"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Jan Kusber

Furcht vor dem Bolschewismus. Russland und der Westen nach der Russischen Revolution

Schluss

In der amerikanischen Haltung zeigte sich jene Ambivalenz, die sich auch in anderen westlichen Staaten beobachten ließ. Einerseits wurde das sich schnell entwickelnde diktatorische, bald totalitäre System in der Sowjetunion angeprangert und der Gegensatz "Russland gleich Unfreiheit versus Westen gleich Freiheit" aufgebaut und damit eine Denkfigur variiert, die es auch schon vor dem Revolutionsjahr 1917 gegeben hatte. Andererseits versuchten die Entscheidungsträger im Westen, diese Vereinfachung in der Praxis zu umgehen, indem sie Wirtschafskontakte pflegten, pragmatischen Abkommen zustimmten und sich auf die wandelnden Formen formeller und informeller Außenpolitik (wie im Falle der Komintern) einstellten. Zudem schien nach der Weltwirtschaftskrise 1929 die Diktatur sowjetischen Typs als das kleinere Übel. Dies lag weniger an den autoritären Regimen in Südost- und Ostmitteleuropa, die in dieser Zeit bereits existierten oder entstanden, sondern vielmehr am Aufstieg des Nationalsozialismus nach 1933.

Am generellen Misstrauen des Westens änderte er jedoch wenig: Am Münchner Abkommen vom 30. September 1938, in dem Hitler das Sudetenland zugesprochen bekam, um wenig später nach der Tschechoslowakei zu greifen, wurde die Sowjetunion nicht beteiligt. An eine Intervention wie nach der Oktoberrevolution in Russland zugunsten der Tschechoslowakei dachten Frankreich und Großbritannien nicht.

Der Nichtangriffsvertrag zwischen Hitler und Stalin vom 23. August 1939 schien das Misstrauen zu rechtfertigen. Russland (in Gestalt der Sowjetunion) und der Westen blieben sich fremd, trotz des dann gemeinsamen Gegners im Zweiten Weltkrieg. Der Kalte Krieg nach 1945 zeigte dies deutlich, und auch die heutigen Beziehungen sind von der Fremdheit geprägt.

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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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