Karl Marx verkündet "Das Kapital"
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A Traveller’s Guide. Karl Marx' Programm einer Kritik der politischen Ökonomie


5.5.2017
Das Hauptwerk von Karl Marx erschien erstmals vor 150 Jahren; es stellt den ersten Band seines Programms einer "Kritik der politischen Ökonomie" dar und ist dem "Produktionsprozess des Kapitals" gewidmet. Marx selbst konnte zu seinen Lebzeiten noch die zweite Auflage dieses ersten Bandes realisieren und verschiedene Übersetzungen selbst anfertigen oder begleiten. Der zweite und der dritte Band seines Forschungsprogramms wurden postum von Friedrich Engels herausgegeben; gleiches gilt für die dritte und vierte Auflage des ersten Bandes, von denen letztere in der deutschsprachigen Marxrezeption kanonisch geworden ist und auch in diesem Beitrag verwendet wird.[1]

Im Folgenden sollen "Kurzreisenden" einige der zentralen Gedanken präsentiert und in Form kurzer Erläuterungen zugänglich gemacht werden. Angesichts der Komplexität und des Reichtums der marxschen Theorie kann ich hier nur eine Auswahl bieten. Deshalb seien die beiden Auswahlkriterien genannt, die diesem "Reiseführer" zugrunde liegen: Erstens werden zentrale Theoriebausteine präsentiert – nicht die in "Das Kapital" zahlreich zu findenden, glänzend geschriebenen Darstellungen historischer Umstände. Erstere, nicht Letztere machen die Aktualität der marxschen Analyse aus und sind ohne Erläuterungen nur schwer verständlich. Zweitens hat Marx sein Forschungsprogramm als Kritik der politischen Ökonomie verstanden; sie ist eine kritische Sozialphilosophie und keine ökonomische Theorie im Sinne einer empirischen Einzelwissenschaft. Entgegen einem bis heute weit verbreiteten Missverständnis gilt es, den genuin philosophischen Charakter der marxschen Konzeption zu erkennen und anzuerkennen. Dies soll mit der Zitatauswahl unterstrichen werden. Das Denken von Marx ist als kritische Gesellschaftstheorie nach wie vor aktuell und sollte nicht als ökonomische Theorie des 19. Jahrhunderts ins Museum der heute überholten Ideen gestellt werden.

"Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag." (S. 16)

Schon im Vorwort zur ersten Auflage bemüht sich Marx vorbeugend darum, seine Konzeption vor Missverständnissen zu schützen. Hier weist er darauf hin, dass es ihm weder um eine moralische Kritik des Kapitalismus geht, noch die Zuschreibung moralischer Schuld an einzelne Individuen beabsichtigt ist. Gegenstand ist vielmehr die strukturelle Analyse der Funktionsweise, der Leistungsstärke, aber auch Leistungsgrenze eines ganz bestimmten ökonomischen Systems: des Kapitalismus. Es geht nicht um individuelle Personen und deren individuelle Absichten, sondern um sozial-funktional definierte Rollen, die den Individuen in diesem System zukommen.

Diese Bemerkung des Vorworts wirft Fragen auf, die die Auslegung der Konzeption von Marx bis heute beschäftigen: Hat seine Kritik des Kapitalismus überhaupt keine moralische Dimension? Was ist damit gemeint, dass historische Prozesse als naturgeschichtlich begriffen werden? Vertritt Marx einen geschichtsphilosophischen Determinismus, in dem ökonomische Strukturen einen alternativlosen Entwicklungspfad festlegen, den man nur theoretisch erläutern und prognostizieren kann? Tragen Menschen in den Augen von Marx für ihr Handeln, für ihr Engagement oder für ihre Passivität moralisch keinerlei Verantwortung? Und schließlich: Erübrigt sich, wenn es diese naturgeschichtliche Determination gibt, nicht jede Theorie politischer Aktion?

"Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun. Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle." (S. 27)

Auch im Nachwort beklagt Marx sich über die Missverständnisse, die sein Buch hervorgerufen hat: "Die im ‚Kapital‘ angewandte Methode ist wenig verstanden worden" (S. 25). Er versucht, Abhilfe zu schaffen, und weist auf zwei Punkte hin, die sachlich eng zusammenhängen.

Auf der einen Seite gibt es die Darstellungsweise, die er in seiner Konzeption gewählt hat, um die Struktur des Kapitalismus als ein sich selbst ausdifferenzierendes und selbst stabilisierendes System (allerdings mit internen Destabilisierungstendenzen) als "innres Band" entfalten zu können. Davon zu unterscheiden ist auf der anderen Seite die Darstellung der historischen Prozesse, durch die sich diese Struktur als dominante "Gesellschaftsformation" etabliert hat. Damit steht für den Leser eine bei der Lektüre des Buches nicht immer leicht zu beantwortende Interpretationsfrage im Raum: Bewegt sich die marxsche Argumentation an einer bestimmten Stelle auf der Ebene der strukturellen (und begrifflichen) Entfaltung, oder wird ein historischer Prozess mit den Mitteln empirischer Daten dargestellt? Marx möchte hier offensichtlich das Missverständnis ausräumen, er betreibe in seinem Buch eine ahistorische Kategorienlehre und habe nicht die realen sozialen Prozesse zum Ausgangspunkt seiner Konzeption gemacht.

Mit dieser von Marx vorgenommenen Unterscheidung ist ein Problem verbunden, das die Forschung bis heute nicht endgültig lösen konnte: Wie verhält sich die von Marx gewählte Methode zu der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, einem Hauptvertreter des Deutschen Idealismus? Marx hat Hegel Zeit seines Lebens nicht nur als das letzte Wort der Philosophie anerkannt, sondern sich auch mehrfach "offen als Schüler jenes großen Denkers" (S. 27) bekannt. Die Ausführungen von Marx sind jedoch nicht frei von Unklarheiten: Einerseits findet sich die Aussage, er habe Hegels Methode in transformierter Form übernommen. Gleichzeitig spricht er andererseits auch davon, er "kokettierte" (ebenda) nur gelegentlich mit Hegels Ausdrucksweise. Während Ersteres für einen theoriekonstitutiven Einfluss der hegelschen Philosophie spricht, legt Letzteres einen nur äußerlichen Bezug nahe. Die Bemerkung im Nachwort, seine Methode sei das direkte Gegenteil der hegelschen, stützt die erstere Lesart, denn ein direktes Gegenteil lässt sich nicht unabhängig von der Position definieren, deren Gegenteil sie ist.

Hegel hat den Anspruch erhoben, alle empirischen Sachverhalte in sein philosophisches System als Aspekte einer Selbstentfaltung der Idee zu integrieren. Vor diesem Hintergrund wird der Hinweis von Marx, seine eigene Theorie könne den Anschein erwecken, eine "Konstruktion a priori" zu sein, verständlich: Auf der Ebene der Darstellung gibt es eine Entsprechung zu Hegel. In der Frage aber, wo die eigentlichen Triebfedern der historischen Prozesse zu suchen sind, vertritt Marx die gegenteilige These: Nicht die Idee produziert das Materielle, sondern das Ideelle ist abhängiger Ausdruck der realen materiellen Prozesse. Anders gesagt: Auf der Ebene der Organisation der Theorie (sprich der Darstellung) gibt es zwischen der hegelschen und der marxschen Dialektik einen konstitutiven Zusammenhang. Auf der Ebene der materiellen Thesen dagegen vertritt Marx das genaue Gegenteil der hegelschen Position. Es liegt auf der Hand, dass Marx mit dieser komplexen Konstellation bei seinen Lesern bis heute ein erhebliches Maß an Irritation und Verwirrung gestiftet hat.

"Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘ (…), die einzelne Ware als seine Elementarform." (S. 49)

Mit diesem Satz eröffnet Marx "Das Kapital". Unscheinbar, fast lapidar formuliert, verführt er die Leser dazu, seine drei zentralen Botschaften zu übersehen: Es geht erstens von Anfang an um die kapitalistische Gesellschaftsformation, auch wenn die Analyse bei der einzelnen Ware ihren Anfang nimmt. Einzelne Waren gibt es auch außerhalb dieser spezifischen Gesellschaftsformation, aber in der marxschen Analyse wird der Kontext des Kapitalismus an keiner Stelle verlassen.

Mit der Rede von Elementarform spielt Marx zweitens auf sein Verfahren an, aus den einfachsten Formen die Komplexität des Gesamtsystems zu entwickeln. Zugleich deutet er durch die Verwendung von "Form" aber an, dass es um Entwicklung und nicht um die Reduktion eines Ganzen auf die Summe von unabhängig existierenden Atomen und deren Zusammenspiel geht. Marx ist durchgehend der Diagnostiker eines Gesamtsystems, auch wenn er sich die kleinsten Formen anschaut, in denen dieses System angelegt ist.

Drittens wählt Marx ganz gezielt die Relation "erscheint", die im direkten Bezug zum "innern Band" und der hegelschen Dialektik zu lesen ist. Die marxsche Konzeption ist über das gesamte Buch hinweg mittels der Denkfigur des Innen-und-Außen, des Gegensatzes von Wesen und Erscheinung, organisiert. Die philosophische Modellierung dieser Denkfigur ist einer der zentralen Orte, an denen seine Transformation der hegelschen Dialektik vonstattengeht. Sie ist zugleich ein Beleg dafür, dass das marxsche Theorieprogramm einer Kritik der politischen Ökonomie philosophischer und nicht einzelwissenschaftlicher Natur ist. Es geht darum, adäquate "Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse" zu entwickeln und im Kopf zu behalten, "daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen" (S. 559).

"Es kommt damit zum Vorschein, daß die Wertgegenständlichkeit der Waren, weil sie das bloß ‚gesellschaftliche Dasein‘ dieser Dinge ist, auch nur durch ihre allseitige gesellschaftliche Beziehung ausgedrückt werden kann, ihre Wertform ihre gesellschaftlich gültige Form sein muß." (S. 81)

Marx unterscheidet zwischen dem Gebrauchswert, den eine Ware hat, weil sie ein (für den Einzelnen) nützliches Ding ist, und ihrem Wert, der eine intersubjektive Geltungsdimension darstellt und damit eine gesellschaftliche Beziehung. In kapitalistischen Gesellschaften liegt dieser Wert in einer seiner möglichen Ausprägungen als Tauschwert vor. Die marxsche Analyse des Kapitalismus ist eine Explikation dieses Gefüges sozialer Relationen; der Motor sowohl der begrifflichen Entwicklung seiner Theorie als auch der sozialen Veränderungen entspringt Marx zufolge aus den widersprüchlichen Verhältnissen, die dieses Relationsgefüge im Kapitalismus angenommen hat. Der doppelte Sinn seines Programms ist gewollt: Die politische Ökonomie steht für die ökonomischen Verhältnisse und für ideologische Theorien über diese Verhältnisse. Beide werden von Marx einer Kritik unterzogen.


Fußnoten

1.
Ich zitiere "Das Kapital" im Folgenden nach der Ausgabe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke. Bd. 23, Berlin (Ost) 1956ff. Hervorhebungen des Originals werden nicht übernommen. Weiterführend Michael Quante/David Schweikard (Hrsg.), Marx-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 2015.
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Autor: Michael Quante für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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