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26.5.2002 | Von:
Peter Döge

Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik

Männerforschung, Männerpolitik und der "neue Mann"

III. Der Arbeitsmann

Erwerbsarbeit ist nach wie vor ein zentraler Bestandteil (nicht nur) männlicher Identität [28] . Folglich hielten fast drei Viertel der in der eingangs genannten Männerstudie befragten Männer Erwerbsarbeit für sehr wichtig - und dies unabhängig davon, ob sie sich als traditioneller oder neuer Mann sehen [29] . Die meisten Männer richten ihre Lebensbiografie an der Erwerbsarbeit und der beruflichen Karriere aus, sehen die Betreuung von Kleinkindern noch immer als Aufgabe der Frauen und erwarten von diesen bei Geburt eines Kindes eine Unterbrechung ihrer Erwerbsarbeit, wobei diese Einstellung schon sehr früh ausgeprägt ist [30] . Der Arbeitsmann ist jedoch kein "Rabenvater" oder gar ein verantwortungsloser Schmarotzer. Noch weniger ist er - wie es Claudia Pinl provozierend formuliert hat - das "faule Geschlecht". Erwerbsarbeit, das Verdienen des Familieneinkommens an einem außerhäusigen Ort, ist vielmehr die mit der Männerrolle in unserer Gesellschaft verbundene Form männlicher Fürsorge. Und so arbeiten Männer und Frauen in der Woche in etwa gleich viel - Männer überwiegend bezahlt außer Haus, Frauen hauptsächlich unbezahlt im Haus [31] .

Die dieser Arbeitsteilung unterliegende geschlechtsspezifische Konnotation von Erwerbsarbeit sowie Haus- und Familienarbeit scheint nach wie vor ungebrochen - und wird in der Sozialisation von Männern kontinuierlich reproduziert. Kindergarten, Kindertagesstätte und Grundschule sind ein von Frauen dominierter Bereich - nur rund fünf Prozent des Erziehungspersonals in öffentlichen und privaten Einrichtungen ist männlich. Folglich fehlt schon hier der Mann, der mit den Kindern kocht, putzt, aufräumt und somit ein anderes Rollenmuster vorlebt [32] . Lehrbücher zeigen nach wie vor den außerhäusigen, erwerbstätigen Mann und die Frau als Hausfrau und Mutter [33] . Zwar erscheinen Frauen im Fernsehen mittlerweile in so genannten Männerberufen; Männer in weiblich konnotierten Tätigkeitsfeldern oder gar als Hausmann werden jedoch meist karikierend oder ironisch verzerrt dargestellt [34] . Frauen werden in so genannten Männerberufen gefördert, Männer aber nicht in so genannten Frauenberufen, womit die Wertigkeit dieser Tätigkeiten weitgehend erhalten bleibt, nur unter anderen Vorzeichen reproduziert wird [35] .

Männer, welche aus familiären Gründen in Teilzeit arbeiten oder Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen wollen, sehen sich noch immer mit massiven Hindernissen konfrontiert. Insbesondere die Einstellungen von Führungskräften sowie vorherr-schende Leistungsvorstellungen und Karrieremuster, die sich am Arbeitsmann ausrichten, werden als zentrales Hindernis gesehen [36] . Teilzeitmänner gelten als wenig leistungsbereit und loyal, Erziehungsurlauber als "unmännlich" [37] . Von daher ist es nicht verwunderlich, dass bei Volkswagen bis zum Zeitpunkt der generellen Arbeitszeitverkürzung kein Mann eine individuelle Reduzierung seiner Arbeitszeit in Erwägung gezogen hatte: "Weniger finanzielle Gründe als schlicht die ,Unüblichkeit' einer Teilzeitbeschäftigung . . . war hierbei ausschlaggebend gewesen." [38] Auch die Hälfte der Männer, die sich bei BMW für ein flexibles Arbeitsmodell interessierten, schreckte davor zurück, dieses in Anspruch zu nehmen. Als Gründe gaben sie vor allem Vorbehalte der Vorgesetzten sowie befürchtete Einbußen an Karrierechancen an [39] .

Die Kehrseite des hohen Stellenwerts der Erwerbsarbeit zeigt sich darin, dass Männer von Erwerbslosigkeit besonders stark betroffen sind, stehen ihnen in dieser Situation doch kaum Alternativen zum Arbeitsmann offen. Erwerbslose Männer werden als extrem lethargisch, gekennzeichnet von innerpersonalen Spannungszuständen und als sehr ichbezogen geschildert [40] , fast krampfhaft versuchen sie, den Familien-Ernährer zu rekonstituieren - etwa durch die Annahme von Schwarzarbeit [41] .

Statt sie endlich abzulösen, werden Arbeitsmann und Macht-Mann im Kontext von Globalisierung und Neoliberalismus in ihrer Widersprüchlichkeit sogar noch aufgewertet: Auf der einen Seite gewinnen zentrale männliche Attribute wie Orts- und Reproduktionsunabhängigkeit, Bindungslosigkeit, Risikofreudigkeit, Einsatzbereitschaft, Dominanzbereitschaft eine noch größere Bedeutung, auf der anderen Seite erfahren immer mehr Männer die Kehrseite dieser Bilder: Sie sind konfrontiert mit Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und sozialem Abstieg [42] . Vor dem Hintergrund der Einschränkungen, Brüchigkeiten und Unsicherheiten, die mit diesen Bildern für Männer verbunden sind, wurden in den vergangenen Jahren von unterschiedlicher Seite Perspektiven einer Männerpolitik formuliert. Dabei lassen sich idealtypisch zwei Ansätze gegenüberstellen: Während der eine im Kontext von Geschlechterdemokratie auf eine Ablösung von Männlichkeit als dominantes gesellschaftliches Handlungsmuster und auf eine Flexibilisierung von Rollenbildern in Kooperation mit Frauen gerichtet ist, zielt der andere unter Annahme essentialistischer Geschlechtermerkmale auf eine Rekonstituierung von Männlichkeit bei zeitweiser Separierung von Frauen.

Fußnoten

28.
Vgl. Dieter Schnack/Thomas Gesterkamp, Hauptsache Arbeit. Männer zwischen Beruf und Familie, Reinbek 1996.
29.
Vgl. P. M. Zulehner/R. Volz (Anm. 9), S. 82 ff.
30.
Vgl. Beth Willinger, Resistance and Change. College Men's Attitudes Toward Family and Work in the 1980s, in: Jane C. Hood (Hrsg.), Men, Work and Family, Newbury Park - London - New Delhi 1993, S. 108-130.
31.
Vgl. Karen Blanke/Manfred Ehling/Norbert Schwarz, Zeit im Blickfeld. Ergebnisse einer repräsentativen Zeitbudgeterhebung, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 121, Stuttgart - Berlin - Köln 1996, S. 6.
32.
Vgl. Kurt Möller, Männlichkeit und männliche Sozialisation. Empirische Befunde und theoretische Erklärungsansätze, in: ders. (Hrsg.), Nur Macher oder Macho? Geschlechtsreflektierende Jungen- und Männerarbeit, Weinheim 1997, S. 29.
33.
Vgl. Kultusministerium Sachsen-Anhalt, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern in Schulbüchern des Landes Sachsen-Anhalt, Studie im Auftrag des Kultusministeriums, Magdeburg, o. J.
34.
Vgl. Christine Williams, The Glass Escalator: Hidden Advantages for Men in the "Female" Profession, in: M. S. Kimmel/M. A. Messner (Anm. 19), S. 285-299.
35.
Vgl. Christine L. Williams, Introduction, in: dies. (Hrsg.), Doing "Women's Work". Men in Nontraditional Occupations, Newbury Park - London - New Delhi 1993, S. 1-9.
36.
Vgl. Klaus Peinelt-Jordan, Männer zwischen Familie und Beruf - ein Anwendungsfall für die Individualisierung der Personalpolitik, München - Mering 1996, S. 290 f.
37.
Vgl. Joseph H. Pleck, Are "Family-Supportive" Employer Policies Relevant to Men?, in: J. C. Hodd (Anm. 30), S. 231.
38.
Kerstin Jürgens/Karsten Reinecke, Zwischen Volks- und Kinderwagen. Auswirkungen der 28,8-Stunden-Woche bei der VW AG auf die familiale Lebensführung von Industriearbeitern, Berlin 1998, S. 216.
39.
Vgl. Christian Dellekönig, Der Teilzeit-Manager. Argumente und erprobte Modelle für innovative Arbeitszeitregelungen, Frankfurt am Main - New York 1995, S. 114.
40.
Vgl. Franziska Schreyer, Weibliche familiale Arbeit und männliche Dauererwerbslosigkeit im Arbeitermilieu, in: Beiträge der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit Nürnberg (BeitrAB), 149 (1991), S. 153.
41.
Vgl. David Waddington/Clas Critcher/Bella Dicks, ,All jumbled up'. Employed women with unemployed husbands, in: Jennie Popay/Jeff Hearn/Jeanette Edwards (Hrsg.), Men, Gender Divisions and Welfare, London - New York 1998, S. 231-256.
42.
Vgl. Robert W. Connell, Masculinities and Globalization, in: Men and Masculinities, (1998) 1, S. 3-23; s. a. Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1998².