Liberty Island und die Freiheitsstatue im Nebel

28.4.2017 | Von:
Torben Lütjen

Die große Entzweiung. Wie Amerika in politische Echokammern zerfiel

Populismus von rechts, Identitätspolitik von links

Allein als Partei von small government und durch die schrittweise Einverleibung des amerikanischen Südens wäre die Republikanische Partei kaum zu der strukturellen Mehrheitsposition im Land gekommen, über die sie schon sehr bald verfügen sollte: Dafür mussten sich die politischen, sozialen und kulturellen Achsen der amerikanischen Gesellschaft erst bedeutend verschieben.

Vom New Deal bis in die 1960er Jahre war die Konfliktstruktur des Landes primär sozioökonomisch geprägt gewesen, es ging also um Fragen der richtigen (gerechten, effizienten) Wirtschaftsordnung und der Verteilung von Wohlstand. Klassenzugehörigkeiten entschieden stärker als zuvor oder danach in der amerikanischen Geschichte über das Wahlverhalten – sehr zum Vorteil der Demokratischen Partei. Mitte der 1960er Jahre weitete sich der Raum des Politischen in gewisser Weise aus und kamen neue Themen mit enormem politischen Spaltungspotenzial auf die politische Agenda.[5] Zum einen "wanderte" die Rassenproblematik nordwärts, als es in amerikanischen Großstädten, wo viele Schwarze über die weiterhin gesellschaftlich zementierten Verhältnisse enttäuscht und wütend waren, zu Unruhen kam. Für viele Angehörige der weißen Mittelschicht und Arbeiterklasse signalisierten die riots in Oakland, Detroit oder Newark vor allem eine Erosion der öffentlichen Ordnung. Zum anderen kamen wenig später die vermeintlichen Exzesse einer promiskuitiven Jugendkultur und die Proteste und Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg hinzu. Es war ein Konflikt, den auch andere westliche Gesellschaften in diesen Jahren durchliefen: Was den einen als Dekade des Aufbruchs und des überfälligen Aufbrechens überkommener gesellschaftlicher Strukturen erschien, interpretierten andere als Angriff auf die öffentliche und moralische Ordnung, als eine Art destruktive Emanzipation, die über ihr ursprüngliches Ziel längst hinausgeschossen war.

Zum Champion einer zunehmend verängstigten und verunsicherten weißen Mittelklasse wurde 1968 der Republikaner Richard Nixon. Beinahe 50 Jahre vor Donald Trump schwang er sich zum Anführer einer "schweigenden Mehrheit" empor, zum Verteidiger der "vergessenen Amerikaner", der non-shouters und non-demonstrators.[6] So gelang es ihm, die white working class zu spalten und sie sogar mehrheitlich ins konservative Lager zu ziehen. Mit seinem Wahlsieg 1968 vollzog sich somit etwas, das noch lange nachwirken sollte: Die amerikanische Rechte hatte der amerikanischen Linken den Populismus gestohlen.[7]

Beinahe alles, was diesen Populismus später stark machen sollte, spielte Nixon bereits durch: den Antiintellektualismus, die Medien als ultimatives Feindbild,[8] die Erfindung einer vermeintlich abgehobenen liberalen Elite, die mit Verachtung auf die Menschen in middle America schaue. In der Folgezeit gelang es den Konservativen immer wieder, die sozioökonomische Konfliktlinie mit einer anderen, viel stärker soziokulturellen Konfliktlinie zu unterlaufen, bei der es weniger darum ging, wie viel jemand besaß, als darum, wie jemand lebte, fühlte, aussah oder sprach – es waren vor allem Lebensstile, die von nun an polarisierend wirkten. Und wie sich zeigen sollte, war das Reservoir potenziell auszuschöpfender Ressentiments in dieser Hinsicht geradezu grenzenlos. "The whole secret of politics", sagte Nixons Redenschreiber Kevin Philips dem konservativen Publizisten Garry Wills 1968, "is knowing who hates who".[9]

Die Demokraten spielten das Spiel in gewisser Weise mit. Seit Anfang der 1970er Jahre setzten sie vermehrt auf Themen der "Identitätspolitik" und wurden zu der Partei, die bisher unberücksichtigte Identitäten vertrat: von Frauen, von ethnischen und von sexuellen Minderheiten. Themen der sozialen Gerechtigkeit verschwanden deswegen nicht von der Agenda der Partei, in ihrer öffentlichen Wahrnehmung überlagerten identitätspolitische Fragen die alten Verteilungsfragen jedoch deutlich. Das erschloss den Demokraten zwar durchaus neue Wählerpotenziale, aber die Entfremdung von der weißen Arbeiterklasse, die seit 2016 und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten endgültig vollzogen scheint, hatte ihren Ursprung eben auch in jenen Jahren, als die Frage, "wer" man war, wichtiger wurde als die Frage, "wie viel" man besaß.

Politisierung des Religiösen

Was in den Identitätsdebatten der 1960er Jahre erstaunlicherweise noch keine große Rolle spielte, war das Thema Religion. Auch die Kirchen standen zunächst weiterhin an der Seitenlinie. Jerry Falwell, der spätere Initiator und Anführer der 1979 gegründeten Organisation der christlichen Rechten, Moral Majority, bekannte sich noch 1965 zur Abwendung von allem Weltlichen und lehnte es ab, sich für den Kampf gegen den Kommunismus oder die Bürgerrechtsbewegung vor den Karren einer Partei spannen zu lassen: "Preachers are not called upon to be politicians, but to be soul winners."[10]

Erst mit einiger Verspätung kam es zu einer Abwehrreaktion vor allem des konservativen Protestantismus, der oft unter dem Label des Evangelikalismus firmiert. Aufgeschreckt vor allem durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes 1973, Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich zu legalisieren (Roe vs. Wade), politisierten sich Amerikas konservative Christen. Insbesondere Ronald Reagan war es, der 1980 als Präsidentschaftskandidat die evangelikalen Christen für die Republikaner gewann – und sie langfristig an die Partei band.

In dieser Zeit verblassten die Konfessionsunterschiede, die zuvor das Wahlverhalten bestimmt hatten: Katholiken hatten traditionell demokratisch gewählt, Protestanten stärker republikanisch. Nun begannen die konservativen Elemente in beiden Konfessionen, republikanisch zu wählen, während liberale Protestanten und Katholiken sowie das zunächst – anders als in Europa – nur langsam, aber stetig wachsende Segment religiös ungebundener Wählerinnen und Wähler sehr viel stärker zu den Demokraten neigten.

So wurden die 1980er und 1990er Jahre die Jahre des culture war, in denen Themen wie Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe, Pornografie, aber auch diffusere Fragen nationaler Identität verhandelt wurden – auf konservativer Seite begleitet von einer tendenziell apokalyptischen und doch stets undeutlich bleibenden Begleitmusik, die vom "Niedergang" der Vereinigten Staaten handelte. Den Begriff des culture war hat der Soziologe James Davison Hunter geprägt, demzufolge sich in den USA zwei Lager gegenüberstanden und -stehen, deren Wertvorstellungen schlichtweg inkompatibel und kaum noch miteinander zu versöhnen sind: auf der einen Seite das "orthodoxe" Amerika, wo man an einer transzendenten Autorität, an überlieferten Normen und Werten sowie an eindeutigen moralischen Unterscheidungen zwischen Gut und Böse festhält, auf der anderen Seite das "progressive" Amerika, wo man an die Emanzipation von überkommenen Werten, an gesellschaftlichen Fortschritt und die Relativität moralischer Grundsätze glaubt.[11]

Es war also eine komplexe Melange von Konfliktfeldern, die sich seit den 1960er Jahren verdichteten und gegenseitig bestärkten, sodass sich letztendlich zwei Lager gegenüberstanden, die auf praktisch allen Politikfeldern diametral entgegengesetzte Positionen einnahmen. Der Aufstieg Donald Trumps bis zu seinem Sieg bei den republikanischen Vorwahlen 2016 schien, ungeachtet der verbalen Eskalation, für einen Augenblick die Möglichkeit zu eröffnen, dass sich die verhärteten ideologischen Frontlinien zwischen den Parteien an einigen Stellen auch abschleifen könnten: Zwar setzte Trump in der Einwanderungspolitik auf eine nationalistische Karte, aber weder sang er ein Loblied auf freie Märkte noch fiel er – von manchem Lippenbekenntnis abgesehen – als besonders grimmiger Verteidiger eines christlichen Amerikas auf. Und in der Frage des Freihandels brach er gar vollständig mit der bisherigen Orthodoxie seiner Partei. Doch wenn nicht alles täuscht, dann hat sich wenige Monate nach Beginn seiner Präsidentschaft an der grundsätzlichen politischen Tektonik des Landes nicht viel verändert und stehen sich die Parteien weiterhin entlang jener Frontlinie gegenüber, die sich seit den 1960er Jahren immer tiefer in die politische Landschaft der Vereinigten Staaten eingegraben hat.

Fußnoten

5.
Vgl. Andrew Hartman, A War for the Soul of America. A History of the Culture Wars, Chicago 2015.
6.
Vgl. Lewis Gould, The Republicans: A History Of The Grand Old Party, Oxford 2014, S. 265.
7.
Vgl. Michael Kazin, The Populist Persuasion: An American History, Ithaca 1995.
8.
Vgl. Christopher Cimaglio, "A Tiny and Closed Fraternity of Privileged Men": The Nixon-Agnew Antimedia Campaign and the Liberal Roots of the U.S. Conservative "Liberal Media" Critique, in: International Journal of Communication 10/2016, S. 1–19.
9.
Zit. nach Nancy McLean, Guardians of Privilege, in: dies./Donald T. Critchlow, Debating the American Conservative Movement. 1945 to the Present, Lanham 2009, S. 148.
10.
Zit. nach Matthew Levendusky, The Partisan Sort. How Liberals Became Democrats and Conservatives Became Republicans, Chicago 2009, S. 26.
11.
Vgl. James Davison Hunter, Culture Wars: The Struggle to Define America, New York 1991.
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Autor: Torben Lütjen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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