"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).
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Furcht vor dem Bolschewismus. Russland und der Westen nach der Russischen Revolution


18.8.2017
Russland und der Westen sind ein begriffliches Gegensatzpaar, das eine lange Tradition hat und älter ist als die Oktoberrevolution 1917. Dieses Gegensatzpaar war nicht nur für russische und westliche Eliten im 18. und 19. Jahrhundert wichtig, um sich ihrer selbst klar zu werden, sondern auch als politisches Argument: Es wurde etwa in den innerrussischen Debatten zwischen den sogenannten Westlern und Slavophilen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, im "Great Game" zwischen Russland und Großbritannien um die Expansion in Asien oder am Vorabend des Ersten Weltkriegs genutzt; ebenso aber auch nach der Oktoberrevolution, in der Zwischenkriegszeit und im Kalten Krieg. Als politisches Argument erfährt dieser Gegensatz in der Ära Putin neue Aktualisierungen. Es scheint, als seien die 1990er Jahre während der Präsidentschaft Boris Jelzins hier eher eine Ausnahme gewesen.

Mit der Oktoberrevolution erhielt der Gegensatz eine neue, in den internationalen Beziehungen wirksame Qualität, weil er ideologisch stark aufgeladen wurde und die Furcht vor dem Kommunismus im Westen omnipräsent war. Im Folgenden soll erkundet werden, wie diese neue Qualität entstand.

Russland als Bündnispartner



Mit der Februarrevolution 1917, die das Regime des Zaren zum Einsturz brachte und die 300-jährige Herrschaft der Romanows beendete, stellte sich in London und Paris die Frage, ob es gelingen würde, Russland im Krieg zu halten: Es schien zwingend, um die Mittelmächte besiegen zu können. Dagegen stand der Wunsch vieler in Russland nach Frieden. Die Soldaten des Imperiums waren kriegsmüde und wollten nach Hause, die Nationalitäten des Imperiums begannen über eine Autonomie, im Falle der Polen gar über eine Unabhängigkeit, nachzudenken.

Im März 1917 versicherte der Außenminister der neuen Provisorischen Regierung Pawel Miljukow hingegen in einer Depesche allen Auslandsvertretern in Russland: Das neue Kabinett werde "internationale Verpflichtungen Russlands achten" und "alle ihre Energie der Erringung des Sieges widmen".[1] Daran hatten die westlichen Alliierten jedes Interesse. Schließlich waren die Mittelmächte, insbesondere das Deutsche Reich, weit in das Territorium Russlands vorgerückt und hatten mit dem unter Militärverwaltung stehenden Land "Ober Ost" ein Gebietskomplex geschaffen, der weißrussische, ukrainische und litauische Territorien umfasste.

Die Provisorische Regierung war weit entfernt davon, ihre Kriegsziele, wie den Griff nach den Meerengen am Bosporus, zu erreichen. Dennoch versicherte sie den Botschaftern Großbritanniens, Frankreichs und Italiens ihre Entschlossenheit zum "Siegfrieden". Die realitätsfernen Kriegsziele, wie auch überhaupt die Bereitschaft, den Krieg fortzusetzen, wurden in die Öffentlichkeit "durchgestochen" und führten zu Demonstrationen in Petrograd unter Parolen wie "Nieder mit Miljukow" und "Nieder mit dem Krieg". Lenin, der im April 1917 im Triumph nach Petrograd zurückgekehrt war, hatte eines erreicht: Die Provisorische Regierung hatte ihre Glaubwürdigkeit verloren; und die Bolschewiki, die sich die Forderungen der Zimmerwalder Konferenz eines Friedens ohne Kontributionen und Annexionen zu eigen gemacht hatten, gewannen über den Sommer 1917 Zulauf. Im Herbst 1917 besaßen die Alliierten in der Provisorischen Regierung somit nur noch einen Partner ohne Rückhalt.

Die Revolution lag auf der Straße und Lenin, der nach kurzzeitigem Exil in Finnland und Karelien nach Petrograd zurückgekehrt war, hob sie auf. Die im Vergleich zur Februarrevolution wenig spektakuläre Oktoberrevolution brachte die Bolschewiki an die Macht.[2] In ihren ersten Dekreten lösten die Bolschewiki jene Versprechen ein, die ihr zunächst einen gewissen Rückhalt verschafft hatten. Bereits am nächsten Tag wurde von den neuen russischen Machthabern ein Dekret über das Land erlassen, in dessen Folge die von den Alliierten so dringend benötigte Front gegen die Mittelmächte zusammenbrach. Zeitgleich folgte ein Dekret über den Frieden, wodurch sich für die Mittelmächte eine starke militärische Entlastung an ihrer Ostfront abzeichnete, die sie dringend für Schlachten an der Westfront benötigten.

Vor und nach der Oktoberrevolution waren die Bolschewiki für die Alliierten schwer einzuschätzen. Allgemeine Furcht vor dem Kommunismus ging einher mit der Frage, wie sich die Bolschewiki praktisch in der Außenpolitik verhalten würden. Lenin, Leo Trotzki, Adolf Joffe, Georgi Tschitscherin und andere Protagonisten der sowjetischen Außenpolitik sollten in den folgenden Jahren in ganz verschiedenen Rollen agieren: als Streiter für das Selbstbestimmungsrecht der Völker, als Vorkämpfer des russischen und internationalen Proletariats und Kämpfer gegen imperialistische Räuber, als Vertreter eines Sowjetrussland der Arbeiter und Bauern. Es war für die Regierungen von Großbritannien, Frankreich und den USA, die im April 1917 in den Krieg eingetreten waren, schwer einzuschätzen, was ideologischer Grundsatz, was vordergründige Rhetorik war und was den Kern sowjetrussischer Außenpolitik ausmachte. In einem postulierten Ziel trafen sich die Regierung Woodrow Wilsons und die Bolschewiki freilich rhetorisch: dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das die Deutschen mit ihrem Expansionsdrang einschränken wollten. Lenin kostete es Ende 1917 wenig, dieses Selbstbestimmungsrecht zu propagieren, das die USA vor allem für Polen durchgesetzt wissen wollten, da diese Territorien von den Mittelmächten besetzt waren.

Am 5. Dezember 1917 vereinbarten Russland und die Mittelmächte einen später mehrfach verlängerten zehntägigen Waffenstillstand. Am 22. Dezember wurden im weißrussischen Brest-Litowsk Friedensverhandlungen eröffnet. Diese gerieten für die Deutschen, aber auch die Weltöffentlichkeit zu einem Lehrstück über die neuen Formen sowjetischer Außenpolitik, die mit den konventionellen diplomatischen Traditionen brachen. Insbesondere als am 7. Januar 1918 Leo Trotzki die Führung der sowjetischen Delegation übernahm, waren die Deutschen über dessen Verhandlungsführung ebenso irritiert wie die entfernten westlichen Beobachter. Trotzki schmeichelte einerseits seinem Gegenüber am Verhandlungstisch, andererseits hielt er revolutionäre Reden, die sich an die Unterdrückten der Welt richteten. Mit dem Aufruf zum weltweiten Kampf gegen den Imperialismus sollte die Überkommenheit traditioneller außenpolitischer Methoden vorgeführt werden. Zuvor kündigte er an, er werde "einige revolutionäre Proklamationen an die Völker erlassen und dann die ganze Bude [das Volkskommissariat für Äußeres] schließen".[3] Diese Politik der Irritation verhalf ihm zu kurzfristigem Erfolg, zumindest zu Aufmerksamkeit. Sein Ziel sei "weder Krieg noch Frieden", und diese Aussage wurde international als eine grundsätzliche wahrgenommen.

Die Machtmittel hatten freilich die Deutschen in der Hand, die durch eine Wiederaufnahme der Kriegshandlungen in der Operation "Faustschlag" am 3. März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk erzwangen, in dem Russland etwa ein Drittel seines europäischen Territoriums verlor. Diese sowjetische Politik der Irritation, die Schwierigkeit, ideologischen Grundsatz und pragmatische Handlung unterscheiden zu können, prägte also auch die Wahrnehmung Sowjetrusslands bei Mächten der Entente und den USA: Dieses neue Regime stellte sich ganz bewusst nicht in die Rechtsnachfolge der Regierung des Zaren oder der Provisorischen Regierung. Es lehnte beispielsweise ab, eine Rückzahlung von Krediten, die aus Frankeich und Großbritannien teilweise schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Russland geflossen waren, zu übernehmen. Es war daher nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte bereits im November 1918 klar, dass dieses Regime nicht auf der Seite der Siegermächte an der Pariser Friedenskonferenz 1919/20, insbesondere in Versailles, beteiligt werden würde. Vielmehr begannen im Westen die Diskussionen darüber, ob die neu entstehenden Staaten im Nordosten Europas unterstützt werden sollten.[4]

Im Falle Polens war die Sache eindeutig: Der Pianist und Politiker Ignacy Paderewski hatte bei einer Konzerttournee durch die Vereinigten Staaten, die amerikanische Öffentlichkeit für die Sache eines eigenen polnischen Staates gewonnen. Es ging der polnischen Delegation um Roman Dmowski in Versailles nur noch um die Frage, welche Grenzen dieser Staat haben sollte. Gerade der Verlauf einer Ostgrenze zwischen Polen und Sowjetrussland war – nachdem der Frieden von Brest-Litowsk mit der Novemberrevolution in Deutschland annulliert worden war – Bestandteil der Unabhängigkeitskriege der Esten, Letten, Litauer, Polen aber auch der Ukrainer. Auch im Russischen Bürgerkrieg der "Roten" gegen die "Weißen", die eben nicht das Selbstbestimmungsrecht der Völker akzeptierten, sondern der alten Vision eines Imperiums anhingen, setzte sich der Erste Weltkrieg fort. Es war die "weiße" Idee eines ungeteilten Russland, die dazu führte, dass auch die Vertreter der Weißen Bewegung in Versailles nicht offiziell teilnahmen. Eine in den westlichen Hauptstädten und in den Delegationen auf der Pariser Friedenskonferenz ganz andere Frage war allerdings die nach der Unterstützung der Weißen Bewegung in ihrem Kampf gegen die Bolschewiki.


Fußnoten

1.
Zit. nach Manfred Hellmann, Die russische Revolution 1917, München 19692, S. 160f.
2.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Manfred Hildermeier in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Leo Trotzki, Mein Leben, Berlin 1930, S. 327.
4.
Siehe Charlotte Alston, Britain, Anti-Bolshevik Russia and the Border States at the Paris Peace Conference, 1919, in: History 91/2006, S. 24–44.
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Autor: Jan Kusber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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