Demonstration der baltischen Sowjetrepubliken für Unabhängigkeit

17.2.2017 | Von:
Jörg Hackmann

Was ist und wo liegt das Baltikum? Ein Blick auf die politische Geografie der Ostseeregion

"Baltisch" im 20. und 21. Jahrhundert

Die beiden hier beobachteten semantischen Veränderungen von "baltisch" – seine regionale Einengung und Ethnisierung – traten in der englischen oder französischen Sprache zunächst nicht auf. Die Schwankungen, denen der Begriff im 20. Jahrhundert unterlag, sind vor allem in der internationalen Politik nach 1918 begründet. In den Dokumenten des britischen Außenministeriums jener Jahre bezog sich Baltic states nun auf Estland, Lettland und Litauen, von deren dauerhafter Unabhängigkeit von Russland man jedoch nicht überzeugt war. Die Zuordnung von Litauen zu baltic in diesem Verständnis war nicht nur durch den Kriegsverlauf bedingt, sondern beruhte auch auf den vor allem nach 1905 engen Kontakten zwischen den drei Nationalbewegungen im Zarenreich, auch wenn sich ein litauisches Verständnis als Ostseenation erst nach 1918 entwickelte.

Über diese nationale Dreiheit von "baltisch" hinaus gingen dagegen die Ansätze der seit 1917 um die Ostsee herum entstandenen neuen Staaten zu einer sicherheitspolitischen Kooperation. Bereits während des Krieges kursierte in der estnischen Öffentlichkeit das Schlagwort von der "Freiheit der Ostsee". Bündnisse mit anderen Ostseenationen sollten zur Loslösung aus dem russischen und deutschen Herrschaftsbereich führen.

Die Idee eines Baltischen Bundes als Kooperation der Ostseeanrainer ohne Deutschland und Sowjetrussland stieß allerdings in den skandinavischen Königreichen umgehend auf Ablehnung, sie orientierten sich fortan an der Idee der nordischen Einheit. Polen blieb wegen des Konflikts mit Litauen nach der Besetzung von Vilnius im Oktober 1920 und seinen Großmachtambitionen ein zumindest argwöhnisch betrachteter Partner. Nachdem Finnland 1922 das Projekt eines Baltischen Bundes ebenfalls abgelehnt hatte, reduzierte sich die Ostseekooperation dann auf die drei gewissermaßen übrig gebliebenen Staaten Estland, Lettland und Litauen, die 1934 die frühere estnisch-lettische Kooperation zur Baltischen Entente erweiterten. Eine baltische Region mit diesem Zuschnitt war für die Beteiligten jedoch nicht die Wunschvorstellung regionaler Kooperation, sondern ihre letzte Wahl. Dass die gemeinsame Neutralitätserklärung 1939 gegen die deutsche und sowjetische Bedrohung der Unabhängigkeit nichts auszurichten vermochte, war man sich durchaus bewusst. Überlegungen zu einer Region "Baltoskandia",[24] die Skandinavien, Finnland und die drei baltischen Länder umfassen sollte, konnten sich nicht politisch institutionalisieren.

Mit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges wurde dann eine ethnisch-nationale Wahrnehmung von "baltisch" zementiert, wie sie sich seit den 1930er Jahren angebahnt hatte: Baltic states und Baltic republics meinten die drei 1940 von der Sowjetunion annektierten Staaten und ihre Staatsvölker, deren Exilgemeinschaften vor allem in Schweden, Westeuropa und Nordamerika dieses Verständnis von "baltisch" betonten, während sich die früheren deutschen Bewohner nun als "deutsch-baltisch" bezeichneten. Als Selbstbezeichnung tauchte "baltisch" dann mit neuer Emphase in den Unabhängigkeitsbewegungen der "Singenden Revolution" zwischen 1986 und 1991 auf – am deutlichsten in der als "Baltischer Weg" bekannten Menschenkette am 23. August 1989, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes. Eine über die antisowjetische Stoßrichtung hinausreichende Integrationskraft hat "baltisch" jedoch nicht entfaltet, sodass es als Selbstbezeichnung mit dem Erreichen des gemeinsamen Ziels rasch wieder an Attraktivität verlor, selbst wenn es gemeinsame Institutionen wie die Baltische Versammlung mit Vertreterinnen und Vertretern der drei nationalen Parlamente gibt.

Im Russischen stößt man zunächst auf die Bezeichnung Baltika, die nach 1940 die okkupierten baltischen Staaten umfasste. Ab den 1960er Jahren trifft man zunehmend auf den Begriff Pribaltika, in der Regel mit dem Zusatz Sovetskaja, der partiell auch den Bezirk Kaliningrad mit einbezog. Als neuer Begriff – nun ohne die sowjetischen Konnotationen – ist seit den 1990er Jahren das offensichtlich aus dem Lettischen abgeleitete Baltija anzutreffen.[25]

Schluss

"Baltikum" ist also keine eindeutige, auf naturräumlichen oder überzeitlichen Strukturen beruhende Bezeichnung für einen Teil Nordosteuropas. Vielmehr bezogen sich die mit "baltisch" zusammenhängenden Namen bis in das 19. Jahrhundert hinein auf die gesamte Ostseeregion. Zwei Entwicklungen ließen dieses ostseeregionale Verständnis dann in den Hintergrund treten: Zum einen die räumliche Verengung zunächst auf die Ostseeprovinzen des Zarenreiches und dann auf die um Litauen erweiterten neuen Staaten nach 1918, zum anderen die ethnisch-nationalen Eingrenzungen auf die Deutsch-Balten oder die Nationen der Esten, Letten und Litauer.

Vor allem aus der Sicht der seit 1991 wieder unabhängigen baltischen Nationen verkörpert "baltisch" die negativen Konnotationen, auf die für den Osteuropa-Begriff hingewiesen wurde.[26] Die Zugehörigkeit zum "Baltikum" entspricht daher nicht dem Selbstverständnis der Esten, Letten und Litauer. Es ist vielmehr eine Fremdzuschreibung, mit der mächtepolitische Unterlegenheit, eine politische Objektrolle und auch Konnotationen als postsowjetischer Raum verbunden werden.

Während mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes eine Rückbesinnung auf den größeren räumlich-historischen Zusammenhang von balticum eingesetzt hat, der zu einem neuen Blick auf die gesamte Ostseeregion in kultureller wie politischer und wirtschaftlicher Hinsicht geführt hat, ist in den vergangenen Jahren angesichts des erneuerten russischen Hegemonialanspruchs auch eine erneute sicherheitspolitische Fokussierung auf die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen zu beobachten. Die Vieldeutigkeit der Begriffe "Baltikum" und "baltisch" wird sich daher nicht so rasch auflösen.

Fußnoten

24.
Siehe Edgar Kant, Estlands Zugehörigkeit zu Baltoskandia, Tartu 1934; Kazys Pakštas, The Baltoscandian Confederation, Chicago 1942. Vgl. dazu auch Marko Lehti, Non-Reciprocal Region-Building. Baltoscandia as a National Coordinate for the Estonians, Latvians and Lithuanians, in: Nordeuropaforum 2/1998, S. 19–47.
25.
Vgl. Aleksandr O. Čubar’jan (Hrsg.), Rossija i Baltija, 7 Bde., Moskau 2000–2015. Der russische Begriff "Baltija" zuerst wohl bei Anatolij Pristavkin, Tichaja Baltija, Riga 1991.
26.
Siehe Wolff; Neumann (beide Anm. 2).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Jörg Hackmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.