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26.5.2002 | Von:
Gertrud Höhler

Männer und Frauen - als Team unschlagbar

An den Führungsspitzen in Wirtschaft (und Politik) sind kaum Frauen anzutreffen. In der globalisierten Welt widerspricht diese Tatsache mehr und mehr dem Spektrum der zu erfüllenden Aufgaben.

Einleitung

Grow to be great - so heißt der männliche Traum davon, dass Quantität in Qualität umschlägt. Die Truppenstärke als Hinweis auf die Macht des Herrschers ist eine Selbstverständlichkeit in männlichen Vergleichen zwischen Rivalen. Wie viele Leute man beschäftigt, wie viele Stützpunkte global besetzt werden, wieviel Umsatz die Firma macht - das alles rangiert vor der Frage nach der Qualität der Menschen und Produkte. Weil der Rückschluss von der Machtfülle auf die Qualität logisch ist, sagen viele Männer. Genauer: weil Machtfülle eine eigene Qualität ist. Wer mächtig ist, wird mächtiger. Nur Frauen wagen hier den Zwischenruf: Wer mächtig ist, kann abstürzen. Wer mächtig ist, hat Feinde. Natürlich! sagen die Männer mit leuchtenden Augen. Viel Feind, viel Ehr.


Die Produktwelt verändert sich; wir transportieren immer mehr virtuelle Güter. Auf den Spitzenplätzen sind es Informationen. Die Wissensgesellschaft etabliert den Wettbewerb mit unsichtbaren Warenströmen, deren virtuelle Spur auf den Terminals gelesen statt in Containern oder Trucks in Zentnern vermessen und gewogen wird. Die Truppenstärke wird ein virtueller Faktor, weil der Augenblick, der alle versammelt unter dem Befehl des Feldherrn, nicht mehr stattfindet. Auf den Landkarten in den Vorstandsbüros stecken die kleinen Nadeln oder Fähnchen, die das Netzwerk der Stützpunkte abstecken.

Global wie die Wissensnetze werden auch die Karrieren. Wer nicht an verschiedenen Plätzen des global village Duftmarken gesetzt hat, wird nicht akzeptiert im Revier, das die Welt ist. Immer weniger Platz für Frauen? Immer mehr Genuss für Männer?

Der Sprung in die künstliche Intelligenz ist ein Innovationsschub in Richtung Kooperation geworden. Noch wird wenig darauf geachtet, aber wer die Mitarbeiterzahlen in Zukunftsbranchen nach Geschlechtern aufschlüsselt, entdeckt überdurchschnittlich viele Frauen. Das begann in den Medien, in denen Männer und Frauen seit Jahrzehnten besser kooperieren als in Industriebetrieben. Informatikfirmen beschäftigen viele Frauen mit Arbeiten, die manuelle Geschicklichkeit verlangen. Höher qualifizierte Programmierer sind häufig ebenfalls weiblich. Die großen Dienstleister beschäftigen Frauen vor allem im Kundenkontakt; das soziale Interesse und die gestreute Aufmerksamkeit der Frauen (multi-task!) begünstigen das Beziehungsmanagement.

Nichts davon ist neu. Und die Wanderung stromaufwärts, an die Unternehmenspitze, ist weiterhin ein fast frauenfreies Szenario. Und dennoch - die Aufgaben holen sich ihr Personal:

- Die virtuelle Geschäftswelt verlangt mehr Improvisation und eine bessere Witterung für Zwischentöne.

- Die multikulturellen Firmenheere, die man nicht mehr halbjährlich zur Motivationsshow versammeln kann (oder will?), weil sie weltweit verteilt sind, verlangen ein besseres Stimmungsmanagement, als es bisher üblich war.

- Das Vorrücken der Kommunikationsleistung auf einen der ersten Managementplätze drängt das reine Produktmanagement auf einen nachgeordneten Platz.

- Die Unberechenbarkeit der Lebensdauer von Firmen verlangt eine neue Flexibilität und Offenheit gegenüber potenziellen Partnern, die den Stellenwert des Firmenego über Nacht verändern. Ob dabei die gesamte Motivationskultur des Unternehmens abstürzt, ist eine Frage des Managements.

- Das knappe Produkt, dessen Nachfrage rasant steigen wird, heißt Vertrauensmanagement. Kaum eine Firma produziert es; nur wenige Manager schätzen es als Erfolgsfaktor richtig ein.

- Sich im Zwiespalt zwischen Bewahren und Verändern den Legionären des Geldes, den Investmentbankern, nicht ohne eigene Urteilskraft auszuliefern, bedeutet eine Kraftanstrengung: das eigene Unternehmen objektiv zu beurteilen.

- »Globalisierung« lautet das Gebot der Stunde, das heißt global und lokal zugleich agieren. Wer nach Schwarzweißlösungen strebt, ist der Verlierer.

- Globale Kundenbeziehungen erfordern ein neues Beziehungsmanagement. Wer Produkte und Dienstleistungen in verschiedenen Lebenswelten und Wertkulturen bewegt, braucht Seismographen, um die Fehlerbilanz niedrig zu halten.

- Global von der Presse begleitet und kommentiert zu werden, erfordert ein international sensibles Management für Journalistenkontakte.

- Globale Präsenz heißt globaler Rechtfertigungsbedarf. Jede Gesellschaft hat ihre Verdachtskultur. Unternehmen müssen im kulturellen Kontext antworten; Voraussetzung dafür ist erstklassige Information.

- Globale Standards für die ethische Identität einer Firma sind unerlässlich. Ein globales corporate profile erfordert neben internationaler Sachkenntnis ein hohes Maß an Empathie.

Die Aufgaben holen sich ihr Personal: Der neue Katalog der Management-skills für die virtuelle Welt ist keine Einladung an Frauen, sondern das Wetterleuchten, das Männer warnen sollte, ihre Vorliebe für die klassisch-vertrauten Ressorts im Management gegen den Innovationsdruck des globalen Business verteidigen zu wollen. Mitspielen wollen die meisten von ihnen - zu den alten, nicht zu neuen Bedingungen. Genau damit haben Frauen überhaupt kein Problem: Sie sind ohnehin neu auf der Szene, und ihre komplexe Wahrnehmung hat immer ein paar Puzzlestücke mehr im Blick, als der Tunnelblick des Mannes tolerieren will. Ideal wird die Konstellation der neuen Anforderungen für Frauen aber aus einem anderen Grund: Sie entspricht genau den Stärken, mit denen Frauen unterwegs sind:

- Frauen sind improvisationsstark, weil sie den Umgang mit ungeordneten Szenarien gewohnt sind.

- Sie sind sozial interessiert und aufnahmebereit.

- Ihre Witterung für Stimmungen ist ausgeprägt.

- Kommunikation ist eine Frauendomäne. Sie sind verbal geschickter, haben mehr Kommunikationserfahrung und trauen dem reinen Produkttransfer nur Teilerfolge zu - mit Recht.

- Frauen investieren weniger Energie in Feindbilder als Männer.

- Ihr Harmoniebedürfnis sucht ständig nach Ähnlichkeiten und Verständigungsanlässen. Dass jedes andere Unternehmen eher Partner als Feind sein könnte, ist in der Ära der Fusionen wichtiger als das Kultivieren von Gegnerschaften.

- Die high-trust company ist ein Organismus mit viel weiblicher Energie. Setzen Männer mehr auf handfeste Kontrollmechanismen, so zeigen Frauen ihnen, dass mehr Vertrauen mehr Zeit bedeutet - und weniger Intrigen.

- Frauen stehen zugleich drinnen und draußen. Die Firma frisst sie nie mit Haut und Haar. Das macht ihr Urteil objektiver. Sie können den Männern helfen, die Company von außen zu sehen; das Insidersyndrom wird entschärft.

- Frauen sehen mehr Nuancen. Sie sind fähig, Nah- und Fernsicht so zu mischen, dass nicht der Grundsatz das Detail erschlägt und umgekehrt. Frauen sehen farbig, wenn Männer im Eifer des Gefechts nur noch Schwarzweiß dulden wollen.

- Kunden weltweit in der Sprache ihrer Wünsche und Gefühle zu begegnen, ist mehr, als Marktforschung vermitteln kann. Es verlangt die Bereitschaft, ihre Gefühle zu teilen. Das ist kein Männerkonzept, aber eine Leidenschaft von Frauen.

- Kontakte pflegen - das ist weibliches Terrain. Nicht jede Minute in Profit umrechnen, sondern Gesprächsatmosphäre zum Erfolgsfaktor machen. Das gelingt nur, wenn man weiß, dass die Meinungsmacht der Presse sich gegen jeden wendet, der sie unterschätzt.

- Glaubwürdigkeit ist eine der wertvollsten Ressource für Unternehmen. Ist sie verspielt, dauert ihr Wiedergewinn ein Vielfaches der Zeit, die für den Absturz ausgereicht hat. Glaubwürdigkeit ist Ergebnis einer hochkarätigen Informationskultur. In der Massengesellschaft steigt deren Bedeutung ständig.

- Es gibt noch keinen globalen Katalog ethischer Standards. Aber es gibt die internationale Menschenrechts-Charta. Unternehmen, die ein untadeliges Profil wollen und ihre Mitarbeiter und Kunden sowie die Öffentlichkeit in einer Kultur des Vertrauens verbinden möchten, sollten die Aufgaben der Charta in ihre Philosophie einarbeiten. Frauen sind im Umgang mit solchen Grundsatzfragen geübter als Männer, weil sie nicht ständig dem Widerspruch zwischen Expansionswünschen und einschränkenden Tugenden ausgesetzt sind. Wo Männer über Kampf oder Flucht entscheiden, lassen sich Frauen auf unspektakuläre Lösungswege ein.

Die Unentbehrlichkeit von weiblichem Know-how macht sich bereits bemerkbar, wo unbefangene junge Manager arbeiten. Dort sind mehr Frauen - keineswegs aus ideologischen oder sozialpathetischen Gründen, sondern weil die jungen Männer einen kurzen Denkweg zu den Selbstverständlichkeiten haben: dass gemischte Talente komplexere Lösungen bringen.

Je zeitgemäßer ein Unternehmen gemanagt wird, desto schneller wird sich dort die Zahl der Frauen vermehren. Wir werden bald diesen neuen Standard der Unternehmensbewertung offiziell werden sehen. Firmen von gestern sind Männerfirmen, die männlich kollabieren, auch wenn sie gestern noch vor Kraft kaum gehen konnten. Firmen für morgen sind gemischte Teams, die das neue Aufgabenspektrum im Management zwischen Männern und Frauen aufteilen, weil die Aufgaben verschiedenes Know-how verlangen.