"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).
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Gleichberechtigung nach 1917? Frauen in der Kommunistischen Internationale


18.8.2017
Politische Aktivistinnen aus aller Welt blickten in den 1920er Jahren voller Erwartungen auf die Ereignisse im ersten sozialistischen Staat der Welt – der Sowjetunion. Viele von ihnen waren zunächst begeistert von den gesellschaftlichen Errungenschaften, die die Russische Revolution 1917 den Frauen brachte. Schließlich waren es vor allem Arbeiterinnen und Soldatenmütter, die am 23. Februar (julianischer Kalender), beziehungsweise dem Weltfrauentag am 8. März (gregorianischer Kalender), beim Protestmarsch in Petrograd den Ton angaben. Und in der Tat verankerte die Revolution gesetzlich die Gleichstellung der Geschlechter und setzte den Grundstein für einen Wohlfahrtsstaat, der die freie und kostenlose medizinische Abtreibung ermöglichte sowie Kinderhorte und Beratungsstellen für Mütter einrichtete.[1] Darüber hinaus eröffnete sich Frauen im Kontext der Revolution und des anschließenden Bürgerkriegs neuer Spielraum für politisches und gesellschaftliches Handeln. Zwar war die Öffnung politischer Organisationen für die Mitwirkung von Frauen eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, aber Anfang der 1920er Jahre war sie alles andere als die Regel.

Die Kommunistischen Parteien (KP) in aller Welt spiegelten aber nicht nur die Verheißung von Emanzipation wider, sondern ebenso die realen Grenzen im Kampf um Gleichberechtigung: Wie wurde mit dem Thema Gleichstellung von Mann und Frau in den frühen Jahrzehnten des sowjetischen und internationalen Kommunismus umgegangen? Welcher politische Handlungsspielraum wurde Frauen innerhalb der Kommunistischen Internationale (Komintern) gewährt? Und inwieweit machten Frauen davon Gebrauch? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.[2]

Neue, aber eingeschränkte Möglichkeiten



Die Geschlechtergleichheit tauchte praktisch von Beginn an in den Programmen der Komintern und der KPs auf, dennoch waren Frauen in deren Führungsetagen kaum vertreten.[3] Einerseits wollten die Parteien Frauen einbeziehen und leiteten auch entsprechende Maßnahmen ein. Andererseits wurden ihre Bemühungen untergraben vom Fehlen einer theoretischen Auseinandersetzung und vom mangelnden Bewusstsein für die Produktion von Geschlechterdifferenz im Alltag.

Um die Frauenemanzipation zu fördern, wurden innerhalb kommunistischer Organisationen spezielle Strukturen aufgebaut: 1917 die Frauenabteilung des Zentralkomitees der KPdSU, im August 1920 das Internationale Frauensekretariat der Komintern sowie Frauenabteilungen innerhalb der anderen KPs.

Die Frauenabteilung der KPdSU organisierte Delegiertentreffen, um weniger organisierte Frauen wie Hausfrauen, Büroangestellte, Dienstbotinnen sowie Arbeiterfrauen zu mobilisieren. In diesen "Schulen des Kommunismus" sollten Frauen erste politische Erfahrungen sammeln und die Gelegenheit erhalten, sich theoretische Grundlagen anzueignen. In Deutschland, wo Frauen 1928 ein Sechstel der insgesamt 130000 Mitglieder der KP ausmachten, bildeten sich starke Frauenorganisationen. Mit Forderungen, wie des Rechts der Frauen auf ihren eigenen Körper, setzten sie sich für die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie den Zugang zu Verhütungsmitteln ein.[4] In Frankreich, wo der Frauenanteil in der Partei weit geringer war – 1924 lag er bei rund vier Prozent –, machte sich die Partei für das Frauenstimmrecht stark.[5]

Der Frauenanteil in der Führungsetage der Komintern betrug nur etwa vier Prozent. Einige wenige Frauen stiegen allerdings bis an ihre Spitze auf: etwa Angelica Balabanowa (1919), die Deutsche Clara Zetkin (1920 bis 1933), Dolores Ibárruri in den 1930er Jahren und Maria Krylowa während des Zweiten Weltkriegs. Auch die Kommunistische Universität der nationalen Minderheiten des Westens wurde zwischen 1925 und 1936 mit Maria Frumkina von einer Frau geleitet. Ebenfalls unter weiblicher Führung standen Anfang der 1930er Jahre mit Klawdia Kirsanowa die Internationale Lenin-Schule und die Internationale Rote Hilfe mit Elena Stassowa.

Besondere Chancen auf politische Ämter boten sich Frauen in dem neu gegründeten Internationalen Kommunistischen Frauensekretariat, das mit ehemaligen Funktionärinnen der Sozialistischen Internationale sowie der Frauenbewegung besetzt wurde. Dazu bemerkte die französische Feministin Madeleine Pelletier, als sie 1920/21 das kommunistische Russland bereiste: "Anders als beispielsweise Frankreich verweigert Russland Frauen nicht das Recht, sich mit öffentlichen Angelegenheiten zu befassen."[6] Doch das Geschlecht blieb auch in der sowjetischen Gesellschaft ein bestimmendes Merkmal für Machtverhältnisse.Pelletier stellte darüber hinaus fest, dass Frauen in den Ministerien zumeist als junge Schreibkräfte arbeiteten und Führungspositionen nach wie vor Männern vorbehalten blieben.

Die gleiche geschlechterspezifische Arbeitsteilung fand sich auch in der Komintern: Einige wenige Frauen hatten Führungspositionen inne, weit mehr übten hingegen Verwaltungstätigkeiten oder sogenannte technische Funktionen aus (Sekretariat, Übersetzung, Botendienst). Verdeutlichen lässt sich dies an der Neugestaltung des Sekretariats von Georgi Dimitroff, der zwischen 1935 und 1943 Generalsekretär der Komintern war:[7] Unter den zwölf Beschäftigten im Sekretariat waren zwei Frauen: die Stenografin und die Schreibkraft. Innerhalb der Komintern war die Übersetzungsabteilung eindeutig diejenige mit dem höchsten Frauenanteil. Ihr Organisationsplan weist 62 Stellen auf, 28 davon explizit für weibliche Schreibkräfte. Tatsächlich waren dort noch weit mehr Frauen als Übersetzerinnen oder Korrektorinnen tätig, doch geben die Stellenbezeichnungen in diesem Fall keinen Aufschluss über das Geschlecht. Trotz männlicher Dominanz besetzten eine Reihe von Frauen mittlere Positionen. Häufig wurden sie von kommunistischen Organisationen als Kurierinnen eingesetzt, zweifellos aufgrund der Tatsache, dass Frauen in den Augen der Polizei traditionell als "unschuldig" und apolitisch galten.


Fußnoten

1.
Zur Frauen- und Geschlechterpolitik der frühen Sowjetunion siehe Carmen Scheide, Kinder, Küche, Kommunismus. Das Wechselverhältnis zwischen sowjetischem Frauenalltag und Frauenpolitik von 1921 bis 1930 am Beispiel Moskauer Arbeiterinnen, Zürich 2001; Wendy Goldman, Women, the State, and Revolution: Soviet Family Policy and Social Life, 1917–1936, Cambridge 1993; Joy Chatterjee, Ideology, Gender and Propaganda in the Soviet Union, in: Left History 2/1999, S. 11–28.
2.
Dieser Artikel basiert auf Brigitte Studer, The Transnational World of the Cominternians, Basingstoke 2015, Kap. 2, The New Woman.
3.
Siehe Elizabeth Waters, In the Shadow of the Comintern: The Communist Women’s Movement, 1920–43, in: Sonia Kruks et al. (Hrsg.), Promissory Notes: Women in the Transition to Socialism, New York 1989, S. 29–56.
4.
Vgl. Atina Grossmann, German Communism and New Women: Dilemmas and Contradictions, in: Helmut Gruber/Pamela Graves (Hrsg.), Women and Socialism. Socialism and Women, New York–Oxford 1998, S. 135–168.
5.
Christine Bard/Jean-Louis Robert, The French Communist Party and Women. 1920–1939, in: Gruber/Graves (Anm. 4), S. 321–347, hier S. 323.
6.
Madeleine Pelletier, Mon voyage aventureux en Russie communiste, Paris 1996 (1922), S. 94f.
7.
Siehe Brigitte Studer, Die Kominternstruktur nach dem 7. Weltkongress. Das Protokoll des Sekretariats des EKKI über die Reorganisierung des Apparates des EKKI, 2. Oktober 1935, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1/1995, S. 25–53.
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Autor: Brigitte Studer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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