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Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.

24.3.2017 | Von:
Lucas Graves

Kleine Geschichte des politischen Faktenchecks in den Vereinigten Staaten

Aufstieg des AdWatch

Der US-Präsidentschaftswahlkampf 1988 zwischen Vize-Präsident George H.W. Bush und dem Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts, Michael Dukakis, gilt in der Geschichte des Faktenchecks als entscheidend.[15] Noch vor seinem Ende galt er bereits als Tiefpunkt aller politischen Kampagnen in den Vereinigten Staaten. "Das Fakten- und Genauigkeitsniveau liegt weit unter dem Standard für eine Präsidentschaftskampagne", erklärte die Kommunikationswissenschaftlerin Kathleen Hall Jamieson kurz vor der Wahl, "das ist der erste Präsidentschaftswahlkampf, an den ich mich erinnern kann, in dem kapitale sachliche Fehler so vorgebracht werden, als entsprächen sie der Wahrheit".[16]

Nach der Wahl beklagten Medienkritikerinnen und Journalisten, die Berichterstattung sei irrelevant geworden, da sie sich fortwährend auf Reden und Positionspapiere konzentriert habe und dabei den bösartigen, wahrheitsverzerrenden "Sendekrieg" mit Wahlkampfspots überwiegend ignoriert habe, der einen Großteil der Wahlkampfgelder verschlungen und möglicherweise das Ergebnis entschieden habe.[17] Der Kolumnist der "Washington Post" und sogenannte Dekan des Pressekorps in Washington, David Broder, verfasste eine Reihe von Beiträgen über das Debakel, die Faktenchecker heute als ihre Gründungsdokumente bezeichnen. Darin mahnte Broder Reporter an, Wahlwerbung einem Wahrheitstest zu unterziehen. Er nahm die politischen Beraterinnen und Berater aufs Korn, deren Kontakte zur Presse seiner Meinung nach dazu führten, dass die Medienberichterstattung im Wahlkampf milde blieb. Außerdem bot er jenen Stimmen im Journalismus und in der akademischen Welt eine Plattform, die für eine aggressivere Wahlkampfberichterstattung plädierten.

"Wir sollten jeden Spot so behandeln, als wäre er eine Rede des Kandidaten selbst", schrieb Broder, als 1990 der Kongresswahlkampf in Fahrt kam, "tatsächlich werden ihn weit mehr Menschen sehen beziehungsweise hören als irgendeine Rede, die er live vor einem Publikum hält". Er bot Pressevertreterinnen und Pressevertretern ein Rezept, wie sie Fehler aus der Vergangenheit vermeiden könnten: "Wir müssen Belege bei dem Kandidaten fordern, der den Spot geschaltet hat, eine Gegendarstellung von seinem Kontrahenten einholen und dann den Fall selbst so weit untersuchen, dass man dem Leser sagen kann, was Fakt ist und was destruktive Fiktion. Auch sollten wir nicht zögern, es klar zu benennen, wenn wir einen Kandidaten beim Lügen, Übertreiben oder beim Entstellen von Fakten ertappen. Die Berater werden immer raffinierter darin, visuell oder verbal Aussagen anzudeuten, die sie in klaren Worten vermeiden."[18]

Vorlagen hatte der Präsidentschaftswahlkampf 1988 geliefert. Gegen Ende hatte Dukakis die Falschaussagen aufgegriffen, die Bush in zwei aggressiven Fernsehspots über ihn verbreitet hatte.[19] Einer davon war der mittlerweile legendäre "Panzerspot", in dem Dukakis beschuldigt wurde, sich gegen "praktisch jedes Verteidigungssystem, das wir [die Reagan-Administration] entwickelt haben", zu stellen. Eine lange Liste wichtiger Verteidigungsprogramme lief über den Bildschirm, während im Hintergrund wenig schmeichelhafte Aufnahmen Dukakis zeigten, der in einem Panzer mitfuhr. Die Vorwürfe waren fast völlig haltlos, und zwei Wochen vor der Wahl nahm der Fernsehsender ABC den Spot in einer Nachrichtensendung auseinander. Der Beitrag hob zunächst Dukakis’ Beanstandungen hervor, ging dann aber dazu über, eine Behauptung aus dem Spot nach der anderen entschieden zu widerlegen. Davon inspiriert, zerlegte auch ein Artikel der "Washington Post" zwei Tage später den "Panzerspot" sowie ein weiteres, rassistisch aufgeladenes Wahlwerbevideo, in dem Bush Dukakis Verbrechen anlastete, die Strafgefangene während eines Wochenend-Hafturlaubs begangen hatten, den Dukakis als Gouverneur in seinem Bundesstaat auch Schwerverbrechern ermöglicht hatte.[20]

Die Nachrichtenkanäle konzipierten ihre Faktenchecks als Analysen der verfälschenden Darstellungen beider Seiten, wobei Bushs Taktik deutlich übler war. "Das Problem [ist], dass man immer beide Seiten einer Geschichte beleuchten will", sagte der Produzent des ABC-Beitrags Jahre später, "in diesem Fall gab es aber nur eine Seite".[21]

Während des Kongresswahlkampfs 1990 erschienen immer mehr sogenannte Adwatch-Beiträge zur Überprüfung von Wahlwerbung auf ihren Wahrheitsgehalt, sowohl im Fernsehen als auch in den Zeitungen, wo sie inoffiziell als truth boxes bekannt wurden.[22] Journalisten beschrieben das Format als eine Art professionelle Innovation, die durch immer niederträchtigere Wahlkampftaktiken erforderlich geworden sei. "Das ist das Jahr, in dem es zu einer ernsthaften Auflehnung gegen die zunehmende Schäbigkeit in unserer Politik kommen könnte", schrieb Broder, nachdem er Beispiele von Faktenchecks im ganzen Land untersucht hatte.[23] In einer weiteren positiven Einschätzung des Trends berief sich der Medienjournalist Tom Rosenstiel auf den Urtext der Kampagnenberichterstattung, um das neue Genre zu erklären: "In diesem Jahr haben die amerikanischen Nachrichtenmedien etwas in Angriff genommen, das viele Wahlkampfexperten und Journalisten als den ersten echten Fortschritt in der Presseberichterstattung über Politik bezeichnen, seit Theodore White in seinem richtungsweisenden Buch ‚The Making of the President 1960‘ erstmals einen Blick hinter die Kulissen der Mechanismen der Kampagnenführung geworfen hat."[24]

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 1992 brachten mehr als die Hälfte der größten US-Zeitungen mindestens einen Adwatch-Bericht.[25] TV-Nachrichtenredaktionen griffen das Format dankbar auf, allen voran der Nachrichtensender CNN, der seine Sonderredaktion auf Faktenchecks ansetzte. In den letzten Wahlkampfmonaten folgten andere Sender diesem Beispiel. CBS verwendete die Bezeichnung "Campaign ’92 Reality Check" und setzte bei der Einführung der Beiträge ein Stempellogo ein. Der Trend griff auch auf Lokalredaktionen über: 2007 ergab eine Befragung von Nachrichtendirektoren lokaler Fernsehkanäle, dass der Anteil derer unter ihnen, die Adwatch-Beiträge sendeten, von unter zehn Prozent Mitte der 1990er Jahre auf fast 50 Prozent gestiegen war.[26]

Fußnoten

15.
Vgl. etwa Lori Robertson, Campaign Trail Veterans for Truth, December/January 2005, http://ajrarchive.org/Article.asp?id=3784.
16.
Zit. nach Lloyd Grove, Campaign Ads Play Fast and Loose With the Truth, in: Washington Post, 21.10.1988, S. A1.
17.
So etwa Tom Rosenstiel, Policing Political TV Ads, in: Los Angeles Times, 4.10.1990, S. A1.
18.
David Broder, Five Ways to Put Some Sanity Back in Elections, in: Washington Post, 14.1.1990, S. B1.
19.
Vgl. ders., Should the Media Police the Accuracy of Political Ads?, in: Washington Post, 14.1.1989, S. A22.
20.
Vgl. Grove (Anm. 16).
21.
So Richard Threlkeld bei einer Paneldiskussion zur Medienanalyse von politischer Werbung an der Annenberg School for Communication, Washington D.C. 26.2.1992.
22.
Die Wurzeln des Adwatch-Trends diskutiert Debra Gersh Hernandez, Improving Election Reporting, in: Editor & Publisher 129/1996, S. 16.
23.
David Broder, Sick of Issueless Campaigns, in: Washington Post, 28.3.1990, S. A23.
24.
Rosenstiel (Anm. 17).
25.
Vgl. Justin Bank, Newspaper Adwatch Stories: Coming Back Strong, Philadelphia 2007. Siehe auch Courtney Bennett, Assessing the Impact of Ad Watches on the Strategic Decision-Making Process: A Comparative Analysis of Ad Watches in the 1992 and 1996 Presidential Elections, in: American Behavioral Scientist 40/1997, S. 1161–1182.
26.
Vgl. Bob Papper, TV Adwatch Stories: On the Rise, Philadelphia 2007.
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Autor: Lucas Graves für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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