APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Peter Döge

Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik

Männerforschung, Männerpolitik und der "neue Mann"

IV. Rekonstituierung von Männlichkeit

Besonders deutlich wird diese Perspektive von der so genannten Mythopoetischen Männerbewegung vertreten [43] . Den zentralen Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bildet, wie insbesondere der Amerikaner Robert Bly in seinem im Jahr 1990 erschienen Buch Eisenhans es formuliert, die Annahme einer grundlegenden Differenz zwischen Männern und Frauen sowie einer im Mann verankerten spezifischen Energie. Gerade diese männlichen Potenziale seien im Zuge der Frauenbewegung - aber auch durch Bürokratisierung und Technisierung - in den vergangenen Jahren verschüttet worden, nach der Frauenbefreiung gehe es nun um die Befreiung der Männer [44] . Männer müssen sich danach - getrennt von Frauen - mit anderen Männern zusammenfinden und versuchen, unter Hilfestellung älterer, erfahrener Männer, ihre vermeintlich verschütteten männlichen Energien wieder-zufinden. Dies soll in einem Prozess der Initiation - begleitet durch intensive Körperarbeit - geschehen.

Zwar hat die mythopoetische Männerbewegung in der Bundesrepublik Deutschland nicht die Bedeutung wie in den USA, Versatzstücke ihres Ansatzes finden sich jedoch in der Jungenarbeit und in den so genannten Männergruppen. Insbesondere deren Beitrag zu einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse wird innerhalb der Männerforschung gegenwärtig kontrovers diskutiert. Verweisen die einen darauf, dass die hier aktiven Männer zwar verbal emanzipationsorientiert sind, sie jedoch im Alltagshandeln eher traditionellen dichotomen Geschlechterkategorien verhaftet blieben, sich sogar ein "Ablösungsprozess von frauenbewegten Positionen und Definitionen und die Hinwendung zu Gruppierungen, die die Rückkehr zu alten Gewissheiten offerieren", erkennen lässt [45] , betonen andere die Bedeutung von therapeutischen Männergruppen hinsichtlich "der Erweiterung individueller Spielräume in der Ausgestaltung des männlichen Habitus" [46] . Als ein Kritikpunkt an Männergruppen wird ihre Konzentration auf eine nur individuelle Männlichkeit und ihre weitgehende Missachtung der institutionell-strukturellen Ebene von Männlichkeit und Geschlechterhierarchie angeführt [47] .

Fußnoten

43.
Vgl. Michael S. Kimmel/Michael Kaufman, Weekend Warriors. The New Men's Movement, in: H. Brod/M. Kaufman (Anm. 3), S. 259-288; s. a. Michael A. Messner, Politics of Masculinities. Men in Movements, Thousand Oaks - London - New Delhi 1997, S. 90 ff.
44.
Vgl. Steve Biddulph, Männer auf der Suche. Sieben Schritte zur Befreiung, München 1997², S. 30 ff.
45.
Cornelia Behnke/Peter Loss/Michael Meuser, "Wir kommen über das Reden nicht hinaus". Selbstreflexion und Handlungspraxis in Männergruppen, in: Widersprüche, (1995) 56/57, S. 119-127.
46.
Holger Brandes, Ein schwacher Mann kriegt keine Frau. Männer unter sich. Therapeutische Männergruppen und Psychologie des Mannes, Münster 1992, S. 179.
47.
Vgl. Michael Kimmel, Manhood in America. A Cultural History, New York u. a. 1996, S. 331.