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26.5.2002 | Von:
Elmar Rieger
Stephan Leibfried

Wohlfahrtsmerkantilismus

Wechselwirkungen zwischen demokratischer Sozialpolitik und Welthandelsordnung

Wohlfahrtsstaaten und internationale Regime der Weltwirtschaft sind enger miteinander verbunden, als die "Standortdebatte" glauben macht. Die Sozialpolitikexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubte es Regierungen, protektionistische Instrumente langsam abzubauen.

Einleitung

Die internationale Wirtschaft ist seit den siebziger Jahren marktliberaler und offener geworden. Zölle sind, zumindest im OECD-Bereich, kaum noch in der Lage, den Handel in seiner Gesamtheit zu beeinträchtigen. Die anderen Instrumente, mit denen Regierungen traditionell den grenzüberschreitenden Handel regulieren konnten, hauptsächlich Quoten und Importlizenzen, sind zunehmend außer Gebrauch gekommen. Ein selbständig organisiertes und sanktionsbewehrtes internationales Wirtschaftsrecht scheint inzwischen Regierenden und Volksvertretern deutliche Schranken zu setzen, ihre Außenwirtschaft allein und nach eigenem Ermessen zu gestalten. [1]


Wie kann diese Entwicklung erklärt werden? Das Problem liegt darin, dass die Verpflichtung der nationalen Politik auf soziale Ziele - die durch die Einrichtung demokratischer Wohlfahrtsstaaten und ihre Verankerung in den Verfassungen immer stärker geworden ist - in der Wissenschaft und Politik der Zwischenkriegszeit immer dafür verantwortlich gemacht worden war, einen zunehmend protektionistischeren Staat zu begünstigen und so eine nationale Politik des Freihandels zur Utopie zu machen. Den utopischen Charakter der Freihandelsdoktrin formulierte bereits 1832 Henry Clay im amerikanischen Senat: "The call for free trade is as unavailing as the cry of a spoiled child, in its nurse's arms, for the moon, or the stars that glitter in the firmament of heaven. It never existed, it never will exist" [2] . Die einzige historische Ausnahme sind die beiden Jahrzehnte nach Aufhebung der britischen Getreide(zoll)gesetze, der Corn Laws von 1846, die für ganz Europa die Weichen der Handelspolitik in Richtung Freihandel umstellten [3] .


Die Entwicklung zu einer offeneren und marktliberaleren Weltwirtschaft, die die Grundlage der wirtschaftlichen Globalisierung der letzten Jahrzehnte bildet, ist jedoch keineswegs so selbstverständlich, wie allgemein angenommen wird. Grundlage einer Globalisierungsbewegung ist das dauerhafte stärkere Wachstum des grenzüberschreitenden Handels verglichen mit dem Wachstum der Wirtschaft selbst. Folge war eine zunehmende Integration von Volkswirtschaften und die Vertiefung internationaler Arbeitsteilung. Dieser Prozess ist aber - wie die Entwicklungen zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zeigen - umkehrbar. Technischer Fortschritt und Verringerung der internationalen Transaktionskosten sind jedoch sowohl kontinuierliche wie kumulative Prozesse. Niemand bezweifelt, dass heute im Unterschied zu 1913 die Transport- und Kommunikationstechnologie sehr viel weiter entwickelt ist und ihre Kosten auch sehr viel niedriger liegen. Trotzdem waren in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die entwickelten Volkswirtschaften nicht nur weit stärker in die Weltmärkte integriert als noch 1960, sondern diese Integration erstreckte sich auch auf die Arbeitsmärkte [4] . Der Umfang und die Wachstumsraten des internationalen Handels sind ausgeprägt diskontinuierlich, und diese Diskontinuitäten sind noch stärker, wenn man das Weltmarktschicksal einzelner Länder betrachtet [5] . Das Anschauungsmaterial ausgeprägter Diskontinuitäten welt- und außenwirtschaftlicher Entwicklung lässt sich auch gegen Erklärungen wenden, die politisches Lernen betonen. Wenn es eine unangefochtene Lehre in der Wirtschaftswissenschaft seit den Tagen von Adam Smith und David Ricardo gibt, dann ist es die von der Vorteilhaftigkeit des Freihandels [6] .

Warum wandten sich dann aber die meisten Länder im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts immer stärker vom Freihandel ab und dem Protektionismus zu? Und warum waren die Regierungen erst nach dem Zweiten Weltkrieg - und dann nur unter großen Mühen - von den Vorteilen marktliberaler Handelspolitik zu überzeugen?

Die Fragerichtung muss also umgedreht werden: Wie erklärt man, dass sich vor allem und zunächst Formen einer Handelspolitik ausbreiteten, die die Grenzen für Importe trotz der auch damals revolutionären Fortschritte der Transport- und Kommunikationstechnologien schlossen? Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm der Protektionismus ständig zu - selbst in Großbritannien, das den Freihandel am weitesten entwickelt hatte und dessen Regierung der Freihandelspolitik am längsten treu geblieben war.

Fußnoten

1.
Erheblich gekürzte Fassung eines Kapitels in Elmar Rieger und Stephan Leibfried, Grenzen der Globalisierung. Perspektiven des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt am Main: Suhrkamp, April 2001.
2.
Hier zitiert nach Stefan Voigt, Die Welthandelsordnung zwischen Konflikt und Stabilität, Freiburg i.Br. 1992, S. 193.
3.
Vgl. Charles Kindleberger, The Rise of Free Trade in Western Europe, 1820-1875, in: Journal of Economic History, 35 (1975), S. 20-55.
4.
Vgl. Jeffrey G. Williamson, Globalization and the Labor Market: Using History to Inform Policy, in: Philippe Aghion/ders., Growth, Inequality and Globalization. Theory, History and Policy, Cambridge 1998, S. 103-200.
5.
Vgl. Angus Maddison, Monitoring the World Economy, 1820-1992, Paris: OECD 1995; ders., Dynamic Forces in Capitalist Development. A Long-Run Comparative View, Oxford u. a. 1991.
6.
Vgl. Alan O. Sykes, Comparative Advantage and the Normative Economics of International Trade Policy, in: Journal of International Economics, 1 (1998) 1, S. 49-82.