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Zuwanderung und Integration. Aktuelle Zahlen, Entwicklungen, Maßnahmen


30.6.2017
Ende 2015 lebten 82,2 Millionen Menschen in Deutschland und somit rund eine Million Personen mehr als ein Jahr zuvor. Das Bevölkerungswachstum 2015 resultierte vor allem aus den hohen Zuzugszahlen – ohne Zuwanderung wäre die Zahl der Bevölkerung zurückgegangen, da im selben Jahr deutlich mehr Sterbefälle als Geburten registriert wurden.[1]

Nach einer relativ konstanten Zahl der Zuzüge von 2006 bis 2009 war in den Folgejahren ein deutlicher Anstieg der Zuzugszahlen zu verzeichnen. 2015 wurde mit 1,8 Millionen Zuzügen der bisherige Höchststand erreicht (Abbildung 1). Der Zuwachs ist vor allem auf den Anstieg der Zuwanderung aus humanitären Gründen zurückzuführen. Auch die Zahl der Fortzüge stieg 2015 weiter. Insgesamt belief sich der Wanderungsüberschuss auf 1,2 Millionen und hat sich im Vergleich zu 2014 fast verdoppelt.[2]

Abbildung 1: Zu- und Fortzüge von ausländischen Staatsangehörigen von 2006 bis 2015Abbildung 1: Zu- und Fortzüge von ausländischen Staatsangehörigen von 2006 bis 2015


Neben den vielen Schutzsuchenden 2015 kamen aber auch annähernd so viele Unionsbürger nach Deutschland sowie eine geringere Anzahl ausländischer Studierende, die ihr Studium an einer deutschen Hochschule aufgenommen haben. Zudem wurden 82.440 Aufenthaltserlaubnisse aus familiären Gründen und 38.836 Aufenthaltstitel zum Zweck der Erwerbstätigkeit erteilt (Abbildung 2).

Abbildung 2: Überblick über die wichtigsten Zuwanderergruppen 2015Abbildung 2: Überblick über die wichtigsten Zuwanderergruppen 2015


Für 2016 zeichnet sich ein Rückgang der Zuwanderungszahlen ab. In den ersten neun Monaten wurden 1.021.543 Zuzüge und 507.010 Fortzüge im Ausländerzentralregister (AZR) registriert, der Wanderungssaldo belief sich damit auf 514.533. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum gingen die Zuzugszahlen um 17 Prozent zurück, zugleich ist die Zahl der Fortzüge um 27 Prozent gestiegen – damit ist der Saldo für den Vergleichszeitraum um rund 40 Prozent zurückgegangen. Der Rückgang der Wanderungszahlen ist insbesondere auf die gesunkene Fluchtmigration zurückzuführen.

Fluchtmigration



2015 war besonders geprägt durch den Zuzug von Schutzsuchenden. Die Zahl der Einreisen war so groß, dass nicht alle Asylsuchenden ihren Antrag im selben Jahr stellen konnten. So standen rund 890.000 Einreisen 441.899 Asylerstanträge gegenüber, zu denen noch 34.750 Asylfolgeanträge kamen. Die Hauptherkunftsländer der Asylsuchenden waren Syrien, Albanien, Kosovo, Afghanistan, Irak, Serbien und Mazedonien. 2016 ging die Zahl der neueingereisten Asylsuchenden mit rund 280.000 im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurück. Doch da 2016 noch jene, die 2015 keinen Asylantrag hatten stellen können, nachregistriert werden mussten, wurden in dem Jahr insgesamt 722.370 Erstanträge gestellt.

Der Blick auf die soziodemografische Struktur der Asylerstantragsteller von 2015 und 2016 zeigt, dass fast drei Viertel von ihnen jünger als dreißig Jahre alt waren und circa ein Drittel minderjährig. Mehr als zwei Drittel der Asylerstanträge wurden von männlichen Asylbewerbern gestellt. Rund drei Viertel der Erstantragsteller waren muslimischen Glaubens, gefolgt von Christen mit rund 13 Prozent und Jesiden mit einem Anteil von 5 Prozent.

Erste Erkenntnisse über die Bildung und Arbeitsmarkterfahrung von Schutzsuchenden gibt die repräsentative IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten.[3] Für diese Studie wurden Personen befragt, die mindestens 18 Jahre alt und vom 1. Januar 2013 bis einschließlich 31. Januar 2016 nach Deutschland eingereist waren.

Die Ergebnisse zeigen, dass 31 Prozent der Befragten eine Hochschule oder eine berufliche Bildungseinrichtung besucht haben. Weitere 37 Prozent haben nach eigenen Angaben eine weiterführende Schule besucht und 32 Prozent abgeschlossen – dabei verfügen vor allem Syrer und Iraner überproportional häufig über hohe Bildungsabschlüsse. Lediglich 10 Prozent haben nur eine Grundschule in ihrem Herkunftsland besucht, weitere 9 Prozent haben keine Schulbildung. Gleichzeitig ergab die Untersuchung eine hohe Bildungsaspiration: 46 Prozent der Befragten ohne Schulabschluss oder mit einem niedrigen wollen einen (höheren) erwerben.

Eine Basis für berufliche Integration ist gegeben: 73 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 65 Jahren können Berufserfahrung nachweisen. Darunter 30 Prozent als Arbeiter, 25 Prozent als Angestellte ohne Führungsposition sowie 13 Prozent als Angestellte mit Führungsposition. Allerdings bleibt dabei die Herausforderung der Sprache, denn über 90 Prozent der Befragten verfügten vor ihrer Flucht über keine Deutschsprachkenntnisse. Die subjektive Einschätzung der Sprachkenntnisse steigt aber mit der Dauer des Aufenthalts: 18 Prozent der Befragten, die sich höchstens seit zwei Jahren in Deutschland aufhalten, gaben bereits an, über gute und sehr gute Deutschkenntnisse zu verfügen; 35 Prozent gaben mittlere und 47 Prozent schlechte Sprachkenntnisse an. Bei Personen, die länger als zwei Jahre in Deutschland leben, liegt der Anteil mit sehr guten oder guten Deutschkenntnissen bereits bei 32 Prozent, mit mittleren bei 37 Prozent.

EU-Binnenmigration von Unionsbürgern



Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren ebenso zu einem wichtigen Zielland für Unionsbürger entwickelt: Die Zahl der in Deutschland lebenden Unionsbürger hat sich laut AZR von rund 2,7 Millionen Personen im Jahr 2010 auf 4,0 Millionen Personen im Jahr 2015 deutlich erhöht.[4] Besonders gewachsen ist die Zahl der Staatsangehörigen aus Mitgliedsstaaten, die im Zuge der EU-Osterweiterung beigetreten sind. Die Zahl der rumänischen und polnischen Staatsangehörigen hat seit 2010 um jeweils mehr als 300.000 Personen zugenommen, die der bulgarischen um rund 152.000 Personen. Allein aus diesen drei Ländern kommen damit 59 Prozent der im Jahr 2015 zu verzeichnenden zusätzlichen Unionsbürger. Weitere 16 Prozent machen Staatsangehörige aus den südeuropäischen Staaten Italien, Griechenland, Spanien und Portugal aus.

Für die Einreise benötigen Unionsbürger weder ein Visum noch einen Aufenthaltstitel. Entsprechend können aus dem AZR zwar die Zahl der gemeldeten Unionsbürger und der Zeitpunkt ihrer Einreise entnommen werden, nicht aber Informationen über das Motiv oder den Zweck der Einreise.

Über rumänische und polnische Staatsangehörige liegen jedoch aktuelle Informationen vor, die 2015 im Rahmen der Repräsentativuntersuchung ausgewählte Migrantengruppen (RAM) des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erhoben wurden.[5] Die Analysen zeigen, dass bei beiden Gruppen arbeitsmarktorientierte Gründe der Zuwanderung dominieren. Rund 70 Prozent der seit 2010 Zugewanderten kamen nach Deutschland, um eine Arbeit zu suchen oder ein Arbeitsverhältnis aufzunehmen. Zugleich lebte weniger als jeder Zehnte in einem Haushalt, in dem Transferleistungen die einzige Einkommensquelle darstellen. Ergebnisse des Zuwanderungsmonitors des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) deuten zudem darauf hin, dass die Arbeitsmarktorientierung bei Unionsbürgern insgesamt stark ausgeprägt ist. So lag die Beschäftigungsquote bei Bürgern aller 27 EU-Länder (ohne Deutschland) im Alter von 15 bis unter 65 Jahren im Februar 2017 bei 54 Prozent.[6] Bei bulgarischen und rumänischen Staatsangehörigen war sie mit 59 Prozent sogar etwas höher.

Die RAM-Daten verdeutlichen weiter, dass die meisten der seit 2010 zugewanderten polnischen Frauen und Männer über ein gutes Qualifikationsprofil verfügen.[7] 76 Prozent können einen mittleren oder hohen Schulabschluss vorweisen. 83 Prozent haben eine berufliche Ausbildung oder ein Studium absolviert. Rumänische Neuzuwanderer bringen etwas schlechtere Voraussetzungen mit. Dies betrifft weniger die schulische Bildung, immerhin 68 Prozent haben einen mittleren oder hohen Schulabschluss. Allerdings verfügen 38 Prozent weder über einen beruflichen Ausbildungs- noch einen Studienabschluss. Da insbesondere gering Qualifizierte auf dem deutschen Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben, ist bei einem Teil der Betroffenen von prekären Arbeitsverhältnissen und einem hohen Arbeitslosenrisiko auszugehen.

Der Zuwanderungsmonitor bestätigt, dass sich die Arbeitsmarktintegration bei einem Teil der bulgarischen und rumänischen Staatsangehörigen als schwierig erweist. Die SGB-II-Quote[8] beträgt 19 Prozent und ist damit höher als bei Unionsbürgern insgesamt (12 Prozent).[9] Gleichzeitig ist der Anteil der "Aufstocker", also erwerbstätiger Leistungsbezieher, überproportional hoch.

Unionsbürger haben keinen gesetzlichen Anspruch auf die Teilnahme an einem Integrationskurs. Sie können jedoch unter bestimmten Bedingungen zugelassen werden, wenn es freie Plätze gibt – und der Andrang ist groß. 2015 waren 42 Prozent der neuen Integrationskursteilnehmer Unionsbürger. 2016 ist der Anteil auf 18 Prozent gesunken.[10] Dies ist jedoch weniger auf ein sinkendes Interesse zurückzuführen. Vielmehr wurden die Kursplätze verstärkt an anspruchsberechtigte Geflüchtete mit längerfristiger Aufenthaltsperspektive vergeben.


Fußnoten

1.
Das Zuwanderungsgeschehen in Deutschland wird in diesem Beitrag auf Basis der Daten des Ausländerzentralregisters (AZR) betrachtet, da diese eine Differenzierung von Einreise und Aufenthalt nach Aufenthaltszwecken ermöglichen. Im Gegensatz zur amtlichen Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamtes werden Daten von Personen, die mehrfach im Jahr zu- und fortziehen, hier nur einmal erfasst. Daher fallen die Zahlen des AZR geringer aus als in der fallbezogenen Wanderungsstatistik.
2.
Vgl. Bundesministerium des Innern (BMI)/Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Migrationsbericht 2015, Berlin–Nürnberg 2016.
3.
Vgl. Herbert Brücker et al. (Hrsg.), IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, IAB-Forschungsbericht 14/2016.
4.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Ausländische Bevölkerung, Ergebnisse des Ausländerzentralregisters, Fachserie 1, Reihe 2, Wiesbaden 2016, S. 30ff.
5.
Vgl. Christian Babka von Gostomski, Aspekte der Integration von zugewanderten rumänischen und polnischen Staatsangehörigen in Deutschland, BAMF-Kurzanalyse 6/2016, S. 3ff.
6.
Vgl. Herbert Brücker et al., Zuwanderungsmonitor, IAB, Aktuelle Berichte 4/2017.
7.
Vgl. Babka von Gostomski (Anm. 5), S. 5.
8.
Anteil der Leistungsberechtigten nach dem SGB II (Grundsicherung für Arbeitssuchende) an der jeweils betrachteten Bevölkerungsgruppe von 0 bis zur Regelaltersgrenze (65).
9.
Vgl. Brücker et al. (Anm. 6), S. 5.
10.
BAMF, Bericht zur Integrationskursgeschäftsstatistik für das Jahr 2016, Abfragestand: 3.4.2017, http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Integration/2016/2016-integrationskursgeschaeftsstatistik-gesamt_bund.pdf?__blob=publicationFile«, S. 6.
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Autoren: Özlem Konar, Axel Kreienbrink, Anja Stichs für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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