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26.5.2002 | Von:
Horst W. Opaschowski

Jugend im Zeitalter der Eventkultur

Wir leben zunehmend in einer "themed world": Fast alles wird zum Erlebnisthema gemacht. Übersättigte Konsumenten verlangen nach immer Neuem, nach nie Dagewesenem.

I. Neue Erlebniswelten: Die Krise des Originals

Lösen virtuelle Erlebniswelten immer mehr wirkliche Wirklichkeiten ab? Im Goethejahr 1999 wurde Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm wegen der Besucherströme als exakte Kopie nachgebaut: Das Original-Haus wurde zur ,Kopiervorlage' und zog mehr Besucher an als das Original. Die Kopie wurde respektvoll als "Goethes zweites Gartenhaus" bezeichnet. Andere wiederum meinten, es sei doch nicht weit vom Gartenhaus zur "Gartenlaube". Authentische Gemütlichkeit würde nur museal reproduziert. Andererseits: Gerade das Duplikat "McGoethe" rege zum Nachdenken an. Die Verdoppelung bewirke, dass plötzlich beide künstlich erschienen. Was war denn an dem Original noch original?


Die Unterscheidung von Original und Duplikat wird im Zeitalter virtueller Realitäten immer fragwürdiger. Das Authentische lebt dann nur als emotionales Erlebnis weiter: "Hier geht noch der Atem des Dichters, hier kann ich noch berühren, was seine Hand berührt hat." [1] Der subjektiven Einbindung des Besuchers sind keine Grenzen gesetzt: Könnte der Dichter nicht gerade im Morgenmantel um die Zimmerecke kommen? Aber gerade dies ließe sich mit Mitteln der elektronischen Medien perfekt simulieren. Was wäre dann noch echt: Die Einbildung oder die Illusionierung?

Die Neuen Erlebniswelten von heute sind weitgehend Kunstwelten und nicht historisch gewachsen. Andererseits leben wir schon lange in einer Reproduktionskultur; seit der Erfindung der Fotografie vor über hundert Jahren gibt es eine Krise des Originals. Original - Kopie - Klon: Die nächsten Schritte sind bereits vorgezeichnet. Am Ende kopiert und klont sich der Mensch selbst [2] .

Die Grenzen zwischen Illusion und Wirklichkeit sind fließend geworden. Der amerikanische Kreuzfahrtveranstalter Royal Caribic hat auf der unbewohnten karibischen Insel Coco Cay eine Erlebniswelt geschaffen, die echt und künstlich zugleich ist. Alles, was sich Touristen unter Karibik vorstellen und erträumen, wurde hier arrangiert: Ein weißer Sandstrand wurde gestaltet, Palmen angepflanzt, karibiktypische Holzhäuser errichtet sowie eine "historisches" Schiff und ein Flugzeugwrack für Taucher im Wasser versenkt. Wenn ein Kreuzfahrtschiff andockt, kommen für einen Tag "echte" Bewohner von den Nachbarinseln herbei . . .

Eine neue Generation wächst heran, die mit postmodernen Schein- und Erlebniswelten zu leben weiß wie z. B.

- Festzügen und Tausendjahrfeiern,

- Weihnachts- und Krämermärkten,

- Themenrestaurants und Freizeitparks,

- Showprogrammen und Shopping Malls,

- Freilichtmuseen und Weltausstellungen.

Die Inszenierung solcher Scheinwelten gehört zum Alltag des 21. Jahrhunderts. Ob nun Arbeitsweltinszenierungen im Museum oder Freizeitweltinszenierungen im PC, im Kino oder im Vergnügungsparkt: die Grenzen zu Show oder Spektakel, Entertainment oder Theater werden immer fließender. Fast alles wird zum Erlebnisthema gemacht. Wir leben zunehmend in einer "themed world". Und die Hohe Kultur wandelt sich zur "public culture" [3] .

Am 8. Februar 1972 berichtete die Los Angeles Times über den Beschluss der örtlichen Stadtverwaltung, auf dem Mittelstreifen einer Hauptverkehrsstraße rund tausend Plastikbäume aufzustellen, da nach dem Ausbau der Kanalisation nur noch eine zentimeterdünne Erdschicht übrig geblieben war. Als nach Beginn der "Pflanzaktion" unbekannte Täter begannen, die Bäume mutwillig zu zerstören, sah man schließlich von der weiteren Bepflanzung ab. Ein Jahr später erschien im Wissenschaftsjournal Science unter der Überschrift "What's Wrong with Plastic Trees?" der wissenschaftliche Nachweis, dass das verbreitete Bedürfnis nach einer natürlichen Umwelt "phylo- und ontogenetisch erlernt" sei - also durch bewusst gesteuerte Umlernprogramme auch auf künstliche Umwelten gelenkt werden könnte. Kann es in Zukunft ein "neues" Bedürfnis nach künstlichen Erlebniswelten geben?

Die Zukunft hat längst begonnen. 1923 ließ der US-Produzent und Regisseur Cecil B. de Mille für seinen monumentalen Bibelfilm "Die 10 Gebote" die alte ägyptische Stadt Karnak errichten. Diese Filmkulisse weist inzwischen mehr Besucher auf als die echte Tempelstadt in Ägypten. Und in Paris strömen mehr Besucher zu Mickey Mouse nach Eurodisney als zu den traditionellen Kulturattraktionen der Metropole. In dem Freizeitpark werden mehr Besucher gezählt als am bisherigen Touristenmagneten Notre Dame und gar im Louvre.

Fußnoten

1.
Lorenz Engell, Von Goethes Gartenhaus zu McGoethe, in: Vernissage, Nr. 5, Weimar 1999, S. 19.
2.
Vgl. Peter Weibel, Digitale Doubles: Von der Kopie zum Klon, in: ebd., S. 29.
3.
Richard Bormann, Spaß ohne Grenzen, in: Sociologia Internationalis, 36 (1998) 1, S. 55.