APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Axel Schildt

Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden?

Zur zeitgeschichtlichen Erforschung kulturellen Transfers und seiner gesellschaftlichen Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg

Die diffuse Begrifflichkeit der "Amerikanisierung" ist eher umgangssprachlich als wissenschaftlich ausgewiesen. Verbunden wird damit in der Regel die Annahme eines zunehmenden amerikanischen Einflusses seit 1945 auf die westdeutsche Gesellschaft.

Einleitung

Eine mittlerweile gängige Erzählung der Geschichte des westlichen Teils Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg lautet, dass dieser in immer stärkerem Maße "amerikanisiert" worden sei; von allen Westeuropäern hätten gerade die Westdeutschen am begierigsten die Angebote aus der "Neuen Welt" jenseits des Atlantik aufgenommen, nachdem die nationalistische Hybris in der "deutschen Katastrophe" (Friedrich Meinecke) ihr Ende gefunden habe [1] . Diese Erzählung ist nicht falsch und bezieht ihre Eindrücklichkeit und Plausibilität ebenso aus den Erinnerungen von Zeitzeugen an die Nachkriegszeit und aus literarischen Darstellungen jener Jahre - etwa in Wolfgang Koeppens Roman "Tauben im Gras" (1948) - wie aus aktuellen Phänomenen der Welt des "Business", der Moden, der Kommunikation, die als Steigerung der "Amerikanisierung" bis in die Gegenwart erscheinen [2] .


Das Interesse an der Gesellschaft und Kultur der Bundesrepublik, die - entgegen manchen Besorgnissen - für Jahrzehnte von existenziellen Krisen verschont blieb, wird vor diesem Hintergrund zu einem guten Teil von Fragen nach ihrem Weg in den Westen gespeist [3] , und es ist nicht verwunderlich, dass sich die Zeitgeschichtsforschung seit einigen Jahren verstärkt diesem Themenfeld zugewandt hat [4] . Bei näherem Hinsehen zeigte sich dabei allerdings, dass die Geschichte kulturellen Transfers aus den USA nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus nicht widerspruchsfrei verlief. Der folgende Überblick skizziert zunächst sehr knapp die traditionsreiche Begriffsgeschichte zur "Amerikanisierung" (I) und wendet sich dann ihren Dimensionen im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg (II) sowie in der Hochzeit der "Ära Adenauer" und im gesellschaftlichen Transformationsprozess der sechziger Jahre (III) zu. Mit dem Übergang zur Konsumfülle nach der anfänglichen Kargheit des Wiederaufbaus vermehrten sich jene Momente, die als "Amerikanisierung" angesprochen wurden, wenngleich sich seit den siebziger Jahren - vom Fast Food bis zur Kopfbedeckung - durchaus noch weitere Entwicklungsstufen ergeben sollten, die hier nicht analysiert werden können.

Fußnoten

1.
Diese Auffassung findet sich etwa bei Richard Löwenthal, Kulturwandel und Generationenwechsel im westlichen Nachkriegsdeutschland, in: James A. Cooney/Gordon A. Craig/Hans-Peter Schwarz/Fritz Stern (Hrsg.), Die Bundesrepublik und die Vereinigten Staaten von Amerika. Politische, soziale und wirtschaftliche Beziehungen im Wandel, Stuttgart 1985, S. 55-86; vgl. ferner Ralph Willett, The Americanization of Germany, 1945-1949, London 1989.
2.
Vgl. Claus Leggewie, Amerikas Welt. Die USA in unseren Köpfen, Hamburg 2000, sowie die Beiträge zum Thema Europa oder Amerika? Zur Zukunft des Westens, in: Merkur, 54 (2000) 9/10.
3.
Vgl. Axel Schildt, Ankunft im Westen. Ein Essay zur Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, Frankfurt/M. 1999.
4.
Vgl. Anselm Doering-Manteuffel, Dimensionen von Amerikanisierung in der westdeutschen Gesellschaft, in: Archiv für Sozialgeschichte, 35 (1995), S. 1-34; Bernd Greiner, "Test the West". Über die "Amerikanisierung" der Bundesrepublik Deutschland, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 6 (1997) 5, S. 4-40; Philipp Gassert, Amerikanismus, Antiamerikanismus und Amerikanisierung. Neue Literatur zur Sozial- und Kulturgeschichte des amerikanischen Einflusses in Deutschland und Europa, in: Archiv für Sozialgeschichte, 39 (1999), S. 531-561; Axel Schildt, Amerikanisierung, in: Detlef Junker/Philipp Gassert/Wilfried Mausbach/David B. Morris (Hrsg.), Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges 1945-1990. Ein Handbuch, Stuttgart 2000 (i. E.).