Karl Marx verkündet "Das Kapital"
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"Das Kapital" und seine Bedeutung


5.5.2017
"Das Kapital" hat Millionen von gutwilligen Lesern zur Verzweiflung getrieben, denn schon der allererste Absatz ist eine Zumutung.[1] Sperrig heißt es dort: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware."[2] Auch Karl Marx wusste, dass sein erstes Kapitel unmöglich war. Im Vorwort zur ersten Auflage schrieb er entschuldigend: "Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft" (S. 11). Bis heute fragen sich die Exegeten, warum Marx überhaupt mit dem Thema "Ware" angefangen hat. Denn didaktisch und analytisch hätte es näher gelegen, erst die Ausbeutung der Arbeiter und die Geschichte der Klassenkämpfe zu schildern.[3] Dann hätte jeder Leser sofort ins Thema gefunden. Engels wählte später genau diesen umgekehrten Aufbau, um die marxsche Theorie zu erklären.[4]

Doch obwohl der Stil so sperrig ist, übt Marx’ Hauptwerk einen ungeheuren Sog aus. "Das Kapital" ist noch immer ein Bestseller und erreicht Verkaufszahlen, von denen heutige Ökonomen nur träumen können.

Marx fasziniert bis heute, weil er der erste Theoretiker war, der die Dynamik des Kapitalismus richtig beschrieben hat. Die moderne Wirtschaft ist ein permanenter Prozess – und kein Zustand. Einkommen ist niemals garantiert, sondern entsteht erst, wenn unablässig investiert wird.

Kapital als Prozess



Marx hat als erster definiert, was den Kapitalismus im Kern ausmacht: Geld (G) wird investiert, um Waren (W) herzustellen. Bei ihrem Verkauf soll dann mehr Geld (G') herausspringen, also ein Gewinn erzielt werden. "In der Tat also ist G – W – G' die allgemeine Formel des Kapitals" (S. 170).

Ziel ist nicht die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern die Akkumulation an sich. Der Kapitalist darf niemals ruhen, kann sich nicht am Erreichten erfreuen, sondern muss die Gewinne stets erneut investieren, wenn er im Rennen bleiben will. "Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist (…) Selbstzweck, denn die Verwertung des Wertes existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos" (S. 167). Der einzelne Unternehmer mag zwar glauben, dass er wichtige Entscheidungen trifft, aber tatsächlich ist er nur ein Vollstrecker des Systems und der permanenten Verwertung: "Als bewusster Träger dieser Bewegung wird der Geldbesitzer Kapitalist. Seine Person, oder vielmehr seine Tasche, ist der Ausgangspunkt und der Rückkehrpunkt des Geldes. (…) [Der] Kapitalist [funktioniert] als personifiziertes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital." In diesem ewigen Hamsterrad geht es nicht um den einzelnen Gewinn, "sondern nur [um] die rastlose Bewegung des Gewinnens" (S. 167ff.).

Geld wird jedoch nur zu Kapital und damit zu Profit, wenn es investiert wird. Bleibt es im Tresor liegen, ist es zwar weiterhin Geld – aber faktisch wertlos. Über Dagobert Duck hätte Marx herzlich gelacht. Der geizige Enterich glaubt zwar, vermögend zu sein, wenn er in seinen Goldtalern badet. Doch tatsächlich besitzt er nur Gold, sonst nichts. Oder wie Marx es ausdrückte: "Die rastlose Vermehrung des Werts, die der Schatzbildner anstrebt, indem er das Geld vor der Zirkulation zu retten sucht, erreicht der klügere Kapitalist, indem er es stets von neuem der Zirkulation preisgibt" (S. 168).

Indem Marx den systemischen Prozess betonte, die ewige Spirale der Verwertung, verlieh er dem Begriff "Kapital" eine neue Bedeutung. Bis dahin hatten die Ökonomen das Kapital als etwas Statisches betrachtet. Geld und Maschinen galten als Vermögenswerte "an sich", die man mühelos bilanzieren konnte. Bei Marx gab es keine Werte, die irgendwie vorhanden waren. Kapital bildete sich erst, wenn produziert wurde, wenn Güter entstanden, die sich mit Gewinn verkaufen ließen.

Marx selbst war vom technischen Fortschritt fasziniert; scheinbar kleinste Erfindungen begeisterten ihn: "Eine auf der Londoner Industrieausstellung von 1862 ausgestellte amerikanische Maschine zur Bereitung von Papiertuten schneidet das Papier, kleistert, faltet und vollendet 300 Stück per Minute" (S. 399). Die Effizienz stieg aber nicht nur in der industriellen Produktion, auch die Landwirtschaft wurde technisiert. Wie Marx berichtete, "verrichtet die Dampfmaschine, beim Dampfpflug, in einer Stunde zu 3 d. oder 1/4 sh. so viel Werk wie 66 Menschen zu 15 sh. per Stunde" (S. 413). Umgerechnet bedeutete dies also, dass die Produktivität um das 3960-fache gestiegen war. Das war atemberaubend.

Aber was trieb die rastlose Dynamik des Kapitalismus an? Warum konnten die Kapitalisten nicht gemütlich zuhause sitzen und ihre Profite genießen? Im Feudalismus wären die Adligen niemals auf die Idee gekommen, ständig in die Produktion zu investieren. Stattdessen hatten sie Schlösser gebaut, Feste gefeiert und sich als Kunstmäzene betätigt. Doch die Kapitalisten waren unersättlich. Selbst wenn sie reich waren, wollten sie noch reicher werden und erweiterten ihre Fabriken. Die Akkumulation schien zum Selbstzweck zu verkommen, oder wie Marx es in einem seiner berühmtesten Zitate formulierte: "Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten" (S. 621).

Dialektik des Kapitals



Dieser permanente Verwertungsdruck war erklärungsbedürftig, und Marx erkannte als erster, dass die Technik dabei eine zentrale Rolle spielt. Sobald sie systematisch eingesetzt wird, entfaltet sie ihre eigene Logik und Dynamik.

Für jeden einzelnen Unternehmer ist es attraktiv, neue Maschinen anzuschaffen, die produktiver sind als die Anlagen der Konkurrenz. Denn sobald ein Fabrikant seine Waren billiger herstellt, kann er sie auch billiger verkaufen – und einen Extraprofit erwirtschaften, den Marx "Extramehrwert" nannte. Die Wettbewerber müssen jedoch sofort nachziehen, wenn sie nicht untergehen wollen. Also investieren auch sie in neue Maschinen, und der Extramehrwert verschwindet wieder.

Jeder Kapitalist unterliegt also dem "Zwangsgesetz der Konkurrenz", wird von seinen Wettbewerbern getrieben und weitet seine Produktion aus, um nicht unterzugehen. Doch die meisten Märkte sind irgendwann gesättigt und können die zusätzlichen Waren nicht mehr aufnehmen. Den Verdrängungswettbewerb überleben nur jene Firmen, die am billigsten produzieren. Dies sind meist die Großkonzerne, denn sie profitieren von einem Phänomen, das die Ökonomen heute "steigende Skalenerträge" nennen: Je größer die Stückzahlen sind, desto billiger wird die eingesetzte Technik pro Stück.

Marx ging bereits implizit von diesen steigenden Skalenerträgen aus und war daher der erste Ökonom, der klar beschrieb, dass der Kapitalismus zum Oligopol neigt: Die kleinen Firmen werden verdrängt, bis nur noch wenige Großkonzerne eine ganze Branche beherrschen. Oder wie Marx es ausdrückte: Es kommt zur "Expropriation von Kapitalist durch Kapitalist" und zur "Verwandlung vieler kleineren in weniger größere Kapitale" (S. 654).

Marx’ Analyse gilt bis heute, wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen: Großkonzerne machen zwar nur ein Prozent der deutschen Firmen aus, aber 2012 generierten sie 68 Prozent des gesamten Umsatzes. Gleichzeitig sind 81 Prozent aller Firmen Kleinstbetriebe – aber gemeinsam kamen sie 2012 nur auf sechs Prozent des Umsatzes.[5] Die deutsche Wirtschaft ist extrem konzentriert, und wenige Großkonzerne kontrollieren die gesamte Wertschöpfungskette, von den Rohstoffen bis zum Absatz. Der Kapitalismus ist zutiefst dialektisch: Die Konkurrenz treibt die Unternehmer an, bis von der Konkurrenz nichts mehr übrig ist.

Marx sah diese Konzentrationsprozesse mit Freude. Er hoffte, dass der Kapitalismus von selbst untergehen würde – indem sich die Kapitalisten gegenseitig enteigneten, bis nur noch wenige Unternehmer übrig wären. "Je ein Kapitalist schlägt viele tot", was die Revolution vereinfachte: Am Ende müsste die "Volksmasse" nur noch "wenige Usurpatoren" entfernen. "Die Expropriateurs werden expropriiert" (S. 791). Bekanntlich kam es anders. Der Kapitalismus hat sich als deutlich langlebiger erwiesen, als Marx es je für möglich gehalten hätte. Das Oligopol der Großkonzerne war bemerkenswert stabil. Wo also lagen die Fehler seiner Analyse?


Fußnoten

1.
Siehe auch Ulrike Herrmann, Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können, Frankfurt/M. 2016, S. 119ff.
2.
Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23, Berlin (Ost) 1962, S. 49. Im Folgenden werden die Seitenzahlen direkt im Text angegeben und verweisen auf diese Quelle.
3.
Vgl. David Harvey, A Companion to Marx’s Capital, London 2010, S. 9.
4.
Siehe Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: MEW, Bd. 19, Berlin (Ost) 1962, S. 189–228.
5.
Siehe Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Statistisches Jahrbuch 2015, Wiesbaden 2016, S. 511.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Ulrike Herrmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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