Erdogan sitzt im "Chef-Sessel"; hinter ihm ein Bild Atatürks.
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Die Rolle der Türkei in der Region. (Un-)Ordnungsgarant in einem neuen Nahen Osten


24.2.2017
Die Konfliktkonstellationen und Allianzbildungen im Nahen Osten sind in den vergangenen Jahren unüberschaubar geworden. Sie sind Ausdruck sowohl regionaler Eigendynamiken als auch globaler Transformationen, und sie entscheiden über das außenpolitische Handeln der türkischen Republik. Die Folgen der Kriege in Afghanistan und Irak sowie der direkten und indirekten Eingriffe äußerer Mächte in Libyen und Syrien brachten nicht nur Leid mit sich und schufen neue Zonen der Unbeherrschbarkeit, sondern öffneten rivalisierenden Regionalmächten politischen Raum für Interventionen, die wiederum neue Unwägbarkeiten erzeugten.[1] Die Grundkonflikte des post-osmanischen Raums scheinen, bezogen auf Fragen von nationaler Souveränität und Identität, auf verheerende Art und Weise dieselben Probleme in sich zu tragen wie bei seiner Entstehung nach dem Ersten Weltkrieg. Mittendrin in dieser Konstellation befindet sich eine Türkei, deren Eliten die staatlichen Institutionen, die den politischen Wettstreit und das gesellschaftliche Zusammenleben bislang auf sehr konflikthafte Weise regulierten, selbst auf fundamentale Art und Weise transformieren.[2]

In diesem Beitrag argumentiere ich, dass die innenpolitischen Kämpfe um die Ausgestaltung einer türkischen Präsidialrepublik und die regionalen Konflikte einander verstärken. Die Folgen sind zunehmende Verschärfungen gesellschaftlicher Konflikte. Diese resultieren aus neuen Machtchancen und sind selbst Produkte kriegerischer Gewalt im In- und Ausland einerseits und der Verhärtung politischer Identitäten andererseits. Für die Türkei steht folglich die Maximierung ihrer bestehenden Machtchancen ganz oben auf der außenpolitischen Agenda, sodass von ihr nicht mehr zu erwarten ist, dass sie sich längerfristig nur einer außen- und sicherheitspolitischen Agenda verschreibt. Dies erklärt, warum sich die Türkei im vergangenen Jahr in Irak und Syrien vom eindimensionalen Ziel der Vertretung rein sunnitischer Interessen verabschiedet hat und sich diplomatisch der Achse Russland-Iran-Assad öffnete. Während die Türkei also versucht, in einer unsicheren Umwelt mit einer ungewissen Zukunft ihre außenpolitische Entscheidungsmacht wiederherzustellen, wird sie zwar mehr denn je auf die NATO als Sicherheitsgarantin angewiesen sein; eine Politik im Sinne eines Beitritts zur EU ist unter diesen Bedingungen aber nicht mehr realistisch.

Um die heutige Türkei in ihren außenpolitischen Positionierungen besser nachvollziehen zu können, sollen im Folgenden der Syrienkrieg und seine Auswirkungen auf die benachbarten Staaten erläutert werden. Ebenso gilt es zu erfassen, was genau solch ein regionaler Krieg den beteiligten und benachbarten Akteuren machtpolitisch abverlangt.

Syrienkrieg



Allein aufgrund ihrer geografischen Lage ist die Türkei unmittelbar von den Folgen des Irakkriegs seit 2003 und des syrischen Bürgerkriegs seit 2011 betroffen. Waren die Auswirkungen des Irakkriegs für die Türkei im Vergleich zu Jordanien und Syrien noch überschaubar, wurde sie ab 2011 über die Jahre zum Land, das absolut die meisten syrischen Flüchtlinge aufnehmen sollte.[3] Jenseits der Flüchtlingsfrage führte der Syrienkrieg aber auch zu neuen Machtverhältnissen in der Region. Dieser politischen Neuordnung konnte sich die Türkei als bereits aufstrebende Regionalmacht nicht entziehen.[4]

Der Krieg in Syrien nahm mehrere Wendungen durch. Die Syrienkrise war zunächst nur Ausdruck der sehr rigiden Haltung des Assad-Regimes gegenüber Massenprotesten, deren Unterstützer in den ersten Monaten noch davon ausgingen, dass die Proteste ähnlich wie in Tunesien, Ägypten und Jemen zum Erfolg führen. Diese Annahmen stellten sich als Fehleinschätzungen heraus, da auch die Abspaltungen innerhalb des Militärs das Regime nicht zum Umdenken bewegten und es weiterhin allein mit Repression statt Liberalisierung auf die Proteste und die Bewaffnung der Oppositionsgruppen reagierte. Die diplomatische Anerkennung des Syrischen Nationalrats ab 2011 und dessen Niederlassung zunächst in Istanbul, dann in Katar, sowie die militärische Unterstützung oppositioneller Gruppen waren das Ergebnis breit geteilter Erwartungen, dass sich das Regime 2012 nicht mehr würde halten können. Doch der Konflikt eskalierte und führte schließlich zu einem Krieg, der sämtliche Nachbarn auf die eine oder andere Art zu Beteiligten machte.[5] Das Regime reagierte nicht nur mit weiteren Massenverhaftungen, gezielten Tötungen und Folter, sondern auch mit Gewaltanwendungen gegen die zivile Bevölkerung in umkämpften Städten einerseits und dem Rückzug aus Teilen des eigenen Herrschaftsbereichs andererseits, um die eigenen militärischen Kräfte zu bündeln. Von letzterem Schritt profitierten vor allem die kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihr bewaffneter Arm, die Volksverteidigungseinheiten (YPG), die nun in den mehrheitlich kurdisch-bevölkerten Gebieten in Nordsyrien territoriale Kontrolle ausüben konnten.[6]

Zwei weitere Entwicklungen bestimmten den Kriegsverlauf maßgeblich: Erstens der Verzicht der USA auf einen Militärschlag – nach den Giftgasangriffen von Ghuta 2013 –, der den eigenen Verbündeten Saudi-Arabien, Katar und der Türkei militärische Zurückhaltung signalisierte, und zweitens die militärische Expansion des sogenannten Islamischen Staates (IS) ab Sommer 2014 und der Ernennung von Raqqa zu seiner Hauptstadt. Dies hatte zur Folge, dass der globalen Öffentlichkeit der Kampf gegen den IS dringlicher erschien als der Kampf gegen das Assad-Regime. Somit wurde der IS zu einer mächtigen diskursiven Waffe für Russland, Iran, die Hisbollah und die verschiedenen kurdischen Organisationen in ihren Legitimierungsstrategien. Auch für die europäischen Staaten hatte der Kurs Assads keine Priorität, galt ihr Augenmerk doch der drohenden Radikalisierung junger Islamisten in Europa und deren Rekrutierung für den IS. Ab 2015 bestimmten schließlich allein die Flüchtlingsbewegungen aus der Kriegsregion die eigenen diplomatischen Anstrengungen.

Wandel türkischer Außenpolitik



Kriege zerstören nicht nur menschliche Gemeinschaften, physische Infrastrukturen und die Lebensentwürfe gesamter Generationen, sie bringen immer auch etablierte Machtallianzen durcheinander – auch jenseits des umkämpften Territoriums. Und je offener den beteiligten Akteuren und Beobachtern der Kriegsausgang erscheint, desto mehr sehen sich diese Akteure offenbar genötigt, mit ausreichend militärischen und finanziellen Ressourcen involviert zu bleiben.

Sämtliche Akteure sind sich bewusst, dass der Krieg eines Tages zu Ende gehen wird; und je mehr Einfluss man durch die eigenen Kampf- und Friedenseinsätze produzieren konnte, desto mehr kann man später im Vergleich zu den regionalen Konkurrenten über den Verhandlungs- und Friedensmodus mitentscheiden. Die politische Kunst besteht für Staaten und Akteure darin, sich als entscheidendes Bindeglied zwischen lokal kämpfenden Organisationen mit territorialer Kontrolle und den globalen Mächten, die den erzielten Abmachungen die materielle und symbolische Anerkennung auf internationaler Ebene gewähren können, zu etablieren.

In dem überaus komplexen Machtfeld des Nahen Ostens steht die Türkei im direkten Wettbewerb mit Iran und Saudi-Arabien und den anderen sunnitischen Golfmonarchien, die sich mit ihrem immensen Erdöl- und Erdgasreichtum allesamt als mögliche Ordnungsgaranten für die Region ins Spiel bringen.

Entsprechend hat die Kriegsdynamik in Syrien einen außenpolitischen Wandel der Türkei bewirkt: Seit 2012 stellte sich die Türkei als gegen den Iran gerichtete Verfechterin sunnitischer Interessen in Syrien und Irak dar, die sogar gewillt schien, einen diplomatischen Konflikt mit Russland zu riskieren, nachdem die russische Seite zum ersten Mal entschieden hatte, direkt in einen nahöstlichen Krieg zu intervenieren. Einige Monate nach dem Abschuss eines russischen Militärjets durch türkische Raketen im November 2015 kam es jedoch zur ersten russisch-türkischen Annäherung und Aussöhnung sowie zur direkten türkischen Intervention in Nordsyrien, um weitere territoriale Gewinne der YPG zu verhindern und diese nun unmittelbar zu bekämpfen. Diese Intervention – und die Entsendung türkischer Truppen in den Nordirak – erfolgte unter der Maßgabe des Kampfs gegen den IS und leitete den russisch-iranisch-türkischen Verhandlungskomplex ein, der nun, nach der Rückeroberung Aleppos durch die syrische Armee, noch unter Beweis stellen muss, wie belastbar er ist. Er stellt aber einen großen diplomatischen Erfolg für die türkische Seite dar, die demonstrieren konnte, wie flexibel sie auf lokale und globale Veränderungen reagieren kann, um ihren eigenen Handlungsspielraum zu erhöhen. Diese Kriegsdynamiken beeinflussen nicht nur die Machtchancen der Türkei in der Region, sondern darüber hinaus auch die ungelöste Frage eines türkischen EU-Beitritts, der unter diesen Bedingungen verunmöglicht wird.

Ende der EU-Beitrittsperspektive



Die Antwort auf die Frage, wie es um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei steht, war zwar seit jeher vielschichtig.[7] Aber derzeit scheint eine türkische Mitgliedschaft in der Union unwahrscheinlicher denn je.

Auf der einen Seite stehen die internen Probleme und Herausforderungen einer EU, die den an sich selbst gestellten Anspruch einer vertieften Europäisierung nicht aufgegeben hat. Die Osterweiterungen seit 2004 zeigen unerwartete Widersprüche auf: Nicht erst in der Flüchtlingsfrage von 2015, sondern bereits während der Eurokrise offenbarte sich, dass zwischenstaatliche Kooperation und kollektive Solidarität in der EU mitnichten als gegeben angenommen werden können. Die Entscheidung der Briten, kein Teil dieses Projekts mehr sein zu wollen, erfordert die Suche nach neuen realistischen Zielen, die gegenüber der zunehmend EU-skeptischen Bevölkerung kommuniziert werden müssen. Der anhaltende politische Druck durch rechtspopulistische Parteien, die einen unverhohlenen islamkritischen, wenn nicht islamfeindlichen, Diskurs pflegen, wird vermutlich zur Folge haben, dass ein Beitritt der Türkei als zu große identitäre Belastung wahrgenommen wird, gegen den sich allzu leicht politisch mobilisieren lässt.

Auf der anderen Seite stehen die innenpolitischen Entwicklungen der Türkei selbst: Die massiven Verstöße gegen die Presse-, Meinungs- und Forschungsfreiheit, die fortschreitende von oben forcierte Islamisierung öffentlicher Räume und Institutionen sowie die Autokratisierung politischer Prozesse durch Präsident Recep Tayyip Erdoğan und die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) demonstrieren, dass die türkischen politischen Eliten nicht gewillt sind, ihre Macht auf demokratische Weise zu erstreiten und sich dabei von europäischen Demokratiediskursen leiten zu lassen. Dabei wird sichtbar, dass europäische und türkische Dynamiken einander verstärken: Während beide Seiten gleichzeitig auf der Suche nach eigenen Identitäten sind, gilt die EU für die Türkei zunehmend als das abzuwehrende "Andere", ähnlich wie die Türkei diese Rolle für Europäer bislang eingenommen hat und weiter behalten wird.

Der Syrienkrieg selbst bringt nun weitere Probleme in die ohnehin belasteten türkisch-europäischen Beziehungen: Er offenbart die Konfliktdynamiken der nahöstlichen Nachbarschaft, zu der man mit der Türkei als Mitglied eine gemeinsame Grenze haben würde. Daher hofft man auf europäischer Seite, die Türkei als Pufferstaat zu Syrien, Irak und Iran beibehalten zu können. Doch die türkische Politik in der Region zeigt, dass europäische Ziele für die Türkei keine Bedeutung haben. Dass die AKP in den Kämpfen zwischen kurdischen Organisationen und dem IS dezidiert gegen Erstere agierte und Letzteren zumindest tolerierte, um die kurdische Durchschlagskraft zu schwächen, hat ihr Image in Europa dauerhaft beschädigt. Mit der Instrumentalisierung der Flüchtlingsfrage konnte die Türkei schließlich ihre eigene geostrategische Bedeutung steigern und die EU zu Zugeständnissen in den Verhandlungen um den sogenannten Flüchtlingspakt bewegen. Aber für die zukünftigen Debatten um die "Europatauglichkeit" der Türkei wird sich diese Strategie sicherlich als Nachteil herausstellen.

Die AKP verzichtete in den vergangenen Jahren darauf, eigene proeuropäische und prowestliche Narrative zu produzieren, mit denen sie sowohl die türkische als auch die europäische Bevölkerung hätte ansprechen können. Jenseits des Gebots des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, die Zukunft des Landes im "Westen" zu verankern, konnten türkische Eliten kaum wirkmächtige symbolische Ressourcen wie die anderen Ost- und Südosteuropäer für einen Beitritt mobilisieren, demzufolge die EU als Projekt zur Überwindung einer katastrophalen europäischen Geschichte gedacht ist. Stattdessen produzierten türkische Akteure zumeist Narrative der eigenen Rolle und Zukunft als "Brücke", als eigenständige Vermittlerin zwischen Europa und dem Nahen Osten. Die produktive Macht dieser Mythen kollabiert jedoch, sobald kein Interesse mehr an dieser Vermittlerrolle besteht.

Rivalität im Nahen Osten



Die Türkei hatte bereits bei den arabischen Umbrüchen von 2011 mit ansehen müssen, dass sie ihre regionalpolitischen Ambitionen nicht realisieren konnte. Das ist für sich genommen nicht ungewöhnlich und auch nicht allein auf "falsche" türkische Strategien zurückzuführen, sondern war seit jeher das Schicksal aller Staaten, die nach der Vorherrschaft in dieser Region strebten.[8] Dennoch gelang es ihr, mehrere Herausforderungen zu überstehen und die eigene diplomatische Bedeutung gegenüber anderen Akteuren zu maximieren. Selbst wenn also die eigenen Ansprüche an den Realitäten abprallten und die Beziehungen zu anderen Staaten in der Region teilweise krisenhaft sind (etwa zu Ägypten), bleibt die Türkei doch ein zentraler Akteur, ohne den die Zukunft Syriens und Iraks nicht zu gestalten ist.

Im Vergleich zu Saudi-Arabien und den anderen Golfmonarchien, die bei allen Differenzen eindeutig im proamerikanischen Lager positioniert sind, und Ägypten und Jordanien, die finanziell wesentlich von externen Zuwendungen abhängig sind, besitzt die Türkei ein weitaus höheres Maß an außenpolitischer Entscheidungs- und Verhandlungsmacht. Die Flüchtlingsfrage konnte sie gegenüber der EU in politisches Kapital umwandeln, und der militärische und diplomatische Rückhalt durch die NATO und die USA bleibt ihr bei aller Entfremdung sicher, sodass sie, trotz des besonderen Verhältnisses zu den sunnitischen Extremisten, für die Westmächte zu einer Säule im Kampf gegen den IS avancierte. Iran, das die von Saudi-Arabien forcierten Ölpreissenkungen nach 2014 besser als vermutet überstand, bleibt auf diplomatischer Ebene der bedeutendste Rivale der Türkei. Die gegenüber Russland an den Tag gelegte diplomatische Flexibilität und die von der Türkei und Iran geteilte Furcht vor einem erstarkten kurdischen Nationalismus bewirken, dass diese Rivalität vorerst nicht eskaliert. Ein Komplex an Risiken bleibt jedoch bestehen.

Innenpolitische Herausforderungen



Größte Herausforderung ist die ökonomisch schlechte Situation der Türkei: Die türkische Wirtschaft ist aufgrund des hohen Leistungsbilanzdefizits, der geringen Sparquote und der enormen Verschuldung von Firmen und Privathaushalten in den vergangenen Jahren bereits anfälliger für Kapitalabzug und spekulative Angriffe auf die Türkische Lira geworden. Die Folgen des Ausbleibens europäischer Touristen und die Sorge europäischer und amerikanischer Investoren werden zwar durch arabische und asiatische Unternehmen etwas abgefedert, und die Türkei ist auch in Zukunft aus der Energieversorgung Europas nicht wegzudenken. Aber die Außenpolitik der vergangenen 15 Jahre fand, bis auf Ausnahmen, unter Bedingungen eines ökonomischen Aufstiegs statt, und es ist überhaupt nicht absehbar, wie sich eine ökonomische Abschwächung außen- und sicherheitspolitisch auswirken würde.

Eine weitere große Herausforderung ist die Zunahme von Terror und Unsicherheit innerhalb der türkischen Grenzen selbst. Die AKP und Erdoğan propagierten jahrelang, dass nur eine Konzentration der politischen Macht in ihren Händen über die innen- und außenpolitischen Unwägbarkeiten hinweghelfen könne. Dieses Machtstreben spaltete die kulturell bereits stark polarisierte Türkei weiter und verankerte den hegemonialen Block der AKP-Anhängerschaft tief im Staat. Nichtsdestotrotz konnte Erdoğan sein Versprechen von Sicherheit nicht einlösen: Das Ausbleiben von echten Friedenschancen in der türkischen Kurdenfrage und die wiederholte Militarisierung des Konfliktes bewirkten eine Radikalisierung innerhalb der kurdischen bewaffneten Organisationen, worauf die türkische Regierung wiederum nur mit Repression reagierte, um die nationalistischen Gefühle der eigenen Anhängerschaft zu bedienen. Aber ohne einen echten Friedensprozess wird der Terror als kurdische Strategie nicht nachlassen. Wenn die türkische Regierung die erzielten kurdischen Erfolge in Nordsyrien bedroht, wird die Gewalt vermutlich sogar noch zunehmen.

In jüngster Zeit verübten auf türkischem Territorium auch Dschihadisten mehrere verheerende Anschläge, die zunächst die verfeindeten Kurdenorganisationen zum Ziel hatten. Doch seitdem sich die Türkei militärisch gegen den IS positioniert, richtet sich der Terror auch gegen die türkische Bevölkerung. Dabei ist nicht nur der IS eine Gefahr für die türkische Sicherheit, sondern eben auch andere syrische bewaffnete Gruppierungen: Diese sehen sich durch die laufenden türkisch-iranisch-russischen Friedensbemühungen verraten, nachdem sich Erdoğan jahrelang als Garant sunnitischer Interessen und Identitäten in Irak und Syrien profiliert hatte. Das Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara am 19. Dezember 2016, bei dem der Schütze vor laufender Kamera rief "vergesst Aleppo nicht", gilt als erster Rückschlag des gemeinsamen russisch-türkischen Ansatzes in Syrien.

Ausblick



Es ist längst nicht ausgemacht, ob die Friedensbemühungen in Syrien und die seit Januar 2017 stattfindenden Friedensgespräche in Astana glaubhafte Erfolge mit sich bringen. Entscheidend wird für die Türkei sein, wie sich Saudi-Arabien und Katar verhalten werden und wieviel Einfluss sie in Konkurrenz zur Türkei auf lokale Rebellengruppen ausüben können. Schließlich ist noch nicht absehbar, inwiefern sunnitische Interessen nach Ende des Syrienkriegs politisch repräsentiert sind. Denn die politischen und sozialen Bedingungen, die den Krieg in Syrien und das Erstarken des IS hervorbrachten, sind nach wie vor dieselben. Eine dominante russisch-iranische Achse, die sich zwischen Libanon und Irak gegen jeden vorgebrachten militärischen und diplomatischen Widerstand durchsetzen konnte, unterstützt diese Bedingungen.

Für viele Beobachter von außen wirkt der türkische außen- und sicherheitspolitische Kurs schlimmstenfalls übertrieben ideologisch, bestenfalls leicht verirrt. Rückt man jedoch das regionale Machtfeld in den Mittelpunkt der Betrachtung, wird sichtbar, was hinter den zahlreichen diplomatischen Verwerfungen mit europäischen Staaten und den USA steht: die Angst, die territorialen Veränderungen der eigenen Nachbarschaft nicht gestalten zu können. Ganz oben auf der Agenda bleibt die Kurdenfrage, da diese unmittelbar mit innenpolitischen Machtdynamiken verbunden ist. Die Prämissen türkischer Außenpolitik bleiben somit auf absehbare Zeit: die Bestrebungen kurdischer Organisationen im In- und Umland zu bekämpfen, die eigene Unverzichtbarkeit gegenüber globalen und lokalen Akteuren zu demonstrieren und die relationalen Vorteile gegenüber den anderen regionalen Akteuren auszuspielen.

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Fußnoten

1.
Siehe Roy Karadag/Klaus Schlichte, Die Verunsicherung der Welt: Aktuelle Gewaltkonflikte und globale Ordnung, in: Politische Vierteljahresschrift 4/2016, S. 534–559.
2.
Vgl. Roy Karadag, Das Ende der türkischen Demokratie, in: Südosteuropa-Mitteilungen 4/2016, S. 16–29; ders., Islam und Politik in der Neuen Türkei: Der Aufstieg der AKP aus historisch-institutionalistischer Perspektive, in: Zeitschrift für Politik 3/2012, S. 332–352.
3.
Vgl. Sophia Hoffmann, Iraqi Migrants in Syria. The Crisis Before the Storm, New York 2016; Cilja Harders/André Bank, Irak-Effekte: Regionale Neuordnung, translokale Mobilität und Flüchtlingskrise im Nahen Osten, in: Leviathan 3/2008, S. 411–429.
4.
Siehe André Bank/Roy Karadag, "The Ankara Moment": The Politics of Turkey’s Regional Power in the Middle East, 2007–2011, in: Third World Quarterly 2/2013, S. 287–304.
5.
Siehe Raymond Hinnebusch, State De-construction in Iraq and Syria, in: Politische Vierteljahresschrift 4/2016, S. 560–585.
6.
Siehe hierzu den Beitrag von Gülistan Gürbey in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Siehe hierzu den Beitrag von Funda Tekin in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. Ian Lustick, The Absence of Middle Eastern Great Powers: Political "Backwardness" in Historical Perspective, in: International Organization 4/1997, S. 653–683; Barry Buzan/Ole Wæver, Regions and Powers: The Structure of International Security, Cambridge 2003.
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Autor: Roy Karadag für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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