"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).
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Erinnerung an die Russische Revolution im heutigen Russland


18.8.2017
Im August 2007 prophezeite der liberale Oppositionelle Wladimir Ryschkow den Ausbruch einer Revolution im Jahre des hundertsten Jubiläums der Russischen Revolution. Seine Vision begründete er mit der Schwäche der demokratischen Institutionen und mit der anhaltenden wirtschaftlichen Krise. Diese beiden Faktoren würden das Vertrauen des Volkes in den "Autokraten", Präsident Wladimir Putin, schwächen und zum Umsturz führen.[1] Steht die Revolution also kurz bevor? Tatsächlich verdeutlichten die Demonstrationen Ende März und am 12. Juni 2017, zu denen der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny aufgerufen hatte, die Unzufriedenheit Vieler mit der Führung des Landes, und sie offenbarten ein großes Protestpotenzial. Ähnlich wie im Februar 1917, als Rufe wie "Weg mit dem Zaren" erklangen und die Marseillaise gesungen wurde, riefen die Demonstranten 2017 "Weg mit Putin" und stimmten die Nationalhymne Russlands an.

Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied: Der Protest 2017 stellte sich bewusst nicht als revolutionäre Bewegung dar. Ist der Grund hierfür die Revolutionsmüdigkeit der Menschen? Oder ist das geschichtspolitische Mantra der russischen Führung, "Nie wieder Revolution", so wirkungsmächtig? Im Folgenden soll den Fragen nachgegangen werden, welche Rolle die Revolutionserinnerung in der heutigen Geschichtspolitik Russlands spielt und welche gesellschaftlichen Diskurse die Diskussion um das Jahr 1917 prägen.

Revolution als unbequeme Erinnerung



Es ist bemerkenswert, dass das hundertste Jubiläum der Russischen Revolution, ihr Erbe und die "historischen Lehren" sehr spät zum Gegenstand der offiziellen Geschichtspolitik wurden. Erst im Dezember 2016, in einer Rede vor der Föderalversammlung, formulierte Wladimir Putin die Hauptlinie des Erinnerungsdiskurses für das Gedenkjahr 2017 – elf Monate vor dem Jahrestag der Oktoberrevolution und nur zwei Monate vor dem der Februarrevolution. Der Vergleich mit den langfristigen Vorbereitungen für andere Feierlichkeiten, etwa zu denen des "Tags des Sieges" am 9. Mai, macht die marginale Bedeutung der Revolutionsfeiern deutlich.

Die historische Lehre der Revolution besteht in der "Versöhnung" und der "nationalen Eintracht", so Putin.[2] Die Hauptbotschaft des Gedenkjahres ist: Die Revolution darf sich nicht wiederholen – eine Botschaft, die über unterschiedliche Ausstellungen, Vortragsreihen und Reenactments vermittelt werden soll. Mit der Umsetzung betraute Putin die Russländische Historische Gesellschaft – eine semistaatliche Institution unter dem Vorsitz seines Vertrauten Sergej Naryschkin.

Das Motiv "Versöhnung" soll auch in Denkmalform verfestigt werden: Für den 4. November 2017 ist die Eröffnung eines Versöhnungsdenkmals in Sewastopol auf der Krim geplant. Laut dem Kulturminister Wladimir Medinski soll dieses Denkmal an die Opfer beider Bürgerkriegsparteien, der "Roten" und der "Weißen", erinnern und die Tragik der nationalen Spaltung 1917 verdeutlichen.[3] Der Ort für die Denkmalerrichtung ist symbolträchtig: Er verweist einerseits auf den historischen Ort des Bürgerkriegsendes im europäischen Teil Russlands – von der Krim verließen die Reste der geschlagenen Weißen Armee 1920 Russland.[4] Andererseits wird die "Versöhnungsfrage" in die Gegenwart projiziert und damit ein nationaler Konsens in der aktuellen Frage der Zugehörigkeit der Krim beschwört.

Die "Versöhnung" als sinngebende Logik der Revolutionserinnerung ist nicht minder bemerkenswert als der späte Zeitpunkt der Rede zu den Jubiläumsplänen. Wird doch "die Heilkraft des Vergessens" meistens sofort nach der Beendigung eines Bürgerkriegs, als innere Befriedung, verordnet. In Russland liegen hundert Jahre dazwischen, und doch ist das Motiv der Versöhnung für die aktuelle politische Führung sehr wichtig. Dies äußert sich in den politischen Reden, der kollektiven Erinnerung und der offiziellen Geschichtspolitik.

Politische Reden

In den Reden vor der Duma und im Kreml wird der Begriff der Revolution negativ besetzt. Mit Verweis auf die sogenannten Farbrevolutionen – Massenproteste, die die Machtverhältnisse in vielen der ehemaligen Sowjetrepubliken infrage stellten – sollen Schreckensszenarien von Chaos, Bürgerkrieg und Blutvergießen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert werden. Das Schreckgespenst des drohenden Zerfalls und des Bürgerkriegs dient als Begründung für eine verordnete Eintracht und Versöhnung als nationale Aufgabe. Teil dieses Bedrohungsszenarios ist auch das Gespenst des destabilisierenden Einflusses des Auslands, was zusätzlich eine Konfliktprojektion nach außen ermöglicht: Jene Kräfte, die zu Veränderung und Machtwechsel aufrufen, werden als "Verräter der Nation" oder ausländische Agenten diffamiert. Deutlich verstärkt hat sich die Revolutionsphobie der politischen Eliten in Russland mit der Majdan-Revolution in Kiew.

Kollektive Erinnerung

Das Motiv der Versöhnung wird verwendet, um eine gesellschaftliche Diskussion über die Revolution zu vermeiden. In der Tat gilt die Russische Revolution 1917 als polarisierendes Element der russischen und sowjetischen Geschichte. Kaum ein anderes Ereignis trennt die heutige russische Gesellschaft so sehr und löst so starke Emotionen aus wie der Oktoberumsturz in Petrograd. Damit unterscheidet sich die Erinnerung an 1917 von der an den Zweiten Weltkrieg, die ein unumstrittenes, zentrales Element des nationalen Stolzes ist. Sie unterscheidet sich auch von der faktisch nichtpräsenten Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Da es sich bei der Oktoberrevolution um den Gründungsmythos des Sowjetstaates handelt, steht die Revolutionserinnerung in Verbindung mit der Wahrnehmung der Sowjetzeit und des Stalinismus. So offenbart sich, dass Russland auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion in der Frage tief gespalten ist, wie an diese Zeit zu erinnern ist.

Offizielle Geschichtspolitik

Russlands Geschichtspolitik besteht aus dem gezielten und selektiven Rückgriff auf die stolzen und glorreichen Ereignisse einer tausendjährigen Geschichte. Bindeglied dieses Rückgriffs ist die militärische Ruhmesgeschichte Russlands, die anhand von siegreichen Schlachten und Kriegsherren erzählt wird.[5] Im Zentrum des Narrativs steht die Erinnerung an den "Großen Vaterländischen Krieg" zwischen 1941 und 1945. Da die Kriegserinnerung auch im biografischen und alltäglichen Gedächtnis der Russen den wichtigsten Platz einnimmt, können sich viele Menschen mit diesem Narrativ identifizieren. Beachtenswert ist, dass die russische Führung das Revolutionsgedenken an das Weltkriegsgedenken gekoppelt hat. So ist seit 2005 der Tag der Oktoberrevolution, laut gregorianischem Kalender der 7. November, ein "Tag des militärischen Ruhmes" – in Erinnerung an die Revolutionsparade am 7. November 1941 während der Schlacht um Moskau.

Das Jahr 1917 selbst verschließt sich einer sinnstiftenden Ruhmesgeschichte – das Motiv der Versöhnung stellt in diesem Zusammenhang lediglich eine Notlösung dar. Im hundertsten Jubiläumsjahr konnten die russischen Machthaber die Revolution nicht ignorieren. Ebenso wenig konnte sie den kommunistischen Parteien überlassen werden. Das Motiv der Versöhnung soll von den Ereignissen 1917 wegführen und den Blick auf den Bürgerkrieg und auf die Bedeutung der nationalen Einheit lenken.


Fußnoten

1.
Wladimir Ryschkow, Rossiju zhdet revoljucija 2017 god, 13.8.2007, https://versia.ru/vladimir-ryzhkov-rossiyu-zhdyot-revolyuciya-2017-god«.
2.
Wladimir Putin, Rede vor der Föderalversammlung, 1.12.2016, http://kremlin.ru/events/president/news/53379/work«. Vgl. hierzu ausführlich Ekaterina Makhotina, Die Revolution 1917 in Russlands Geschichtspolitik, in: Osteuropa 6–8/2017 (i.E.).
3.
Wladimir Medinskij, Privetstvennoe slovo, in: Staatsmuseum der russischen Zeitgeschichte (Hrsg.), 100 let Velikoj Rossijskoj Revoljucii. Osmyslenie vo imja konsolidacii, Materialy kruglogo stola, Moskau 2017, S. 9–13.
4.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Jan Kusber in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
5.
Vgl. Philipp Bürger, Geschichte im Dienst für das Vaterland. Eckpunkte einer neuen russländischen Geschichtspolitik, Dissertation, Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien München-Regensburg (i.E.).
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Autor: Ekaterina Makhotina für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917Ergänzendes Sammel-Dossier

Oktoberrevolution

2017 jährt sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und sieben Monate später die "Oktoberrevolution" mit der Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte. Weiter...