die Sprache der alten Preußen, Berlin 1845, S. xxix; vgl. Fraenkel (Anm. 5), S. 19.
7.
Vgl. Anton von Etzel, Die Ostsee und ihre Küstenländer, geographisch, naturwissenschaftlich und historisch geschildert, Leipzig 1859, S. v-xiii.
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Autor: Jörg Hackmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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