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26.5.2002 | Von:
Wolfgang W. Mickel

Streit um die Nation

Die Deutsche Frage in der politischen Bildung

Die Frage nach der Einheit der Nation beschäftigte die innerdeutsche Politik bis zur Wende. Sie betrachtete diese Frage als ein fundamentales Problem, das die Existenz und Legitimation der Zweistaatlichkeit betraf.

I. Methodische Ansätze zum Systemvergleich

Durch die deutsche Vereinigung wurde die Identifikation mit der nationalen Tradition, die bedeutsame Frage nach der nationalen Identität - ein zentrales Lernziel politischer Bildung in anderen Ländern - besonders herausgefordert [1] . Der Nationbegriff ist jedoch durch den Nationalsozialismus immer noch stark belastet, wie eine jüngere Untersuchung zeigt [2] . Danach wird der traditionelle deutsche, völkisch oder staatlich orientierte Begriff von Nation von fast 80 Prozent der befragten Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe I abgelehnt (vor allem in Westdeutschland), jedoch sprachen sich 84 Prozent für die deutsche Nation generell als Lernziel aus. Anstelle eines deutschen Nationalbewußtseins plädieren sie für ein europäisches Bewußtsein (64 Prozent). Das unterschiedliche Nationverständnis wird auf die verschiedenen Traditionen zurückgeführt: auf den dezidiert kritischen Umgang mit der NS-Vergangenheit im Westen und auf die antifaschistische Tradition (für den Nationalsozialismus hatte sich nur die Bundesrepublik zu verantworten) im Osten.


In der politisch-historischen Bildung der Bundesrepublik wie der DDR stellte sich nach 1945 die Frage nach dem Weiterbestehen der deutschen Nation, nach der Identität und (geographisch-politisch) nach "Deutschland als Ganzes" (Potsdamer Abkommen) bis zur deutschen Einigung als so genannte Deutsche Frage. Als Politikbegriff bedeutete sie nach Gruner auf nationaler Ebene "für die Deutschen zunächst einmal zwischen der Doppelkapitulation des Deutschen Reiches am 7./8. Mai 1945 und der Gründung von zwei Staaten in Deutschland 1948/49 die Frage nach der Erhaltung der politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen sowie nationalen Einheit Deutschlands". Auf internationaler Ebene bedeutete die "Deutsche Frage" bzw. das "deutsche Problem" u. a.

"- die Frage nach der Eingliederung Deutschlands oder seiner Teilstaaten in die europäisch-regionale und international-globale Staatenordnung nach dem Zweiten Weltkrieg;

- die Frage nach der Festlegung der künftigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung Nachkriegsdeutschlands oder seiner Nachfolgestaaten/Teilstaaten;

- die Festlegung der Grenzen des Deutschen Reiches oder seines bzw. seiner Rechtsnachfolger in einem Friedensvertrag." [3]

Die Beschäftigung mit der Deutschen Frage als innerdeutsches bzw. deutsch-deutsches Problem wie als Problem der internationalen Politik unter den Bedingungen des Ost-West-Konflikts ist für die Herstellung einer gemeinsamen Verständigungsebene auch heute noch von Bedeutung.

Als Interpretationsparadigmata standen im Westen die systemimmanente Richtung (Erklärung des Systems aus sich selbst heraus; kein direkter Vergleich der beiden Staaten untereinander; erstmalige Anwendung im "Bericht zur Lage der Nation" von 1974) und die Auffassung von der westlichen Systemüberlegenheit (teilweise unter Benutzung der Totalitarismustheorie: totalitäre Diktatur versus freiheitliche Demokratie; Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) "Totalitarismus", 1962, der die enge Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Kommunismus unterstellt) sowie ein dritter Ansatz, der die Relevanz von politischen Zentralbegriffen für das jeweilige System testet [4] , zur Verfügung. Der Promotor einer immanenten politologischen DDR-Forschung ab 1964 war Peter Christian Ludz [5] . Seine - unter Ablehnung der Totalitarismusthese - auf das Selbstverständnis der DDR rekurrierende Betrachtungsweise war in den Jahren der sozialliberalen Koalition von beachtlichem Einfluss, so auch auf die unter seiner wissenschaftlichen Leitung entstandenen Materialien zum Bericht zur Lage der Nation und auf das zuerst 1975 herausgegebene "DDR-Handbuch".

Die sozialwissenschaftlichen Theorieansätze in zeitlicher Reihenfolge - Totalitarismus, Konvergenztheorie, funktionale Vergleiche - entsprechen dem Dreiphasenmodell der internationalen Nachkriegspolitik: Kalter Krieg (bis zum Berliner Mauerbau 1961), Entspannungspolitik (innere Konsolidierung der DDR bis 1969), antagonistische Kooperation (Phase der neuen Ost- und Deutschlandpolitik der Bundesrepublik). Eine vierte Phase umfasste die internationale Entspannungspolitik zwischen Ost und West.

Ein weiterer Ansatz für einen Systemvergleich bestand in den sich stark auf statistisches Zahlenmaterial berufenden geographisch-strukturellen Vergleichsuntersuchungen [6] . Die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung bewegte sich also in der Spannung zwischen systemtranszendierender Kritik und systemimmanenter Analyse. Einige Grundfragen können zugleich als Analyseraster für Lehrbücher aus den siebziger Jahren benutzt werden:

"Soll . . . das Bewusstsein von der deutschen Einheit und der Wille zur Wiedervereinigung wacherhalten und entwickelt werden? Soll . . . dem Schüler der weltweite Anspruch des Bolschewismus und die damit verbundene Gefahr für die Menschheit gezeigt werden? Sollen anhand der Deutschen Frage exemplarisch die innen- und außenpolitische Verflechtung eines Problems, die jeweilige Interessenlage von Staaten und die hinter ihnen stehenden gesellschaftlichen Kräfte und Ideologien festgemacht werden, mit denen bestimmte Ziele erreicht werden? Soll die Behandlung der DDR im Unterricht dazu führen, die Entwicklung der DDR zu verstehen? Will man sich gegenüber dem Kommunismus/Sozialismus als alternativem Gesellschaftsmodell (positiv) abgrenzen? Sollen durch einen Vergleich mit einem sozialistischen System Eigenständigkeit und Schwächen des eigenen Systems aufgedeckt werden, oder soll die Unterrichtsreihe zu einer (kritischen) Identifikation mit der Bundesrepublik führen? Soll die Leitfrage gestellt werden, ob Deutschland noch eine Nation sein solle und sein wolle, oder soll ein auf die Bundesrepublik bezogenes nationales Selbstverständnis entwickelt werden?" [7]

Das östliche Kontrastprogramm zu den in westlichen Schulbüchern erörterten Fragen zur deutschen Nation war hingegen eindeutig. Schon im DDR-Lehrplan von 1950/51 wurde dem Geschichtsunterricht die Aufgabe zugewiesen, die DDR entsprechend den ideologischen Anweisungen durch das Politbüro zu legitimieren: "Den Schülern muss klar werden, dass der Klassenkampf der Inhalt der Geschichte aller Klassengesellschaften ist. Sie müssen erkennen, dass der Kampf zwischen Altem und Neuem ein Gesetz der historischen Entwicklung ist, und dass das Neue immer gesiegt hat." [8]

Fußnoten

1.
Vgl. zusammenfassend Werner Maibaum, Geschichte der Deutschlandpolitik, Bonn 1998.
2.
Vgl. Christa Händle/Detlef Oesterreich/Luitgard Trommer, Aufgaben politischer Bildung in der Sekundarstufe I. Studien aus dem Projekt Civic Education, Opladen 1999, S. 151 ff.
3.
Wolf D. Gruner, Die deutsche Frage in Europa 1800 bis 1990, München 1993, S. 22 f.
4.
Vgl. Wolfgang Behr, Bundesrepublik Deutschland - Deutsche Demokratische Republik. Systemvergleich Politik-Wirtschaft-Gesellschaft, Stuttgart 1979.
5.
Vgl. Peter Christian Ludz, Die Zukunft der DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv, 6 (1973), S. 488-539.
6.
Vgl. Roland Hahn u. a., Bundesrepublik Deutschland - Deutsche Demokratische Republik. Materialien für eine vergleichende geographische Betrachtung, Braunschweig 1986.
7.
Gebhard Moldenhauer, Die Deutsche Frage in den neuesten Schulbüchern der Politischen Bildung, in: Politische Didaktik, (1972) 2, S. 38-53, hier S. 41.
8.
Lehrplan für Zehnjahresschulen. Geschichte, Berlin - Leipzig 1951, S. 3 f.; vgl. ferner Udo Margedant, Die Deutsche Frage im Geschichtsunterricht. Lehrpläne und Schulbücher der achtziger Jahre, in: Karl-Ernst Jeismann u. a., Deutschland und Europa im Unterricht und Schulbuch, K.-Adenauer-Stiftung, Aktuelle Fragen der Politik, H. 7, Sankt Augustin 1994, S. 23-32.