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26.5.2002 | Von:
Hans-Joachim Höhn

Die Natur der Gesellschaft

Bausteine einer Ökologischen Sozialethik

Welche dramatische Wirkung zeigte die ökologische Krise? Soziale Evolution darf nicht nur als Emanzipation von den naturwüchsigen Zwängen und Fesseln menschlichen Miteinanders verstanden werden.

I. Einführung

Die wichtigste Eigenschaft von Menschen und Maschinen ist heute, "zukunftsfähig" zu sein. Sich in der Gegenwart auf die Zukunft einzustellen bedeutet aber auch, unter Ungewissheitsbedingungen zu handeln. Unter solchen Umständen liegt es nahe, Vorkehrungen zu treffen, die das Risiko von Fehlentscheidungen reduzieren. Zu den Anbietern entsprechender Hilfestellungen zählt auch die Ethik. Sie handelt vom Glück und Unglück, das sich als Folge menschlichen Tuns und Lassens einstellt. Ihr geht es um das Schicksalhafte und Machbare und um ihr Verhältnis zueinander. Der Satz klingt trivial, solange das Schicksalhafte eine feste Größe ist. In der Moderne ändern sich jedoch alle zuvor festen Größen und klaren Verhältnisse. Die Moderne ist angetreten, alle schicksalhaften Größen und Verhältnisse zugunsten des Machbaren zu verändern.


Auf dem Weg einer technisch-wissenschaftlichen Beförderung des Glücks ist aber auch das Unglück dem Zufälligen und Schicksalhaften entrissen worden. Auch das Unglück ist heute machbar - weit über den Bereich des Privaten hinaus. Deutlichster Beleg hierfür sind jene kollektiven Gefährdungspotenziale, die unter dem Begriff "ökologische Krise" zusammengefasst werden. Da wiederum auch die Abwehr des Unglücks machbar geworden ist, stellt die dauerhafte Sicherung der ökologischen Lebensgrundlagen kein aussichtsloses Unterfangen dar. Entsprechende Anstrengungen werden jedoch immer wieder in Frage gestellt durch Hemmnisse, die man schon überwunden glaubte, und durch Rückschläge, mit denen niemand mehr rechnete. Enttäuschung macht sich breit über die Fehlschläge internationaler Konferenzen, die auf den mit vielen Hoffnungen begleiteten "Erdgipfel" von Rio de Janeiro (1992) folgten. Gerade weil es in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte in der Umweltpolitik und im Umweltrecht gegeben hat, die nicht verspielt werden dürfen [1] , wäre es unverantwortlich, sich mit diesen gegenläufigen Entwicklungen abzufinden.

Zwar hat es Umweltzerstörungen auch in vorindustrieller Zeit gegeben [2] . Die Brisanz und Dramatik der gegenwärtigen Situation besteht jedoch darin, dass diese Schäden eine Eingriffstiefe und ein Ausmaß erreicht haben, das zu einer dauerhaften, irreparablen und großräumigen Gefährdung der elementaren Lebensbedingungen des Menschen führen kann.

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung zu verstehen, nicht mehr länger an einem Begriff von "Fortschritt" als Kultivierung der menschlichen Lebenswelt festzuhalten, wenn dabei keine Rücksicht auf die umfassenden Zusammenhänge der diese Lebenswelt tragenden Natur genommen wird. Auch die technisch-industrielle Kultur hat Regulative anzuerkennen, die die Natur selbst vorgibt. Gefordert wird daher die Einbindung der ökonomischen und technischen Funktionssysteme in das sie tragende Netzwerk der Natur und damit die dauerhafte Ausrichtung der sozialen Evolution an der sich verändernden Tragekapazität der ökologischen Systeme [3] . Zur Klärung der hierbei notwendigen, vor der praktischen Vernunft verantwortbaren Zuordnung ökonomischer, sozio-kultureller und ökologischer Faktoren beizutragen, ist Anliegen einer "Ökologischen Sozialethik", die im Folgenden hinsichtlich ihres Ansatzes und leitenden Interesses zu skizzieren ist [4] . Sie geht von der Annahme aus, dass mit der Moderne ein Stadium der Kulturgeschichte erreicht ist, in dem das Ausgeliefertsein des Menschen an die Natur verknüpft ist mit der Abhängigkeit vieler bisher "naturbelassener" Ökosysteme vom Menschen, auf deren Integrität wiederum der Mensch angewiesen ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Martin Jänicke u. a., Lern- und Arbeitsbuch Umweltpolitik, Bonn 1999; Jörn Altmann, Umweltpolitik. Daten, Fakten, Konzepte für die Praxis, Stuttgart 1997, S. 215-375.
2.
Vgl. die Übersicht von Gottfried Zirnstein, Ökologie und Umwelt in der Geschichte, Marburg 1996².
3.
Vgl. Ernst Ulrich von Weizsächer, Erdpolitik. Ökologische Realpolitik als Antwort auf die Globalisierung, Darmstadt 19975.
4.
Vgl. Hans-Joachim Höhn, "Vergesellschaftete Natur". Reflexionsstufen einer Ökologischen Sozialethik, in: Helmut Reinalter (Hrsg.), Perspektiven der Ethik, Innsbruck - Wien - München 1999, S. 202-218; ders., Natur - Gesellschaft - Kultur. Auf dem Weg zu einer ökologischen Sozialethik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/1991, S. 28-35.