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26.5.2002 | Von:
Thomas Bulmahn

Zur Entwicklung der Lebensqualität im vereinten Deutschland

Wie hat sich die Lebensqualität im vereinten Deutschland entwickelt? Analysen zeigen, dass erhebliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen bestehen.

I. Lebensqualität - Konzept und Messung

Zehn Jahre nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wird erneut darüber debattiert, ob es gelungen ist, gleichwertige Lebensverhältnisse im vereinten Deutschland herzustellen, oder ob gravierende Unterschiede zwischen Ost und West fortbestehen. Das Jubiläum ist ein willkommener Anlass, Bilanz zu ziehen [1] . Viele der bisher vorliegenden Bestandsaufnahmen widersprechen einander: Während die einen zu dem Schluss kommen, dass sich die Lebensverhältnisse der Ostdeutschen im vergangenen Jahrzehnt dem West-Niveau nahezu vollkommen angeglichen haben, reklamieren andere nicht nur fortbestehende Unterschiede, sondern behaupten, dass sich vor allem neue Ungleichheiten zwischen beiden Landesteilen herausgebildet hätten. Eine realistische Bilanz der sich wandelnden Lebensbedingungen im vereinten Deutschland kann nur auf der Basis eines theoretisch und empirisch fundierten Konzeptes erfolgen. Der Ansatz der Lebensqualitätsforschung ist hierfür hervorragend geeignet.


"Lebensqualität" ist eine zumindest für akademische Verhältnisse recht junge Kategorie. Erst die Debatte um die Sozialkosten des Wachstums und die Kontroverse um die öffentliche Armut trugen Ende der fünfziger Jahre zu einer kritischeren Sicht auf die westlichen Überflussgesellschaften bei und führten zu einem Paradigmenwechsel in der Wohlfahrtsforschung [2] . Mehrdimensionale und qualitativ orientierte Ansätze lösten die auf wirtschaftliches Wachstum fixierten Wohlfahrtskonzepte ab. "Immer besser" statt "immer mehr" lautete die Devise [3] . Im Mittelpunkt der modernen Wohlfahrtstheorien stand eine neue Kategorie: "Lebensqualität".

Von den vielen unterschiedlichen Vorstellungen, was unter Lebensqualität zu verstehen sei und wie man sie empirisch messen könne, setzten sich im Verlauf der siebziger Jahre drei Ansätze durch. In jeder der so genannten "drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus" [4] bildete sich ein spezifisches Verständnis von Lebensqualität heraus, das den jeweiligen politischen Traditionen, gesellschaftlichen Leitbildern und institutionellen Gegebenheiten am besten entsprach.

In liberalen Wohlfahrtsstaaten wie den Vereinigten Staaten entwickelte sich eine individualistische, subjektivierte Auffassung von Lebensqualität. Individuelles Streben nach Glück galt dabei als erste Ursache und letztes Ziel menschlichen Handelns. Inwieweit dieses Ziel erreicht ist, können nur die Betroffenen beurteilen. Sie selbst müssen darüber Auskunft geben, ob sie mit den gegebenen Lebensumständen zufrieden sind und ob sie ihnen ein glückliches Leben ermöglichen [5] .

In sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten wie Schweden setzte sich eine andere Vorstellung von Lebensqualität durch: ein objektivierter, politikorientierter und staatsnaher Ansatz. Lebensqualität galt hier als eine Frage der optimalen Ausstattung mit materiellen Ressourcen. Hierfür sollte in erster Linie der Sozialstaat verantwortlich sein [6] .

In Deutschland begegnete man sowohl dem skandinavischen Etatismus als auch dem angelsächsischen Individualismus eher skeptisch. Wolfgang Zapf konstatierte Mitte der achtziger Jahre, dass die Formel "Der Wohlfahrtsstaat ersetzt den Markt bei der Verbesserung der individuellen Lebensqualität" ihre Plausibilität verloren habe, und kritisierte zugleich den "einseitig, individualistischen Wohlfahrtsbegriff" [7] . Für eine hohe Lebensqualität, so Zapf, seien nicht nur der Staat und die Bürger verantwortlich, sondern auch der Markt und die freiwilligen Assoziationen. Hieraus ergab sich ein Interesse sowohl an der Deskription der zur Verfügung stehenden Ressourcen als auch an der Evaluation der Lebensbedingungen durch die Bürger: Lebensqualität bezeichnet "gute Lebensbedingungen, die mit einem positiven subjektiven Wohlbefinden einhergehen" [8] .

In letzter Zeit sind die gesellschaftlichen Aspekte von Lebensqualität wieder in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt. Ein lebenswertes Leben für alle kann es nur in einer lebenswerten Gesellschaft geben - lautet das Argument. Die Qualität in einer Gesellschaft ist dabei nicht nur als notwendige Voraussetzung für ein lebenswertes Leben anzusehen, sondern als eigenständige Dimension von Lebensqualität.

In der vorliegenden Bilanz zur Entwicklung der Lebensqualität im vereinten Deutschland sollen deshalb nicht nur die objektiven Lebensbedingungen berücksichtigt werden, sondern auch das subjektive Wohlbefinden und die Bewertung von Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit durch die Bürger. Die Analysen basieren auf Umfragedaten, die im Rahmen des Wohlfahrtssurveys erhoben wurden [9] und auf Daten der amtlichen Statistik.

Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Zapf, Wie kann man die deutsche Vereinigung bilanzieren?, in: Oskar Niedermayer/Bettina Westle (Hrsg.), Demokratie und Partizipation, Wiesbaden 2000, S. 160-174.
2.
Vgl. Karl William Kapp, The Social Costs of Private Enterprise, Cambridge, Mass. 1950; John Kenneth Galbraith, The Affluent Society, New York - Toronto 1958.
3.
Vgl. Wassily W. Leontief, Bigger or better?, in: The New York Review of Books vom 10. 10. 1968.
4.
Gösta Esping-Andersen, The Three Worlds of Welfare Capitalism, Cambridge 1990.
5.
Vgl. die klassische Studie von Angus Campbell/Philip E. Converse/ Willard L. Rodgers, The Quality of American Life, New York 1976.
6.
Vgl. Sten Johansson, Om Levnadsnivaundersökningen (On the Level of Living Survey), Stockholm 1970.
7.
Wolfgang Zapf, Individuelle Wohlfahrt: Lebensbedingungen und wahrgenommene Lebensqualität, in: Wolfgang Glatzer/Wolfgang Zapf (Hrsg.), Lebensqualität in der Bundesrepublik. Objektive Lebensbedingungen und subjektives Wohlbefinden, Frankfurt am Main - New York 1984, S. 22.
8.
Ebd., S. 23.
9.
Der Wohlfahrtssurvey ist ein Gemeinschaftsprojekt der Abteilung Sozialstruktur und Sozialberichterstattung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und der Abteilung Soziale Indikatoren des Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen Mannheim (ZUMA). Diese repräsentative Bevölkerungsbefragung zur Entwicklung der Lebensqualität wird seit 1978 durchgeführt. Die umfassendste Analyse der Daten des Wohlfahrtssurveys ist im Datenreport veröffentlicht, der in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt herausgegeben wird. Download: www.wz-berlin.de/sb/