Karl Marx verkündet "Das Kapital"
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Karl Marx: Bildnis und Ikone


5.5.2017
Im Zusammenhang mit dem Start des Kinofilms "Der junge Karl Marx" ist der Hauptdarsteller August Diehl auch nach seiner Annäherung an diese bedeutende Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts gefragt worden: Wie kann man sich auf eine solche Rolle vorbereiten? Welches Bild hat man im Kopf, und welches wird evoziert? Dies umso mehr, wenn man von der Allgegenwärtigkeit des "Rauschebartes" ausgeht, der uns in fast jeder Form der Beschäftigung mit Karl Marx begegnet, Werbung und Karikatur eingeschlossen.[1] Der junge Marx, darauf wies der Schauspieler hin, ist jedoch bildlich ein recht unbekanntes Wesen. Es sei zudem an der Zeit, den uns im Kopf spukenden Marx von all dem zu befreien, was vornehmlich seit dem 20. Jahrhundert auf ihm laste und was wir damit verbinden. Das ist dem Film gelungen, auch wenn es schwer sein dürfte, das allgemein bekannte Bild zu verdrängen. Zu sehr ist es Teil des kollektiven Gedächtnisses. Wie kam es dazu?[2]

Politische Ikonografie



Abbildung 1: Letzte bekannte Marx-Fotografie, Algier, Februar 1882Abbildung 1: Letzte bekannte Marx-Fotografie, Algier, Februar 1882 (© picture-alliance/dpa)
In der Tat wissen wir wenig über das Aussehen des jungen Marx, vieles ist Beschreibungen, späteren Zuschreibungen und noch mehr der Fantasie geschuldet. Auch der alte Mann, der sich noch einmal fotografieren ließ, ehe er sich auf seiner letzten Reise in Algier den Bart abrasieren ließ, ist wenig bekannt (Abbildung 1). Es gehört auch nicht zum Allgemeinwissen, dass die Anzahl der überlieferten Fotografien von Karl Marx begrenzt ist. Auf ihnen basieren alle anderen bildlichen Darstellungen, die des 20. Jahrhunderts in den unterschiedlichsten Ausprägungen eingeschlossen.[3] Die Fotografien machten Karl Marx bereits zu Lebzeiten auch visuell bekannt und wurden grundlegend für die "Ikone" – wenn man diese Bezeichnung auf ein Bild von Karl Marx und seine weltweite Verbreitung anwenden will. Sie stammen aus den Jahrzehnten, die Karl Marx und Friedrich Engels, die Familie Marx eingeschlossen, nach der Flucht vom europäischen Festland in England verbrachten, wo sie bis an ihr Lebensende blieben.

Deren Geschichte ist noch nicht endgültig geschrieben, auch ist es denkbar, dass noch weitere Bilder auftauchen.[4] Die heute bekannten etwa 15 Fotografien zeigen Karl Marx allein, gelegentlich mit Friedrich Engels oder auch Marx mit seinen Töchtern. Eine Fotografie, die ihn zusammen mit seiner Frau Jenny oder beide mit den drei Töchtern zeigt, gibt es darunter nicht. Diese Thematik – das fehlende Familienporträt – wurde später, insbesondere im 20. Jahrhundert, möglicherweise als Mangel empfunden und als Narrativ über das Leben von Karl Marx Künstlern zur Gestaltung überantwortet. Wichtige Anlässe dafür waren beispielsweise die Ausgestaltung von Museen, die mit einer wiederbelebten Historienmalerei die Geschichte der eigenen Bewegung und ihrer Ahnherren oder "Helden" in anschaulicher Form präsentierten, auch um den Mangel an anderen Quellen auszugleichen. Hinzu kamen Jubiläen wie runde Geburts- oder Todestage, was seinen Niederschlag auch in zahlreichen Darstellungen, auf Münzen und Briefmarken fand. Vor allem der 100. Todestag 1983 wurde weltweit begangen.

Die Fotografien entstanden teils in London, teils an anderen Orten, beispielsweise in Hannover im Zusammenhang mit Reisen des staatenlosen Karl Marx auf den Kontinent, etwa zur Drucklegung seines Werks "Das Kapital". Über die Anzahl der jeweils angefertigten oder nachbestellten Abzüge liegen lediglich Vermutungen vor. Andeutungen in Briefen lassen allerdings darauf schließen, dass man von einer größeren Anzahl ausgehen kann. Fotos waren ein beliebtes Andenken, sogar eine Art moderne Reliquie; im Fall von Karl Marx dienten sie auch als Vorlagen für Zeichnungen und Stiche, die in Zeitungen Verwendung fanden. Damit sind es diese Fotos, die unser "Bild" von Karl Marx geprägt haben, denn, soweit bekannt, hat er kein Porträtgemälde von sich in Auftrag gegeben, wie dies im 19. Jahrhundert üblich war. Das mag mehr den äußeren Lebensumständen und dem Geldmangel geschuldet gewesen sein als der grundsätzlichen Ablehnung des Genres. Gleichwohl ist auch denkbar, dass zu seinen Lebzeiten die meisten Künstler ihrerseits sowohl seiner Lebenssphäre als auch seiner Weltanschauung fern waren.

Der ikonografische Blick auf Karl Marx führt zu der Frage, wie denn jenes "Bild" entstanden ist, das wir im Kopf haben und stets wiedererkennen und das sich bereits Zeitgenossen und dann Nachgeborene mehrerer Generationen gemacht haben. Auf welcher Basis formte sich durch Bildnisse und Bilder die bildliche Vorstellung, die so unverrückbar erscheint? Wie schon eingangs im Zusammenhang mit dem Spielfilm "Der junge Karl Marx" angedeutet, ist der junge Marx ein – optisch gesehen – wenig bekanntes Wesen. Schon die Kindheit und Jugend in Trier sind in Bildern nicht zu fassen. Erzählungen aus und über diese Zeit bleiben spärlich und anekdotisch. Früh schon erhielt er den Spitznamen "Mohr", was als Hinweis auf sein Aussehen, den dunklen Teint, seine schwarzen Haare und den schwarzen Bart, gedeutet wird.[5] Nicht nur zahlreiche Briefe und Erinnerungen belegen diesen Spitznamen, berühmter wurde er im 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum durch das Kinderbuch "Mohr und die Raben von London", das zusammen mit der gleichnamigen Verfilmung von 1968, dem 150. Geburtstag demnach, das "Bild" von Marx mitprägte, weil es ihn auch bildlich fassbar machte.[6] Ob der Film über den jungen Marx in ähnlicher Weise ein "Bild" prägen wird oder dies kann, bleibt abzuwarten.

Beginn des öffentlichen Wirkens



Abbildung 2: Karl Marx als Student, Zeichnung um 1836Abbildung 2: Karl Marx als Student, Zeichnung um 1836 (© picture-alliance/dpa)
Als erstes sozusagen "authentisches" Porträt gilt bislang eine Lithografie der "Trierer" von David Levy-Elkan von 1836, das die "Trierer Landsmannschaft" zeigt, eine Studentenverbindung, der Karl Marx während seines Bonner Studienjahres angehörte. Problematisch bleibt, dass eine Zuordnung der Personen auf diesem Gruppenbild durch einen ehemaligen Studenten erst über 50 Jahre später erfolgte.[7] Neuerdings ist noch eine Bleistiftzeichnung eines Bonner Kommilitonen aus dieser Zeit aufgetaucht (Abbildung 2). Somit sind es neben einem romantischen Jünglingsbild spätere Erinnerungen und Imaginationen sowie schriftliche Zeugnisse, die Aufschluss über das Aussehen vor den überlieferten Fotografien geben. Passangaben oder Beschreibungen in Spitzelberichten datieren erst ab 1844, als Marx sich im Ausland aufhielt. Sie fallen damit in eine Zeit, als er bereits eine öffentliche Person geworden war.

Der Beginn des öffentlichen Wirkens von Karl Marx ist markiert durch seine aufsehenerregende und doch nur kurze Zeit als Chefredakteur der liberalen "Rheinischen Zeitung" in Köln. Deren Verbot wurde durch eine im 19. Jahrhundert weit verbreitete Lithografie des angeblich Marx symbolisierenden gefesselten Prometheus allegorisiert. Obwohl Marx nicht im Porträt erscheint, wird dies suggeriert, verstärkt möglicherweise durch eine innere Wahrnehmung und unbewusste Konnotation. Auch wenn wir nicht genau wissen, wie der Bartträger Marx genau ausgesehen hat, so ergibt eine Schnittmenge aller schriftlichen Beschreibungen für den jüngeren Marx (vor den bekannten Fotografien) das Erscheinungsbild eines Mannes von knapp über 1,70 Meter Größe und gedrungener Gestalt.[8] Übereinstimmung herrscht auch darin, dass Marx einen der Mode der Zeit entsprechenden Vollbart trug, dass Haare und Bart zunächst tiefschwarz waren, sich die Haare doch bald schon nach der Revolution von 1848/49 grau zu färben begannen, nicht hingegen der Bart.

Kaum zu trennen davon waren Beschreibungen und Erinnerungen zur Wirkung der Persönlichkeit, die je nach Freund-Feind-Standpunkt mit positiven oder negativen Attributen versehen waren. Geschildert wird schon der junge Marx als ein selbstsicher auftretender Mann, der seine Argumente durch eine eindrucksvolle Gestik unterstrich und offensichtlich Energie, Willenskraft und eine unbeugsam wirkende Überzeugung ausstrahlte. All diesen Beschreibungen entspricht eine wenig bekannte Karikatur mit dem Titel "Freiheit der Meinung" in den "Fliegenden Blättern" aus dem Revolutionsjahr 1848, die Marx namentlich nicht nennt, ihn aber ohne Zweifel mit erhobener Faust zeigt.[9] Die ihm zugeschriebenen Äußerungen zeigen vor allem die Ängste des Bürgertums vor dem virulenten sozialistischen Gedankengut, das in einer Person – unverkennbar Marx – gebündelt präsentiert wird.

Die Tatsache, dass wir den gezeichneten und karikierten Redner als Karl Marx identifizieren können, mag man mit unserer Kenntnis der Fotos und der später daraus entstandenen bildlichen Darstellungen, mit unserem "Bild im Kopf" erklären. Wenn aber zeitgenössisch, das heißt während der Revolution 1848/49, der Name unerwähnt bleibt, so liegt die Vermutung nahe, dass er zu dieser Zeit eine bekannte öffentliche Person war, so bekannt eben über die Grenzen seiner Wirkungsstätte Köln hinaus, dass es einer namentlichen Erwähnung nicht bedurfte. Jedenfalls nicht in diesem Revolutionsjahr. Die Frage, ob er in den Jahren danach – bildlich gesehen – in Vergessenheit geriet, jedenfalls im ihn 1848 so fürchtenden deutschen Bürgertum, muss offenbleiben. Die Obrigkeit jedoch behielt ihn auch weiterhin im Auge. Spitzelberichte zeugen davon.


Fußnoten

1.
Auch die große Landesausstellung, die für den 200. Geburtstag im Jahr 2018 unter dem Titel "Karl Marx. 1818–1883. Leben. Werk. Zeit." in Trier vorbereitet wird, bedient sich in ihrer Werbung und bei allen Logos des Wiedererkennungseffektes des allgegenwärtigen Bildes, auch wenn sie vom Inhalt her ein anderes, ein "neues" Marx-Bild vermitteln will: ein Bild, das ihn vornehmlich im 19. Jahrhundert verortet und verständlich machen will, ohne zu ignorieren, was im 20. Jahrhundert geschehen ist und wofür Zusammenhänge mit seinen Ideen hergestellt wurden.
2.
Der Beitrag basiert im Wesentlichen auf den Inhalten der Ausstellung "Ikone Karl Marx". Ausführlich dazu: Elisabeth Dühr (Hrsg.), Ikone Karl Marx. Kultbilder und Bilderkult, Katalog zur Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift Trier, 17.3.–18.10.2013, Regensburg 2013.
3.
Vgl. Boris Rudjak, Die Photographien von Karl Marx im Zentralen Parteiarchiv des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, in: Marx-Engels-Jahrbuch, Bd. 6, Berlin (Ost) 1983, S. 293–310.
4.
Als Überblick dazu Beatrix Bouvier, Karl Marx. Vom Bildnis zur frühen Ikone, in: Dühr (Anm. 2), S. 11–19.
5.
Vgl. Manfred Kliem, Karl Marx. Dokumente seines Lebens, Leipzig 1970, S. 17.
6.
Ilse Korn/Vilmos Korn, Mohr und die Raben von London, Berlin (Ost) 1962. Aufgrund der Popularität erschien 2000 eine Neuauflage.
7.
Vgl. Eberhard Gockel, Karl Marx in Bonn. Alte Adressen neu entdeckt, Bonn 1989, S. 26ff.; Magdalena George, Das authentische Marx-Bildnis, in: Dieter Gleisberg et al. (Hrsg.), Porträts hervorragender Arbeiterführer. Ausstellungskatalog, herausgegeben im Auftrag des Ministeriums für Kultur der DDR vom Museum der bildenden Künste, Leipzig 1983.
8.
Vgl. Kliem (Anm. 5), S. 15–19.
9.
Zu dieser Geste vgl. Lutz Heusinger, Faust, in: Handbuch der politischen Ikonographie, Bd. 1, München 20112, S. 293–300.
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Autor: Beatrix Bouvier für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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