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26.5.2002 | Von:
Dietmar Mieth

Ethik angesichts der Beschleunigung der Biotechnik

Seit Erschließung des menschlichen Genoms werden Optionen der zukünftigen Gentechnik diskutiert. Daher muss man sich mit dem Vertrauen in Fiktionen auseinandersetzen, das mit einer neuen "Gründer"-Mentalität einhergeht.

I. Wissenschaftliche Entwicklungen und die normative Kraft des Fiktiven

Man gewinnt den Eindruck, dass die Wissenschaft, vor allem im Bereich der Bio- und Informationstechnologien, der Gesellschaft davonläuft. Gleichzeitig stellt die Vorwärtsbewegung der Wissenschaft auch einen Reflex gesellschaftlicher Bedürfnisse und Wünsche dar. Die Wissenschaft entspricht dieser gesellschaftlichen Verfassung. Insbesondere gilt dies für eine säkulare Gesellschaft, die ihren Glauben verdiesseitigt hat und in den Fortschritt investiert. Trotz einer immer wieder hervorgehobenen Betonung der Gegenwart - am stärksten im "No-future"-Ruf der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts - entfaltet sich immer wieder ein Zukunftsglaube, der, wie Hans Jonas in seinem "Prinzip Verantwortung" befürchtete, von der Gegenwart Opfer verlangt.


Lange Zeit hat man von der normativen Kraft des Faktischen gesprochen. Aber es sind nicht so sehr die wissenschaftlichen Fakten, die auf neue Einstellungen in der Gesellschaft drängen. Eher handelt es sich um Optionen, die durch neue Erkenntnisse und erfolgversprechende Experimente wach werden, obwohl ihre Erreichbarkeit durch die Fakten des Fortschritts keineswegs garantiert wird. Ein Beispiel dafür ist die Gentherapie. Zunächst als Ersatz genetischer Information in Zellen geplant, wurde sie bald zu einem Transfersystem, wobei durch Vektoren ("Gentaxis") neue Informationen und Schaltvorgänge in die erkrankten Zellen eingeschleust werden sollten. Bisher sind dabei nur zweifelhafte Erfolge zu verzeichnen, und seit 1999, seit der heftigen Diskussion einiger Todesfälle in den USA, wird die Skepsis auch seitens der Genforscher geteilt. Von mir 1989 bei einem Besuch im National Institute for Health (NIH) gefragt, inwiefern er mit einer Versuchsanordnung im Vorfeld gleichsam den späteren Hauptgewinn, mit dem er die Mittel einwerbe, garantieren könne, antwortete French Anderson: garantieren könne er dies nicht, aber er glaube daran. In Analogie dazu kann man auch die Hoffnung auf Organ- und Zellreparaturen zwar als möglich, aber keineswegs als garantiert ansehen. Weder das Klonen noch das Herausbilden embryonaler Stammzellen ist als solches bereits eine "Therapie". Aber man pflegt oft den Weg nach dem Ziel zu benennen, so dass z. B. der Ausdruck "Zelltherapie" mit all seiner Herausbildung euphorischer Missverständnisse in der Öffentlichkeit die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit nur allzu deutlich macht.

Auch die so genannte "prediktive" Medizin ist eigentlich eine Fiktion. Denn nur bei monogenetischen, in ihrer Wahrscheinlichkeit sicher prüfbaren und in ihrem Schweregrad genau feststellbaren Krankheiten ist etwas vorauszusagen - und die Antwort kann längst noch nicht in einer Therapie bestehen. Da dies die zahlenmäßig geringeren Fälle sind, hofft man auf die Feststellungen von Prädispositionen. Dies wird jedoch, trotz der beschleunigten Erfolge in der Erschließung des menschlichen Genoms, wegen multifaktorieller Informationen im Schnittpunkt der Gene ein Fortschritt sein, der zugleich mit dem Wissen auch das Wissen über das Nichtwissen ansteigen lässt.

Die Investition der Wirtschaft folgt immer mehr einer Fiktion. Um erfolgreich der Erste zu sein, um an der Spitze mitzuschwimmen, muss das Geld dem Erfolg vorauseilen. Es muss aber auch versuchen, den Erfolg einzuholen. Das Mittel dazu heißt: Patentierung. Es ist kein Wunder, dass ein neuer Streit entstanden ist, inwiefern die patentierbaren "biologischen Materialien" wirklich Entdeckungen seien, vor allem wenn es sich um so genannte "Genschnitzel" handelt, deren Herstellbarkeit reine Routine und deren Nützlichkeit mehr oder weniger Fiktion geworden ist.

Die normative Kraft des Fiktiven gilt auch für die Gentechnik in der Landwirtschaft. Auf der einen Seite stehen zwar Produktionsvorteile als möglicher finanzieller Gewinn, auf der anderen Seite stehen die fehlenden praktischen Nachweise von neuen Sorten mit Standortvorteilen für die Dritte Welt. Auch fehlen die neuen Qualitäten für die Verbraucher und die ökologischen Gewissheiten angesichts nur schwer absehbarer Risikomöglichkeiten. Auch hier ist die erste Euphorie in den Vereinigten Staaten einer neuen, grundsätzlichen Diskussion gewichen. Dabei scheint die Wunschvorstellung der Promotoren: je mehr Information, umso mehr Akzeptanz, eher in ihr Gegenteil umzuschlagen: je mehr Information, desto mehr Kritik.

Dennoch bleibt die Kraft der Fiktion, die uns alle erfasst. Es sind die Träume einer aufgeklärten, nachmetaphysischen Gesellschaft, die wir alle träumen: eine Welt ohne Leid, ohne Hunger (wenn auch nicht ohne Krieg). Aber träumen wir diese Träume für alle? Mehren oder verringern wir die Distanz zu den Ländern am Ende der Armutsschlange? Fortschritt für wen? Diese Frage erfasst uns auch in den hochentwickelten Gesellschaften. Wir müssen uns entscheiden, was wir eigentlich wollen: Versicherung, Arbeitsplatz, Reproduktion, Gesundheit und Lebensführung nach Genmaß? Dabei werden wir uns nicht nur unter dem Druck derer fühlen, die an den neuen großartigen Aufgaben verdienen wollen; wir werden auch in den Bann unserer eigenen zugespitzten Anspruchsprofile geraten. Denn wir sind es, die eine billige Versicherung und einen garantierten Arbeitsplatz für uns selber wollen. Oder gibt es solidarische Lösungen auf der Basis individueller Ansprüche?

Die normative Kraft des Fiktiven zeigt, dass der anscheinend glaubensindifferente moderne Mensch vielleicht doch derjenige ist, der am meisten glaubt, weil er keine Alternativen dazu hat. Der Glaube an Gott macht skeptisch für die unbewussten, aber intensiven Glaubensformen und Glaubensnormen in der Welt. Die Ablehnung der Metaphysik führt zum Triumph der Spekulation: einer Spekulation zwar auf der Basis von Realien, aber nicht von diesen gedeckt, sondern emporgetragen von der Kraft unserer Wünsche, die ohne Gelassenheit und ohne Bewusstsein unserer Endlichkeit entfaltet werden.