30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Sigrid Leitner
Ilona Ostner

Frauen und Globalisierung

Vernachlässigte Seiten der neuen Arbeitsteilung

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Globalisierung und wohlfahrtsstaatlichem Wandel? Und welche Sonderrolle nehmen dabei Frauen ein?

I. Frauen und Globalisierung - eine Begegnung, die noch aussteht

Wenn, wie so oft in den letzten Jahren, von "Globalisierung" gesprochen wird, ist von Frauen - oder allgemeiner: von den Geschlechterverhältnissen - kaum die Rede [1] . Dies überrascht, da es angesichts der Weite des Begriffs kaum ein Thema gibt, das sich nicht unter seinem Dach abhandeln ließe. Schließlich haben selbst so unspektakuläre Themen wie die unbezahlte Betreuung von Kindern und älteren Familienmitgliedern die öffentliche (auch männliche) Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das Interesse geht inzwischen bis zur Erwägung, Mindestsicherungsansprüche denjenigen vorübergehend zu gewähren, die diese Sorgearbeit unentgeltlich leisten.


Solche Überlegungen sind globaler geworden: Sie haben sogar Brasilien erreicht. Dort plant die Regierung, durch eine Mindestsicherung armen Familien und insbesondere Müttern zu ermöglichen, ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Bedingung ist, dass das jeweilige Kind bis zum Alter von vierzehn Jahren zur Schule geht [2] . Man will viele Fliegen mit dieser einen Klappe schlagen: die Ausbeutung durch Kinderarbeit hinauszögern; die Qualifikation des Nachwuchses verbessern; die aus der Existenzgefährdung erwachsende Kriminalität senken; die Auswüchse der Schattenwirtschaft bekämpfen, da der Mindestsicherungsanspruch u. a. mit der Kontrolle der Erfüllung der Voraussetzungen einhergeht; die Wettbewerbsfähigkeit allmählich erhöhen usw.


Das brasilianische Beispiel scheint denjenigen zu widersprechen, die "Globalisierung" mit einer allmählichen Anpassung der hohen sozialen Standards der reichen westlichen Länder an das Niveau der ärmeren oder mit der weiteren Informalisierung (Abgleiten in die Schattenwirtschaft) der Erwerbsarbeit assoziieren. Der globale Wettbewerb ist keine Einbahnstraße. Die Erfahrung aus der Europäischen Integration lehrt, dass sich Hoch-Standard- und Niedrig-Standard-Länder zwar aufeinander zu bewegen, aber in einer gegenläufigen Bewegung: Sie treffen sich nicht "unten", beim niedrigsten Standard, sondern nähern sich der Mitte [3] .

"Globalisierung" betrifft soziale Standards. Diese regulieren Lebensverhältnisse durch Recht, Geld, soziale Dienste und Teilhabechancen, z. B. durch die Einschränkung der Kinderarbeit und die - wie die Geschichte zeigt, nicht zwangsläufig daraus folgende - Kompensation des Einkommensausfalls, wenn die Kinder statt Geld zu verdienen wieder zur Schule gehen, oder wenn es Frauen wie Männern ermöglicht wird, sich vom Erwerbsarbeitsmarkt (befristet) abzuwenden, um sich um ihre Kinder oder pflegebedürftigen Angehörigen zu kümmern, wenn die individuelle Arbeitskraft nicht um jeden Preis feilgeboten werden muss. Fehlen solche Standards, bedrohen sie nicht nur die Existenzmöglichkeiten, sondern auch die Würde der Betroffenen, insbesondere der Schwächsten - der sozial Verwundbarsten - der Gesellschaft.

"Sozial verwundbar" sind diejenigen, die sich in einer Situation ausbeutbarer Abhängigkeit - des "Friss oder stirb" - befinden, der sie nicht aus eigener Kraft entkommen können. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie sich in diese Situation durch eigenes Zutun gebracht haben. Sozialstandards oder allgemeiner: die Wohlfahrtsstaaten mit ihrer Arbeitsmarkt- und Sozial(versicherungs)politik haben bislang dafür Sorge getragen, dass Menschen über das Minimum an sozialer Sicherheit und damit Unabhängigkeit verfügen, das ihnen erlaubt, eine Situation zu bejahen oder zu verneinen [4] . Veränderungen im Sicherungsniveau und in den Voraussetzungen zum Zugang zur sozialen Sicherung betreffen daher unmittelbar die Würde dieser Verwundbaren.

Frauen und Männer erleben "Globalisierung", sobald dieses Phänomen soziale Standards zu beeinträchtigen vermag. Diese Beeinträchtigungen folgen durchaus einer geschlechtsspezifischen Strukturlogik; dennoch zählen nicht alle Frauen zu den Verliererinnen und nicht alle Männer zu den Gewinnern des Globalisierungsprozesses. Deshalb kommt es zunächst darauf an, die Widersprüche und Polarisierungen zwischen Frauen zu betonen. Anstelle einer langwierigen Klärung des Globalisierungsbegriffes konzentrieren sich die folgenden Abschnitte auf den in der Literatur diskutierten Zusammenhang von Globalisierung und wohlfahrtsstaatlichem Wandel. Nur wenige Reaktionen des Wohlfahrtsstaats sind unmittelbar globalisierungsbedingt. Der Strukturwandel des Arbeitsmarkts folgt ebenfalls in beträchtlichem Maße seiner eigenen Logik. Selten ist die Globalisierung die unabhängige, die erklärende Variable. Oft wirkt sie wie ein Katalysator für ohnehin anstehende - oder als wünschenswert erachtete - Veränderungen. Umso schwieriger ist es, die Punkte zu identifizieren, an denen Globalisierung mit den sozialen Standards auch die Handlungschancen und letztlich die Würde von Frauen betrifft. Dieser Zusammenhang tritt am deutlichsten im Fall des Frauen- und Mädchenhandels zutage und soll abschließend näher ausgeführt werden.

Fußnoten

1.
Abseits des Mainstreams sei auf die 1998 erschienenen Hefte 111 der Zeitschrift PROKLA Globalisierung und Gender und 47/48 der beiträge zur feministischen theorie und praxis "global lokal postsozial" hingewiesen.
2.
Vgl. Senator Eduardo Suplicy, In the direction of a citizen's income. The advancement of the battle in Brazil. Keynote Adress. Basic Income European Network: 8. Congress "Economic Citizenship Rights for the 21st Century". Wissenschaftszentrum Berlin, 6.-7. Oktober 2000; vgl. auch den Konferenzbeitrag von Leonardo Fernando Cruz Basso, The Minimum Income Models of James Meade applied to Brazil (http://www.etes.ucl.ac.be/BIEN/bien.html).
3.
Vgl. Jens Alber/Guy Standing, Social Dumping, catch-up, or convergence? Europe in a comparative context, in: dies. (Hrsg.), Europe in a Comparative Global Context, Journal of European Social Policy, 10 (May 2000) 2, S. 99-119. Allerdings schränken die Autoren, wie sie selbst zugeben, ihre Ergebnisse teilweise ein, da sie sich auf den Zeitraum zwischen 1980 und 1992 beziehen, also auf eine Zeit vor dem take-off der Phänomene, die unter "Globalisierung" gefaßt werden; ferner werden nur Veränderungen im System sozialer Sicherung, nicht im Bereich des Arbeitsrechts berücksichtigt, obwohl die Einschränkung individueller und kollektiver Arbeitnehmerrechte ein zentraler Ansatzpunkt für den Umbau des Wohlfahrtssstaates bildet.
4.
Vgl. Robert Goodin, Reasons for Welfare, Princeton 1988, S. 183; dazu ausführlich: Guy Standing, Global Labour Flexibility. Seeking Distributive Justice, London 1999, S. 354 ff.