Eine Gruppe Kindergartenkinder mit Betreuer und Spaziergaenger gehen durch eine Allee herbstlich gefaerbter Laubbaeume an der Dreisam in Freiburg, 27.10.2016.
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Geschlechter(un)gerechtigkeit: Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf


21.7.2017
Die (Un-)Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Dauerthema in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Lange galt es als Frauenthema, wie die Soziologin Arlie Hochschild bereits 1989 in ihrem viel zitierten Buch "The Second Shift" einprägsam aufzeigte. Damals wie heute leisten Mütter den Großteil an Haus- und Sorgearbeit – auch wenn sie voll erwerbstätig sind. Zugleich sind ihre Einkommens- und Aufstiegschancen nach wie vor geringer als die von Vätern und von kinderlosen Frauen. Immer mehr Frauen, vor allem hochqualifizierte, verschieben ihre Familienplanung oder bleiben kinderlos. Kinder und Karriere schließen sich für Frauen häufig noch aus. Seit einigen Jahren gewinnt das Thema aber auch bei Männern an Bedeutung. Dennoch übernehmen Väter nach wie vor mehrheitlich die Rolle der Familienernährer, obwohl sich eine wachsende Zahl von ihnen wünscht, weniger Zeit mit Erwerbsarbeit und mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Die Vereinbarkeitsfrage ist also eine geschlechtsspezifische: Für Mütter geht es um mehr Teilhabe am Erwerbsleben und berufliche Chancen, für Väter um mehr Teilhabe an der Sorgearbeit und am Familienleben.

Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit



Mit Familiengründung kommt es häufig zu einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen. Statistisch messbar beginnt sie mit der Inanspruchnahme von Elternzeit. Obwohl seit der Einführung des Elterngeldes 2007 die Väterbeteiligung zuletzt bis auf über 34 Prozent im Jahr 2014 gestiegen ist, nimmt im Verhältnis noch immer ein deutlich größerer Teil von 96 Prozent der Mütter das Elterngeld in Anspruch.[1] Auch die Länge der Inanspruchnahme unterscheidet sich erheblich: Während zuletzt fast 93 Prozent der Mütter zwischen zehn und zwölf Monate Elterngeld bezogen, nahmen 79 Prozent der Väter lediglich bis zu zwei Partnermonate, um die maximale Bezugszeit vollständig auszuschöpfen.[2]

Die im Übergang zur Elternschaft beginnende Weichenstellung in der Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit spiegelt sich auch in Zahlen zur Erwerbstätigkeit wider:[3] Mütter sind seltener erwerbstätig als Väter. 2013 waren 61 Prozent der Mütter erwerbstätig, während es von den Vätern 84 Prozent waren. Mütter sind auch seltener erwerbstätig als kinderlose Frauen, Väter hingegen gehen genauso häufig oder sogar häufiger einer Erwerbstätigkeit nach als kinderlose Männer. Von den Müttern, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen, arbeitet der Großteil – 70 Prozent – in Teilzeit. Bei Vätern liegt die Teilzeitquote mit 5,6 Prozent hingegen sogar unter der von kinderlosen Männern. Nur eine Minderheit erwerbstätiger Eltern in Paargemeinschaften lebt gegenwärtig Modelle, bei denen beide Elternteile in etwa gleichem Umfang arbeiten. So gingen 2013 bei knapp 25 Prozent aller berufstätigen Elternpaare beide einer Vollzeittätigkeit nach; Paare, bei denen beide einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, sind mit einem Anteil von drei Prozent bislang die Ausnahme. Die große Mehrheit der Väter arbeitet in Vollzeit. Unter Paaren dominiert das sogenannte "Vereinbarkeitsmodell der männlichen Versorgerehe",[4] bei dem der Mann mit einer Vollzeitbeschäftigung die Rolle des Familienernährers übernimmt und die Frau primär für die Versorgung der Kinder und des Haushalts verantwortlich ist und im Rahmen einer Teilzeitbeschäftigung den kleineren Teil zum Haushaltseinkommen beiträgt. Im Gegenzug wenden Mütter durchschnittlich knapp 40 Stunden pro Woche für Kinderbetreuung und Hausarbeit auf, Väter mit 22 Stunden etwa die Hälfte davon.[5]

Für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung hat die Sachverständigenkommission erstmals ein Maß für die Ungleichverteilung der Sorgearbeit vorgeschlagen: den sogenannten gender care gap. Er misst, wie viel Zeit Frauen täglich mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. 2012/13 betrug der Abstand in Paarhaushalten mit Kindern 83,3 Prozent; das bedeutet in Stunden, dass Mütter täglich zweieinhalb Stunden mehr mit Betreuungs- und Haushaltstätigkeiten verbrachten als Väter.[6]

Die Art des Aufteilungsarrangements unterscheidet sich jedoch nach sozialstrukturellen Merkmalen. Beispielsweise ist die Erwerbsbeteiligung bei Müttern im Gegensatz zu Vätern erheblich vom Alter der Kinder abhängig: Während weniger als ein Drittel der Mütter mit unter dreijährigen Kindern erwerbstätig ist, sind es bereits doppelt so viele, wenn das jüngste Kind zwischen drei und fünf Jahre alt ist.[7] Auch die berufliche Qualifikation ist von großer Bedeutung, insbesondere die der Mutter.[8] Das Modell des männlichen Alleinverdieners ist am häufigsten unter Paaren verbreitet, bei denen die Mutter über keinen Berufsabschluss verfügt. Vollzeit/Vollzeit-Konstellationen kommen hingegen am häufigsten unter Akademikerpaaren vor. Das am weitesten verbreitete Vollzeit/Teilzeit-Modell findet sich am ehesten bei Paaren, bei denen beide einen beruflichen Ausbildungsabschluss haben. Hinzu kommen große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: In Westdeutschland leben 76 Prozent der berufstätigen Elternpaare ein Vollzeit/Teilzeit-Modell, in Ostdeutschland sind es nur 46 Prozent. In nahezu der Hälfte aller Paargemeinschaften im Osten arbeiten beide Elternteile in Vollzeit.[9]


Fußnoten

1.
Vgl. das Genderdatenportal des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böcker-Stiftung: http://www.boeckler.de/wsi_38957.htm«.
2.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Statistik zum Elterngeld. Beendete Leistungsbezüge für im Jahr 2014 geborene Kinder, Wiesbaden 2016.
3.
Zum Folgenden vgl. Matthias Keller/Thomas Haustein, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ergebnisse des Mikrozensus 2013, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wirtschaft und Statistik 12/2014.
4.
Vgl. Birgit Pfau-Effinger, Kultur und Frauenerwerbstätigkeit in Europa. Theorie und Empirie des internationalen Vergleichs, Opladen 2000.
5.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Wie die Zeit vergeht: Ergebnisse zur Zeitverwendung in Deutschland 2012/2013, Wiesbaden 2015.
6.
Vgl. Sachverständigenkommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten, Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, Berlin 2017, http://www.gleichstellungsbericht.de«.
7.
Vgl. WSI Genderdatenportal (Anm. 1).
8.
Vgl. Jeanette Bohr, Realisierungschancen egalitärer Erwerbsmodelle. Analysen zur Erwerbsbeteiligung in Partnerschaften mit Kindern auf Basis des Mikrozensus, Köln 2014.
9.
Vgl. Keller/Haustein (Anm. 3).
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Autor: Janine Bernhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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