Eine Gruppe Kindergartenkinder mit Betreuer und Spaziergaenger gehen durch eine Allee herbstlich gefaerbter Laubbaeume an der Dreisam in Freiburg, 27.10.2016.
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Wettbewerbsvorteil Familienbewusstsein. "Familienpolitik" von Unternehmen


21.7.2017
Vorangetrieben durch den demografischen Wandel und den damit verbundenen Rückgang der Erwerbsbevölkerung werben deutsche Unternehmen im war for talents verstärkt mit ihrem familienbewussten Angebot. Längst haben sie verstanden, dass vielen Beschäftigten eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf oftmals wichtiger ist als das Gehalt oder andere Boni wie ein Eckbüro oder eine Betriebsrente. Mit der sogenannten Generation Y (Why?) drängt zudem eine vermeintlich besonders kritisch fragende Generation auf den Arbeitsmarkt, die selbstbestimmtes und sinnhaftes Arbeiten auf Augenhöhe fordert. Diese Gruppe der ab Anfang der 1980er Jahre Geborenen ist hoch motiviert und verfügt über große Problemlösungskompetenz. Um diese zu entfalten, brauchen ihre Angehörigen aber Gestaltungsspielraum und ein Umfeld, das sie als Menschen wertschätzt. Neben neuen, agilen Formen des Zusammenarbeitens ist dafür eine Unternehmenskultur notwendig, die auch die Bedürfnisse und Verpflichtungen von Eltern anerkennt und mit entsprechenden Angeboten darauf reagiert.

Wie wichtig Unternehmen in Deutschland das Thema Familienfreundlichkeit ist, zeigt sich in der wachsenden Anzahl von Unternehmen, die ihr Familienbewusstsein extern begutachten lassen – sei es durch das Audit "Beruf und Familie" der Hertie-Stiftung oder durch lokale Bündnisse für Familie –, aber auch in der steigenden Mitgliederzahl in Netzwerken, die sich mit der Vereinbarkeit befassen, allen voran das Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" der Deutschen Industrie- und Handelskammer mit mittlerweile 6550 Mitgliedsunternehmen.

Die Bedeutung des Themas für die Privatwirtschaft bestätigen auch Untersuchungen: So gaben 77,4 Prozent der befragten Geschäftsführungen und Personalverantwortlichen im Rahmen des "Unternehmensmonitors Familienfreundlichkeit 2016" an, dass Familienfreundlichkeit nicht nur für ihre Beschäftigten, sondern auch für das Unternehmen selbst wichtig sei. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber 2003: Damals lag der Wert noch bei 46,5 Prozent.[1] 74 Prozent glauben gar, dass sich ihr Familienbewusstsein betriebswirtschaftlich auszahlt.[2] Familienbewusstes Verhalten hat sich für die deutschen Unternehmen somit zu einem wichtigen Faktor im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte entwickelt. Aber trotz aller positiven Entwicklungen und vieler erfreulicher Beispiele in der deutschen Unternehmenslandschaft gibt es weiteres Entwicklungspotenzial.

Gewandelte Rollenbilder



Aktuellen Prognosen zufolge werden dem deutschen Arbeitsmarkt bis 2020 rund 1,8 Millionen Fachkräfte fehlen.[3] Auch wenn der Mangel noch nicht flächendeckend ist, gibt es laut Agentur für Arbeit in einzelnen technischen Berufsfeldern sowie in einigen Gesundheits- und Pflegeberufen bereits Engpässe.[4] Betroffen sind sowohl kleine und mittelständische Unternehmen als auch Konzerne. Schon heute führt das sinkende Angebot an Fachkräften, gepaart mit dem steigenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, zunehmend zu einem Wandel auf dem Arbeitsmarkt – weg von einem Arbeitgeber- hin zu einem Arbeitnehmermarkt: Nicht nur die Arbeitgeber suchen sich ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus, sondern zunehmend sitzen die Absolventinnen und Absolventen am längeren Hebel und suchen sich ihre Arbeitgeber aus.

War früher möglicherweise der Firmenwagen der primäre Anreiz für potenzielle Arbeitnehmer, eine Stelle anzunehmen, ist es heute der Kitaplatz: Der neuen Elterngeneration ist die Familienfreundlichkeit ihres Arbeitgebers wichtig. In einer Befragung für das Bundesfamilienministerium gaben 2010 etwa 90 Prozent der Arbeitnehmenden zwischen 25 und 39 Jahren an, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sie mindestens eine ebenso große Rolle spielt wie das Gehalt. 77 Prozent der Eltern in dieser Altersgruppe gaben an, dass sie ihren Arbeitgeber für mehr Familienfreundlichkeit wechseln würden, und 27 Prozent berichteten gar, dass sie dies sogar schon einmal getan hätten.[5]

Dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf so an Bedeutung gewonnen hat, ist unter anderem auf ein grundlegend verändertes Rollenverständnis bei Frauen und Männern zurückzuführen. Frauen sind heute im Durchschnitt besser ausgebildet und legen größeren Wert auf Selbstständigkeit und Unabhängigkeit als noch die Generation ihrer Mütter. Sie wollen beruflich nicht zurückstecken, wenn sie selbst Mütter werden.[6] Viele Mütter, die länger als ein halbes Jahr in Elternzeit waren, wären zudem gerne früher wieder in den Beruf eingestiegen.[7] Auch zeigen Untersuchungen immer wieder, dass Mütter gerne mehr Stunden zur Arbeit gehen würden. Aufgrund der Herausforderungen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit sich bringen – zum Beispiel eine passende Kinderbetreuung zu finden –, sind derzeit aber noch viele Mütter gezwungen, Abstriche bei der Arbeitszeit zu machen.

Gleichzeitig möchten sich auch junge Väter stärker an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen, als dies noch zu Zeiten ihrer Väter der Fall war. Dieser Wandel zeigte sich bereits in der ersten großen Väterstudie in den 1990er Jahren. Zwei Drittel der Väter sahen sich demnach schon damals mehr als Erzieher denn als Ernährer.[8] Eine Trendstudie der Väter gGmbH von 2012 und auch die Studie "Nur Mut!" der Unternehmensberatung A.T. Kearney von 2014 bestätigen diese Entwicklung: Immer mehr Männer kümmern sich aktiver um ihre Kinder als frühere Vätergenerationen. Statt allein die Karriere in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen, legen viele den Fokus auch auf ihr Privatleben, ihre Partnerschaft und ihre Kinder.[9]

Viele heutige Mütter und Väter streben eine Partnerschaft auf Augenhöhe an, in der sich beide gleichberechtigt um die Familie und die eigene Karriere kümmern können. Karriereschritte und Familienzeiten handeln sie gemeinsam aus. Der Wunsch nach mehr Unterstützung für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist entsprechend ausgeprägt, wie unter anderem der "Monitor Familienleben 2014" vom Institut für Demoskopie Allensbach zeigt: Demnach halten es 61 Prozent der Bevölkerung für wichtig, dass Eltern mit Kindern unter drei Jahren so unterstützt werden, dass beide Partner berufstätig sein können.[10]

Familienfreundlichkeit: Mehr als nur Kinderbetreuung



Beim Thema Familienfreundlichkeit geht es jedoch nicht nur um die Vereinbarkeit des Berufslebens mit Kindererziehung, sondern auch um die Vereinbarkeit des Berufs mit anderen Fürsorgeaufgaben, etwa der Pflege der eigenen Eltern. Diese ist für alle Beteiligten eine mindestens ebenso große Herausforderung, und auch in diesem Bereich gilt es, die betroffenen Personengruppen durch bessere Arbeitsbedingungen zu unterstützen. Die stetig steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen verbunden mit dem Fachkräftemangel im Pflegesektor führt dazu, dass sich immer mehr Berufstätige neben ihrem Job intensiv um Angehörige kümmern müssen. Von derzeit knapp 2,9 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird etwas weniger als die Hälfte (1,4 Millionen) allein durch Angehörige gepflegt.[11] Hinzu kommt, dass auch ältere Menschen ohne Pflegestufe oftmals Unterstützung benötigen. Noch wird die Pflege zu einem hohen Prozentsatz von Frauen erledigt, doch auch hier übernehmen immer mehr Männer Verantwortung.

Laut einer Studie des Allensbach-Instituts hat bereits jedes zweite Unternehmen Erfahrung mit Beschäftigten, die Angehörige pflegen. Bei Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten sind es sogar 66 Prozent.[12] Viele der befragten Unternehmen gaben jedoch an, weder zu wissen, wie sie ihre Angestellten unterstützen können, noch, wie viele tatsächlich von der Doppelbelastung von Beruf und Pflege betroffen sind. Vereinbarkeitsprobleme von Beruf und Pflege sind vielerorts offenbar noch ein Tabuthema – mit Auswirkungen auf die Arbeit, aber auch auf die Gesundheit der Betroffenen.


Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2016, Berlin 2016, S. 11; Unternehmensmonitor 2006, Berlin 2006, S. 10.
2.
Vgl. Renate Köcher, Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Sicht der deutschen Unternehmen, 6.9.2009, http://www.vaeter-in-balance.de/cms/upload/PDFs/PDF-fkr/Koecher-Allensbachstudie.pdf«.
3.
Vgl. Deutsche Presse-Agentur, Studie: Deutschland fehlen im Jahr 2020 1,8 Millionen Arbeitskräfte, 21.5.2015, http://www.t-online.de/nachrichten/id_74084030«.
4.
Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Blickpunkt Arbeitsmarkt – Fachkräfteengpassanalyse, Nürnberg 2016.
5.
Vgl. BMFSFJ, Familienfreundlichkeit – Erfolgsfaktor für Arbeitgeberattraktivität, Kurzfassung, Berlin 2010, S. 6.
6.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf, 2015, S. 31ff., http://www.bmfsfj.de/blob/75814/3abe60da2e82a391b09079daad17a4da/studie-allensbach-familie-beruf-data.pdf«.
7.
BMFSFJ, Familie und Arbeitswelt – Die NEUE Vereinbarkeit, Berlin 2015, S. 21.
8.
Vgl. Wassilios E. Fthenakis, Väter, Bd. 2: Zur Vater Kind Beziehung in verschiedenen Familienstrukturen, München 1988.
9.
Vgl. Väter gGmbH, Trendstudie "Moderne Väter", Hamburg 2012; A.T. Kearney GmbH, Nur Mut! Wie familienfreundliche Unternehmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen. Ergebnisse der zweiten Arbeitnehmerbefragung, A.T. Kearney 361° – Die Welt unserer Kinder, Düsseldorf 2014.
10.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Monitor Familienleben 2014, Allensbach 2014 (unveröffentlicht).
11.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Knapp 2,9 Millionen Pflegebedürftige im Dezember 2015, Pressemitteilung, 16.1.2017.
12.
Vgl. BMFSFJ, Vereinbarkeit von Pflege und Beruf: Wie Unternehmen Beschäftigte mit Pflegeaufgaben unterstützen können, Berlin 2014, S. 7.
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Autoren: Nicole Beste-Fopma, Volker Baisch für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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