"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).
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18.8.2017 | Von:
Ivan Krastev

Analogie zum Jahr 1917? Was uns die Russische Revolution über Donald Trump sagen kann - Essay

Jahrestage sind wie Flächenbombardements: Sie bewerfen uns mit "Lektionen" aus der historischen Forschung, mit wissenschaftlichen Abhandlungen, Romanen, Konferenzen, Filmen und Ausstellungen, und sie verlangen bedingungslose Kapitulation. Es sind historische Jahrestage, die heute unsere politische Vorstellungswelt prägen.

2014 genügte es, in irgendeine Buchhandlung Londons, Paris oder Berlins vorbeizuschauen, um zu entdecken, dass sie von Büchern zum Ersten Weltkrieg buchstäblich okkupiert waren. Manche behaupten, in den vergangenen Jahren seien mehr als tausend Bücher zum Ersten Weltkrieg allein auf Englisch veröffentlicht worden. Diese Bücher, die wir alle lesen, oder über die wir lesen, heizen bestimmte Befürchtungen an und lassen gewisse zukünftige Entwicklungen greifbarer erscheinen als andere.

Historische Jahrestage haben etwas Magisches: Die Magie entstammt unserer Obsession für runde Zahlen und hat mit rationalen Argumenten wenig zu tun. Sie bestätigt die Beobachtung des Historikers Tony Judt, dass wir heute das Interesse daran verloren haben, die Geschichte zu verstehen beziehungsweise nachzuvollziehen, was die historischen Akteure getan haben und warum sie es getan haben. Dieses Interesse haben wir ersetzt mit der "Vorstellung, dass (…) aus der Vergangenheit nur zu lernen sei, sie nicht zu wiederholen".[1]

Was wäre gewesen, wenn der Fall der Berliner Mauer sich nicht in dem Jahr ereignet hätte, in dem sich die Französische Revolution zum zweihundertsten Mal jährte? Hätten wir die Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa anders interpretiert? Womöglich würde das, was wir heute die "Revolution von 1989" nennen, auch anders bezeichnet. Ein anderes Beispiel: Wenn die russische Annexion der Krim 2038 stattgefunden hätte – dem Jahr, in dem sich Hitlers "Anschluss" Österreichs zum hundertsten Mal jährt – und nicht 2014, hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, dann wäre die Reaktion des Westens womöglich anders ausgefallen. 2014, tief beeindruckt von der Lektüre von Christopher Clarks faszinierendem Buch "Die Schlafwandler", fürchteten zahlreiche westliche Entscheidungsträger, dass eine härtere Reaktion auf die russische Aggression einen weiteren großen Konflikt in Europa auslösen könnte. Vermutlich wurde ihre Zurückhaltung auch davon beeinflusst, was sie über den zufälligen Ausbruch des Ersten Weltkriegs gelesen hatten, und sie waren weniger empfänglich für die Analogien zu 1938 und für die Argumente der Kosten der Appeasement-Politik.

In diesem Zusammenhang ist der hundertste Jahrestag der Russischen Revolution – samt Bücher und Filme, die aus diesem Anlass veröffentlicht werden – eine gute Gelegenheit, um aus den aktuellen Entwicklungen in der Welt schlau zu werden: eine Welt, in der scheinbar verschiedene Gesellschaften zunehmend unglücklich mit "dem alten Regime" sind, in der das Konzept der Revolution aber vom Bereich der Politik in den Bereich der Technologie übergegangen ist. Der Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 wird zwar allgemein als radikaler politischer Umbruch betrachtet, aber wofür der Umbruch steht und welche langfristigen Folgen er hat, bleibt unklar.

Keine gute Revolution

1967, vor fünfzig Jahren, wurde die Russische Revolution noch als unvollendet betrachtet. Die sowjetische Regierung feierte sie mit einer Militärparade in Moskau und großen Reden im Kreml. Die Russische Revolution bildete den Kern der Legitimität des sowjetischen Staates sowie der sowjetischen soft power. Tausende gegensätzliche Meinungen zu den globalen Auswirkungen der Revolution wurden im Osten und Westen veröffentlicht. Sowohl für die kommunistischen Machthaber als auch für einige der einflussreichsten Kritiker der sowjetischen Lebensverhältnisse waren die Ideale der Revolution ein Ausgangspunkt: Während die Apologeten des sowjetischen Systems ihre Legitimität als Erben der Revolution behaupteten, warfen die Dissidenten in der Sowjetunion der Kommunistischen Partei vor, sie würde die Prinzipien der Revolution pervertieren und verraten.

1991 hatte das Wort "Revolution" im postkommunistischen Russland noch eine positive Konnotation, und Boris Jelzin, der erste demokratisch gewählte Präsident des Landes, war stolz darauf, dass er als Revolutionsführer betrachtet wurde. Dies ist heute nicht mehr der Fall. "Revolution" ist insgesamt ein negativ besetzter Begriff. Die Möglichkeit, die "gute" Revolution vom Februar von der "bösen" Revolution vom Oktober 1917 abzugrenzen, gehört der Vergangenheit an.[2] Im heutigen Russland Wladimir Putins lautet die offizielle Losung: Es gibt keine gute Revolution. Deshalb ist es wenig überraschend, dass die russische Regierung entschieden hat, den hundertsten Jahrestag des kommunistischen Oktoberumsturzes nicht zu begehen. Und auf die Frage nach der Bedeutung der Russischen Revolution antwortete Putin: "Das muss jeder für sich selbst entscheiden".[3] Der heutige Kreml wird die Geburt des sowjetischen Jahrhunderts nicht feiern. Er wird den Anlass auch nicht dazu nutzen, Lenin zu begraben oder das heutige Russland vom kommunistischen Erbe zu distanzieren.
Zu Recht merkte der Philosoph Pierre Hassner vor einem Jahrzehnt an: "Eine der schockierendsten Eigenschaften von Putins Politik ist sein Versuch, Kontinuität sowohl zur zaristischen als auch zur sowjetischen Vergangenheit zu behaupten."[4] Der sowjetische Sieg im Zweiten Weltkrieg hat die Revolution als Gründungsmythos der postsowjetischen russischen Identität ersetzt. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage hat kürzlich ergeben, dass die russische Öffentlichkeit Stalin für den bedeutendsten politischen Führer Russlands aller Zeiten hält. Lenin ist verloren gegangen.[5]

Bezeichnend für die negative Verwendung des Revolutionsbegriffs ist Nikolai Starikows populäres Geschichtsbuch "1917" aus dem Jahr 2012. Dessen Botschaft deckt sich mit der offiziellen russischen Geschichtspolitik, wonach Revolutionen nichts anderes sind als erfolgreiche verdeckte Operationen feindlicher Geheimdienste. Starikows Buch hat keinerlei historischen Wert. Es ist eine klassische Verschwörungstheorie, die geschrieben wurde, um den Verfolgungswahn der herrschenden Eliten im heutigen Russland zu rechtfertigen. Das Buch ist in etwa so glaubwürdig wie die "Geständnisse" der Opfer der Moskauer Prozesse zwischen 1936 und 1938, als Stalin alle möglichen Opponenten in der KPdSU in Schauprozessen aus dem Weg räumte. Die große Bedeutung des Buchs besteht darin, dass es in allen großen Buchhandlungen Moskaus prominent ausgestellt ist. Starikows Geschichte von 1917 liest sich wie eine frühere Version der Kreml-Darstellung der Ereignisse in der Ukraine 2014.

Starikow zufolge war der Hauptgrund für die Revolution von 1917 der verzweifelte Versuch der westlichen Großmächte, insbesondere Großbritanniens, den unaufhaltsamen Aufstieg Russlands Anfang des 20. Jahrhunderts zu stoppen. Im Gegensatz zu den "gängigen" Verschwörungstheorien, nach denen der deutsche Generalstab für die Revolution verantwortlich war, legt Starikow eine noch aufregendere Variante vor: Er führt die Zerstörung des russischen Reichs auf die finsteren Taten der Briten zurück. Es sei der britische Geheimdienst gewesen, der hinter der Februarrevolution steckte. Und laut Starikow war der Plan, nicht nur Londons damaligen Verbündeten Russland zu destabilisieren, sondern die Herausbildung der Achse Moskau-Berlin zu verhindern, die das Potenzial gehabt hatte, Europa im Interesse der Europäer neu zu gestalten. Man mag sich über Starikows Ausführungen lustig machen, aber seine Arbeit ist bezeichnend für den Umgang mit der Russischen Revolution im heutigen Russland: Die Dämonisierung der Revolution – jeglicher Revolution – bildet den Kern der politischen Legitimität des gegenwärtigen Regimes in Moskau.

Historische Ereignisse, die den Lauf der Geschichte verändern, werden entweder als unausweichlich und schicksalhaft interpretiert oder als Intervention einer ausländischen Macht. Und da sich der Kommunismus erledigt hatte, verlagerten viele historische Darstellungen ihren Schwerpunkt vom Aufstand der Massen hin zu Spionage-Erzählungen. Viele aktuelle Schriften halten die Revolution von 1917 für wenig mehr als ein deutsches Komplott und schildern etwa, wie – in den Worten Winston Churchills – die deutsche Reichsregierung "Lenin wie einen Pestbazillus in einem plombierten Waggon aus der Schweiz nach Russland" befördert hat.[6]

Dass Revolutionen auch außerhalb Russlands als Komplotte gedeutet werden, zeigt nicht zuletzt die Artikelserie der "New York Times" zum Revolutionsjubiläum. Unter den Dutzenden Autorinnen und Autoren zum Thema "Red Century" beschäftigt sich etwa der Historiker Sean Mcmeekin mit der Frage "War Lenin ein deutscher Agent?",[7] und die Historikerin Catherine Merridale erläutert, "wie deutsche Kondome die Russische Revolution finanzierten".[8]

Überraschenderweise sind es gerade die verschwörungstheoretischen Deutungen der Ursprünge und Folgen der Russischen Revolution, die uns helfen, die "Revolution" von 2017 in den USA zu verstehen.

Trump und Lenin

Heute halten viele Menschen den Wahlsieg Trumps für nichts anderes als das Ergebnis eines russischen Komplotts. Wenn wir also verstehen, warum die Deutschen 1917 den Bolschewiki halfen und was danach geschah, erfahren wir vielleicht, warum Moskau versucht gewesen sein könnte, Trumps Wahlkampfteam zu helfen, und was als Nächstes kommt.

Die Analogie zu 1917 legt nahe, dass die Russen in die US-Politik eher wegen Hillary Clinton, die sie verabscheuten, intervenierten als wegen Donald Trump, den sie mochten. Obgleich es eine gewisse ideologische Nähe zwischen Trump und Putin gibt, erklärt sie die Logik des Kreml nicht. Gewiss: Das kaiserliche Deutschland hegte keinerlei Sympathien für Lenins revolutionäre Träume. Wäre der eigenwillige Bolschewik Deutscher gewesen, hätte die Obrigkeit ihn ins Gefängnis geworfen. Lenin war aber Russe und der deutsche Führungsstab der Ansicht, die verschiedenen revolutionären Gruppen seien für Deutschland im Krieg hilfreich. Also wurden sie unterstützt. Berlins Ziel war es, Russland dazu zu bringen, sich aus dem Krieg zurückzuziehen – oder zumindest Chaos in Russland zu stiften. Die Deutschen prägten ein eigenes Wort für diese spezifische Art der Einflussnahme: "Revolutionierungspolitik". Es scheint, als sei es 2016 auch Moskaus Hauptziel gewesen, Unruhe zu erzeugen. Deshalb wäre es irreführend, ideologische oder andere Verknüpfungen zwischen dem Kreml und dem amerikanischen Präsidenten zu unterstreichen. Was der Kreml an Trump schätzt, ist sein Störpotenzial und weniger sein Kooperationspotenzial.

Die russische Geschichte lehrt uns auch: Aus Sicht eines Politikers wie Lenin, dessen Ziel die Revolution war, liegt der wirkliche Feind im Inneren. So wie Deutschland die Bolschewiki als Instrumente zur Erreichung der deutschen Kriegsziele betrachtete, sah Lenin Deutschland als Instrument, um seine Revolution zu verwirklichen. Lenin zufolge ging es den tatsächlichen Revolutionären nicht darum, den externen Feind zu besiegen, sondern die eigene Regierung. Für Trump gilt wahrscheinlich Ähnliches. Und obwohl es unwahrscheinlich ist, dass der US-Präsident persönlich mit den Russen konspirierte, hätte er wohl nichts dagegen gehabt, wenn andere die russische Unterstützung ausgenutzt hätten, um ihn bei der Präsidentschaftswahl zu helfen. Trumps einzige Prämisse war, neben "America First", der Wahlsieg. So wie Lenin die russische Obrigkeit und nicht Deutschland als Haupthindernis für die Entwicklung des Landes sah, neigte Donald Trump dazu, Amerikas kosmopolitische Eliten als größte Bedrohung für die USA zu betrachten.
Auch wenn der Präsident und sein Team während des Wahlkampfs wissentlich oder unwissentlich mit Moskau kollaborierten, bedeutet es deshalb aus meiner Sicht keineswegs – entgegen der Befürchtungen vieler Trump-Kritiker –, dass die neue Administration gegenüber Russland freundlich gesonnen sein oder von Russland kontrolliert werden wird. Paradoxerweise macht die vorgebliche Einmischung Russlands in die US-Wahl zugunsten von Trump eine Kooperation zwischen den USA und Russland sogar weniger wahrscheinlich. Die Angst des Weißen Hauses, als nachgiebig gegenüber Moskau wahrgenommen zu werden, übertrumpft seine Bereitschaft, mit Russland zusammenzuarbeiten. Dies könnte tatsächlich das Muster der US-Außenpolitik unter Trump werden. Es überrascht also nicht, dass viele von Trumps Politiken – etwa sein Beharren auf eine Erhöhung der Militärausgaben sowohl seitens der europäischen Alliierten als auch seitens der USA – genau das Gegenteil davon sind, was Moskau erhoffte.

Insbesondere die Demokraten sollten aus 1917 eine Lektion lernen und aufhören, von einer Amtsenthebung zu träumen: Die Aufdeckung der mutmaßlichen russischen Verbindungen von Trump wird den US-Präsidenten nicht automatisch delegitimieren. Die Geschichte von Lenins Weg zur Macht in einem versiegelten Waggon war der russischen Öffentlichkeit wohl bekannt – die Provisorische Regierung erließ sogar Haftbefehl gegen Lenin und versuchte, ihm wegen Landesverrats den Prozess zu machen –, aber das genügte nicht, um ihn oder die Revolution zu diskreditieren. In einer Atmosphäre politischer Polarisierung vertraut man Führungspersönlichkeiten nicht wegen ihrer Person, sondern wegen ihrer Feinde. Das galt für Lenin, und das gilt für Trump. In den Augen vieler Republikaner mag Präsident Trump den falschen Charakter haben, aber er hat die richtigen Feinde.

1924, kurz nach Lenins Tod, schrieb der damalige Landwirtschaftsminister der Provisorischen Regierung und Parteivorsitzende der Sozialrevolutionären, Wiktor Tschernow, einen Artikel in der Zeitschrift "Foreign Affairs".[9] Darin riet er zukünftigen Historikern, dass sie sich weniger auf Lenins Ideologie, sondern eher auf seinen Politikstil konzentrieren sollten, wenn sie seine Erfolge verstehen wollen. "Für ihn bedeutete Politik Strategie (…). Das einzige einzuhaltende Gebot war der Sieg (…); das einzige Verbrechen war das Zögern. (…) Er hatte kein Problem damit, ‚credo quia absurdum‘ [‚ich glaube, weil es unvernünftig ist‘] zu proklamieren, und ähnelte dem bekannten russischen Spielzeug, dem Stehaufmännchen, dessen abgerundetes Unterteil ein Stück Blei enthält, sodass es sich wieder aufrichtet, sobald du es umstößt". Die Ausrichtung auf den Politikstil ist genau das, was Lenin und Trump teilen. Und Trumps Chefstratege Stephen Bannon bezieht sich wohl auch eher auf den Politikstil als auf die Ideologie, wenn er sich selbst ironisch als "Leninisten" bezeichnet.[10]

Erklärungsansätze für Trumps Politikstil – der wie ein Sammelsurium unterschiedlicher Leitlinien anmutet – konzentrieren sich auf seine offenbar narzisstische Persönlichkeit. Eine Ausnahme machen diejenigen Verschwörungstheoretiker, die ihn als Handpuppe des Kreml betrachten. Die meisten Beobachter haben erst spät das Ausmaß erkannt, in dem Trump sich selbst als revolutionären Rebell mit der Mission sieht, das "alte Regime" zu demontieren. Trump zufolge ist Amerika nicht der Sieger, sondern der tatsächliche Verlierer in der Welt, die nach dem Ende des Kommunismus entstanden ist. Trump glaubt nicht, dass die amerikanische Ideologie (Liberalismus) und die amerikanischen Institutionen (Gewaltenteilung) den Kern von Amerikas globaler Führungsstärke ausmachen, sondern die Quelle der offengelegten amerikanischen Schwäche sind. Trump sieht die USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer ähnlichen Weise, wie Lenin Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah.

Trump ist zwar offensichtlich kein "Lenin-Lover", aber seine Taktiken gehören ins Nachschlagewerk für alle Revolutionäre. In seiner Exekutivtätigkeit handelt er nach der militärischen Devise shock and awe, Schrecken und Furcht. Die Taktik ist darauf ausgerichtet, den Kongress durcheinanderzubringen, seine Gegner unerwartet zu treffen und seine Anhängerschaft gegen das Establishment aufzuwiegeln. Trump geriert sich als Anführer einer globalen Bewegung, die anti-elitär, antiliberal, globalisierungskritisch und nationalistisch eingestellt ist. "Was wir heute erleben", sagte Stephen Bannon im Februar 2017 der "Washington Post", "ist die Geburt einer neuen politischen Ordnung".[11] Der unglaubliche Vergleich mit Lenin ermöglicht uns, die revolutionäre Natur des Wandels zu ergründen, den Donald Trump in die amerikanische Politik hineingetragen hat.

Risiko für Putin

Die Geschichte von 1917 ist möglicherweise auch für Russlands Präsident Wladimir Putin und den Kreml aufschlussreich. Der Plan der deutschen Reichsregierung, die revolutionären Kräfte in Russland zu unterstützen, um letztlich eigene geopolitische Ziele zu erreichen, nahm kein gutes Ende. Die Revolution beendete zwar Russlands Teilnahme am Ersten Weltkrieg, verbreitete jedoch in ganz Europa das Revolutionsfieber – und brachte den Bürgerkrieg sogar nach Deutschland. Putins Russland ist mit einem ähnlichen Risiko konfrontiert: Laut einem jüngeren Bericht eines kremlnahen Think Tank könnte die populistische Strategie – Polarisierung von Eliten und "gemeinem Volk", vermeintliche Ablehnung ideologischer Slogans, Propagieren einfacher Lösungen bei gleichzeitiger Affinität zu sozialen Medien – zukünftig auch in Russland von der Opposition erfolgreich angewandt werden. Und sie könnte zu einer ernsthaften Bedrohung für die politische Ordnung des Landes werden.[12]

Obwohl Moskau auf Donald Trumps Wahlsieg anfänglich euphorisch reagierte, hat sich die Stimmung verändert. Allmählich wird die Trump-Präsidentschaft nicht mehr als Vorteil, sondern als Bedrohung aufgefasst. Moskau wird langsam klar, dass die Wachablösung im Weißen Haus keine große Veränderung in den russisch-amerikanischen Beziehungen mit sich bringen wird. Es ist für den Kreml besonders gefährlich, dass einige nationalistische Kreise in Russland Trumps aufrührerischen Ansatz bewundern. Im Januar 2017 war Putin zum ersten Mal seit seiner Rückkehr in den Kreml 2012 nicht der am häufigsten genannte Name in den russischen Medien: Es war der Name "Trump". Und obwohl die meisten russischen Bewunderer Trumps, etwa der rechtsradikale Philosoph Alexander Dugin, Putin gegenüber loyal sind, träumen sie auch davon, die kosmopolitischen Eliten aus dem Weg zu räumen, die hinter Putin stehen. Das Risiko besteht darin, dass Trumps Revolution sich von einem externen Verbündeten in einen internen Feind des Putin-Regimes verwandeln könnte.

Wer im heutigen Moskau etwas Zeit verbringt, wird mit Überraschung feststellen, dass gewöhnliche Russen im Gegensatz zur Mehrheit der Europäer eine positive Einstellung zu Trump haben. Ein Grund dafür ist, dass sie der Konfrontation Russlands mit dem Westen überdrüssig sind. Ein weiterer ist, dass sie Trumps zynische Sicht auf die internationale Politik teilen. Wie Trump haben sie nie an Win-Win-Situationen in der internationalen Politik geglaubt.

Sie vergleichen Trump mit einem frühen Boris Jelzin: impulsiv, charismatisch, nur seiner Familie vertrauend und bereit, das Parlament zu bombardieren, wenn es der Zementierung seiner Macht dient. Das Problem für den Kreml ist, dass Jelzin ein Revolutionsführer war und Putin entschieden hat, 2017 zu einem Jahr zu machen, in dem Revolutionen nicht gefeiert, sondern verurteilt werden.

Die Ironie der gegenwärtigen Situation liegt darin, dass Moskau hundert Jahre nach der Russischen Revolution riskiert, denselben Fehler zu wiederholen, den Deutschland 1917 gemacht hat: zu glauben, dass es geopolitische Ambitionen verwirklichen kann, indem im Ausland Revolutionen angeheizt werden. Auf der anderen Seite riskieren die Amerikaner, zu übersehen, dass die gegenwärtige Revolution in Washington nicht einfach durch die Einmischung Russlands zu erklären ist. Schließlich wissen wir heute, dass Lenin kein deutscher Agent war und dass Trump auch kein russischer Agent ist. Revolutionen zum Guten wie zum Schlechten sind vor allen Dingen hausgemacht.
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Fußnoten

1.
Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert, München 2010, S. 9f.
2.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Ekaterina Makhotina in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Zit. nach Caryl Emerson, The Revolutionary Specters of Russian Letters, 12.6.2017, http://www.nytimes.com/2017/06/12/opinion/the-revolutionary-specters-of-russian-letters.html«.
4.
Pierre Hassner, Russia’s Transition to Autocracy, in: Journal of Democracy 2/2008, S. 5–15, hier S. 7.
5.
Vgl. Levada, Wydajuschtschijesja Ljudi, 26.6.2017, http://www.levada.ru/2017/06/26/vydayushhiesya-lyudi«.
6.
Zit. nach Catherine Merridale, Lenins Zug. Eine Reise in die Revolution, Frankfurt/M. 2017, S. 19.
7.
Sean Mcmeekin, Was Lenin a German Agent?, 19.6.2017, http://www.nytimes.com/2017/06/19/opinion/was-lenin-a-german-agent.html«.
8.
Catherine Merridale, How German Condoms Funded the Russian Revolution, 17.7.2017, http://www.nytimes.com/2017/07/17/opinion/german-condoms-russian-revolution.html«.
9.
Victor Chernov, Lenin: A Contemporary Portrait, in: Foreign Affairs 3/1970 (1924), S. 471–477.
10.
Siehe Ronald Radosh, Steve Bannon, Trump’s Top Guy, Told Me He Was a "Leninist", 22.8.2016, http://www.thedailybeast.com/steve-bannon-trumps-top-guy-told-me-he-was-a-leninist«.
11.
Zit. nach Philip Rucker/Robert Costa, Trump’s Hard-line Actions Have an Intellectual Godfather: Jeff Sessions, 30.1.2017, http://www.washingtonpost.com/ac393f66-e4d4-11e6-ba11-63c4b4fb5a63_story.html?utm_term=.2960c616bd54«.
12.
Vgl. Ekaterina Buravich, Kremlin Experts Predicted the Rise of Populism in Russia According to the Western Model, 23.4.2017, https://newsworld.co/kremlin-experts-predicted-the-rise-of-populism-in-russia-according-to-the-western-model«.
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Autor: Ivan Krastev für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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