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26.5.2002 | Von:
Peter Döge

Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik

Männerforschung, Männerpolitik und der "neue Mann"

V. Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik

Hier setzt Männlichkeitskritik an, die unter Verneinung einer überhistorisch fixierten, essentialistischen Männlichkeit Geschlechterdemokratie nicht nur als den Abbau der quantitativen Dominanz von Männern in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen und als Veränderung von Männern auf individueller Ebene, sondern vor allem als Ablösung von Männlichkeit als dominantem gesellschaftsstrukturierendem Prinzip - als Norm - fasst [48] .

Im Zentrum steht dabei insbesondere der Umbau der Arbeitsstrukturen und des Arbeitsmarktes [49] . Denn nicht die globalisierte Erwerbsarbeitsgesellschaft mit ihren männlich geprägten Leistungs- und Karrieremustern kann das Ziel von Geschlechterdemokratie darstellen, sondern die Aufwertung bisher weiblich konnotierter Verhaltensmuster und Tätigkeiten mit der Perspektive von Diversity, d. h. ihrer Gleichwertigkeit jenseits aller körperlichen und soziokulturellen Unterschiede der sie ausführenden Personen [50] . Damit verbunden ist etwa die Forderung nach Anerkennung von Haus- und Familienarbeit als gesellschaftlich nützliche Arbeit sowie nach Anerkennung der hier erworbenen Fähigkeiten als berufsrelevante Qualifikationen51. Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik beinhaltet weiterhin ein neues Leitbild von wirtschaftlichem Handeln, welches mehr auf Kooperation statt Konkurrenz zwischen den Wirtschaftssubjekten abhebt und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen für nachkommende Generationen als vordringlich sieht [51] . Damit in Ver-bindung steht die Kritik an der Trennung zwischen Mensch und Natur sowie an der Trennung zwischen Körper und Geist, die konstitutiv für die männliche Identität der Moderne ist [52] .

Da ein solcher Ansatz von der Bildungs- über die Medien-, die Wirtschafts- und Steuerpolitik bis hin zur Verteidigungs-, Umwelt- und Technologiepolitik alle Politikbereiche erfasst, kann seine Umsetzung nicht durch eine exklusive Frauen- oder Männerpolitik geschehen, sondern nur in einer generellen Verbindung aller politischen Problemstellungen mit der Männerfrage, wobei der seit Mitte der neunziger Jahre diskutierte Ansatz des Gender Mainstreaming den geeigneten Rahmen bilden kann. Denn dieser fordert die Integration der Perspektive der Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern in allen Politikbereichen, auf allen politischen Ebenen und in allen Organisationen [53] . Darin eingeschlossen könnte zugleich eine kritische Überprüfung des Männerbilds in allen gesellschaftlichen Bereichen mit dem Ziel einer Flexibilisierung der Geschlechterrollen sein. In diesem, von Robert W. Connell auch als De-Gendering bezeichneten Ansatz könnten in einem kritischen Geschlechterdialog die jeweils positiven wie negativen männlichen und weiblichen Rollenbestandteile gesichtet und neu kombiniert werden [54] . Dies kann nicht in einer Separierung der Geschlechter, sondern nur von Männern und Frauen gemeinsam erreicht werden - nur gemeinsam können "Männer und Frauen . . . wahrhaft menschliche Wesen werden . . . und nicht in erster Linie männliche bzw. weibliche Wesen" [55] .

Internetverweise des Autors:



www.unesco.org/cpp/uk/declarations/oslotoc.htm

www.ruendal.de/aim/gender.html

www.maenner-online.de

Fußnoten

48.
Vgl. Peter Döge, Die Erforschung der Männlichkeit. Neue wissenschaftliche Ansätze in der Debatte um Geschlechterdemokratie und was Männer dazu beitragen können, in: Frankfurter Rundschau vom 31. Juli 1999, S. 9; s. a. John MacInnes, The End of Masculinity. The confusion of sexual genesis and sexual difference in modern society, Buckingham 1998, S. 2 f.
49.
Vgl. Peter Döge, Neue Männer - Neue Männerpolitik. Ansätze geschlechterdemokratischer Politik im Zeichen des "neuen Mannes", in: Martin Rosowski/Andreas Ruffing (Hrsg.), MännerLeben im Wandel. Würdigung und praktische Umsetzung einer Männerstudie, Ostfildern 2000, S. 119 ff.
50.
Vgl. M. Kimmel (Anm. 47), S. 334. 51 Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Brigitte Geißel in diesem Heft.
51.
Ein Ansatz in diese Richtung findet sich bei: Adelheid Biesecker, Für eine vorsorgende Wirtschaftsweise notwendige (neue?) Institutionen, in: Elisabeth Allgoewer (Hrsg.), Ökonomie weiterdenken! Beiträge von Frauen zu einer Erweiterung von Gegenstand und Methode, Frankfurt am Main - New York 1997, S. 53-77.
52.
Vgl. Victor Seidler, Unreasonable Men. Masculinity and Social Theory, London 1994.
53.
Vgl. Barbara Stiegler, Frauen im Mainstreaming. Politische Strategien und Theorien zur Geschlechterfrage, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1998; Council of Europe, Gender mainstreaming. Conceptual framework, methodology and presentation of good practice. Final Report of Activities of the Group of Specialists on Mainstreaming (EG-S-MS), Council of Europe Publishing, Straßburg 1998.
54.
Vgl. Robert W. Connell, Masculinities, Cambridge 1995, S. 232 ff.
55.
Vgl. Brian Easlea, Väter der Vernichtung. Männlichkeit, Naturwissenschaftler und der nukleare Rüstungswettlauf, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 196.