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26.5.2002 | Von:
Erhard Crome
Bernhard Muszynski

Politikbedingungen und politische Bildung in Ostdeutschland

Nach den bekannten Daten aus Wahlen und empirischen Erhebungen sind die Ostdeutschen von Westdeutschen deutlich unterscheidbar. Bleibt also die kulturelle Differenz deutsche Normalität?

Einleitung

Nach allen bekannten Daten aus Wahlen und empirischen Erhebungen sind die Ostdeutschen - auch die jüngeren Jahrgänge - in ihrem politischen Informationsstand, ihren politischen Einstellungen und ihren politischen Handlungsabsichten immerhin so deutlich unterscheidbar von den Westdeutschen, dass von der ursprünglich weithin erwarteten Angleichung noch keine Rede sein kann. So sind etwa Politikinteresse, politisches Engagement und die Wahrnehmung wahlbürgerlicher Möglichkeiten signifikant geringer ausgeprägt als in Westdeutschland. Parteien und Gewerkschaften haben in Ostdeutschland erheblich weniger Mitglieder, informelle politische Initiativen sind kaum verbreitet, und die Wahlbeteiligung an ostdeutschen Landtags- und Kommunalwahlen liegt unter derjenigen in westdeutschen Ländern. Gleichsam symptomatisch hierfür kann die Wahlrunde 1999/2000 genommen werden: Während ganz im Schatten der CDU-Spendenaffäre im März 2000 in Schleswig-Holstein fast 70 Prozent der Wahlbeteiligten zur Landtagswahl gingen, waren dies im strukturell vergleichbaren Brandenburg im September 1999 nur 53,3 Prozent - ohne erkennbare Gründe für einen speziellen Anlass zur Parteien- oder Politikverdrossenheit. War dies auch für ostdeutsche Verhältnisse ein sehr niedriger Wert, so lagen die anderen Landtagswahlbeteiligungen in Ostdeutschland doch im Schnitt um etwa zehn Prozent unter denen in westdeutschen Bundesländern.


Dabei fällt die Bilanz knapp zehn Jahre nach der Wiedervereinigung aus der Sicht der weitaus meisten Ostdeutschen positiv aus. In einer Forsa-Umfrage vom August 1999 bekundeten nur 12 Prozent der Befragten, dass es ihnen schlechter gehe als vorher, 51 Prozent hingegen, dass es ihnen persönlich besser gehe als in der DDR [1] . Die finanzielle Situation hat sich für 24 Prozent verschlechtert, für 49 Prozent verbessert, der Rest sah keinen Unterschied. Die Wiedervereinigung wurde von 88 Prozent für richtig gehalten. Die Angleichung der sozialen Verhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland hielten 68 Prozent zumindest bei "geringen Unterschieden" für erreicht, 32 Prozent empfanden Ostdeutschland als "das Armenhaus" der Republik. Bei der Einschätzung der persönlichen Möglichkeiten, auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen, äußerten 45 Prozent, dass sich diese verbessert hätten, wobei die unter 30-Jährigen mit 58 Prozent sich deutlich von denjenigen über 60 Jahren (38 Prozent) abhoben. Auf die Frage nach dem Wohlbefinden im Gesellschaftssystem der DDR im Vergleich zum heutigen bundesdeutschen bevorzugte allerdings eine Mehrheit von 42 Prozent (31 Prozent gegenteiliger Ansicht, 18 Prozent "kein Unterschied", 9 Prozent unentschieden) "alles in allem" die DDR.


Die Hintergründe von derlei Widersprüchlichkeiten werden auch zehn Jahre nach der deutschen Vereinigung unterschiedlich, ja gegensätzlich interpretiert. Die einen sehen einen deutlichen Nachholbedarf der Ostdeutschen, der - je nach Gusto des Interpreten - aus jahrzehntelanger "Verzwergung" unter der Diktatur, kommunistischer Indoktrination, nachholender Modernisierung oder fehlender Fähigkeit zur Freiheit abgeleitet wird. Andere meinen, die mentalen oder kulturellen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland träten hinter den sonstigen Unterschieden zwischen den deutschen Stämmen und den Siedlungsformen zurück. Der städtisch geprägte Dresdener also in vergleichbarer Distanz zum Emsländer wie der Münchener gegenüber dem ländlich geprägten Mecklenburger?

Fußnoten

1.
Vgl. Die Woche vom 27. 8. 1999, S. 6.