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26.5.2002 | Von:
Bernhard Weßels

Die Entwicklung des deutschen Korporatismus

Angesichts drängender gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Probleme steht die deutsche Politik auf dem Prüfstand. In unserer Geschichte hat sich die Konzertierung von Interessen häufig als ein gutes Instrument erwiesen.

I. Einleitung

Die deutsche Interessenvermittlung, das Zusammenspiel zwischen Regierung, Parteien und Interessengruppen, steht auf dem Prüfstand. Seit langem stehen Probleme an, von denen man meinen könnte, sie würden am besten im Akkord der verschiedenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Interessen gelöst. In zentralen Politikfeldern wie zum Beispiel Arbeitsmarkt, Renten, Bildung und Ausbildung stehen Lösungen aus, die sozial und wirtschaftlich von fundamentaler Bedeutung sind. In Deutschland sind zwischen 1991 und 1997 fast 7 Prozent aller Arbeitsplätze verloren gegangen [1] , die Arbeitslosenquote liegt in den alten Bundesländern bei neun, in den neuen Bundesländern bei 18 Prozent, die Sozialabgabenquote für Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung könnte sich in den nächsten 15 Jahren auf fast 50 Prozent zu bewegen, wenn nicht neue Wege sozialstaatlicher Sicherung beschritten werden [2] , und die Ausbildungslücke in zukunftsfähigen Berufszweigen scheint beträchtlich zu sein, wie die Debatte um die "Red-Green Card" zeigt [3] . Die Folgen derartiger Problemlagen sind nicht nur abstrakt ökonomisch zu beurteilen, sondern stellen konkret die Lebens- und Zukunftschancen von Individuen in Frage: Arbeitslosigkeit vermindert sozial und ökonomisch die Lebensqualität, Abgabenquoten sind eine Belastung für mehr Beschäftigung, Fehlallokation von Ausbildung behindert die Zukunftschancen der Jüngeren. Ökonomisch sind diese und ähnliche Probleme vor dem Hintergrund der Debatte um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu beurteilen. Hohe Abgabenquoten und fehlende oder fehlqualifizierte Arbeitskräfte sind eine schlechte Ausgangsbedingung für das Bestehen auf sich immer stärker internationalisierenden Märkten.


Das "deutsche Modell" der Interessenvermittlung konnte sich bisher immer zurechnen, dass es durch den Austausch von Wissen, Positionen und Problemlösungsstrategien zwischen Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichen Kräften zu einer Konzertierung von Interessen kommen konnte, die es möglich machte, kritische Situationen abzufangen. Es war erfolgreich bei der ersten - im Vergleich zu heute - kleinen Rezession in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre und bei der Bewältigung der ersten und zweiten Ölkrise 1974 und Anfang der achtziger. Mitte der sechziger Jahre wurde die "Idee kooperativer Krisenbewältigung" [4] als neues Politikmuster in der alten Bundesrepublik institutionalisiert und in den folgenden Jahrzehnten immer wieder auf dieses Instrument zurückgegriffen. Diese deutsche Form des Korporatismus erwies sich über lange Zeit nicht nur in der Wirtschaftspolitik als erfolgreich. Sie verlor jedoch Ende der achtziger Jahre an Bedeutung und auch international wurde dem Korporatismus von vielen Beobachtern das endgültige Aus bescheinigt. So eindeutig scheint dieser Befund hingegen nicht zu sein. In den neunziger Jahren erfuhr der Korporatismus in verschiedenen Ländern eine Wiederbelebung. Kann "die Leiche des Korporatismus den Hang der Interessenpolitik" [5] auch in Deutschland wieder hinaufrollen und wenn ja, unter welchen Bedingungen könnte der deutsche Korporatismus einen Beitrag zur Lösung der anstehenden Probleme leisten?

Fußnoten

1.
Vgl. IAB-Materialien, (1999) 1, S. 5 (JAB = Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung).
2.
Vgl. Manfred G. Schmidt, Das soziale Netz der Zukunft, in: Funkkolleg "Deutschland im Umbruch", Studieneinheit 13, hrsg. v. Deutschen Institut für Fernstudienforschung, Tübingen 1997.
3.
Vgl. IABkurzbericht Nr. 3 vom 4. 4. 2000.
4.
Wolfgang Schroeder/Josef Esser, Modell Deutschland. Von der Konzertierten Aktion zum Bündnis für Arbeit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 37/99, S. 3-12, hier S. 6.
5.
Phillipe C. Schmitter/Jürgen Grote, Der korporatistische Sisyphus. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in: Politische Vierteljahresschrift, 38 (1997) 3, S. 530-554, hier S. 534.