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26.5.2002 | Von:
Robert Schnüll

Zielorientierte Mobilitätsplanung als Beitrag zur Nachhaltigkeit im Verkehrswesen

III. Verkehrsplanungs- und Verkehrsmanagementkonzept für die Weltausstellung EXPO 2000

In der Zeit vom 1. Juni bis 31. Oktober 2000 fand eine Weltausstellung erstmalig in der Bundesrepublik Deutschland statt: die EXPO 2000. Das 160 Hektar große Ausstellungsgelände liegt im Südosten von Hannover und schließt aus Gründen der Flächenersparnis (Nachhaltigkeit!) das hannoversche Messegelände ein. Die lange Dauer von fünf Monaten bzw. 153 Tagen erforderte grundsätzlich andere Verkehrsplanungs- und Steuerungsmaßnahmen als die bewährte Verkehrslenkung der Polizei zu den hannoverschen Großmessen. Die Einwohner von Hannover hatten die Weltausstellung EXPO 2000 in einem Bürgervotum nach einer kontroversen Diskussion lediglich mit 52 Prozent befürwortet und erwarteten, dass die Belastungen der Stadt und der an das Ausstellungsgelände angrenzenden Wohngebiete durch den An- und Abreiseverkehr auf ein unvermeidbares Minimum reduziert würden. Es wurden insgesamt 40 Millionen Besucher erwartet. Das sind im Durchschnitt 261 000 Besucher/Tag bei einem Maximum von 400 000 Besuchern/Tag an Samstagen. Diese Prognosen waren nach den Erfahrungen mit früheren Weltausstellungen keinesfalls utopisch, sie haben sich aber aus verschiedenen außerhalb der Mobilitätsplanung liegenden Gründen als falsch erwiesen.

Ein Grund für die Vergabe der Weltausstellung an Deutschland war sicherlich das einprägsame, vielversprechende Motto "Mensch - Natur - Technik". Dieses Motto beinhaltet auch, dass die Weltausstellung an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend zu einer ausgewogenen Neuorientierung weltweiter Lebens- und Entwicklungsstandards und zur konsequenten Umsetzung des in der Habitat II-Agenda und in der Istanbul-Deklaration vereinbarten Agierens der Signatarstaaten im Sinne einer nachhaltigen Siedlungs- und Mobilitätsentwicklung beitragen musste. Das gewählte Motto hatte bereits bei der planerischen Vorbereitung der Weltausstellung einschneidende Zielvorgaben zur Folge:

- Es sollten nur solche Baumaßnahmen geplant und realisiert werden, für die nach dem Jahr 2000 eine überzeugende Nachnutzung nachgewiesen werden konnte.

- Die in der Nähe des Weltausstellungsgeländes liegenden Wohngebiete waren wegen der langen Betroffenheit (153 Tage!) konsequent vor dem Kraftfahrzeugverkehr der Weltausstellung zu schützen.

- Die Verkehrslenkung sollte nicht wie bisher durch Polizisten, sondern durch innovative technische Maßnahmen erfolgen.

Die zielorientierte Verkehrs- und Mobilitätsplanung konnte während der Vorbereitung der EXPO 2000 damit erstmalig systematisch angewendet werden. Dazu wurden die folgenden strategischen Randbedingungen festgelegt:

- Alle Infrastrukturmaßnahmen sollten mit einem starken Vorrang der öffentlichen Verkehrssysteme (für 75 Prozent der Tagesbesucher) realisiert werden.

- Die mögliche Verkehrsnachfrage sollte aus der Kapazität der Infrastruktur abgeleitet werden, die nach der EXPO 2000 für die regionale Verkehrsabwicklung unter Einbeziehung der hannoverschen Leitmessen notwendig ist.

- Die erwünschte Lenkung des EXPO-bedingten Kraftfahrzeugverkehrs auf erwünschten Hauptrouten musste durch eine Integration betrieblicher und informationstechnischer Maßnahmen in den Verkehrsplanungsprozess realisiert werden.

Neubaumaßnahmen wurden nur bei sichergestellter Nachnutzung nach dem Jahr 2000 im Sinne eines vorgezogenen Ausbaus mit folgenden Einzelmaßnahmen realisiert:

- neues S-Bahn-System für die Region Hannover;

- Ausbau des Bahnhofs Hannover-Messe-Laatzen als ICE-Halt;

- neue S-Bahn-Station Hannover-Messe-Laatzen für das regionale S-Bahn-System;

- neue S-Bahn-Station Hannover-Flughafen für das regionale S-Bahn-System in Verbindung mit einem dritten Terminal für den Flughafen;

- Neubau einer Stadtbahnlinie D-Süd;

- Neubau einer vierspurigen Ringstraße um das Weltausstellungsgelände, die aufgrund ihrer geringen Leistungsfähigkeit allerdings als Schwachstelle des gesamten Systems zu betrachten ist und daher optimal gelenkte und gerichtete Fahrzeugströme ohne spontanen Parksuchverkehr erforderte;

- vorgezogener sechsspuriger Ausbau der Autobahnen A2 (Ost-West) und A7 (Nord-Süd) auf der Grundlage des prognostizierten Zusatzverkehrs für die EXPO 2000 und in Übereinstimmung mit dem Ausbauplan für die Bundesfernstraßen;

- Schaffung von Stellplätzen für 25 000 Pkw und 1 400 Busse rund um das Weltausstellungsgelände;

- Bau von 25 000 überwiegend temporären Park-and-Ride-Plätzen in der Region Hannover.

Ergänzt wurden die Neubaumaßnahmen durch ein Verkehrslenkungs- und Managementkonzept, das aus folgenden Bausteinen besteht [6] :

- zielorientierte Steuerung der Verkehrsmittelwahl und des Besuchstages über den Kartenvorverkauf mit dem weltweit verfügbaren Ticketing-Konzept;

- möglichst weitgehende Vorbuchung der Stellplätze für Personenkraftwagen mit verkehrstechnisch optimaler Zuordnung der Anreiserichtungen zu den Parkbereichen Rot (Nord), Blau (Ost), Gelb (West) und Grün (Süd) über einen regional differenzierten Vorverkauf;

- Lenkung des An- und Abreiseverkehrs mit Kraftfahrzeugen vorrangig über die Autobahnen und die städtischen Schnellverkehrsstraßen durch ein Verkehrsbeeinflussungssystem auf der Autobahn A2, ein Verkehrsbeeinflussungssystem auf dem Messeschnellweg mit der Möglichkeit, einen sechsspurigen Einbahnverkehr einzurichten (Abbildung 6), und durch Ergänzung der Autobahnknotenpunkte mit Fahr-

streifensignalen, die ein zweispuriges Abbiegen über Eck ermöglichen (Abbildung 7);

- zurückhaltende und äußerst defensive Aktivierung der Ausweichrouten im nachgeordneten Straßennetz (B 65 West, B 65 Ost, B 6 Süd), da diese durch Kleinstädte und Dörfer führenden Straßen nicht als Auffangräume zur Umgehung von Staus auf Autobahnen dienen sollten und erfahrungsgemäß auch nach kurzer Zeit in ihrer Leistungsfähigkeit erschöpft wären;

- Ergänzung der Ringstraße um das EXPO-Gelände durch Fahrstreifensignale und das größte derzeit bekannte Parkleitsystem;

- Schutz der an das Weltausstellungsgelände angrenzenden Wohngebiete vor Fremdparkern durch einen umfangreichen Maßnahmenkatalog für insgesamt ca. 16 500 Stellplätze zur Priorisierung der Anwohnernutzung.

Zur Konsensfindung bei Politikern und betroffenen Bürgern in der Region Hannover wurde das Gesamtkonzept auf Rechnern abgebildet, um die verkehrlichen Auswirkungen EXPO-bedingter Zusatzverkehre auf das relevante Hauptverkehrsstraßennetz prüfen zu können. Durch die Modellrechnungen [7] konnte gezeigt werden, dass

- die für die Anreise erforderliche Leistungsfähigkeit nur mit einem Einrichtungsverkehr (Maßnahme A) auf dem Messeschnellweg geschaffen werden kann;

- für die Abreise in den späten Abendstunden kein Einrichtungsverkehr auf dem Messeschnellweg erforderlich sein wird;

- die bei Einbahnregelungen auf dem Messeschnellweg verdrängten Süd-Nord-Verkehre sich vorrangig auf die Autobahn A 7 verlagern;

- im parallelen nachgeordneten Straßennetz nur hinnehmbare Zusatzbelastungen auftreten werden;

- eine insgesamt ausreichende Leistungsfähigkeit für ein Angebot von 25 000 Stellplätzen in der Nähe des Weltausstellungsgeländes erreicht werden kann und

- während der hannoverschen Großmessen Cebit und Hannover Industrie in der Nachnutzung (mit dann 40 000 Stellplätzen) sowohl für die Anreise als auch für die Abreise ein Einrichtungsverkehr (Maßnahmen A und R) auf dem Messeschnellweg erforderlich sein wird.

Alle aufgrund des beschriebenen Planungsprozesses notwendigen Infrastrukturmaßnahmen konnten vor der EXPO 2000 realisiert werden und standen der Verkehrsleitzentrale move (Mobilität und Verantwortung) während der Veranstaltungsdauer für situative Lenkungsmaßnahmen zur Verfügung. Da die Besucherzahlen bekanntlich hinter den prognostizierten Planungsgrundlagen zurückblieben, wird das Gesamtkonzept seine Vorteilhaftigkeit gegenüber weniger nachhaltigen baulichen Maßnahmen wie geplant vorrangig anlässlich der Großmessen in der Nachnutzung nachweisen können.

Fußnoten

6.
Vgl. Robert Schnüll/Stepahn Hoffmann/Uwe Kloppe, Innovative Beiträge zum Verkehrsplanungs- und Verkehrsmanagementkonzept für die Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover, Schriftenreihe Veröffentlichungen des Instituts für Verkehrswirtschaft, Straßenwesen und Städtebau der Universität Hannover, Heft 27, Hannover 2000.
7.
Vgl. Fabian Schütte, Dynamische Simulation des werktäglichen motorisierten Individualverkehrs - am Beispiel der EXPO 2000 -, Schriftenreihe Veröffentlichungen des Instituts für Verkehrswirtschaft, Straßenwesen und Städtebau der Universität Hannover, Heft 28, Hannover 2000.