"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).
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Die Russische Revolution und der globale Süden


18.8.2017
Die Russische Revolution ließ kaum ein Land der Welt unberührt. Sie löste die erste globale politische Massenbewegung aus, die Menschen verschiedenster Ethnien und Kulturen, Männer wie Frauen, Arbeiter wie Intellektuelle einschloss. Sie radikalisierte eine Generation von Sozialisten, und sie inspirierte Künstler weltweit. Auch die literarische Avantgarde in Mexiko war begeistert: "Russlands Lungen blasen zu uns, den Wind der sozialen Revolution", schrieb der mexikanische Dichter Manuel Maples Arce in seinem 1924 erschienenen Werk "Die Stadt. Ein bolschewistisches Über-Gedicht in fünf Gesängen".[1] Die von ihm begründete Estridentismo-Bewegung forderte, überkommene artistische Formen über Bord zu werfen, so wie die Revolutionen ihrer Zeit überkommene politische Systeme hinweggefegt hatten. Doch viele Künstler und Denker in Russland standen selbst im eisigen Gegenwind der Revolution: Schon 1921 wurde Nikolai Gumiljow, führender Vertreter der Akmeisten und Afrika-Enthusiast, zusammen mit Hunderten Intellektuellen in Petrograd einer fabrizierten Verschwörung bezichtigt und als Warnung an die kritische russische Intelligenz von den Bolschewiki kurzerhand erschossen.

Der jahrzehntelangen Faszination für die Russische Revolution im globalen Süden tat ihre von Beginn an unfassbare Gewaltgeschichte keinen Abbruch. Kolonialherrschaft, wirtschaftliche Unterentwicklung und soziale Ungleichheit – und deren geschickte Instrumentalisierung durch die sich formierende Sowjetunion – nährten in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas eine verklärende Sicht auf den russischen Herbst 1917.

Gescheiterte Weltrevolution



Als die Bolschewiki im Oktober 1917 der Provisorischen Regierung die Macht entrissen und die sozialistische Revolution ausriefen,[2] hörten die Völker die Signale: Studenten von Peking bis Córdoba schlossen sich in revolutionären Verbänden zusammen. Kubanische Tabakarbeiter und Unabhängigkeitsaktivisten in Niederländisch-Indien gründeten ihre eigenen Räte, die sie nach russischem Vorbild "Sowjets" nannten. Protest- und Streikwellen gingen um die Welt. Karl Marx und Lenin gesellten sich zu Montezuma und Emiliano Zapata als Helden der zeitgleich verlaufenden Mexikanischen Revolution. In den europäischen Kolonialreichen in Asien und Afrika radikalisierten sich nationale Befreiungskämpfer und sahen sich nun als Teil einer globalen Bewegung. Mit den russischen Kommunisten teilten viele von ihnen einen messianischen Glauben an eine Wende zu globaler Gerechtigkeit durch Vernichtung allen Übels. Durch die Bolschewiki wurde Russland so zum Zentrum der Auflehnung gegen die globale Hegemonie des Westens.

Für Lenin war der Zweck der Revolution in Petrograd die Vorbereitung der kommunistischen Weltrevolution gewesen. Ursprünglich dachte er aber erst an Revolutionen in den entwickelten Industrieländern des Westens, die dann, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen es erlaubten, in den kolonialen Territorien fortgesetzt würden. Besondere Hoffnung setzte die 1919 in Moskau gegründete Kommunistische Internationale (Komintern) auf das Proletariat des Deutschen Reiches. Doch noch im gleichen Jahr scheiterte in Berlin der Spartakusaufstand, bei dem die Regierung mit Freikorps gegen kommunistische Aufständische vorging. Schließlich vereitelte im "Deutschen Oktober" 1923 die Reichsregierung den letzten Versuch, die Weltrevolution nach Deutschland zu holen.

In Moskau hatte man da bereits einen stärkeren Fokus auf koloniale Territorien in Asien und Afrika gelegt. Der Parteitheoretiker und spätere Komintern-Vorsitzende Nikolai Bucharin argumentierte, koloniale Aufstände würden die imperialistischen Mächte von ihren Märkten und Rohstoffen abschneiden und damit die Krise des Kapitalismus beschleunigen.[3] Um die "Völker des Orients" gegen ihre imperialen Herren aufzubringen, war deren zahlenmäßig schwindend geringes Proletariat aber nicht genug. Die Komintern legte sich deshalb auf ihrem zweiten Weltkongress 1920 darauf fest, Bündnisse mit "bourgeoisen Nationalisten" zu schmieden. Lenin und Bucharin lieferten den theoretischen Unterbau für diese fundamentale Neuorientierung des Marxismus. Der damalige Komintern-Vorsitzende Grigori Sinowjew rief beim Kongress der Völker des Ostens in Baku Tausende Teilnehmer aus Turkestan, der Türkei, Persien und der arabischen Welt zum Dschihad gegen den britischen Imperialismus auf.[4]

Lenins Schriften zum Imperialismus wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und über die Komintern weltweit verteilt. In der Mongolei, wo Peking die Kontrolle verloren hatte, präsentierte sich der Bolschewismus gegenüber dem globalen Süden als Pfad zu nationaler Unabhängigkeit und staatlich forcierter Modernisierung. Die Rote Armee und eine kleine Gruppe mongolischer Unabhängigkeitskämpfer hatten 1921 die Stadt Urga erobert. Die neuen Herrscher machten daraus Ulan Bator ("Roter Held"), die Hauptstadt der ersten kommunistischen Volksrepublik, und gestalteten das Land nach sowjetischem Vorbild um.

Transnationale Komintern-Agenten trugen die Ideen und Praktiken der Oktoberrevolution in den Rest der Welt: Jules Humbert-Droz aus der Romandie war an der Gründung der Kommunistischen Parteien (KP) in Argentinien und der Schweiz beteiligt. Der in den USA ausgebildete Weißrusse Michail Borodin reiste durch Lateinamerika, Skandinavien und die Türkei, um beim Aufbau revolutionärer Kader zu helfen. Tan Malaka, indonesischer Komintern-Aktivist, pendelte jahrelang zwischen Südostasien, der Sowjetunion, den Niederlanden und den Philippinen. Der Inder Manabendra Nath Roy gründete noch im Dezember 1917 den Vorläufer der KP Mexikos, dann kommunistische Kaderschmieden im sowjetischen Zentralasien und einige Jahre später die KP Indiens. Der niederländische Sozialist Henk "Maring" Sneevliet forderte indonesische Sozialisten auf, dem Beispiel Russlands zu folgen. Borodin, Roy und Maring trafen schließlich in China aufeinander, wo sie sowohl beim Aufbau der KP Chinas mithalfen als auch enorme sowjetische Unterstützung für die chinesischen Nationalisten unter Sun Yat-Sen organisierten.

Um weitere Anhänger aus dem globalen Süden für die Sache der Revolution zu gewinnen, organisierte die Komintern Besuche in die Sowjetunion. Der rebellische brasilianische Offizier Luís Carlos Prestes wurde aus seinem bolivianischen Exil nach Moskau geholt, um dort die brasilianische Revolution vorzubereiten (die 1935 scheiterte). Ein eigenes "Negerbüro" der Roten Gewerkschafts-Internationale versammelte führende Köpfe des Panafrikanismus wie den Trinidader George Padmore, den Jamaikaner Marcus Garvey und afroamerikanische Künstler der Harlem-Renaissance. Als besonders fruchtbares Terrain zur Gewinnung künftiger kommunistischer Kader erwies sich Paris, wo zahlreiche Intellektuelle aus Lateinamerika sowie den asiatischen und afrikanischen Kolonien lebten. Schon 1925 schätzte die französische Polizei, dass ein Viertel aller etwa 4000 Chinesen in Paris Kommunisten geworden seien.[5] Die vom deutschen Kommunisten Willi Münzenberg finanzierte Liga gegen den Imperialismus und koloniale Unterdrückung in Brüssel umwarb antikoloniale Prominente wie den Gründer der peruanischen Alianza Popular Revolucionaria Americana (APRA), Víctor Haya de la Torre, und den Präsidenten des African National Congress (ANC), Josiah Gumede. Auf ihren Reisen in die junge Sowjetunion der 1920er Jahre wurden sie als Befreiungshelden gefeiert. Der Kontrast zu Verfolgung und Diskriminierung im Westen überzeugte auch viele Nichtkommunisten vom sowjetischen Wohlwollen gegenüber dem globalen Süden. Jawaharlar Nehru, erster Ministerpräsident des unabhängigen Indiens, war 1927 durch die Sowjetunion geführt worden und erinnerte sich später: "Sowjetrussland, trotz einiger unerfreulicher Aspekte, übte eine starke Faszination auf mich aus, und es schien der Welt eine Nachricht der Hoffnung zu verkünden."[6]


Fußnoten

1.
Manuel Maples Arce, Urbe. Súper-poema bolchevique en 5 cantos, Mexiko 1924.
2.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Manfred Hildermeier in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Dietrich Beyrau, Petrograd. Die russische Revolution und der Aufstieg des Kommunismus, München 2001, S. 231–249.
4.
Christopher Andrews, The KGB and the World, London 2005, S. 2.
5.
Vgl. Michael Goebel, Anti-Imperial Metropolis. Paris and the Seeds of Third-World-Nationalism, Cambridge MA 2015, S. 181.
6.
Zit. nach Laxman Singh Rathore, Political Ideas of Jawaharlal Nehru, in: Sobhag Mathur/Shankar Goyal (Hrsg.), Spectrum of Nehru’s Thought, New Delhi 1994, S. 1–32, hier S. 25.
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Autor: Tobias Rupprecht für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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