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Kleine Geschichte der baltischen Staaten


17.2.2017
Am Beginn der anhand von Schriftquellen nachvollziehbaren Geschichte steht auch im Falle der baltischen Staaten die Verbreitung des Christentums.[1] So wird die Geschichte Litauens üblicherweise mit dem Hinweis eingeleitet, dass sich der Begriff Litua als Zielregion der katholischen Mission bereits 1009 in den Quedlinburger Annalen findet. Allerdings waren diese frühen Bemühungen erfolglos, galten doch die Litauer bis Ende des 14. Jahrhunderts als "letzte Heiden" Europas. Auch im Falle Livlands – so die mittelalterliche Bezeichnung der heutigen Gebiete Estlands und Lettlands – war die Christianisierung infolge der "baltischen Kreuzzüge" von wesentlicher Bedeutung. Die Gründung der Stadt Riga 1201 durch Bischof Albert, einem Ministerialen der Erzdiözese Bremen, gab den Startschuss für den von Missionaren und Kaufleuten getragenen Kolonialisierungsprozess, an dem neben Deutschen auch Dänen beteiligt waren. Mit dem Schwertbrüderorden, der später in den Deutschen Orden überging, schuf sich die Mission ihre Armee.

Zugleich stand die Region bereits seit dem 11. Jahrhundert in mehr oder weniger engem Kontakt mit der seit Ende des 10. Jahrhunderts christianisierten Kiewer Rus. Die russischen Chroniken zeugen von den engen Verbindungen vor allem mit den Litauern – in Krieg und Frieden. Auch im östlichen Livland führte diese Nachbarschaft bisweilen zu Tributzahlungen an russische Fürsten. Der Niedergang der Rus ab Mitte des 13. Jahrhunderts infolge der Expansion der Mongolen begünstigte die Konsolidierung der Vormacht des Deutschen Ordens in Livland. Zugleich stießen litauische Fürsten nun vermehrt in die slawisch (und damit orthodox) besiedelten Gebiete vor (Karte).
Das Baltikum in den Jahren 1260 und 1721Das Baltikum in den Jahren 1260 und 1721 (© mr-kartographie. Gotha 2017)

Doch bleiben wir zunächst in Livland. Nordestland war während der Kreuzzüge in dänische Hand geraten. 1346 verkaufte Dänemark es an den Orden, den größten Landbesitzer Livlands. Allerdings gab es mit dem Erzbischof von Riga, den weiteren Bischöfen und den Städten Riga, Tartu (zu Deutsch Dorpat) und Tallinn (zu Deutsch Reval) weitere wichtige Machtzentren. Diese Städte mit deutschen Rechtsformen waren wichtige Mitglieder der Hanse, in deren Namen sie den lukrativen Russlandhandel kontrollierten und die Verantwortung für das Hansekontor in Nowgorod trugen. Dadurch wurde der Wohlstand dieser Städte gesichert, die zudem einen kontinuierlichen intellektuellen Austausch mit den Zentren Nord- und Westeuropas pflegten. So wurden sie zu potenziellen Gegenspielern des Ordens.

Interne Konflikte, vor allem aufgrund des Vormachtstrebens des Ordens, blieben nicht aus. Hiervon war vor allem Riga betroffen. Immer wieder wurden Papst und Kaiser als Vermittler eingeschaltet, was von den engen Verbindungen Livlands zu den zentralen Instanzen des mittelalterlichen Europa zeugt. So breitete sich in den Städten die Reformation, die nicht zuletzt die Position des Ordens und der Bischöfe infrage stellte, bereits zu Beginn der 1520er Jahre aus. Das Modell des in Königsberg residierenden Hochmeisters des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der 1525 evangelischer Herzog Preußens unter polnischer Lehnshoheit wurde, ließ sich kaum auf Livland übertragen, das eine viel sensiblere Machtbalance aufwies. Der livländische Ordensmeister Wolter von Plettenberg blieb Katholik, tolerierte aber den neuen Glauben, der in den Städten fest Fuß fasste.

In der Zwischenzeit entwickelte sich Litauen zu einer europäischen Großmacht. Großfürst Mindaugas, der aus Anlass seiner Krönung 1253 die katholische Taufe annahm, sie später jedoch wieder ablegte, gilt als Staatsgründer. Unter Großfürst Gediminas wurde 1321 Kiew erobert, und Vytautas der Große erreichte Ende des 15. Jahrhunderts das Schwarze Meer. Das litauische Heidentum provozierte ständige Konflikte mit dem Deutschen Orden, aber auch die vom Missionsgedanken inspirierten "Litauerreisen" des europäischen Adels, die eigentlich "ritterliche" Kriegszüge waren. Das Versprechen der Taufe ermöglichte aber immer wieder auch Bündnisse mit den christlichen Nachbarn, nicht zuletzt mit dem Orden. 1385 kam es schließlich zur polnisch-litauischen dynastischen Union von Krewo: Großfürst Jogaila bestieg als König Władysław II. Jagiełło den polnischen Thron, um durch den Statusgewinn seine Macht in Litauen abzusichern. Im Gegenzug ließ er sein Land katholisch taufen.

Der vom Moskauer Zaren Iwan IV. entfachte Livländische Krieg von 1558 bis 1582/83 veränderte die Machtbalance der Region. Das mittelalterliche Livland hatte diesem Angriff nichts entgegenzusetzten, es fiel auseinander und suchte sich neue Schutzmächte. Nord-Estland fiel an Schweden, die Insel Saaremaa, zu Deutsch Ösel, an Dänemark. Polen-Litauen, das sich mit der Realunion von Lublin 1569 zu einem Wahlkönigtum gewandelt hatte, sicherte sich Livland und Süd-Estland. Der letzte livländische Ordensmeister Gotthard Kettler begründete als polnischer Lehnsmann das Herzogtum Kurland. In weiteren Kriegen verlor Polen das Livland nördlich der Düna 1629 an Schweden.

In diese Zeit der Kriege fällt die Gründung von Universitäten. Im Zuge der Gegenreformation wurde 1579 ein Jesuitenkolleg in Vilnius, zu Deutsch Wilna, gegründet. Die daraus hervorgegangene Universität wurde zu einem bemerkenswerten kulturellen Zentrum in Polen-Litauen. Solange Livland polnisch war, waren die Jesuiten auch in Tartu und Riga tätig. Kurland und das westliche Livland blieben hingegen protestantisch. Nur im östlichen Teil Livlands, in Lettgallen, das weiterhin polnisch blieb, setzte sich der Katholizismus durch, der dort bis heute dominiert. Insgesamt war die polnisch-litauische Adelsrepublik multikonfessionell. So wurde Vilnius, das "Jerusalem des Nordens", zu einem kulturellen Mittelpunkt des osteuropäischen Judentums.

In Tartu gründete die protestantische Vormacht Schweden 1632 ebenfalls eine Universität. Deren Wirkung blieb zunächst jedoch begrenzt. Allerdings genießt die schwedische Zeit gerade in Hinblick auf die Initiativen in der Bildungspolitik eine hohe Wertschätzung im Geschichtsbild der Esten und Letten. Der Staat schuf im späten 17. Jahrhundert jedoch höchstens die ideologischen Rahmenbedingungen, denn auch die Bauern sollten ja die Bibel verstehen. So entstanden in dieser Zeit erste Bibelübersetzungen ins Lettische und Estnische. Insgesamt waren es aber meist lokale Bemühungen um Armen- oder Bauernschulen, die Früchte trugen, bis sie im Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 verebbten.

Dieser Krieg verheerte die gesamte Region, führte zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang und veränderte erneut die Machtverhältnisse. Schweden verlor Est- und Livland, die sich dem russischen Zaren Peter dem Großen unterwarfen (Karte). Die beiden Ostseeprovinzen blieben zunächst jedoch weitgehend autonom unter der Verwaltung der Ritterschaften, denen die Kapitulationen äußerst vorteilhafte Privilegien gewährt hatten, unter anderem in Bezug auf Religion und Sprache.

Im 18. Jahrhundert lähmte sich Polen-Litauen innenpolitisch zusehends durch das Vetorecht im Adelsparlament selbst und geriet außenpolitisch unter den Druck seiner Nachbarn. Im Zuge der Teilungen des Landes 1772, 1791 und 1795 verleibte sich Russland auch Kurland und weite Teile Litauens ein (Karte). Damit waren erstmals die Siedlungsgebiete der Esten, Letten und Litauer nahezu vollständig unter einer Herrschaft vereint, nur einige Litauer lebten weiterhin in Ostpreußen ("Kleinlitauen"). Für die Sankt Petersburger Politik handelte es sich jedoch weiterhin um deutlich voneinander geschiedene Gebiete: Während Est-, Liv- und Kurland als deutsch und protestantisch wahrgenommen wurden, galt in den litauischen Gebieten der polnische und katholische Einfluss als maßgeblich.


Fußnoten

1.
Für übergreifende Darstellungen zur baltischen Geschichte und weitere Literaturverweise siehe Norbert Angermann/Karsten Brüggemann, Geschichte der Baltischen Länder, Stuttgart (i.E.); Michael Garleff, Estland, Lettland, Litauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg 2001; Andreas Kasekamp, A History of the Baltic States, Basingstoke 2010.
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Autor: Karsten Brüggemann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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