Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.
1|2 Auf einer Seite lesen

24.3.2017 | Von:
Petra Kolmer

Wahrheit. Ein philosophischer Streifzug

"Wahrheit" (griechisch aletheia, lateinisch veritas) ist seit jeher ein zentrales Thema der europäischen Philosophie. Kaum einem anderen hat sie sich so beständig gewidmet. Denn das mit "Wahrheit" letztlich Gemeinte ist von vitalem menschlichen und keineswegs nur von akademischem Interesse.[1] Das zeigt sich aktuell etwa an der öffentlichen Debatte um die post-truth era [2] oder an der allgemeinen Reaktion auf die Erfindung "alternativer Fakten" im Umkreis von US-Präsident Donald Trump. Ebenso deutet darauf hin, dass wir der Frage, mit der wir unserem Interesse an "Wahrheit" Ausdruck verleihen, selten sogleich die Formulierung "Was ist Wahrheit?" geben, wie sie diesem Beitrag zugrunde liegt. Denn in dieser Formulierung zielt die Frage bereits auf die theoretische Klärung eines bestehenden Sprachgebrauchs und eines sich darin manifestierenden Wahrheitsverständnisses. Meistens fragen wir: "Was ist wahr?" und meinen damit: Was ist "echt"? Was ist "fest"? Was ist "verbindlich"? So fragen wir nach allem, auf das man sich verlassen, auf das man bauen kann.[3] "Wahrheit" ist eine Grundfrage für uns Menschen, die wir unser Leben erhalten müssen.

Wahrheit als Verlässlichkeit

Beginnen wir deshalb unsere Abhandlung mit einer philosophischen Reflexion dieses vertrauten Sprachgebrauchs von "wahr" im Sinne von "verlässlich", wie er beispielsweise vorliegt, wenn wir von "wahrer Freundschaft" oder "wahrer Liebe" sprechen. Diese Redewendungen verweisen darauf, dass wir Verlässlichkeit offensichtlich in Bezugsverhältnissen suchen, die uns über alle physischen, kulturellen und persönlichen Unterschiede hinweg gleichsam hineintragen in die raum- und zeitlose Ordnungs- und Geltungsdimension der Vernunft – nüchterner formuliert: in Bezugsverhältnissen, die es ohne Vernunftgebrauch nicht gibt und die uns von sich aus mit der Forderung konfrontieren, der Gebrauch der Vernunft möge selbst durch Vernunft bestimmt sein.

Nennen wir nicht etwa "wahre Freundschaft" in Erfüllung dieser Forderung ein "Verbunden-Sein und Eines-Sein" zwischen zwei Menschen, um es mit Aristoteles auszudrücken,[4] bei der beide Seiten im Sagen und Tun stets die Mitte halten, sodass es nie zum Äußersten kommt und jemand einseitig alles nur auf sich bezieht? Ein im Großen und Ganzen ausgewogenes Übereinstimmungsverhältnis, in dem die Verbundenen, anstatt zu verschmelzen, gerade in ihrer Selbstständigkeit anerkannt sind? Für die philosophische Tradition jedenfalls war ein solch ausgewogenes und darum stabiles Verbunden-Sein die Antwort auf die Frage nach der mit "Wahrheit" gemeinten Verlässlichkeit. Dieser Tradition weiter folgend, wäre der "wahre Freund" ein Ideal, an dem wir den tatsächlichen Freund stets messen, sodass er stillschweigend auch immer mit der Frage konfrontiert ist, ob er nicht im anderen Extrem ein "falscher Freund" sei, der Freundschaft vorgaukelt, während "in Wahrheit" beispielsweise Eigennutz vorliegt.

Die uns ebenfalls vertraute Redewendung "in Wahrheit" führt unsere Reflexion einen Schritt weiter. Denn durch sie gerät in den Blick, dass wir uns auch und gerade dann, wenn wir gegenüber einer anderen Person behaupten, ein Dritter sei ein "wahrer" oder "falscher" Freund, in Bezugsverhältnissen bewegen, die uns in die Ordnungs- und Geltungsdimension der Vernunft hineintragen: Zu sagen, ein Freund sei ein "wahrer" oder "falscher", kann in Bezug darauf, was tatsächlich vorliegt – im Unterschied zu dem, was man meint oder glaubt –, selbst wahr oder falsch sein.

Weil das "menschliche Lebensinteresse am Verläßlichen"[5] einer klärenden Feststellung dessen, was der Fall ist, den Vorrang einräumen muss, thematisiert die Philosophie die dadurch motivierte Wahrheitsfrage als Frage nach der Wahrheit der menschlichen Erkenntnis (lateinisch cognitio). Darunter kann dasjenige Wissen verstanden werden, das aus einer intellektuellen Tätigkeit resultiert, die in Rückbezug auf unmittelbare Kenntnisse (notitia) und nach Art eines deklaratorischen Rechtsaktes auf das Erfassen einer Sachlage gerichtet ist, und das in Aussagesätzen seinen Ausdruck findet, die den methodisch begründeten Zusammenhang der Wissenschaft bilden.

Doch das, worauf sich die Erkenntnis bezieht, ist keineswegs immer schon etwas vom Menschen Gemachtes, das sich wie ein Rechtsverhältnis durchschauen ließe, und kann zugleich nicht ohne Weiteres auf ein höheres Vernunftwesen zurückgeführt werden, etwa auf einen Gott. Historisch stand die Philosophie daher stets vor der Aufgabe, zu erklären, wie und später auch ob überhaupt die Erkenntnisrelation nach Art der declaratio (Kundmachung, Offenbarung) verstanden werden kann. Wie auch immer die Antwort unter jeweils gegebenen Bedingungen ausfiel: Philosophisch war und ist "Wahrheit" vor allem die Ordnungs- und Geltungsdimension der Theorie, deren Kreis die Philosophie aufgrund der für sie charakteristischen Reflexionshaltung selbst so schließt, dass offensichtlich wird: Der Wahrheit lässt sich theoretisch nicht entkommen. Das hat Friedrich Nietzsche dokumentiert, als er erklärte, Wahrheit sei "die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte",[6] und dabei für sich selbst aber den Wahrheitsanspruch keineswegs suspendierte.[7]

Damit geht allerdings auch einher, dass es eine exakte Definition von Wahrheit und also eine abschließende Antwort auf die Frage, was Wahrheit ist, für uns nicht gibt. Allerdings hat die philosophische Tradition unserer Mühe, der Wahrheit diskursiv die für eine Definition nötigen Grenzen zu setzen, intuitiv dennoch etwas abgewonnen: dass es bei Wahrheit gerade um Offenheit geht – unter Geltungsaspekten: Offenbarkeit oder Unverborgenheit[8] –, die wir freilich erst immer wieder neu erringen müssen, ohne dass wir sicher sein können, sie zu erreichen.

Der folgende Streifzug durch die Geschichte der Philosophie ist auf die theoretische Wahrheit beschränkt. Er geht von der Vorstellung einer Kommunikationssituation aus, in der sich jemand mit jemand anderem ernsthaft über etwas in der objektiven Welt verständigt und der Zuhörer dem Sprechenden zweierlei unterstellt: erstens, dass dieser ihm nichts verhehlt, sondern "über das, was er weiß, so Auskunft gibt, daß [ihm] über die berichtete Sache (…) nichts verborgen bleibt";[9] zweitens, dass es eben Wissen im Sinne der Erkenntnis ist und nicht lediglich eine auf das Subjekt hin relativierte Meinung oder ein Glaube, an dem er teilhaben darf. In einem "‚verläßlichen Reden‘ hinsichtlich der Welt"[10] wäre Wahrheit in diesem Sinne eingelöst. Bei unserem Streifzug konzentrieren wir uns indes auf die Wahrheit des Wissens im Sinne des Erkennens, also des Erfassens einer als bestehend vorausgesetzten Sachlage.

Antike

Nie hat die Philosophie die Wahrheit systematisch nur auf der Seite des Wissens verortet. Immer sah sie die Wahrheit auch – und anfänglich sogar primär – auf der Seite der Wirklichkeit, nach der sich die Erkenntnis richten muss. Wahrheit war zuerst die Wirklichkeit selbst, und zwar "unter dem Aspekt ihrer Erkennbarkeit",[11] sodass die Ausdrücke "wahr", "seiend" und "erkennbar" austauschbar waren. Dabei hieß Erkennbarkeit bis ins 14. Jahrhundert hinein vor allem das Verbunden-Sein des kategorienbegrifflich unterscheidbaren Seienden, sein Hingeordnet-Sein auf ein höchstes Seiendes.

Allerdings hatte bereits Aristoteles (384–322 v. Chr.) nach entscheidenden Vorbereitungen durch Platon (ca. 428–348 v. Chr.) die Wahrheit auf eine reflektiertere Weise bestimmt. Aristoteles setzte beim Sprachgebrauch an. Seine Untersuchung der Verwendung der Ausdrücke "ist" und "ist nicht" in Aussagesätzen ergab, dass "ist" ein "Verbunden-Sein und Eines-Sein" bedeute und dementsprechend "ist nicht" ein "Nicht-Verbunden- und Mehrheit-Sein",[12] und zwar nicht bei den Sätzen, sondern bei den Tatsachen, auf die sich die Sätze beziehen. Von diesen sollten wir aufgrund "seelischer Ersterfahrungen" "Abbilder" in der Seele haben.[13]

So sollten Aussagesätze dann wahr sein, wenn sie wiedergeben, was man denkt, und man nicht "anders denkt, als die Dinge sich verhalten". Mithin sagt nach Aristoteles derjenige die Wahrheit, der vom Getrennten urteilt, es sei getrennt, von dem Zusammengesetzten, es sei zusammengesetzt",[14] während derjenige gleichsam falsch liegt, der das Gegenteil sagt: "Zu sagen (…), das Seiende sei nicht und das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr."[15] Es ist die Wirklichkeit, die diese Aussagen wahr macht.

In diesem Sinne war Aristoteles’ Konzeption eine Konzeption der Wahrheit und nicht der Falschheit, die das Fundament für die spätere Korrespondenz- oder Adäquationstheorie der Wahrheit legte. Für deren Entwicklung erwies sich zweierlei als wichtig: zum einen, dass man nach Aristoteles auch noch bei den Dingen selbst in Rücksicht darauf, was bei ihnen "durch Zusammensetzung und Trennung" vorliegt, vom Wahren und Falschen – vom "seienden Wahren oder Falschen" – sprechen konnte;[16] zum anderen, dass für Aristoteles die logische Ebene des Verstandes (griechisch dianoia) und der Aussage zwar die zentrale, aber nicht die einzige Ebene war, auf der Wahrheit statthaben sollte.

Die Kopplung von Aussagen mit der Wirklichkeit via "seelische Ersterfahrungen" war selbst systematisch wie eine Korrespondenzrelation gedacht, allerdings auf die herabgestufte Weise eines unmittelbaren Angrenzens-an oder Berührens. Das Berühren sollte für jene zwei Wissensebenen kennzeichnend sein, die in Aristoteles’ Systematik in der Vertikale die Extreme zu der Ebene des Verstandes bildeten: Zum einen die prälogische Ebene der Sinneswahrnehmung (aisthesis), in deren System das Tasten, mithin das Fühlen, den Mittelpunkt bildete. Zum anderen die hyperlogische Ebene der Vernunft (nous), deren Berühren für Aristoteles ein einfaches "Sagen" war, das der eidetischen Wirklichkeitsstruktur, dem Intelligiblen, galt. In beiden Fällen ist es laut Aristoteles so, dass das Wahre ein "Berühren" und damit "Wissen", das Falsche aber ein "Nicht-Berühren" und damit ein "Nicht-Wissen" ist.

Mittelalter

Aufgrund eines Gottesverständnisses, das von der Idee der Vernunft bestimmt war, hat Aristoteles’ Konzeption der Wahrheit im Europa des 13. Jahrhunderts große Wirkung zeitigen können. Es war Thomas von Aquin (1225–1274), der die aristotelische Wahrheitskonzeption wirkmächtig zur Korrespondenztheorie ausgestaltete. Er nahm das Ganze des Bezugsverhältnisses von Wissen und Wirklichkeit gleichsam "von oben" in den Blick, nämlich nach der theologischen Maßgabe, dass alle Dinge, die "vom praktischen menschlichen Verstand unabhängig" und also Naturdinge sind, "ihr Sein dem Entwurf des göttlichen Verstandes verdanken"[17] und in diesem Entwurfscharakter auch dem menschlichen Verstand zugänglich sind.

In dieser Konzeption kamen auch Bestimmungen der ersten definitionalen Theorie der Wahrheit des Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (1033–1109) zum Tragen, der die Maßgeblichkeit der eingelösten Wahrheit – "etwas ist deshalb wahr, weil es ist oder tut, was es sein bzw. tun soll"[18] – in den Vordergrund gestellt und damit Wahrheit als Richtigkeit bestimmt hatte. Auch Thomas von Aquin verglich die Bedeutungen von Wahrheit und Maß und erklärte, dass die Seinsweise der Wahrheit erstens dem göttlichen Verstand zukomme, der "wie ein einziges Maß" für alles Seiende sei; zweitens den Naturdingen, insofern sie als durch den göttlichen Verstand Gemessene ein "inneres Maß" (zum Beispiel Ausdehnung) haben; sowie drittens dem menschlichen Verstand, soweit er bei der theoretischen Erkenntnis getan hat, was zu tun war, nämlich Maß zu nehmen an Dingen, die als etwas "Wahres", als etwas Gemessenes, eine Erkenntnis ihrer selbst in der erkennenden Seele des Menschen bewirken können.[19]

Dabei sollte der Mensch die Wahrheit theoretisch über zwei Stufen erreichen: über ein einfaches (prärationales) Erfassen, in dem die erkennende "Seele" in den als Grundlage notwendigen "Zustand einer (…) Ähnlichkeit zum erfaßten Ding" gerät, sowie anschließend über das Urteilen, also den "Akt des Zusammensetzens oder Trennens erfasster Inhalte", mit dem der Verstand eine Eigenleistung vollzieht, die ihn vom Ding unterscheidet, um sodann entweder die "Angleichung an das Ding" zu erreichen, "die als ‚Wahrheit‘ bezeichnet wird" – veritas est adaequatio rei et intellectus – "oder aber die ‚Ungleichheit‘, die mit ‚Unwahrheit‘ gemeint ist"; Maßstab war hier aber immer "das Sein des Dings, über das geurteilt wird".[20]

Bereits im 14. Jahrhundert wurde die Korrespondenztheorie der Wahrheit zum Problem. Denn ein verändertes Gottesverständnis, das – paradigmatisch im Nominalismus Wilhelm von Ockhams (1288–1347) – von der Idee der Allmacht Gottes bestimmt war, bedeutete das Ende des Ordnungsgedankens. Die Natur galt nun als "spontane, voraussetzungslose Setzung, die in einem absoluten Willen gründet": Alles wahrhaft Existente war "radikal individuell", das heißt "von Gott als absolut Neues aus dem Nichts erschaffen" und in seiner individuellen Tat-Sächlichkeit (Faktizität) anzuerkennen.[21] Für das Erkennen bedeutete das, dass es nicht länger vom Gegenstand her bestimmt wurde, sondern in sich selbst, wobei Ockham zufolge Gott auch hier eingreifen konnte.[22]

In der Konsequenz wurde "wahr" zu einem Prädikat, das sich nur noch auf einen Satz oder eine Aussage beziehen kann.[23] Ockham illustrierte dies am Beispiel einer singulären assertorischen Aussage, die auf Einzigartiges zugeschnitten ist: Damit eine solche Aussage wahr ist, "wird nicht gefordert, daß deren Subjekt und Prädikat wirklich identisch seien (…), sondern es genügt dazu und wird gefordert, daß das Subjekt und das Prädikat für dasselbe supponieren", sich also auf denselben Gegenstand beziehen.[24] Aussagesätze können nach dieser Auffassung also nur der Identifikation individueller Gegenstände dienen.

Neuzeit und Gegenwart

Noch beziehungsweise gerade heute besteht in der Philosophie weitgehend Übereinstimmung darin, "wahr" nur auf Aussagen anzuwenden, also auf Sätze im deklarativ-theoretischen Kontext des Behauptens oder Charakterisierens. Doch was wäre deren Bezugsobjekt? Denn wenn religiöser Glaube und Theologie nicht mehr bestimmend sind, kann selbst von Faktizität nicht mehr ohne Weiteres die Rede sein, jedenfalls nicht in Bezug auf all das, was nicht vom Menschen gemacht ist. Das philosophische Wahrheitsverständnis war also radikal zu überdenken.

Dieser Prozess setzte in der Neuzeit ein und wurde vor allem durch das Scheitern des groß angelegten Versuchs Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) beschleunigt, unter Bedingungen neuzeitlich konstituierter Subjektivität die vornominalistische Wahrheitstheorie mit ihren theologischen und ontologischen Implikationen zu erneuern. Dieses Scheitern zeigte sich unter anderem darin, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der angelsächsischen Spielart des Hegelianismus die sogenannte Kohärenztheorie der Wahrheit entstand. Jenseits von unklaren ontologischen Voraussetzungen sollte die Wahrheit nun in der Übereinstimmung der Aussagen untereinander liegen und eine Aussage dann wahr sein, wenn sie sich "in die Gesamtheit der vorhandenen und bereits miteinander in Einklang gebrachten Aussagen" eingliedern lässt.[25]

Die Kohärenztheorie wird heute neben der Korrespondenztheorie als die zweite große Wahrheitstheorie betrachtet, ist aber streng genommen die Theorie eines Wahrheitskriteriums, das uns erlaubt, zu beurteilen, wann ein Anspruch auf Wahrheit – die nach wie vor als Übereinstimmung aufgefasst wird – als gerechtfertigt gelten kann.[26] "Kohärenz" meint dabei nicht lediglich im negativen Sinne "Konsistenz", also die Verbindung der Aussagen in einem widerspruchsfreien System, sondern im positiven Sinne eine vergleichsweise bessere systematische "Zusammengefügtheit", "Umfassendheit" sowie "Kontrolliertheit" eines Systems von Aussagen.

Da die Kohärenztheorie die Beziehung zur Wirklichkeit unthematisiert lässt, ist das Wahrheitsverständnis insofern jetzt selbst "postfaktisch", wie im deutschen Sprachraum der Ausdruck post-truth wiedergegeben wird.

"Postfaktisch"?

Die Kohärenztheorie ist für die kybernetisch orientierte Systemtheorie des 20. Jahrhunderts und die systemtheoretisch orientierte Medientheorie von großer Bedeutung. Dass durch diesen Theorietypus eine Einstellung befördert werden kann, auf die das Schlagwort "postfaktisch" passt, und der Weg frei ist für "alternative Fakten", soll abschließend kritisch von Überlegungen des Soziologen Niklas Luhmann (1927–1998) her verdeutlicht werden.

"Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Was wir über die Stratosphäre wissen, gleicht dem, was Plato über Atlantis weiß: Man hat davon gehört." Massenmedien sind demnach "eines der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft", die ihre "gesteigerte Leistungsfähigkeit" jeweils "der Ausdifferenzierung, der operativen Schließung und der autopoietischen Autonomie (…) verdank[en]". Deshalb werde man zwar "alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren versehen – und trotzdem darauf aufbauen, daran anschließen müssen". Denn zwar würde man sich "im klassischen Wahrheitsdiskurs, aber auch im Allgemeinverständnis von Wahrheit, (…) dafür interessieren, ob das, was die Medien berichten, stimmt oder nicht stimmt. Oder ob es halb stimmt und halb nicht stimmt, weil es ‚manipuliert‘ wird. Aber wie soll man das feststellen?"[27] Eingeschlossen in das System, bleibt uns verwehrt, das feststellen zu können.

Doch die Frage lautet: Kann man am Allgemeinverständnis von Wahrheit und am daran anschließenden klassischen Wahrheitsdiskurs so einfach vorbeigehen? Diesem zufolge können wir zwar nie sicher sein, wirklich "wahres" Wissen zu besitzen, sind zugleich aber in dem Maße fähig, zu prüfen, ob überhaupt Wissen auf den Weg gebracht ist, in dem das Sinnbild des Wissens das "Sehen" ist, das ein Dabei(gewesen)sein verlangt.[28] Wenn wir nämlich festsetzen, dass Wissen auch dann noch Wissen ist, wenn ihm das Moment des Dabei(gewesen)seins und der Evidenz und somit in veritativer Hinsicht das Moment der Überprüfbarkeit fehlt, dann suchen wir – wie sich heute zeigt – kompensatorisch Zuflucht beim Gefühl. Aristoteles sah im tastenden Berühren, aus dem das Gefühl resultiert, die zum Überleben zentrale Wahrnehmung,[29] und sicher gibt es keinen direkteren Kontakt zur Um- und Mitwelt als das Berühren. Doch in einer Welt, von der man nicht mehr annehmen kann, dass sie Aristoteles’ Ordnung hat, ist auf das Gefühl, das von den Umständen abhängig ist und sich dadurch vom (wahren) Wissen unterscheidet, kein Verlass.

Auf Verlässlichkeit aber sind wir angewiesen. Daher ist eine post-truth era und sind "alternative Fakten" für uns keine ernsthafte Option. Philosophisch gälte es daher, gerade den klassischen Wahrheitsdiskurs und mit ihm das Bewusstsein lebendig zu halten, dass es letztlich auf Wissen im Sinne der Erkenntnis ankommt und dass die Aussagen, in denen sie sich darstellt, durch die Wirklichkeit und nicht willkürlich durch uns "wahr gemacht" werden.
1|2 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Herrmann Krings, Wahrheit, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.), Staatslexikon, Bd. 4, Freiburg/Br. 1995, S. 850–854, hier S. 851.
2.
Ralph Keyes, The Post-Truth Era, New York 2004.
3.
Der deutsche Ausdruck "wahr" bezieht sich etymologisch auf "Verlässlichkeit". Vgl. Joachim Gnilka, Wahrheit (biblisch), in: Heinrich Fries (Hrsg.), Handbuch theologischer Grundbegriffe, München 1963, Bd. 2, S. 794–800, hier S. 795.
4.
Aristoteles, Metaphysik, 2 Bde., Hamburg 1989/1991, 1051b, 11f.
5.
Krings (Anm. 1), S. 851.
6.
Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, in: Karl Schlechta (Hrsg.), Friedrich Nietzsche. Werke in drei Bänden, Bd. 3, Darmstadt 19829, S. 415–925, hier S. 844.
7.
Ders., Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1873), in: ebd., S. 309–322, hier S. 319.
8.
Vgl. u.a. Martin Heidegger, Zur Sache des Denkens, Tübingen 1969; Jan Szaif, Wahrheit, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12, Basel 2004, Sp. 48–123, hier Sp. 48. Dieser "intersubjektive" Wahrheitsbegriff findet sich schon bei Homer.
9.
Ebd., Sp. 49.
10.
Parmenides, zit. nach ebd.
11.
Jan Szaif, Die Geschichte des Wahrheitsbegriffs in der klassischen Antike, in: ders./Markus Enders (Hrsg.), Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit, Berlin–New York 2006, S. 1–32, hier S. 2.
12.
Aristoteles (Anm. 4), 1051b, 11f.
13.
Ders., Kategorien, Hermeneutik, Hamburg 1998, 16a, 7f.
14.
Ders. (Anm. 4), 1051b, 5f., 3ff.
15.
Ebd., 1011b, 25f.
16.
Ebd., 1051b, 34f.
17.
Albert Zimmermann, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Thomas v. Aquin, Von der Wahrheit. De veritate (Quaestio I), Hamburg 1986, S. IX–XLIII, hier S. XVIIIff.
18.
Christoph Demmerling, Richtigkeit, in: Ritter/Gründer/Gabriel (Anm. 8), Bd. 8, Sp. 1039–1045, hier Sp. 1040.
19.
Zimmermann (Anm. 17), S. XXIV, S. XIX.
20.
Ebd.
21.
Vgl. Ruedi Imbach, Vorwort, in: ders. (Hrsg.), Wilhelm von Ockham. Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaften, Stuttgart 1984, S. 5–10, hier S. 7f.
22.
Vgl. ebd., S. 132.
23.
Vgl. Dominik Perler, Satz, Seele und Sachverhalt. Der propositionale Wahrheitsbegriff im Spätmittelalter, in: Szaif/Enders (Anm. 11), S. 191–210, hier S. 191.
24.
Ebd., 99f.
25.
Otto Neurath, zit. nach Szaif (Anm. 8), Sp. 117.
26.
Vgl. Krings (Anm. 1), S. 851.
27.
Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 20094, S. 9, S. 13, S. 17.
28.
Vgl. Wissen, in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Hamburg 1998, S. 736f.
29.
Vgl. Aristoteles, Über die Seele, Hamburg 1995, 434b, 24.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Petra Kolmer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.