"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

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18.8.2017 | Von:
Ivan Krastev

Analogie zum Jahr 1917? Was uns die Russische Revolution über Donald Trump sagen kann - Essay

Zu Recht merkte der Philosoph Pierre Hassner vor einem Jahrzehnt an: "Eine der schockierendsten Eigenschaften von Putins Politik ist sein Versuch, Kontinuität sowohl zur zaristischen als auch zur sowjetischen Vergangenheit zu behaupten."[4] Der sowjetische Sieg im Zweiten Weltkrieg hat die Revolution als Gründungsmythos der postsowjetischen russischen Identität ersetzt. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage hat kürzlich ergeben, dass die russische Öffentlichkeit Stalin für den bedeutendsten politischen Führer Russlands aller Zeiten hält. Lenin ist verloren gegangen.[5]

Bezeichnend für die negative Verwendung des Revolutionsbegriffs ist Nikolai Starikows populäres Geschichtsbuch "1917" aus dem Jahr 2012. Dessen Botschaft deckt sich mit der offiziellen russischen Geschichtspolitik, wonach Revolutionen nichts anderes sind als erfolgreiche verdeckte Operationen feindlicher Geheimdienste. Starikows Buch hat keinerlei historischen Wert. Es ist eine klassische Verschwörungstheorie, die geschrieben wurde, um den Verfolgungswahn der herrschenden Eliten im heutigen Russland zu rechtfertigen. Das Buch ist in etwa so glaubwürdig wie die "Geständnisse" der Opfer der Moskauer Prozesse zwischen 1936 und 1938, als Stalin alle möglichen Opponenten in der KPdSU in Schauprozessen aus dem Weg räumte. Die große Bedeutung des Buchs besteht darin, dass es in allen großen Buchhandlungen Moskaus prominent ausgestellt ist. Starikows Geschichte von 1917 liest sich wie eine frühere Version der Kreml-Darstellung der Ereignisse in der Ukraine 2014.

Starikow zufolge war der Hauptgrund für die Revolution von 1917 der verzweifelte Versuch der westlichen Großmächte, insbesondere Großbritanniens, den unaufhaltsamen Aufstieg Russlands Anfang des 20. Jahrhunderts zu stoppen. Im Gegensatz zu den "gängigen" Verschwörungstheorien, nach denen der deutsche Generalstab für die Revolution verantwortlich war, legt Starikow eine noch aufregendere Variante vor: Er führt die Zerstörung des russischen Reichs auf die finsteren Taten der Briten zurück. Es sei der britische Geheimdienst gewesen, der hinter der Februarrevolution steckte. Und laut Starikow war der Plan, nicht nur Londons damaligen Verbündeten Russland zu destabilisieren, sondern die Herausbildung der Achse Moskau-Berlin zu verhindern, die das Potenzial gehabt hatte, Europa im Interesse der Europäer neu zu gestalten. Man mag sich über Starikows Ausführungen lustig machen, aber seine Arbeit ist bezeichnend für den Umgang mit der Russischen Revolution im heutigen Russland: Die Dämonisierung der Revolution – jeglicher Revolution – bildet den Kern der politischen Legitimität des gegenwärtigen Regimes in Moskau.

Historische Ereignisse, die den Lauf der Geschichte verändern, werden entweder als unausweichlich und schicksalhaft interpretiert oder als Intervention einer ausländischen Macht. Und da sich der Kommunismus erledigt hatte, verlagerten viele historische Darstellungen ihren Schwerpunkt vom Aufstand der Massen hin zu Spionage-Erzählungen. Viele aktuelle Schriften halten die Revolution von 1917 für wenig mehr als ein deutsches Komplott und schildern etwa, wie – in den Worten Winston Churchills – die deutsche Reichsregierung "Lenin wie einen Pestbazillus in einem plombierten Waggon aus der Schweiz nach Russland" befördert hat.[6]

Dass Revolutionen auch außerhalb Russlands als Komplotte gedeutet werden, zeigt nicht zuletzt die Artikelserie der "New York Times" zum Revolutionsjubiläum. Unter den Dutzenden Autorinnen und Autoren zum Thema "Red Century" beschäftigt sich etwa der Historiker Sean Mcmeekin mit der Frage "War Lenin ein deutscher Agent?",[7] und die Historikerin Catherine Merridale erläutert, "wie deutsche Kondome die Russische Revolution finanzierten".[8]

Überraschenderweise sind es gerade die verschwörungstheoretischen Deutungen der Ursprünge und Folgen der Russischen Revolution, die uns helfen, die "Revolution" von 2017 in den USA zu verstehen.

Trump und Lenin

Heute halten viele Menschen den Wahlsieg Trumps für nichts anderes als das Ergebnis eines russischen Komplotts. Wenn wir also verstehen, warum die Deutschen 1917 den Bolschewiki halfen und was danach geschah, erfahren wir vielleicht, warum Moskau versucht gewesen sein könnte, Trumps Wahlkampfteam zu helfen, und was als Nächstes kommt.

Die Analogie zu 1917 legt nahe, dass die Russen in die US-Politik eher wegen Hillary Clinton, die sie verabscheuten, intervenierten als wegen Donald Trump, den sie mochten. Obgleich es eine gewisse ideologische Nähe zwischen Trump und Putin gibt, erklärt sie die Logik des Kreml nicht. Gewiss: Das kaiserliche Deutschland hegte keinerlei Sympathien für Lenins revolutionäre Träume. Wäre der eigenwillige Bolschewik Deutscher gewesen, hätte die Obrigkeit ihn ins Gefängnis geworfen. Lenin war aber Russe und der deutsche Führungsstab der Ansicht, die verschiedenen revolutionären Gruppen seien für Deutschland im Krieg hilfreich. Also wurden sie unterstützt. Berlins Ziel war es, Russland dazu zu bringen, sich aus dem Krieg zurückzuziehen – oder zumindest Chaos in Russland zu stiften. Die Deutschen prägten ein eigenes Wort für diese spezifische Art der Einflussnahme: "Revolutionierungspolitik". Es scheint, als sei es 2016 auch Moskaus Hauptziel gewesen, Unruhe zu erzeugen. Deshalb wäre es irreführend, ideologische oder andere Verknüpfungen zwischen dem Kreml und dem amerikanischen Präsidenten zu unterstreichen. Was der Kreml an Trump schätzt, ist sein Störpotenzial und weniger sein Kooperationspotenzial.

Die russische Geschichte lehrt uns auch: Aus Sicht eines Politikers wie Lenin, dessen Ziel die Revolution war, liegt der wirkliche Feind im Inneren. So wie Deutschland die Bolschewiki als Instrumente zur Erreichung der deutschen Kriegsziele betrachtete, sah Lenin Deutschland als Instrument, um seine Revolution zu verwirklichen. Lenin zufolge ging es den tatsächlichen Revolutionären nicht darum, den externen Feind zu besiegen, sondern die eigene Regierung. Für Trump gilt wahrscheinlich Ähnliches. Und obwohl es unwahrscheinlich ist, dass der US-Präsident persönlich mit den Russen konspirierte, hätte er wohl nichts dagegen gehabt, wenn andere die russische Unterstützung ausgenutzt hätten, um ihn bei der Präsidentschaftswahl zu helfen. Trumps einzige Prämisse war, neben "America First", der Wahlsieg. So wie Lenin die russische Obrigkeit und nicht Deutschland als Haupthindernis für die Entwicklung des Landes sah, neigte Donald Trump dazu, Amerikas kosmopolitische Eliten als größte Bedrohung für die USA zu betrachten.

Fußnoten

4.
Pierre Hassner, Russia’s Transition to Autocracy, in: Journal of Democracy 2/2008, S. 5–15, hier S. 7.
5.
Vgl. Levada, Wydajuschtschijesja Ljudi, 26.6.2017, http://www.levada.ru/2017/06/26/vydayushhiesya-lyudi«.
6.
Zit. nach Catherine Merridale, Lenins Zug. Eine Reise in die Revolution, Frankfurt/M. 2017, S. 19.
7.
Sean Mcmeekin, Was Lenin a German Agent?, 19.6.2017, http://www.nytimes.com/2017/06/19/opinion/was-lenin-a-german-agent.html«.
8.
Catherine Merridale, How German Condoms Funded the Russian Revolution, 17.7.2017, http://www.nytimes.com/2017/07/17/opinion/german-condoms-russian-revolution.html«.
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Autor: Ivan Krastev für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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2017 jährte sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und sieben Monate später die "Oktoberrevolution" mit der Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

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