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26.5.2002 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Die Entwicklung des Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland

VII. Die Entwicklung der rechtsextremistischen Skinhead-Subkultur

Dies gilt in noch weitaus stärkerem Ausmaß für die Gruppe der rechtsextremistisch orientierten Skinheads. Die Bezeichnung bedeutet sinngemäß so viel wie 'Kahlgeschorene Köpfe' und bezieht sich auf das wichtigste äußere Merkmal einer Ende der sechziger Jahre in Großbritannien entstandenen Subkultur [20] , die sich hauptsächlich aus Jugendlichen des Arbeitermilieus zusammensetzte. Straßenkämpfe, hoher Alkoholkonsum und die Begeisterung für Fußball waren ebenso wichtige identitätsstiftende Merkmale wie Bomberjacken, hochgekrempelte Jeans mit breiten Hosenträgern und Doc-Martens- oder Springerstiefel. Zunächst blieb die Skinhead-Szene weitgehend unpolitisch, sah sich aber Mitte der siebziger Jahre Politisierungsbestrebungen von neonazistischen Organisationen ausgesetzt, was zur Spaltung der Subkultur in einen nicht-rechtsextremistischen und in einen rechtsextremistischen Teil führte. Eine ähnliche Entwicklung ließ sich in der Bundesrepublik und nahezu zeitgleich in der DDR um gut zehn Jahre später feststellen. Auch hier bildeten sich lockere Personenzusammenschlüsse von rechtsextremistisch orientierten Skinheads heraus. Vereinahmungsversuche von Neonazi-Gruppen in der Bundesrepublik blieben allerdings zunächst erfolglos, ließen sich die Angehörigen der Subkultur doch trotz vieler ideologischer Gemeinsamkeiten aufgrund ihrer Ablehnung von diszipliniertem Handeln und festen Strukturen nur schwerlich in Organisationen einbinden [21] .

Das politische Denken in dieser Szene nahm allerdings nicht die Form von geschlossenen Ideologien an. Vielmehr handelte es sich meist um diffuse Vorstellungen und platte Feindbilder, die sich weniger in programmatischen Überlegungen als vielmehr in aggressiven Parolen nationalsozialistischer und rassistischer Art artikulierten [22] . So heißt es etwa in einem Lied der Band 'Tonstörung' von 1992: 'Wetz Dir Deine Messer auf dem Bürgersteig, laß die Messer flutschen in den Judenleib' oder in einem Song der Gruppe 'Volkszorn' von 1994: 'Große, kleine Punker schlagen, tausend dumme Türken jagen, das ist das, was mir gefällt.' Die Band 'Zillertaler Türkenjäger' forderte 1997 in einem Stück mit 'Tritten in die Schnauze' gegen 'Zecken und Ali-Banden' vorzugehen, und die Gruppe 'Die Härte' textete 1999 'Hurra, hurra, ein Nigger brennt!' [23] Die in diesen exemplarischen Aussagen zum Ausdruck kommende Gewaltgeneigtheit wurde zu einem typischen Merkmal der Szene und entlud sich auch immer wieder in militanten Aktionen gegen Angehörige von als gegnerisch eingeschätzten gesellschaftlichen Gruppen.

Im Laufe der neunziger Jahre wuchs das Potential dieser Szene kontinuierlich an. Die Gruppe der gewaltgeneigten Skinheads stieg von 4 200 1991auf 9 000 Personen 1999 an. Vergegenwärtigt man sich diese Zahlen auch in vergleichender Betrachtung, so lässt sich feststellen, dass dieser Bereich des Rechtsextremismus im Unterschied sowohl zum Parteienlager wie zur Neonazi-Szene der einzige Bereich ist, der weder durch ein ständiges Auf und Ab noch durch Stagnation, sondern durch ein kontinuierliches Anwachsen der Zahl von Anhängern gekennzeichnet ist. Über die Hälfte dieses Personenpotenzials findet sich in den östlichen Bundesländern bei einem dortigen Gesamtbevölkerungsanteil von einem Fünftel. Überregional aktive Szenen bildeten sich dort in Südbrandenburg, Süd- und Ostthüringen und Westsachsen. Darüber hinaus bestehen in vielen weiteren Regionen, sowohl im städtischen Raum wie in kleineren Gemeinden, regional aktive Szenen. Dieser Schwerpunkt in Ostdeutschland zeigt sich auch am Beispiel von Berlin, wo Skinhead-Gruppen insbesondere in den östlichen Stadteilen aktiv sind. In den westlichen Ländern bestehen größere Szenen insbesondere in einzelnen Regionen von Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen.

Mit dem quantitativen Anwachsen des Skinhead-Potenzials und seiner kontinuierlichen Präsenz an bestimmten Orten einher ging auch eine stärkere Strukturierung der Szene. Ihr standen zwar zahlreiche staatliche Maßnahmen entgegen, so kam es etwa zu Verboten von Skinhead-Konzerten und zu Beschlagnahmeaktionen gegen CD-Vertriebe. Gleichwohl nahmen nicht nur die Zahl der Angehörigen der Szene, sondern auch die von ihr durchgeführten Veranstaltungen zu. Gab es 1994 lediglich 20 Konzerte, so stieg deren Zahl 1996 auf 70 und 1998 auf 128. 1999 gingen derartige Veranstaltungen zwar wieder auf 109 zurück. Gleichzeitig erhöhte sich aber die Teilnehmerzahl: Nahmen 1998 bei mehr als zwei Drittel der Veranstaltungen weniger als 200 Besucher teil, traf dies im Folgejahr nur noch auf die Hälfte der Konzerte zu. Dafür stieg die Zahl der Veranstaltungen mit mehr als 600 Teilnehmern deutlich an [24] . Da die Konzerte aufgrund von Ängsten vor frühzeitigen Verboten oder dem Eingreifen der Polizei in der Regel erst relativ kurzfristig angekündigt werden, sprechen die genannten Zahlen nicht nur für eine stärkere kommunikative Vernetzung, sondern auch für eine angewachsene Mobilisierungsfähigkeit der Szene.

Stärkere Tendenzen zur Strukturierung lassen sich darüber hinaus auch in organisatorischer Form ausmachen, etwa bei diesbezüglich erfolgreichen Bemühungen der international aktiven Skinhead-Bewegung 'Blood und Honour'. Sie konnte gegen Ende der neunziger Jahre zunehmend Aktivisten für sich gewinnen, oder bei der Gruppe der 'Hammerskins', die in dieser Hinsicht allerdings nicht so erfolgreich wirkte und nur geringen Einfluss entfaltete. Parallel zu den Strukturierungstendenzen änderte sich auch das Verhältnis zu rechtsextremistischen Organisationen von Teilen der Skinhead-Szene. Vor allem in den östlichen Bundesländern schlossen sich verstärkter regionale Führungspersonen der Szene der NPD oder neonazistischen 'Kameradschaften' an. Auch wenn sich die Mehrheit der rechtsextremistischen Skinheads einer Einbindung in damit zusammenhängende Organisationsstrukturen nach wie vor verweigert, steigt das Ausmaß der Kooperation ständig an, wovon etwa gemeinsame Aufmärsche mit Tausenden von Teilnehmern aus diesen drei Bereichen des Rechtsextremismus zeugten.

Fußnoten

20.
Vgl. George Marshall, Spirit of '69. A Skinhead Bible, Dunoon 1991.
21.
Vgl. Klaus Farin/Eberhard Seidel-Pielen, Skinheads, München 1993; Klaus Farin (Hrsg.), Die Skins. Mythos und Realität, Berlin 1997; Christian Menhorn, Skinheads - Porträt einer jugendlichen Subkultur, Baden-Baden 2000 (i. E.).
22.
Vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Rechtsextremistische Skinheads. Entwicklung, Musik-Szene, Fanzines, Köln 1998; Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Skinheads. Bands und Konzerte, Köln 2000; Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Skinheads und Rechtsextremismus. Instrumentalisierung einer jugendlichen Subkultur, Düsseldorf 1999.
23.
Vgl. Dieter Baacke u. a. (Hrsg.), Rock von rechts, Bielefeld 1994; Dieter Baacke/Klaus Farin/Jürgen Lauffer (Hrsg.), Rock von Rechts II. Milieus, Hintergründe und Materialien, Bielefeld 1999; Christoph Mengert, 'Unsere Texte sind deutsch . . .' Skinhead-Bands in der Bundesrepublik Deutschland, Brühl 1994.
24.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 1999, Berlin 2000, S. 28 f.