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26.5.2002 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Die Entwicklung des Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland

V. Entwicklungen im kulturellen Rechtsextremismus

Im Folgenden soll auf den ansonsten nicht immer genügend gewürdigten Bereich des kulturellen Rechtsextremismus eingegangen werden, womit der gesamte Komplex des geistigen 'Transports' von rechtsextremistischer Ideologie außerhalb parteipolitischen Agierens, politischer Aktionen und politisch motivierter Gewaltanwendung, also der Bereich von Buchdiensten, Intellektuellen, Kulturorganisationen, Lesekreisen, Medien, Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen gemeint ist. Hinsichtlich der rechtsextremistischen Verlage und Vertriebsdienste [12] ließen sich in den neunziger Jahren keine bemerkenswerten Neuerungen feststellen: Wenigen größeren Unternehmen mit einem breiteren Programm standen eine Vielzahl von kleineren Verlagen mit einem eingeschränkten eigenen Angebot gegenüber. Der Schwerpunkt blieb in den westlichen Bundesländern, in den östlichen Bundesländern bestehen lediglich einige weniger bedeutsame Vertriebdienste. Ausnahmen als Verlage stellen hier lediglich der 'Arun-Verlag' in Engerda und der 'Zeitenwende-Verlag' in Dresden dar. Beide Unternehmen sind neoheidnisch ausgerichtet und versuchen auch in esoterisch ausgerichtete Milieus hineinzuwirken [13] .

Die Anfang der neunziger Jahre einsetzenden erneuten Versuche zur Herausbildung einer rechtsextremistischen Intellektuellen-Szene insbesondere in Gestalt der 'Neuen Rechten' [14] gerieten in eine Krise. Ursprünglich euphorisch begonnene Projekte scheiterten, konnten doch verschiedene Publikationsorgane ihre Auflage nicht nennenswert steigern, Jahrbücher mussten binnen kurzer Zeit wieder eingestellt werden, und eine inhaltliche und organisatorische Entwicklung kam nicht voran. Ähnliches gilt für die intellektuellen 'Nationalrevolutionäre' [15] , die sich zwar in der Organisation 'Synergon' neu gruppierten und europaweit mit anderen ähnlichen Gruppen zusammenarbeiten, aber im Unterschied zu diesen nur über eine geringe Bedeutung verfügen. Bemerkenswert ist, dass diese Organisation seit Beginn des Jahres 2000 mit dem erwähnten 'Zeitenwende'-Verlag zusammenarbeitet. Ansonsten lassen sich hinsichtlich des intellektuellen Rechtsextremismus keine eigenständigen Entwicklungen in den östlichen Bundesländern ausmachen. Bemerkenswert ist allenfalls das Engagement eines früheren DDR-Hochschullehrers für dialektischen und historischen Materialismus, Michael Nier, der in verschiedenen rechtsextremistischen Publikationsorganen für eine strikt antikapitalistische und sozialistische Orientierung eintritt. Hierbei handelt es sich um einen Einzelfall [16] , woraus keine ostdeutschen Spezifika des Rechtsextremismus ableitbar sind.

Fußnoten

12.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Rechtsextremismus. Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung, Bonn 1995, S. 104-135; Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 1996, Bonn 1997, S. 143-155.
13.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Germanische Götter, reichsdeutsche Flugscheiben und die innere Welt. Über den Zusammenhang von Esoterik, Neo-Heidentum und Rechtsextremismus, in: Humanismus aktuell, 3 (1999) 4, S. 76-85.
14.
Vgl. ders., Konservative Revolution und Neue Rechte. Rechtsextremistische Intellektuelle gegen den demokratischen Verfassungsstaat, Opladen 1998, S. 153-235.
15.
Vgl. zur Entwicklung beider Strömungen auch Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Verfassungschutzbericht 1999, Berlin 2000, S. 69-72.
16.
Dies gilt auch für andere Wechsler zwischen den Extremen im Westen wie die ehemaligen 'Achtundsechziger' Horst Mahler, Günther Maschke oder Reinhold Oberlercher.