Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.

23.6.2017 | Von:
Ulrich Walwei

Agenda 2010 und Arbeitsmarkt: Eine Bilanz

Veränderte Zusammensetzung der Beschäftigung
Den Arbeitsmarktreformen wird vorgeworfen, zu einem Aufwuchs atypischer und niedrig entlohnter Beschäftigung beigetragen zu haben. Bei dieser Frage ist zum einen an direkte Effekte durch reformbedingte Rechtsänderungen wie bei den Minijobs und der Arbeitnehmerüberlassung zu denken. Zum anderen könnte es zu indirekten Effekten der Reformen zugunsten atypischer Beschäftigung insgesamt und Niedriglohnbeschäftigung gekommen sein, weil mit der Aktivierung Abschreckungs- oder Signaleffekte einhergegangen sein könnten.

Der Rückblick zeigt zunächst einmal einen insgesamt beträchtlichen Bedeutungsverlust der "Normalarbeitsverhältnisse". Hatten Anfang der 1990er Jahre noch rund zwei Drittel der Erwerbstätigen ein unbefristetes, vollzeitnahes Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Zeitarbeitsbranche, waren es zuletzt nur noch etwas mehr als die Hälfte. Die umgekehrte Entwicklung zeigt sich bei den atypischen Erwerbsformen. Setzt man letztere jedoch in Bezug zur Erwerbsbevölkerung, also den 15- bis 64-jährigen Personen, zeigt sich, dass der Aufwuchs nicht zulasten der Normalarbeit ging, sondern mit einer verringerten Zahl von Nichterwerbstätigen und Arbeitslosen verbunden war.[17] Auf der Makroebene ist damit eine Verdrängung des Normalarbeitsverhältnisses nicht erkennbar. Dazu kommt, dass sich auch in jüngerer Zeit die absoluten Zahlen für Standard-Erwerbsformen seit 2006 nicht nur wieder stabilisiert haben, sondern sogar wieder zulegen konnten.[18]

Ob nach Umsetzung der Arbeitsmarktreformen verschiedene Beschäftigungsformen zugenommen haben, kann anhand deren jährlicher Wachstumsraten betrachtet werden.[19] Bei den deregulierten Formen der Erwerbsarbeit wie Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigung lassen sich frühe Reformeffekte im Sinne eines kräftigen Anstiegs im Jahr 2004 erkennen. Dabei scheint es sich aber um einen einmaligen Niveaueffekt gehandelt zu haben, der sich in der Folgezeit nicht fortgesetzt hat (Abbildung 2). Während sich in den letzten Jahren ein Rückgang der Befristungen eingestellt hat,[20] boomt unter den atypischen Erwerbsformen alleine die sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung. Deren Anstieg hängt jedoch in erster Linie mit personellen Konstellationen, wie dem Haushaltskontext des Beschäftigten (zum Beispiel der Kinderzahl), zusammen.[21] Mögliche Gründe für das Ausbleiben einer dauerhaften Beschleunigung des Erwerbsformenwandels nach den Arbeitsmarktreformen sind zunehmende Fachkräfteengpässe auf betrieblicher Seite, die mit der verbesserten Arbeitsmarktlage in Verbindung stehende Stärkung der Verhandlungsposition von Bewerbern oder auch die erwähnten Re-Regulierungen in der jüngeren Vergangenheit.
Abbildung 2: Wachstumsraten verschiedener Erwerbsformen 1997–2006 und 2006–2015Abbildung 2: Wachstumsraten verschiedener Erwerbsformen 1997–2006 und 2006–2015


Ein ähnliches Bild zeigt sich im Niedriglohnbereich. Das "Niedriglohnrisiko" ist im Zuge des Aufschwungs am Arbeitsmarkt nach den Reformen nur noch geringfügig gewachsen. Auf der Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigen Berechnungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) in Duisburg – ausgehend von einem Schwellenwert von zwei Dritteln des Medianstundenlohns – für 2014 ein individuelles Niedriglohnrisiko von Beschäftigten in Höhe von 22,6 Prozent im Vergleich zu 21,2 Prozent im Jahr 2005 (Abbildung 3). Dagegen war der Aufwuchs von 1995 bis 2005 um 4,7 Prozentpunkte wesentlich stärker ausgeprägt. Eine Differenzierung nach Beschäftigungsformen offenbart, dass der Anstieg in der jüngeren Vergangenheit alleine auf ein erhöhtes Niedriglohnrisiko von Teilzeitbeschäftigten und Minijobbern zurückgeht. Durch die stärkere Verbreitung der Minijobs könnte es also einen gewissen Reformeffekt auf die Lohnstruktur gegeben haben. Dagegen ist das Niedriglohnrisiko der Vollzeitbeschäftigten seit 2005 insgesamt zurückgegangen. Allerdings zeigen Analysen zu befristet Beschäftigten und Leiharbeitnehmern, die häufig vollzeitbeschäftigt sind, teils beträchtliche Bruttolohnabschläge im Vergleich zu "Normalbeschäftigten".[22]
Abbildung 3: Entwicklung der Niedriglohnrisiken verschiedener Erwerbsformen im Vergleich 1995/2005/ 2014, in ProzentAbbildung 3: Entwicklung der Niedriglohnrisiken verschiedener Erwerbsformen im Vergleich 1995/2005/ 2014, in Prozent


Die Arbeitsmarktreformen kommen somit nicht als Initialzündung für wachsende Lohnungleichheiten in Betracht, weil bereits zuvor gravierende Veränderungen zu beobachten waren. In der einschlägigen Literatur wird hierfür ein ganzes Bündel von Ursachen genannt.[23] Zunächst einmal kann die rückläufige Tarifbindung einen nennenswerten Teil der Lohnungleichheit erklären.[24] Zudem haben die anfangs starken Beschäftigungsverluste in Ostdeutschland den gewerkschaftlichen Organisationsgrad dort geschwächt. Weitere Erklärungsfaktoren für die stärkere Lohnspreizung sind der wachsende internationale Handel und Outsourcingtendenzen in Teilen der Wirtschaft, die zunehmende Integration auch gering qualifizierter Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt, spezifische Effekte des technischen Fortschritts auf verschiedene Qualifikationsgruppen sowie eine stärkere Heterogenität von Betrieben in Bezug auf die Entlohnung.[25]

Fußnoten

17.
Vgl. Thomas Rhein/Ulrich Walwei, Beschäftigungsformen im europäischen Vergleich, in: Joachim Möller/Ulrich Walwei (Hrsg.), Arbeitsmarkt kompakt. Analysen, Daten, Fakten, Bielefeld 2017.
18.
Vgl. Carina Sperber/Ulrich Walwei, Treiber des Erwerbsformenwandels: Wer hat welchen Job?, in: WSI-Mitteilungen 1/2017, S. 16–26.
19.
Vgl. Martin Dietz et al., Wandel der Erwerbsformen. Welche Rolle spielen strukturelle Änderungen am Arbeitsmarkt?, in: Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik 2/2013, S. 85–104.
20.
Vgl. Stefanie Gundert et al., Zeitarbeit und Befristung, in: Joachim Möller/Ulrich Walwei (Hrsg.), Arbeitsmarkt kompakt. Analysen, Daten, Fakten, Bielefeld 2017.
21.
Vgl. Sperber/Walwei (Anm. 18).
22.
Vgl. Jahn/Pozzoli (Anm. 16); Berndt K. Keller/Hartmut Seifert, Atypische Beschäftigung zwischen Prekarität und Normalität. Entwicklung, Strukturen und Bestimmungsgründe im Überblick, Berlin 2013.
23.
Vgl. David Card et al., Workplace Heterogenity and the Rise of West German Wage Inequality, in: Quarterly Journal of Economics 128/2013, S. 967–1015.
24.
Vgl. Dirk Antonczyk et al., Rising Wage Inequality, the Decline of Collective Bargaining, and the Gender Wage Gap, in: Labour Economics 5/2010, S. 835–847; ders. et al., Polarization and Rising Wage Inequality: Comparing the U.S. and Germany, IZA Discussion Paper 4842/2010.
25.
Vgl. Ulrich Walwei, Von der Deregulierung zur Re-Regulierung: Trendwende im Arbeitsrecht und ihre Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, in: Industrielle Beziehungen 1/2015, S. 13–32.
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Autor: Ulrich Walwei für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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