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26.5.2002 | Von:
Peter Döge

Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik

Männerforschung, Männerpolitik und der "neue Mann"

II. Der Macht-Mann

Männliche Identität konstituiert sich in der vorherrschenden bipolaren Geschlechterordnung immer in Abgrenzung und Entgegensetzung zu Weiblichkeit [11] . Dabei wird Männlichkeit gleichgesetzt mit grenzenloser (Gestaltungs-)Macht über Mensch und Natur [12] - ein Bild, das auch heute noch den gesamten Sozialisationsprozess von Männern begleitet. So betonen schon Spielzeugwerbespots, die nur auf Jungen zielen, aggressives Verhalten, das zudem eher mit positiven als negativen Sanktionen belegt wird [13] . Jungen sind in Bilderbüchern und im Jugendfernsehen die Helden, die weiblichen Figuren sind überwiegend das hilflose Opfer, das zu begehrende Weibchen, die umsorgende Mutter [14] . Schulbücher zeigen Männer meist an der Spitze von Hierarchien, zeigen sie technisch kompetent, Frauen kommen in diesen Hierarchien nicht vor [15] . Auch wenn bisweilen der "neue Vater" zu sehen ist, sind Männer in der Werbung "vor allem sportlich, erfolgreich, tüchtig und vernunftbegabt" [16] .

Mann-Sein im Sinne des Mächtigen Mannes muss kontinuierlich unter Beweis gestellt werden - Männer müssen sich ständig als Männer beweisen. Dabei kollidieren die Bilder vom Mächtigen Mann mit subjektiven Machtlosigkeitserfahrungen im Alltag - die Männerforschung spricht hier von fragiler Männlichkeit [17] . Fragile Männlichkeit wird als eine zentrale Ursache von Gewalt von Männern gegen Frauen, aber auch von Gewalt gegen andere Männer und von Gewalt von Männern gegen sich selbst gesehen. Gerade hier verstellt die mit dem Macht-Mann verbundene Vorstellung vom Mann als "Täter" und der Frau als "Opfer" häufig den Blick in der Geschlechterforschung, und so wird übersehen, dass zwei Drittel der Opfer männlicher Gewalt Männer sind [18] . Junge Männer haben heute gegenüber Frauen ein fast vierfach höheres Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, doppelt soviel männliche wie weibliche Jugendliche werden mindestens einmal täglich zu Hause geschlagen, schätzungsweise jeder achte bis zwölfte Junge wird sexuell missbraucht. Jungen verbergen diese Taten meist aus der Furcht, als homosexuell und als Opfer - und damit als unmännlich - stigmatisiert zu werden. Ebenso werden Vergewaltigungen von Männern (anale Penetration) in Gefängnissen von den Opfern verschwiegen oder nicht weiter untersucht - von 2000 Vergewaltigungen werden lediglich 96 angezeigt und 26 von der Gefängnisleitung an die Polizei weitergeleitet. Gleiches gilt etwa für die weitgehende Dethematisierung von Vergewaltigungen von Männern durch Männer in Kriegssituationen.

Um seiner Rolle gerecht zu werden, übt der Mächtige Mann aber auch Gewalt gegen sich selbst aus - Gewalt, die sich in einer besonderen Beziehung von Männern zum eigenen Körper äußert und in einem gegenüber Frauen insgesamt schlechteren Gesundheitszustand resultiert [19] . So liegt die Suizidrate von Männern allgemein höher als die von Frauen, infolge eines riskanteren Verhaltens in der Freizeit sind mehr männliche als weibliche Jugendliche von Unfällen betroffen, Männer liegen in der Altersgruppe zwischen 18 und 59 Jahren sowohl beim Tabak- als auch beim Alkoholkonsum vor Frauen, Männer betreiben weniger Körperhygiene und Körperpflege und weisen in der Altersgruppe der 45- bis 65-Jährigen die höchste Todesrate durch Herzinfarkt auf. Hinzu kommt, dass die Berufe mit den meisten Arbeitsunfällen nach wie vor typische Männerberufe sind, dass Berufskrankheiten mit Ausnahme der Hautkrankheiten durchgängig Männer erleiden. So weisen Männer allgemein eine um sechs Jahre kürzere Lebenserwartung als Frauen auf, wobei jedoch nicht alle Männer den Risiken gleichermaßen ausgesetzt sind. Männliche Professoren etwa leben rund neun Jahre länger als ungelernte Arbeiter, sozial benachteiligte Männer weisen mehr als doppelt so oft Herz-Kreislauf-Krankheiten auf als sozial bessergestellte Männer [20] .

Männlichkeit als Negation des Weiblichen drückt sich letztendlich in einer spezifischen Form männlicher Emotionalität aus. Männer sind - wie häufig fälschlicherweise unterstellt - keineswegs un-emotional, sondern dem Macht-Mann wird aus dem gesamten Horizont möglicher Emotionalitätsformen nur ein gewisser Ausschnitt zugestanden. Die spezifische Form männlicher Emotionalität ist gekennzeichnet durch einen Mangel an Empathie und konstituiert Konkurrenz sowie insbesondere Homophobie als zentrales Beziehungsmuster zwischen Männern. Homophobie gepaart mit der Angst vor Homosexualität bildet eine weitere Ursache für übersteigerten Machismus, Sexismus und Rassismus bei Männern [21] .

Besonders eng ist die konnotative Verbindung von Dominanz, Konkurrenz und Männlichkeit im Management von Organisationen, das in der Männerforschung als ein bedeutender Ort der Interaktion und Reproduktion hegemonialer Männlichkeiten gefasst wird [22] . Allerdings sind männliche Manager - wie eine Befragung von rund 4 100 Männern in Leitungsfunktionen der 500 größten Unternehmen der USA gezeigt hat - häufig unzufrieden mit den emotionalen Einschränkungen, die ihre Tätigkeit ihnen abverlangt, sowie mit dem Umfang ihrer Arbeitszeit [23] , infolge permanenten Erfolgsdrucks werden Manager-Männlichkeiten als besonders fragil gesehen [24] . Einen Ansatz zur Reduktion dieser Unsicherheiten und einen Ausdruck der spezifischen Kommunikationsformen von Männern in Organisationen bilden Männerbünde, die als eine bedeutende Blockade von Gleichstellungspolitik gesehen werden können [25] , dabei allerdings auch als Ausgrenzungsmechanismus gegenüber nichthegemonialen Männlichkeiten - etwa gegenüber Hausmännern und homosexuellen Männern - fungieren [26] .

Das Bild des mächtigen Mannes bestimmt nach wie vor auch die Wahl der richtigen Partnerin. Heterosexuelle Männer haben zwar kaum Beschränkungen einzuhalten, wenn es um die Wahl einer jüngeren Frau geht, wenn der Mann jedoch eine Frau wählt, die älter ist als er, wird er mit massiven Vorurteilen konfrontiert: "Ihm wird die Rolle eines ,unmännlichen' Partners unterstellt, der entweder ,noch nicht erwachsen' ist und daher noch eine ,Schonfrist' genießt . . . oder ihm wird nachgesagt, kein ,richtiger' Mann zu sein. Das Klischee des ,Pantoffelhelden' beschreibt zum Beispiel den Mann, der sich nicht gegen die Frau durchsetzen kann oder will. Er gilt deshalb als ,unmännlich' und wird verspottet." [27] Ein "richtiger" Mann aber kann eigentlich kein Pantoffelheld sein, weil er kaum zu Hause ist - denn er soll vor allem Arbeitsmann sein.

Fußnoten

11.
Vgl. Michael Kaufman, The Construction of Masculinity and the Triad of Men's Violence, in: ders. (Hrsg.), Beyond Patriarchy. Essays by Men on Pleasure, Power, and Change, Toronto - New York-Oxford 1987, S. 1-29.
12.
Vgl. Arthur Brittan, Masculinity and Power, Oxford - New York 1989.
13.
Vgl. Sarah Sobieraj, Taking Control. Toy Commercials and the Social Construction of Patriarchy, in: Lee H. Bowker (Hrsg.), Masculinities and Violence, Thousand Oaks - London - New Delhi 1998, S. 15-28.
14.
Vgl. Maya Götz, Männer sind die Helden. Geschlechterverhältnisse im Kinderfernsehen, in: TELEVIZION, (1999) 12, S. 34-38.
15.
Vgl. Klaus Jürgen Bönkost/Rolf Oberliesen, Arbeit, Wirtschaft und Technik in Schulbüchern der Sekundarstufe I, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Bonn 1997.
16.
Guido Zurstiege, Mannsbilder - Männlichkeit in der Werbung. Zur Darstellung von Männern in der Anzeigenwerbung der 50er, 70er und 90er Jahre, Opladen 1998, S. 196; s. a. Steve Craig (Hrsg.), Men, Masculinity and the Media, Newbury Park - London - New Delhi 1992.
17.
Vgl. Michael Kaufman, Men, Feminism, and Men's Contradictory Experience of Power, in: H. Brod/M. Kaufman (Anm. 3).
18.
Vgl. Hans-Joachim Lenz, ". . . und wo bleibt die solidarische Kraft für die gedemütigten Geschlechtsgenossen?" Männer als Opfer von Gewalt - Hinführung zu einer (noch) verborgenen Problemstellung, in: ders. (Hrsg.), Männliche Opfererfahrungen. Problemlagen und Hilfeansätze in der Männerberatung, Weinheim - München 2000, S. 19-69.
19.
Überblick bei: Wolfgang Korte, MännerGesundheit und MännerKrankheit: Zahlen, Fakten und Hintergrund-Informationen, in: MännerGesundheit. Dokumentation der Tagungsreihe, hrsg. von der Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Hamburg 1997, S. 22-32; s. a. Don Sabo, Masculinities and Men's Health: Moving Toward Post-Superman Era Prevention, in: Michael S. Kimmel/Michael A. Messner (Hrsg.), Men's Lives, Boston u. a. 19984, S. 347-361.
20.
Vgl. W. Korte (Anm. 19), S. 31 f.
21.
Vgl. Michael Kimmel, Masculinity as Homophobia: Fear, Shame, and Silence in the Construction of Gender Identity, in: H. Brod/M. Kaufman (Anm. 3), S. 119-141.
22.
Vgl. David Collinson/Jeff Hearn, Naming Men as Men: Implications for Work, Organization and Management, in: Gender, Work and Organization, (1994) 1, S. 2-22; David L. Collinson/Jeff Hearn (Hrsg.), Men as Managers. Managers as Men. Critical Perspectives on Men, Masculinities and Managements, London - Thousand Oaks - New Delhi 1996.
23.
Vgl. Jan Halper, Quiet Desperation: The Truth About Successful Men, New York 1988.
24.
Vgl. Deborah Kerfoot/David Knights, Management, Masculinity and Manipulation: From Paternalism to Corporate Strategy in Financial Services in Britain, in: Journal of Management Studies, (1993) 4, S. 659-679.
25.
Vgl. Judy Wajcman, Women and Men Managers. Careers and Equal Opportunities, in: Rosemary Crompton/Duncan Gallie/Kate Purcell (Hrsg.), Changing Forms of Employment. Organisations, Skills and Gender, London 1996, S. 259-277.
26.
Vgl. Daniela Rastetter, Sexualität und Herrschaft in Organisationen. Eine geschlechtervergleichende Analyse, Opladen 1994, S. 271; s. a. Cliff Cheng, Men and Masculinities Are Not Necessarily Synonymous: Thoughts on Organizational Behavior and Occupational Sociology, in: ders. (Hrsg.), Masculinites in Organizations, Thousands Oaks - London - New Delhi 1996, S. xi-xx.
27.
Ursula Richter, Wenn Frauen jüngere Männer lieben. Neue Chancen für die Partnerschaft, Frankfurt am Main 1999, S. 98.