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26.5.2002 | Von:
Ulla Weber
Barbara Schaeffer-Hegel

Geschlechterarrangements in der Bundesrepublik

Kontinuität und Wandel

Im Jahre 1949 wurde die Gleichberechtigung der Geschlechter in Deutschland als Grundrecht festgeschrieben. Seitdem hat sich die rechtliche Stellung der Frau entscheidend verbessert.

I. Frauenleben 1949

Seit 1949 ist in Deutschland die Gleichberechtigung der Geschlechter als Grundrecht festgeschrieben. Am 7. Oktober 1949 wurde Artikel 7 der Verfassung der DDR verabschiedet: "Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichstellung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben." Für die Bundesrepublik erkämpfte die Rechtsanwältin und Notarin Elisabeth Selbert im Parlamentarischen Rat gegen den heftigen Widerstand ihrer männlichen Kollegen [1] die Aufnahme des Absatzes 2 des Artikels 3 im Grundgesetz: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." [2] Ein Blick auf die rechtliche Stellung der Frau im Jahre 1949 macht deutlich, welch frauenpolitisch revolutionären Einschnitt in der deutschen Rechtsgeschichte diese Verfassungsänderungen bedeuteten.


Nach dem bis zu diesem Zeitpunkt geltenden Ehe- und Familienrecht waren Ehefrauen keine eigenständigen Geschäftspersonen. Sie unterstanden nicht nur in öffentlichen Angelegenheiten der Bevormundung durch den Ehemann, ohne dessen Zustimmung sie weder erwerbstätig sein noch über ihr Vermögen entscheiden durften. Auch im privaten Bereich, auf den Frauen in ihrer Zuständigkeit ausdrücklich festgeschrieben waren, verfügte der Mann per Gesetz über das alleinige Entscheidungsrecht in allen die Ehe betreffenden Streitfragen inklusive in Angelegenheiten, die die gemeinsamen Kinder betrafen. Vor diesem Hintergrund ist es fast unnötig, zu erwähnen, dass der Familienname selbstverständlich der des Mannes war und die gemeinsamen Kinder bei unterschiedlicher Staatsangehörigkeit der Eltern natürlich die des Vaters erhielten. Muten die Bedingungen, auf die eine Frau sich einließ, wenn sie eine Ehe einging, mittelalterlich an, so hatte eine Ehescheidung für Frauen oft noch katastrophalere Folgen. Das Scheidungsrecht beruhte auf dem "Verschuldungsprinzip", das eine/n der Eheleute für das Scheitern der Ehe verantwortlich machte. Unterhaltsansprüche sowie die Sorge für die minderjährigen Kinder waren an die Schuldlosigkeit am Zerbrechen der Ehe gebunden. Konnte eine Frau sich nur bedingt darauf verlassen, dass sie nach der Scheidung aufgrund der - vielleicht zahlreichen - Jahre, in denen sie ihren Exmann familiär entlastet und beruflich gestützt hat, eine gewisse finanzielle Unterstützung erhalten würde, hatte sie keinerlei Ansprüche hinsichtlich ihrer langfristigen sozialen Absicherung. Aus der gemeinsam verbrachten Zeit wurden für die Frau keine Rentenansprüche abgeleitet. Zudem existierte bis 1972 keine gesetzliche Altersversicherung für Nichterwerbstätige. Hausfrauen hatten also kaum Möglichkeiten, sich unabhängig von ihrem Ehemann sozial abzusichern.


Auch in anderen Rechtsbereichen galten frauendiskriminierende Gesetze. So wurden Frauen auf dem Arbeitsmarkt nach besonderen Regelungen entlohnt, die vorsahen, dass sie auch dann nach niedrigeren "Frauenlohngruppen" bezahlt wurden, wenn sie definitiv dieselben Tätigkeiten wie Männer ausübten. Das Strafrecht kriminalisierte Schwangerschaftsabbrüche mit einem allgemeinen Abtreibungsverbot. Gemäß § 218 Strafgesetzbuch (StGB) war jede Selbst- und Fremdabtreibung mit Freiheitsstrafe bis zu fünf bzw. bei Fremdabtreibung bis zu zehn Jahren bedroht. Einzige Ausnahme bildete die "medizinische Indikation", nach der ein Abbruch dann als legal galt, wenn auf keine andere Weise eine Lebensgefährdung der Frau abgewendet werden konnte. Die Anwendung von Verhütungsmitteln war keineswegs verbreitet und zudem gesellschaftlich nicht akzeptiert. Der Vertrieb von Verhütungsmitteln an frei zugänglichen Orten war strafbar [3] . Verhütung, Abtreibung, Familienplanung waren Tabuthemen, illegale Schwangerschaftsabbrüche mit großen finanziellen Belastungen und hohen gesundheitlichen Risiken verbunden [4] . Gleichwohl waren uneheliche Kinder und ledige Mütter nicht nur sozial, sondern auch rechtlich diskriminiert. Die elterliche Sorge für nichteheliche Kinder oblag dem Jugendamt. Schwangerschaft war ein weit verbreiteter Heiratsgrund [5] .

Fußnoten

1.
Unter den 70 Mitgliedern des Parlamentarischen Rates waren damals außer Elisabeth Selbert nur noch drei weitere Frauen, Frederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel.
2.
Vollständig lautete der Artikel 3 GG folgendermaßen: "(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."
3.
Vgl. Eva Maleck-Lewy, Und wenn ich nun schwanger bin? Frauen zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung, Berlin 1994, S. 105 ff.
4.
Die Angaben über die Anzahl illegaler Abbrüche in den fünfziger/sechziger Jahren sind sehr unterschiedlich. Die Schätzungen reichen von 300 000 bis zu 800 000 illegalen Abbrüchen pro Jahr (vgl. Herta Däubler-Gmelin/Renate Faerber-Husemann, § 218 - Der tägliche Kampf um die Reform, Bonn 1987, S. 79). Der durchschnittliche Preis für eine illegale Abtreibung betrug 400 DM bis 700 DM. Im Vergleich mit dem damaligen monatlichen Durchschnittseinkommen - 1950 hatte der "durchschnittliche vierköpfige Arbeitnehmerhaushalt" pro Monat 340 DM zur Verfügung, Mitte der fünfziger Jahre (1956) 600 DM und 1958 ca. 674 DM - war das ein enorm hoher Betrag. Ebenso kostenintensiv waren Reisen nach Holland oder England, wo Abtreibungen legal waren. Da viele Frauen das notwendige Geld für eine ärztliche Abtreibung oder eine Auslandsreise nicht aufbringen konnten, wurden viele Abbrüche unsachgemäß oder auch eigenhändig durchgeführt, was mit einem hohen gesundheitlichen Risiko für die Schwangere verbunden war. Nach offiziellen Statistiken der Krankenkassen starben Ende der fünfziger Jahre jährlich ca. 10 000 Frauen an den Folgen eines Abbruchs. Noch für das Jahr 1969 wurden in der Bundesrepublik fast 150 Todesfälle infolge illegaler Abtreibung geschätzt (vgl. Angela Delille/Andrea Grohn, Blick zurück aufs Glück. Frauenleben und Familienpolitik in den fünfziger Jahren, Berlin 1985, S. 123 f.).
5.
Ende der fünfziger Jahre waren knapp ein Drittel der Frauen bei Eheschließung schwanger. 1963 gaben nur noch 8 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen Schwangerschaft als Heiratsgrund an (vgl. A. Delille/A. Grohn (Anm. 4), S. 124).