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Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.
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Autonome und Gewalt.
Das Gefahrenpotenzial im Linksextremismus


4.8.2017
Im Zuge der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 kam es zu brutalen Ausschreitungen: Flaschen und Steine wurden auf Polizeibeamte geworfen, Fahrzeuge und Mülltonnen in Brand gesetzt, Geschäfte und Restaurants geplündert. Eine Spur der Verwüstung zog sich durch einige Straßen der Hansestadt, die Bilder davon gingen um die Welt. Wer die Täter im Einzelnen waren, wird wohl erst in einigen Monaten geklärt sein. Bereits jetzt lässt sich aber konstatieren, dass die deutschen Autonomen für einen Großteil der Taten verantwortlich sind. Damit haben sich Angehörige dieser linksextremistischen Subkultur einmal mehr als unterschätzte Gefahr für die innere Sicherheit erwiesen.[1]

Das Erschrecken über die Gewalt in Hamburg geht einher mit Irritationen über das Phänomen Autonome. Womit hat man es hier zu tun? Welche Ziele verfolgen die Autonomen? Und wie gefährlich sind sie? Dass sich solch grundlegende Fragen stellen, ist aus mehreren Gründen verständlich: An einer öffentlichen Aufmerksamkeit für die Autonomen mangelt es. Da sie gesellschaftlich breiter akzeptierte Kritik an Missständen wie sozialer Ungerechtigkeit und Fremdenfeindlichkeit üben, werden sie allenfalls bei entsprechenden Gelegenheiten als Gewaltakteure zur Kenntnis genommen – dann häufig als Jugendliche, die bei ihrer Kritik über die Stränge schlagen – und geraten anschließend rasch wieder in Vergessenheit. Ein ähnliches Desinteresse kann auch den Sozialwissenschaften unterstellt werden, denn es existieren relativ wenige Studien zum Thema.[2] Die Berichte der Polizei- und Verfassungsschutzbehörden konzentrieren sich wiederum auf die Gewalttaten, die von der Autonomen-Szene ausgehen. Dieser Beitrag soll versuchen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Entstehung, Ideologie und Politikverständnis der Autonomen



Am Anfang der Suche nach Antworten steht die Selbstbezeichnung: warum "Autonome"? Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Eine lautet, dass mit dem Namen an die italienische "Autonomia Operaia" (Arbeiterautonomie) angeknüpft werden sollte. Diese Bewegung aus Fabrikarbeitern und Studenten, die Ende der 1960er Jahre im erklärten Gegensatz zu den etablierten Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei entstand und mit Demonstrationen, Sabotageaktionen und Streiks unter anderem für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen kämpfte, wurde aufgrund des gewissen Erfolgs ihrer Aktionen in der außerparlamentarischen Linken zu einem politischen Mythos.[3] Eine andere Erklärung für die Namensgebung liegt in der Betonung der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit: Die Aktivisten verstanden sich nie als Teil einer größeren Organisationsstruktur, sondern sehen in der Eigenständigkeit ihre Identität. Demnach nannten sie sich "Autonome", weil sie autonom sein wollten.

Ein genaues Gründungsdatum der Autonomen lässt sich nicht nennen. Als Vorläufer können die Spontis der 1970er Jahre gelten.[4] Diese Bewegung war ein spätes Überbleibsel jener undogmatischen Teile der zerfallenen 1968er-Bewegung, die sich weder in Richtung der sowjetmarxistischen DKP noch der maoistischen K-Gruppen orientieren wollten, und trat für organisatorische Autonomie ein. Ihre politischen Aktionen legitimierte sie eher mit Verweis auf emotionale Betroffenheit denn auf politische Theorie. Mangels politischer und sozialer Perspektiven löste sich diese Subkultur langsam auf. Aus ihren militanten Teilen entstand Anfang der 1980er Jahre das, was bis heute als Autonomen-Szene bekannt ist.[5]

Deren Komplexität und Widersprüchlichkeit lässt sich bereits an Ideologie und Politikverständnis der Autonomen ausmachen. Auch in der Debatte über die Ausschreitungen in Hamburg wird immer wieder hinterfragt, inwieweit überhaupt von "linken" und "politischen" Akteuren gesprochen werden könne. Eine Antwort auf diese Frage ist schwierig, da die Autonomen sich durch wenig klare Positionen profilieren. Dominant sind "Anti-Haltungen": Man ist gegen Faschismus, Gentrifizierung, Globalisierung, Kapitalismus, Repression oder Sexismus. Wofür man ist, bleibt unklar. Es finden sich allenfalls Formulierungen wie "eine herrschaftsfreie Gesellschaft" oder "ein selbstbestimmtes Leben". Gleichwohl können aus dem jeweils Abgelehnten gewisse Zustimmungen abgeleitet werden. Dabei kommt der andeutungsweisen Forderung nach sozialer Gleichheit ein hoher Stellenwert zu. Dementsprechend beteiligen sich auch Autonome bei Protesten, die in diesem inhaltlichen Kontext stehen. Das erlaubt eine erste Einordnung der Autonomen in das linke Lager.

Darüber hinaus ermöglicht ein Thesenpapier mit dem Titel "Anarchie als Minimalforderung" Erkenntnisse zu Ideologie und Politikverständnis der Autonomen. Es erschien erstmals 1981 und wurde mehrfach überarbeitet. In seiner jüngsten Fassung von 2010 heißt es: "Wir haben alle einen ‚diffusen Anarchismus‘ im Kopf, sind aber keine traditionellen AnarchistInnen. Die Begriffe Marxismus, Sozialismus und Kommunismus beinhalten für uns nach allen ihren Theorien und Praktiken den Staat und können somit von uns, auch als ‚Zwischenstufe‘, nicht akzeptiert werden."[6] In der Tat spielen die bekannten Theorien des Anarchismus und Marxismus bei den Autonomen allenfalls als selektiv und willkürlich genutzte ideologische Bezugspunkte eine Rolle.

Am ehesten können die Autonomen noch dem Anarchismus zugeordnet werden. Dabei handelt es sich aber um einen "diffusen Gefühlsanarchismus", der Emotionalität und Subjektivität zu herausragenden Maßstäben für Denken und Handeln erhebt. So heißt es in besagtem Papier denn auch weiter: "Wir kämpfen für uns, andere kämpfen auch für sich, und gemeinsam sind wir stärker. Wir führen keine Stellvertreterkriege, es läuft über ‚eigene Teilnahme‘, Politik der 1. Person. Wir kämpfen für keine Ideologien, nicht fürs Proletariat oder fürs Volk, sondern für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen (…) Aber auch wir haben eine Ideologie: Es geht uns dabei um Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung als gesellschafspolitisches Ziel und Mittel zu deren Durchsetzung."[7] Die Erkenntnis- und Handlungsweise unterliegt im Selbstverständnis der Autonomen also keinen außerindividuellen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten, sondern leitet sich primär aus dem persönlichen und willkürlichen Empfinden ab.


Fußnoten

1.
Der Begriff "Subkultur" wird in den Sozialwissenschaften aufgrund seiner normativen Implikationen nur noch zurückhaltend verwendet. Gleichwohl scheint er hier angemessen zu sein, um die Autonomen als Gesamtphänomen auch und gerade hinsichtlich ihrer "Organisationsform" zu beschreiben.
2.
Vgl. u.a. Sebastian Haunss, Identität in Bewegung. Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden 2004, S. 107–190; Jan Schwarzmeier, Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung, Göttingen 2001; Thomas Schultze/Almut Gross, Die Autonomen. Ursprünge, Entwicklung und Profil der autonomen Bewegung, Hamburg 1997.
3.
Vgl. u.a. Ingrid Bierbrauer, Operaismus. Politisches Denken im Wandel, Diplomarbeit, Hamburg 1987; Primo Moroni/Nanni Balestrini, Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Berlin 1994.
4.
Vgl. u.a. Johannes Schütte, Revolte und Verweigerung. Zur Politik und Sozialpsychologie der Spontibewegung, Gießen 1980; Uwe Schlicht, Vom Burschenschaftler bis zum Sponti, Berlin 1980.
5.
Über die Geschichte der Autonomen informieren zwei Darstellungen aus der Szene. Vgl. A.G. Grauwacke, Autonome in Bewegung. Aus den ersten 23 Jahren, Berlin 2003; Geronimo, Feuer und Flamme. Zur Geschichte der Autonomen, Berlin 2002.
6.
Thesenpapier, in: AK Wantok (Hrsg.), Perspektiven autonomer Politik, Münster 2010, S. 9–13, hier S. 11.
7.
Ebd., S. 9f.
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Autor: Armin Pfahl-Traughber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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