"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Jan Kusber

Furcht vor dem Bolschewismus. Russland und der Westen nach der Russischen Revolution

Zwischen Exklusion und Anerkennung

Umso wichtiger war es für die neu entstandenen Staaten sowie für Litauen, dass sich die sowjetische Regierung dazu verstand, ihre jeweiligen Grenzen 1920 in Friedensverträgen zu garantieren. Lettlands Hauptstadt Riga wurde 1921 Schauplatz der erwähnten Friedensverhandlungen zwischen Sowjetrussland und Polen. Damit war die Westgrenze Sowjetrusslands vertraglich geregelt, die Ukraine wurde im Bürgerkrieg mit Gewalt (re)integriert. Auch Georgien, Aserbaidschan und Armenien gingen nach einem Zwischenspiel bis 1924 in der dann gegründeten Sowjetunion auf. Was fehlte, war die Anerkennung durch die ehemaligen Entente-Mächte und die USA.

Der britische Premierminister David Lloyd George plädierte allerdings 1920 für eine Rettung Russlands durch Handel und formulierte damit das Konzept des "Wandels durch Annäherung" avant la lettre. In dieser Absicht wurde am 16. März 1921 ein Handelsabkommen zwischen Moskau und London geschlossen, das für Sowjetrussland die De-facto-Anerkennung darstellte. In Moskau wurde eine britische Handelsmission gegründet. Tatsächlich trug das Handelsabkommen zu einer Stabilisierung des sowjetischen Regimes bei, das sich mit der "Neuen Ökonomischen Politik" für ausländische Investoren und qualifizierte Arbeitskräfte öffnete. Drei Jahre später – im Februar 1924 – nahmen die aus Sowjetrussland und anderen Sowjetrepubliken hervorgegangene Sowjetunion mit Großbritannien diplomatische Beziehungen auf. 1924 wurde zum Jahr der Anerkennungen: Es folgten Italien, Norwegen, Österreich, Griechenland, Schweiz, China, Dänemark und Frankreich.

Die Zurückhaltung des Westens bei der Anerkennung hatte sicher vor allem auch damit zu tun, dass Moskau ein Instrument zur Verfügung stand, das umso gefährlicher erschien, als es unterhalb der staatlichen Ebene angesiedelt und geeignet war, die innenpolitischen Szenen jeweils mit dem Ziel der Destabilisierung oder gar des revolutionären Umsturzes durcheinanderzuwirbeln: die Kommunistische Internationale (Komintern). Sie entstand nach Vorläufern 1919 auf Initiative Lenins. Die Etablierung des Sowjetsystems hatte zur Spaltung zahlreicher linker Parteien in einerseits reformorientierte sozialdemokratische und andererseits Kommunistische Parteien (KP) mit revolutionärem Anspruch geführt. Die KPs sollten von Moskau aus organisiert werden: Auf dem I. Weltkongress 1919 waren 51 Delegierte aus 29 Ländern anwesend. Diese vertraten, abgesehen von den Bolschewiki und der Deutschen KP, nur kleine und weniger bedeutende revolutionäre Gruppen. Die Komintern sollte nach dem Vorbild des demokratischen Zentralismus Lenins eine straff organisierte Weltpartei mit nationalen Sektionen bilden. Bei der Wahl der Mittel wurden gewaltsame Machtergreifungen ausdrücklich legitimiert.

Auf dem II. Weltkongress der Komintern 1920 mussten die KPs ihre Eigenständigkeiten weiter aufgeben: Das in Moskau eingerichtete Exekutivkomitee der Komintern, das von der KPdSU dominiert wurde, steuerte die Politik der Komintern und passte sie flexibel den Vorgaben und Bedürfnissen sowjetischer Außenpolitik an. Alle Gliederungen wurden verpflichtet, "einen parallelen Organisationsapparat zu schaffen, der im entscheidenden Moment der Partei behilflich sein wird, ihre Pflicht gegenüber der Revolution zu erfüllen".[9] Perspektivisch führte diese Politik zu mehrfachen Spaltungen innerhalb der KPs in den westlichen Ländern. Auch die Unterwanderung der teilweise sehr einflussreichen Gewerkschaftsbewegungen, etwa in England, gelang nur zum Teil. Aufstandsversuche wie in Deutschland zwischen 1919 und 1923, die misslangen, waren Teil des Konzepts. Sie scheiterten freilich an den kaum aus Moskau steuerbaren Eigendynamiken vor Ort, und auch der Putschversuch in Estland 1924 blieb Episode. Als die Sowjetunion versuchte, die Tätigkeit der britischen Gewerkschaften im Generalstreik 1926 zu unterwandern, drang die Londoner Polizei in das Gebäude der Handelsvertretung der UdSSR ein. Moskau brach daraufhin im folgenden Jahr die diplomatischen Beziehungen (bis 1929) ab. Stalin, nach Lenins Tode nach wenigen Jahren zum alleinigen Führer der Sowjetunion aufgestiegen, nutzte diese außenpolitische Krise, um die Neue Ökonomische Politik zu beenden und den "Aufbau des Sozialismus in einem Land" zu propagieren. Diesen hatte nun auch die Komintern abzusichern.

Der spektakulärste Erfolg war in dieser Hinsicht sicherlich das Moskauer Protokoll, das am 9. Februar 1929 zwischen der Sowjetunion, Polen, Rumänien, Lettland und Estland, später der Türkei und Litauen geschlossen wurde. Es setzte den Briand-Kellogg-Pakt – und damit den Verzicht, internationale Streitigkeiten mit militärischer Gewalt zu lösen – für die Unterzeichner-Staaten vorfristig in Kraft. Die Initiative ging vom stellvertretenden sowjetischen Außenkommissar Maxim Litwinow aus, der die internationale Umwelt, vor allem aber die Nachbarstaaten von der Friedenspolitik der Sowjetunion überzeugen und die sowjetische Sorge um die kollektive Sicherheit demonstrieren sollte.

Litwinows Politik der Annäherung an die Westmächte war mithin durchaus erfolgreich: 1932 gelang es der Sowjetunion, mit Frankreich einen Nichtangriffsvertrag abzuschließen. Am 2. Mai 1935 wurde der Beistandsvertrag zwischen beiden Ländern unterzeichnet. Ein weiterer Erfolg war 1934 die Aufnahme der Sowjetunion in den Völkerbund. Sie erhielt sogar einen Sitz im Ständigen Rat des Völkerbundes.

Erst kurz zuvor, 1933, hatten die USA die Sowjetunion diplomatisch anerkannt. Dieser späte Schritt hatte auch mit der in den USA tief verwurzelten Kommunismusfurcht zu tun, die zwar nicht mehr solche Züge trug wie unmittelbar nach der Oktoberrevolution, als in der "Ersten Roten Angst" bis 1920 knapp 10000 Menschen wegen unamerikanischer Umtriebe verhaftet wurden, aber das Misstrauen blieb. Die US-amerikanische Gesandtschaft im lettischen Riga hatte beispielsweise die Beobachtung kommunistischer Umtriebe im östlichen Europa als Hauptaufgabe.[10]

Fußnoten

9.
Zit. nach Peter Lübbe, Kommunismus und Sozialdemokratie, Berlin–Bonn 1978, S. 75.
10.
Vgl. Claudia Breuer, Die "Russische Sektion" in Riga, Stuttgart 1995.
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Autor: Jan Kusber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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