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17.2.2017 | Von:
Jörg Hackmann

Was ist und wo liegt das Baltikum? Ein Blick auf die politische Geografie der Ostseeregion

Russländische Ostseeprovinzen als Brennpunkt

Allerdings begann seit den 1840er Jahren "baltisch" im Deutschen semantisch auf einen Teilbereich der Ostseeregion zu schrumpfen, und zwar auf die russländischen Provinzen Estland, Livland und Kurland, die einst zum Gebiet des livländischen Ordensstaates gehört hatten und im 18. Jahrhundert schließlich an Russland gefallen waren.[8] Sie wurden unter der Bezeichnung "Ostseeprovinzen" oder "Ostseegouvernements" zusammengefasst.[9] Geprägt war diese Region durch eine weitreichende ständische Selbstverwaltung der überwiegend deutschsprachigen ritterschaftlichen und bürgerlichen Eliten. Die estnische und lettische, vor allem bäuerliche Bevölkerung war dagegen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen.

Während baltijskij im Russischen analog zu "baltisch" die gesamte Ostseeregion bezeichnete, bezog sich das aus dem Deutschen entlehnte ostzejskij auf den eigenen, russländischen Herrschaftsbereich: "Ostseeisch" waren aus russischer Sicht die Provinzen Est-, Liv- und Kurland. Finnland, das als Großfürstentum innerhalb des Zarenreiches einen eigenen Status hatte, zählte jedoch nicht dazu. Zugleich wurde die Bezeichnung ostzejskij in der russischen Verwaltung und Öffentlichkeit zum Signum sprachlicher, konfessioneller und politischer Andersartigkeit ebendieser Provinzen, die es an das übrige Russland anzugleichen gelte. Pläne wie die Einführung des Russischen als Amts- und Unterrichtssprache oder die Unterstellung der lutherischen Kirche unter das Konsistorium in Sankt Petersburg wurden dann in der deutschen Öffentlichkeit seit dem Vormärz als Bedrohung der traditionellen deutschgeprägten Zustände wahrgenommen.[10]

Um auf den deutschen Charakter der Provinzen hinzuweisen, fing man nun an, von "deutschen" oder "deutsch-russischen" Ostseeprovinzen zu sprechen. Der Reiseschriftsteller und spätere Bremer Stadtbibliothekar Johann Georg Kohl, der sechs Jahre als Hauslehrer in Kurland gearbeitet hatte, erklärte 1841 die Bezeichnung damit, dass die Region weder rein deutsch noch völlig russifiziert sei.[11] Der Publizist Aurelio Buddeus sprach in seinem Reisebericht von "baltische[n] Trümmer[n]"als Folge der Russifizierungspolitik.[12]

Auch im Zarenreich konzentrierte sich nun in der Betrachtung der Ostseeregion der Blick auf die politischen Verhältnisse in den russländischen Ostseeprovinzen. Hier waren es zunächst die Slavophilen, die für eine stärkere Integration dieser Provinzen in das Gesamtreich eintraten. In seiner Schrift über das russische Ostseeküstengebiet warnte etwa der Publizist Jurij Samarin, der einige Jahre in Riga gearbeitet und auch eine Geschichte der Stadt verfasst hatte, vor einer Germanisierung der lettischen und estnischen Bevölkerung und kritisierte die nachgiebige Haltung der zarischen Behörden gegenüber den Ritterschaften.[13] In seiner "Livländischen Antwort" an Samarin vertrat der Historiker Carl Schirren aus Tartu (zu Deutsch Dorpat) dagegen die Ansicht: "Livland ist nicht ein Gouvernement (…) Es ist eine Provinz mit eigenem Landesstaat."[14] Schirren formulierte ein neues Landesverständnis, das nicht mehr von den Ritterschaften der Ostseeprovinzen ausging, sondern die Verteidigung der von Peter dem Großen gewährten Privilegien zu einer Angelegenheit des ganzen Landes, beziehungsweise genauer: seiner deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner, machte. Namentlich die städtischen und gelehrten Mittelschichten bezeichneten sich nun als "baltisch", wie die Gründung der liberalen "Baltischen Monatsschrift" 1859 zeigt.[15] In diesem neuen Landesverständnis spielte die estnische und lettische Bevölkerung allerdings kaum eine Rolle. "Baltisch" wandelte sich so von einer Regionalbezeichnung für die drei russischen Ostseeprovinzen zu einem ethnisch-sozial definierten Begriff für die deutschen Bevölkerungsschichten der Region.

Zeitgleich wurde in den russischen Debatten ostzejskij nun negativ konnotiert und mit der Kritik an den deutschgeprägten Eliten der Ostseeprovinzen verbunden.[16] Ostzejcy und "Balten" waren also nicht alle Bewohner des Landes, sondern nur die deutschsprachigen und insbesondere die sozial dominierenden Gruppen. Dagegen wurde pribaltijskij im ausgehenden 19. Jahrhundert zur russischen Bezeichnung für die Ostseeprovinzen und konnotierte zugleich deren natürliche Verbindung mit den russischen Ländern.[17]

Zu einer Verfestigung von "Baltikum" als Regionalbegriff kam es offensichtlich erst im Ersten Weltkrieg, als zunächst Litauen und Kurland als deutsches Besatzungsgebiet unter die Militärverwaltung von "Ober Ost" gerieten und bis Februar 1918 dann auch die beiden übrigen russischen Ostseeprovinzen. Wenig später tauchte eine Ableitung als "Baltikumer" in der Selbstbezeichnung von Freikorpsverbänden auf. Unklar ist dabei aber, inwieweit sich das diesem Namen zugrundeliegende "Baltikum" aus dem skizzierten "baltischen" Selbstverständnis ableitete.[18] Naheliegender ist, dass damit der auch Litauen umfassende deutsche Herrschaftsbereich im Ersten Weltkrieg beschrieben wurde. Während der Rigaer Historiker Reinhard Wittram 1933 noch versuchte, die Bedeutung von "Balten" ausschließlich auf "die deutschen Liv-Est-Kurländer"[19] zu beziehen, entstand nach 1918 der exaktere Begriff "Deutsch-Balten"[20] und unter dem Einfluss des Nationalsozialismus dann der umgekehrte Begriff "Baltendeutsche", der anstelle der Region nun den propagierten völkischen Zusammenhang in den Vordergrund rückte.

Lettische und estnische Diskurse

In seinem exklusiv deutschen Verständnis von "Balten" blendete Wittram allerdings aus, dass im Nationsbildungsprozess der Letten seit den 1860er Jahren Baltija als regionale Selbstbezeichnung vorkam.[21] In der für das erste lettische Sängerfest 1873 in Riga verfassten Hymne "Gott segne Lettland" wurde neben Latvija (Lettland) gleichrangig noch Baltija besungen, und die seit 1868 erscheinende erste nationale lettische Zeitung nannte sich "Baltijas Vēstnesis" (Baltischer Bote). "Baltisch" war hier auf die entstehende lettische Nation bezogen und unterschied sich so vom deutschen und russischen Verständnis des Begriffs.

Komplizierter ist dagegen der estnische Fall, wo eine vergleichbare Verwendung von balti im 19. Jahrhundert nicht anzutreffen ist. Die Bezeichnung des nationalen Territoriums war seit dem "nationalen Erwachen" an das Adjektiv eesti gebunden. Das hing auch damit zusammen, dass es "Estland" als Provinzbezeichnung gab, die sich zwar nicht mit der Verbreitung der estnischsprachigen Bevölkerung deckte, aber doch einen Ausgangspunkt für Ideen einer nationalen Autonomie bot. Umgekehrt war die lettische Adressierung von Latvija im Zarenreich politisch schon deshalb problematisch, weil es an keine bestehende territoriale Einheit anknüpfen konnte.

Hinzukommt, dass im Estnischen – im Gegensatz zu allen anderen Ostseeanrainern – das Meer weder durch Entsprechungen von "Ostsee" noch von balticum benannt wird, sondern als Läänemeri (Westsee). Die geografisch logisch erscheinende Bezeichnung steht jedoch im Gegensatz zum finnischen Fall, wo das Meer mit Itämeri wie in den skandinavischen Sprachen als Ostsee bezeichnet wird, obwohl das Meer doch ebenfalls westlich liegt. Zwar gab es in der Phase der estnischen Nationsbildung Indizien für die Bezeichnungen Baltimaa im Sinne der Ostseegouvernements sowie Balti meri für die Ostsee.[22] Wenn sich die Bezeichnung balti im Estnischen jedoch nicht durchgesetzt hat, dann deshalb, weil sie nicht Identität, sondern Alterität konnotierte. "Baltisch" wurde im Estnischen im historischen Verständnis mit den deutschen Oberschichten sowie der russischen (und später sowjetischen) Herrschaft verbunden.[23]

Fußnoten

8.
Zur Geschichte der Region siehe auch den Beitrag von Karsten Brüggemann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Vgl. Erik Amburger, Geschichte der Behördenorganisation Russlands von Peter dem Großen bis 1917, Leiden 1966, S. 389. Die deutsche Bezeichnung ist zuerst für 1823 nachgewiesen, vgl. Georg Berkholz, Geschichte des Wortes "baltisch", in: Deutscher Verein in Livland (Hrsg.), Aus baltischer Geistesarbeit. Reden und Aufsätze, Bd. 2, Riga 1909, S. 86–98, hier S. 87.
10.
Zeitgenössisch: Alexander Buchholz, Fünfzig Jahre russischer Verwaltung in den Baltischen Provinzen, Leipzig 1883. Vgl. auch Michael Haltzel, Der Abbau der deutschen ständischen Selbstverwaltung in den Ostseeprovinzen Rußlands. Ein Beitrag zur Geschichte der russischen Unifizierungspolitik 1855–1905, Marburg/L. 1977.
11.
Vgl. Johann Georg Kohl, Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen oder Natur- und Völkerleben in Kur-, Liv- und Esthland, Dresden 1841, S. iv.
12.
Aurelio Buddeus, Halbrussisches, Leipzig 1847, S. 17, S. 174.
13.
Vgl. Jurij F. Samarin, Okrainy Rossii, Serija 1: Russkoe Baltijskoe pomor’e, Prag 1868. Vgl. auch Edward C. Thaden, Samarin’s "Okrainy Rossii" and Official Policy in the Baltic Provinces, in: Russian Review 33/1974, S. 405–415.
14.
Carl Schirren, Livländische Antwort an Herrn Juri Samarin, Leipzig 1869, S. 115.
15.
Weitere Belege für diesen Gebrauch von "baltisch" seit den 1840er Jahren bei Berkholz (Anm. 9), S. 88f.
16.
Deutlich dann in sowjetischer Zeit bei Maksim M. Duchanov, Ostzejcy. Jav’ i vymysel. O roli nemeckich pomeščikov i bjurgerov v istoričeskich sud’bach latyšskogo i ėstonskogo narodov v seredine XIX veka, Riga 1970.
17.
Vgl. Efgraf V. Češichin, Kratkaja istorija pribaltijskago kraja, Riga 18942; sowie Pribaltijskij (Ostzejskij) kraj, in: Ėnciklopedičeskij slovar’, Bd. 25, Sankt Petersburg 1898, S. 110–116.
18.
Vgl. Gustav Noske, Zur Geschichte der deutschen Revolution, Berlin 1920, S. 175–185. Nach Reinhard Wittram, Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180–1918, München 1954, S. 8, sei der Begriff "sprachwidrig" abgeleitet.
19.
Reinhard Wittram, Deutsch und Baltisch. Zum Verständnis der deutschbaltischen Tradition, in: Baltische Monatshefte 2/1933, S. 187–201, hier S. 198.
20.
Vgl. Deutschbalten und baltische Lande, in: Carl Petersen et al. (Hrsg.), Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums, Bd. 2, Breslau 1936, S. 105–241.
21.
Berkholz (Anm. 9), S. 97.
22.
Siehe als deutschsprachige Schrift Christian Woldemar, Über die Heranziehung der Letten und Esten zum Seewesen (…), Dorpat 1857.
23.
Vgl. Eesti Entsüklopeedia, Bd. 1, Tallinn 1932, Sp. 825–844. Unter den mit balti verbundenen Bezeichnungen finden sich vor allem solche, die sich auf die deutschbaltische Geschichte und Kultur der Region beziehen. Vgl. auch den Namen des von Peter dem Großen begründeten Marinehafens Baltischport (russisch Baltijskij Port, estnisch Paldiski) westlich von Tallinn.
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