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26.5.2002 | Von:
Nils Kahlefendt

Abschied vom Leseland?

Die ostdeutsche Buchhandels- und Verlagslandschaft zwischen Ab- und Aufbruch

Mit dem Fall der Mauer hat sich die Buchhandels- und Verlagslandschaft des einstigen "Leselands" DDR einschneidend verändert. Eine zentralistische Planwirtschaft wurde mit einem marktwirtschaftlichen System zusammengeführt.

I. Im fliegenden Wechsel

Als im März 1990, nur wenige Monate nach dem Mauerfall, die Leipziger Buchmesse eröffnet wurde, sich Buchhändler und Verleger aus Ost und West erstmals wieder ungehindert begegnen konnten, hatte sich die deutsch-deutsche Buchhandelslandschaft bereits radikal verwandelt. Jahrzehntelang schien die Geografie unveränderlich: "Die Warenströme der Bücher liefen auf einer Nord-Süd-Achse zwischen Hamburg und München, mit Anschlüssen nach Zürich und Wien. Frankfurt war der Mittelpunkt des deutschsprachigen Buchmarktes. Im Westen lag die Akquisitionsroute für ausländische Literatur, London - Paris - Rom. Ganz in der Ferne sah man New York. Berlin war eine Enklave. Die Buchmessen von Leipzig und Warschau dagegen waren Treffpunkte für Büchermenschen, die die Zukunft aus der falschen Richtung erwarteten. Go West, hieß die Parole." [1]


Die staatliche Teilung führte zu einer weltweit einmaligen Doppelung fast aller Institutionen und Abläufe des buchhändlerischen Geschäftsverkehrs in Deutschland. Nicht nur zwei Buchmessen gab es, sondern ebenso zwei Nationalbibliotheken, zwei Nationalbibliographien und zwei Börsenvereine: den "Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V." in Frankfurt am Main, der 1955 aus dem unter Besatzungsrecht in den Westzonen entstandenen Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändler-Verbände hervorgegangen war, und den "Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig". Die Kontakte rissen dennoch nie ganz ab: Der Gemeinschaftsstand der DDR-Verlage war auch in Zeiten von Sprachlosigkeit und Abschottung auf der Frankfurter Buchmesse vertreten, umgekehrt hielten fast alle namhaften westdeutschen Verlage an der Leipziger Frühjahrsbuchmesse fest. In den engen Kojen des Messehauses am Markt ließen sich Kontakte zu Autoren und Verlegern aus dem anderen Halbstaat knüpfen; manches Lizenzgeschäft, manches deutsch-deutsche Buchprojekt nahm hier seinen Ausgang [2] . Für die ostdeutschen Leser war die Messe die einzige Gelegenheit, sich über das westliche Buchangebot zu informieren. Eine sich zögerlich öffnende SED-Kulturpolitik, mehr noch der Wunsch nach Senkung des DDR-Außenhandelsdefizits führten seit Mitte der achtziger Jahre zu neuen Formen der Zusammenarbeit beider Börsenvereine. Einer mittleren Sensation kam 1986 die Aufnahme von zunächst 2 000 DDR-Titeln in das "Verzeichnis lieferbarer Bücher" gleich; erstmals hatten DDR-Verlage mit einer Auswahl wichtiger Titel Zugang zu den Bestellterminals bundesdeutscher Buchhändler. Im Rahmen des Kulturabkommens zwischen der Bundesrepublik und der DDR konnten in den Jahren 1988 und 1989 repräsentative deutsch-deutsche Buchausstellungen in jeweils drei Städten der DDR und der Bundesrepublik stattfinden.

Ende der achtziger Jahre erschienen in den 78 lizenzierten Verlagen der DDR (darunter 39 Verlage für wissenschaftliche und Fachliteratur, 16 für Belletristik, sieben für Kinder- und Jugendliteratur, sieben Musikverlage, drei Verlage für religiöse Literatur und ein Verlag für Blindenerzeugnisse) pro Jahr rund 6 500 Titel - etwa ein Zehntel der damaligen westdeutschen Produktion. Alle Verlage unterstanden der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandlungen im Ministerium für Kultur (HV). Diese koordinierte nicht nur zentral Programme, Finanzen und Produktion der Verlage, sie regelte auch deren Beziehungen zur polygrafischen Industrie und zum staatlichen Außenhandelsunternehmen Buchexport. Das ebenfalls der HV unterstellte Büro für Urheberrechte regelte die Lizenzgeschäfte mit dem Ausland. Die vom Zentralkomitee der SED vorgegebenen kulturpolitischen Richtlinien wurden von der HV über Direktiven an die Verlage weitergegeben. Diesen Richtlinien entsprechend wurden in Fünfjahresplänen Themengebiete und Titelschwerpunkte für die Verlage festgelegt, die auf dieser Grundlage wiederum ihre thematischen Jahrespläne erstellten. Die einzelnen Titel mussten der HV zur Erteilung der Druckgenehmigung vorgelegt werden - eine Zensurpraxis, die Christoph Hein auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987 als überlebt, nutzlos, volksfeindlich und ungesetzlich geißelte. Eine indirektere Form, über Erscheinen oder Nichterscheinen bestimmter Titel zu entscheiden, war der HV über die Verteilung der Papierkontingente an die Hand gegeben. Jeder Verlag begann das Kalenderjahr mit einer ausgeglichenen Bilanz und einem von der HV neu bemessenen Fond. Gewinnrückstellungen waren nicht möglich; etwaige Kapitalüberschüsse mussten zum Jahresende an den Staat abgeführt werden. Ausgeliefert wurde die Verlagsproduktion zentral über den Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG). Nach einem bestimmten Verteilerschlüssel gingen die Titel an die Filialen des staatlichen Volksbuchhandels, die Buchhandlungen der Nationalen Volksarmee, der Partei und Organisationen und - zum geringsten Teil - an die wenigen privaten Buchhandlungen im Land. Während diese ihre Existenz oft nur unter schwierigen Bedingungen bewahren konnten, hatte sich der Volksbuchhandel zum dominierenden Anbieter mit einheitlich ausgerichteter Planung, Leitung, Organisation und Ausbildung entwickelt. Sichtbarster Ausdruck der Dominanz des Volksbuchhandels waren die an vergleichsweise besten Standorten der DDR-Bezirksstädte gelegenen 14 "Häuser des Buches", sowie weitere 250 Kreis- und 280 Stadtbuchhandlungen.

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 brachte auch die scheinbar festgefügten Verhältnisse der ostdeutschen Buchhandelslandschaft zum Tanzen. Plötzlich ging alles ganz schnell: Am 1. Dezember wurde die Zensur in der DDR aufgehoben, Anfang Januar die Hauptabteilung Verlage und Buchhandel im DDR-Kulturministerium offiziell aufgelöst. Der Börsenverein, der bereits zu Zeiten seiner Gründung vor 175 Jahren Buchhändler und Verleger über die Grenzen ihrer jeweiligen deutschen Länder hinweg vereinte, hat den Prozess des Zusammenwachsens begleitet und maßgeblich vorangetrieben. In den Wochen und Monaten nach dem 9. November erleichterten die zahlreichen, über Jahrzente gewachsenen persönlichen Kontakte zwischen Ost und West den Prozess des Aufeinanderzugehens. Bereits sieben Tage nach der historischen Nacht in Berlin lag der Entwurf eines Aktionspakets auf dem Tisch, das der Frankfurter Börsenverein-Vorstand mit Kennern des DDR-Buchmarkts geschnürt hatte. Ein reichliches Jahr darauf, am 18. Dezember 1990, setzten die Vorsteher aus Ost und West ihre Unterschriften unter den Fusionsvertrag der beiden Börsenvereine. In der Frage des gemeinsamen Vereinssitzes - die tranditionsreiche Buchstadt Leipzig musste zugunsten der Metropole Frankfurt zurückstehen - überwogen die normativen Kräfte des Faktischen.

Schon wenige Tage nach dem Mauerfall war in der Zentrale des Frankfurter Börsenvereins am Großen Hirschgraben ein Katalog von schnell umzusetzenden Hilfsmaßnahmen für die Kollegen im Osten erarbeitet worden: Wochenendkurse an der Frankfurter Buchhändlerschule etwa oder die Teilnahme an Lizenzseminaren. An den Versand von DM-Bücherschecks in die DDR wurde ebenso gedacht wie an die Abgabe des "Verzeichnisses Lieferbarer Bücher" an die wichtigsten Buchhandlungen (Sortimente) in den ostdeutschen Bezirken. Anfang Januar richtete der Börsenverein in Frankfurt ein "Referat für DDR-Fragen" ein, das den rasant angestiegenen Informationsfluss zwischen Ost und West koordinierte. Es galt, eine wahre Flut von Anfragen zu potenziellen Partnerschaften oder den juristischen Voraussetzungen für Kooperationen mit der jeweils anderen Seite zu beantworten. Zum Know-how-Transfer kam dennoch ganz handfeste Unterstützung: So konnten mit Hilfe des Bundesinnenministeriums mehr als 250 kleinere und mittlere Sortimente mit kostenlosen Computerterminals ausgerüstet werden, noch 1990 wurde Ost-Verlagen durch den Ankauf von Büchern im Wert von fünf Millionen Mark unter die Arme gegriffen. Bei der Vereinigung der Verbandsstrukturen wurden nicht nur die Probleme der logistischen Synchronisation vormals getrennter Buchmärkte gelöst (Verkehrsnummern, EDV, Bestellwesen) - auch die mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 anstehende Anpassung an bundesdeutsche Rechtsnormen konnte gemeistert werden. Bereits mit dem 2. Juli 1990 wurde das westdeutsche Preisbindungssystem als wesentlicher Garant eines mittelständisch strukturierten Buchhandels von den DDR-Firmen übernommen. Regelungen zum Urheberrechtsgesetz, die im ersten Staatsvertrag keine Berücksichtigung fanden, wurden auf Initiative von Börsenverein und VG Wort nachträglich festgeschrieben. Die Bildung von buchhändlerischen Landesverbänden wurde vom Börsenverein aktiv unterstützt: Im Oktober 1990 gründete sich in Leipzig der Landesverband der Verlage und Buchhandlungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Berlin wurde der bestehende Verband um Mitglieder aus Ost-Berlin und Brandenburg erweitert; Verleger und Buchhändler aus Mecklenburg-Vorpommern schlossen sich dem Norddeutschen Landesverband mit Sitz in Hamburg an.

Fußnoten

1.
Hans Altenhein, Die Landschaft verändert sich. Über das Zusammenwachsen zweier deutscher Buchmärkte, in: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.), Jahrbuch 1990, Frankfurt/Main 1990.
2.
Vgl. Mark Lehmstedt/Siegfried Lokatis (Hrsg.), Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch, Wiesbaden 1997.