Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.

24.3.2017 | Von:
Petra Kolmer

Wahrheit. Ein philosophischer Streifzug

Mittelalter

Aufgrund eines Gottesverständnisses, das von der Idee der Vernunft bestimmt war, hat Aristoteles’ Konzeption der Wahrheit im Europa des 13. Jahrhunderts große Wirkung zeitigen können. Es war Thomas von Aquin (1225–1274), der die aristotelische Wahrheitskonzeption wirkmächtig zur Korrespondenztheorie ausgestaltete. Er nahm das Ganze des Bezugsverhältnisses von Wissen und Wirklichkeit gleichsam "von oben" in den Blick, nämlich nach der theologischen Maßgabe, dass alle Dinge, die "vom praktischen menschlichen Verstand unabhängig" und also Naturdinge sind, "ihr Sein dem Entwurf des göttlichen Verstandes verdanken"[17] und in diesem Entwurfscharakter auch dem menschlichen Verstand zugänglich sind.

In dieser Konzeption kamen auch Bestimmungen der ersten definitionalen Theorie der Wahrheit des Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (1033–1109) zum Tragen, der die Maßgeblichkeit der eingelösten Wahrheit – "etwas ist deshalb wahr, weil es ist oder tut, was es sein bzw. tun soll"[18] – in den Vordergrund gestellt und damit Wahrheit als Richtigkeit bestimmt hatte. Auch Thomas von Aquin verglich die Bedeutungen von Wahrheit und Maß und erklärte, dass die Seinsweise der Wahrheit erstens dem göttlichen Verstand zukomme, der "wie ein einziges Maß" für alles Seiende sei; zweitens den Naturdingen, insofern sie als durch den göttlichen Verstand Gemessene ein "inneres Maß" (zum Beispiel Ausdehnung) haben; sowie drittens dem menschlichen Verstand, soweit er bei der theoretischen Erkenntnis getan hat, was zu tun war, nämlich Maß zu nehmen an Dingen, die als etwas "Wahres", als etwas Gemessenes, eine Erkenntnis ihrer selbst in der erkennenden Seele des Menschen bewirken können.[19]

Dabei sollte der Mensch die Wahrheit theoretisch über zwei Stufen erreichen: über ein einfaches (prärationales) Erfassen, in dem die erkennende "Seele" in den als Grundlage notwendigen "Zustand einer (…) Ähnlichkeit zum erfaßten Ding" gerät, sowie anschließend über das Urteilen, also den "Akt des Zusammensetzens oder Trennens erfasster Inhalte", mit dem der Verstand eine Eigenleistung vollzieht, die ihn vom Ding unterscheidet, um sodann entweder die "Angleichung an das Ding" zu erreichen, "die als ‚Wahrheit‘ bezeichnet wird" – veritas est adaequatio rei et intellectus – "oder aber die ‚Ungleichheit‘, die mit ‚Unwahrheit‘ gemeint ist"; Maßstab war hier aber immer "das Sein des Dings, über das geurteilt wird".[20]

Bereits im 14. Jahrhundert wurde die Korrespondenztheorie der Wahrheit zum Problem. Denn ein verändertes Gottesverständnis, das – paradigmatisch im Nominalismus Wilhelm von Ockhams (1288–1347) – von der Idee der Allmacht Gottes bestimmt war, bedeutete das Ende des Ordnungsgedankens. Die Natur galt nun als "spontane, voraussetzungslose Setzung, die in einem absoluten Willen gründet": Alles wahrhaft Existente war "radikal individuell", das heißt "von Gott als absolut Neues aus dem Nichts erschaffen" und in seiner individuellen Tat-Sächlichkeit (Faktizität) anzuerkennen.[21] Für das Erkennen bedeutete das, dass es nicht länger vom Gegenstand her bestimmt wurde, sondern in sich selbst, wobei Ockham zufolge Gott auch hier eingreifen konnte.[22]

In der Konsequenz wurde "wahr" zu einem Prädikat, das sich nur noch auf einen Satz oder eine Aussage beziehen kann.[23] Ockham illustrierte dies am Beispiel einer singulären assertorischen Aussage, die auf Einzigartiges zugeschnitten ist: Damit eine solche Aussage wahr ist, "wird nicht gefordert, daß deren Subjekt und Prädikat wirklich identisch seien (…), sondern es genügt dazu und wird gefordert, daß das Subjekt und das Prädikat für dasselbe supponieren", sich also auf denselben Gegenstand beziehen.[24] Aussagesätze können nach dieser Auffassung also nur der Identifikation individueller Gegenstände dienen.

Neuzeit und Gegenwart

Noch beziehungsweise gerade heute besteht in der Philosophie weitgehend Übereinstimmung darin, "wahr" nur auf Aussagen anzuwenden, also auf Sätze im deklarativ-theoretischen Kontext des Behauptens oder Charakterisierens. Doch was wäre deren Bezugsobjekt? Denn wenn religiöser Glaube und Theologie nicht mehr bestimmend sind, kann selbst von Faktizität nicht mehr ohne Weiteres die Rede sein, jedenfalls nicht in Bezug auf all das, was nicht vom Menschen gemacht ist. Das philosophische Wahrheitsverständnis war also radikal zu überdenken.

Dieser Prozess setzte in der Neuzeit ein und wurde vor allem durch das Scheitern des groß angelegten Versuchs Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) beschleunigt, unter Bedingungen neuzeitlich konstituierter Subjektivität die vornominalistische Wahrheitstheorie mit ihren theologischen und ontologischen Implikationen zu erneuern. Dieses Scheitern zeigte sich unter anderem darin, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der angelsächsischen Spielart des Hegelianismus die sogenannte Kohärenztheorie der Wahrheit entstand. Jenseits von unklaren ontologischen Voraussetzungen sollte die Wahrheit nun in der Übereinstimmung der Aussagen untereinander liegen und eine Aussage dann wahr sein, wenn sie sich "in die Gesamtheit der vorhandenen und bereits miteinander in Einklang gebrachten Aussagen" eingliedern lässt.[25]

Die Kohärenztheorie wird heute neben der Korrespondenztheorie als die zweite große Wahrheitstheorie betrachtet, ist aber streng genommen die Theorie eines Wahrheitskriteriums, das uns erlaubt, zu beurteilen, wann ein Anspruch auf Wahrheit – die nach wie vor als Übereinstimmung aufgefasst wird – als gerechtfertigt gelten kann.[26] "Kohärenz" meint dabei nicht lediglich im negativen Sinne "Konsistenz", also die Verbindung der Aussagen in einem widerspruchsfreien System, sondern im positiven Sinne eine vergleichsweise bessere systematische "Zusammengefügtheit", "Umfassendheit" sowie "Kontrolliertheit" eines Systems von Aussagen.

Da die Kohärenztheorie die Beziehung zur Wirklichkeit unthematisiert lässt, ist das Wahrheitsverständnis insofern jetzt selbst "postfaktisch", wie im deutschen Sprachraum der Ausdruck post-truth wiedergegeben wird.

"Postfaktisch"?

Die Kohärenztheorie ist für die kybernetisch orientierte Systemtheorie des 20. Jahrhunderts und die systemtheoretisch orientierte Medientheorie von großer Bedeutung. Dass durch diesen Theorietypus eine Einstellung befördert werden kann, auf die das Schlagwort "postfaktisch" passt, und der Weg frei ist für "alternative Fakten", soll abschließend kritisch von Überlegungen des Soziologen Niklas Luhmann (1927–1998) her verdeutlicht werden.

"Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Was wir über die Stratosphäre wissen, gleicht dem, was Plato über Atlantis weiß: Man hat davon gehört." Massenmedien sind demnach "eines der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft", die ihre "gesteigerte Leistungsfähigkeit" jeweils "der Ausdifferenzierung, der operativen Schließung und der autopoietischen Autonomie (…) verdank[en]". Deshalb werde man zwar "alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren versehen – und trotzdem darauf aufbauen, daran anschließen müssen". Denn zwar würde man sich "im klassischen Wahrheitsdiskurs, aber auch im Allgemeinverständnis von Wahrheit, (…) dafür interessieren, ob das, was die Medien berichten, stimmt oder nicht stimmt. Oder ob es halb stimmt und halb nicht stimmt, weil es ‚manipuliert‘ wird. Aber wie soll man das feststellen?"[27] Eingeschlossen in das System, bleibt uns verwehrt, das feststellen zu können.

Doch die Frage lautet: Kann man am Allgemeinverständnis von Wahrheit und am daran anschließenden klassischen Wahrheitsdiskurs so einfach vorbeigehen? Diesem zufolge können wir zwar nie sicher sein, wirklich "wahres" Wissen zu besitzen, sind zugleich aber in dem Maße fähig, zu prüfen, ob überhaupt Wissen auf den Weg gebracht ist, in dem das Sinnbild des Wissens das "Sehen" ist, das ein Dabei(gewesen)sein verlangt.[28] Wenn wir nämlich festsetzen, dass Wissen auch dann noch Wissen ist, wenn ihm das Moment des Dabei(gewesen)seins und der Evidenz und somit in veritativer Hinsicht das Moment der Überprüfbarkeit fehlt, dann suchen wir – wie sich heute zeigt – kompensatorisch Zuflucht beim Gefühl. Aristoteles sah im tastenden Berühren, aus dem das Gefühl resultiert, die zum Überleben zentrale Wahrnehmung,[29] und sicher gibt es keinen direkteren Kontakt zur Um- und Mitwelt als das Berühren. Doch in einer Welt, von der man nicht mehr annehmen kann, dass sie Aristoteles’ Ordnung hat, ist auf das Gefühl, das von den Umständen abhängig ist und sich dadurch vom (wahren) Wissen unterscheidet, kein Verlass.

Auf Verlässlichkeit aber sind wir angewiesen. Daher ist eine post-truth era und sind "alternative Fakten" für uns keine ernsthafte Option. Philosophisch gälte es daher, gerade den klassischen Wahrheitsdiskurs und mit ihm das Bewusstsein lebendig zu halten, dass es letztlich auf Wissen im Sinne der Erkenntnis ankommt und dass die Aussagen, in denen sie sich darstellt, durch die Wirklichkeit und nicht willkürlich durch uns "wahr gemacht" werden.

Fußnoten

17.
Albert Zimmermann, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Thomas v. Aquin, Von der Wahrheit. De veritate (Quaestio I), Hamburg 1986, S. IX–XLIII, hier S. XVIIIff.
18.
Christoph Demmerling, Richtigkeit, in: Ritter/Gründer/Gabriel (Anm. 8), Bd. 8, Sp. 1039–1045, hier Sp. 1040.
19.
Zimmermann (Anm. 17), S. XXIV, S. XIX.
20.
Ebd.
21.
Vgl. Ruedi Imbach, Vorwort, in: ders. (Hrsg.), Wilhelm von Ockham. Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaften, Stuttgart 1984, S. 5–10, hier S. 7f.
22.
Vgl. ebd., S. 132.
23.
Vgl. Dominik Perler, Satz, Seele und Sachverhalt. Der propositionale Wahrheitsbegriff im Spätmittelalter, in: Szaif/Enders (Anm. 11), S. 191–210, hier S. 191.
24.
Ebd., 99f.
25.
Otto Neurath, zit. nach Szaif (Anm. 8), Sp. 117.
26.
Vgl. Krings (Anm. 1), S. 851.
27.
Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 20094, S. 9, S. 13, S. 17.
28.
Vgl. Wissen, in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Hamburg 1998, S. 736f.
29.
Vgl. Aristoteles, Über die Seele, Hamburg 1995, 434b, 24.
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