Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.

23.6.2017 | Von:
Irene Dingeldey
Marie-Luise Assmann
Lisa Steinberg

Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Ein komplexes Problem – verschiedene Antworten

Übergangsregime
Der Vergleich zeigt, dass sich aus dem Zusammenspiel des Ausbildungssystems, der Institutionalisierung der staatlichen Arbeitsmarktservices sowie der sozialen Sicherung bei Arbeitslosigkeit verschiedene Übergangsregime (Abbildung) ergeben. Im systematischen Übergangsregime in Deutschland fungiert das duale Berufsbildungssystem als "Brücke" zwischen standardisierter schulischer Ausbildung und betrieblicher Beschäftigung. Entsprechend verweist auch die aktivierende Arbeitsmarktpolitik auf langfristig angelegte befähigende Berufsvorbereitungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für Jugendliche. Auch wenn dieses System in der Praxis durchaus Schwächen hat und vor allem benachteiligten Jugendlichen weniger gerecht wird, ist es vergleichsweise erfolgreich. In begleitenden Übergangsregimen wie in Tschechien dominiert ein umfassendes schulisches Ausbildungssystem mit einem niedrigen betrieblichen Anteil. Die Work-first-orientierte Arbeitsmarktpolitik zielt über direkte Arbeitsvermittlung und Lohnkostenzuschüsse für Unternehmen auf in Arbeit bringende Maßnahmen für die Jugendlichen. Allerdings werden auch Qualifizierungsmaßnahmen wie das Nachholen von Schulabschlüssen angeboten. Die Abdeckungsrate von Arbeitslosenleistungen ist zwar wesentlich geringer als in systematischen, aber dennoch höher als in solitären Übergangsregimen. Demgegenüber sind in solitären Regimen wie in Spanien Jugendliche bei ihrem Übergang in Arbeit eher auf sich allein gestellt. Das Ausbildungssystem jenseits der tertiären Ausbildung ist wenig formalisiert. Die Jugendarbeitslosigkeit ist traditionell hoch, und auch höher qualifizierte Jugendliche sind davon betroffen. Die aktivierende Arbeitsmarktpolitik, die aufgrund der fehlenden Ansprüche auf Arbeitslosenleistungen ohnehin wenige Jugendliche erreicht, setzt daher auf kurzfristige in Arbeit bringende Maßnahmen über Lohnkostenzuschüsse für Arbeitgeber. Die vorgestellten Typen sind auch in anderen europäischen Ländern zu finden, die jeweils ähnliche Merkmale haben, so etwa die Schweiz mit systematischem Übergang, Polen mit begleitetem Übergang und Griechenland mit solitärem Übergang. Die skandinavischen Länder sind tendenziell dem systematischen Übergangsregime zuzuordnen. Sie haben allerdings unterschiedliche Berufsbildungssysteme.

Verschiedene Typen von Übergangsregimen und aktivierender ArbeitsmarktpolitikVerschiedene Typen von Übergangsregimen und aktivierender Arbeitsmarktpolitik


Aktuelle Reformen

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa setzt nicht nur die Mitgliedsstaaten, sondern auch die europäischen Akteure unter Reformdruck. 2013 wurde daher vom EU-Ministerrat die Einführung einer Jugendgarantie empfohlen. Diese sieht vor, dass alle jungen Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten nach Abschluss ihrer Ausbildung oder nachdem sie arbeitslos geworden sind, ein konkretes und hochwertiges Angebot erhalten sollen. Dieses kann die Form eines Arbeits-, Ausbildungs- oder Praktikumsplatzes oder einer Weiterbildung haben.[41] Der Garantiecharakter wird als innovatives Element in der europäischen Arbeitsmarktpolitik gesehen. Obgleich keiner der Mitgliedsstaaten tatsächlich eine gesetzliche Garantie eingeführt hat,[42] wurde sowohl die politische Diskussion als auch die Reformtätigkeit angeregt. Aufgrund der zuvor skizzierten stark divergierenden Ausgangsbedingungen in den einzelnen Ländern fallen diese allerdings sehr unterschiedlich aus.

In Deutschland hat die europäische Jugendgarantie dazu beigetragen, dass zuvor etablierte Initiativen und Reformen ausgebaut wurden, so die 2010 begründeten "Arbeitsbündnisse Jugend und Beruf", die unter anderem in Form von Jugendberufsagenturen umgesetzt werden. Angesichts der insgesamt geringen Jugendarbeitslosigkeit wird hier auf Jugendliche mit komplexen Problemlagen fokussiert. Dazu wird eine engere Zusammenarbeit der Arbeitsagenturen, Jobcenter und der Jugendhilfe sowie den Bildungsbehörden angestrebt.[43] Insbesondere in größeren Städten konnten die verschiedenen Dienstleistungen in den Jugendberufsagenturen als zentraler Anlaufstelle zusammengeführt werden. Dies ist ein Schritt in Richtung einer koordinierten Unterstützung der Jugendlichen durch die verschiedenen Akteure. Probleme aufgrund unterschiedlicher Zielsetzungen und Arbeitslogiken der einzelnen Behörden sind damit jedoch nicht gelöst.

In Tschechien wird angesichts der geringen Jugendarbeitslosigkeit kaum akuter politischer Handlungsbedarf wahrgenommen. Im Zuge der Umsetzung der europäischen Jugendgarantie und darüber hinaus hat man allerdings die Bemühungen verstärkt, das Bildungssystem durchlässiger zu gestalten und besser zu koordinieren.[44] Spezifische Initiativen, um auch benachteiligte Gruppen beziehungsweise nichtregistrierte Jugendliche über Maßnahmen der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik zu erreichen, sind hier – nicht zuletzt aufgrund der geringen personellen Ausstattung der staatlichen Arbeitsvermittlung – noch eine Seltenheit.[45]

In Spanien unterstützt die europäische Jugendgarantie bereits 2012 begonnene Reformen, die auf die dargestellten Defizite des Übergangssystems beziehungsweise die Etablierung eines dualen Ausbildungssystems zielten.[46] So besteht die Möglichkeit, dass eine duale Ausbildung – ähnlich wie in Deutschland – in einem autorisierten Unternehmen und einem Ausbildungszentrum stattfindet. Andere Formen sehen die ausschließliche Ausbildung in einem Unternehmen oder einem Ausbildungszentrum vor.[47] Die Anzahl der Auszubildenden in diesen Systemen ist von 4292 im Jahr 2012/13 auf 15304 im Jahr 2014/15 gestiegen.[48] Die nächsten Jahre werden zeigen, inwieweit sich ein solches Ausbildungssystem nachhaltig etablieren kann.

Die skizzierten Reformen zeigen, dass verschiedene Länder in Europa unter anderem mithilfe der Jugendgarantie versuchen, die institutionellen Voraussetzungen so zu gestalten, dass Jugendliche bei ihrem Übergang von der Schule in den Beruf besser begleitet werden. Während systematische Übergangsregime hauptsächlich ihre bereits bestehenden Maßnahmen verfeinern, streben Systeme mit solitären Übergängen unter dem aktuellen Problemdruck grundlegende Reformen an. In begleitenden Übergangsregimen sind geringe Reformanstrengungen zu verzeichnen. Allerdings können institutionelle Veränderungen und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen allein kaum die Lage der jungen Menschen verbessern, wenn nicht auch die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt. Insbesondere in den Ländern, die am stärksten von der Krise betroffen sind, dürfte sich nicht zuletzt die rigide Sparpolitik kontraproduktiv auf die Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit auswirken.

Wir bedanken uns bei Monika Wiebke für die redaktionelle Unterstützung.

Der Artikel entstand im Rahmen des Projekts "NEGOTIATE – overcoming early job insecurity in Europe", finanziert im Rahmen des europäischen Horizon 2020-Forschungsprogramms. Fördernummer 649395.

Fußnoten

41.
Vgl. Rat der Europäischen Union, Empfehlung des Rates vom 22. April 2013 zur Einführung einer Jugendgarantie, 2013/C 120/01, 2013.
42.
Empfehlungen des EU-Ministerrates haben keinen Gesetzescharakter und sind demzufolge nicht bindend für die Mitgliedsstaaten.
43.
Bundesagentur für Arbeit, Chancen ergreifen im Arbeitsbündnis Jugend und Beruf. Sozialleistungsträger kooperieren – junge Menschen profitieren, o. O. 2014, 8ff.
44.
Vgl. Ministry of Education, Youth and Sports, Strategy for Education Policy of the Czech Republic until 2020, 2014, http://www.vzdelavani2020.cz/images_obsah/dokumenty/strategy_web_en.pdf«, S. 12.
45.
Vgl. Hora/Horáková/Sirovátka (Anm. 30), S. 54.
46.
Vgl. Ministerio de la Presidencia y para las Administraciones territoriales, Real Decreto 1529/2012, de 8 de noviembre, por el que se desarrolla el contrato para la formación y el aprendizaje y se establecen las bases de la formación professional dual, Madrid 2012.
47.
Vgl. ICF International, Developing ‚Dual Vocational Training‘ to Support the Labour Market Insertion of Young People: Can Spain Catch Up with Germany?, Mutual Learning Programme Case Study, o. O. 2012.
48.
Vgl. Europäische Kommission, Communication from the Commission: The Youth Guarantee and Youth Employment Initiative Three Years on – Part 1/2, COM/2016/0646, Brüssel 2016.
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Autoren: Irene Dingeldey, Marie-Luise Assmann, Lisa Steinberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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