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Die Krise der "sozialen Stadt"


26.5.2002
Die soziale Ungleichheit in den großen Städten nimmt als Folge des ökonomischen Strukturwandels zu. Zusammen mit Veränderungen im System der Wohnungsversorgung bilden sich neue sozialräumliche Strukturen heraus.

I. Ausgrenzung und Segregation



Seit etwa einem Jahrzehnt werden in den USA und Europa neue Strukturen sozialer Ungleichheit beschrieben und diskutiert, die gegenüber den bisher bekannten Formen von Benachteiligung und Diskriminierung eine neue Qualität darstellen. Entsprechend haben die politischen Instanzen mit neuen Maßnahmen und Programmen zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung reagiert. In Frankreich gibt es ein Antisegregations-Gesetz und ein Ministerium für städtische Integration, in England sind die sozialen Probleme in den Innenstädten seit langem Anlass für spezielle Förderungsprogramme - inzwischen richtet sich die politische Aufmerksamkeit auch in Deutschland auf städtische Konflikte und Problemlagen, die nicht mehr mit einem schlechten Zustand von Häusern und Wohnungen erklärt werden können, sondern vielmehr Resultate eines sozioökonomischen und sozialräumlichen Strukturwandels der Großstädte sind. In einigen Bundesländern (Nordrhein-Westfalen, Bremen, Hessen, Hamburg und Berlin) wurden in den letzten Jahren Prozesse der sozialräumlichen Konzentration von ökonomisch marginalisierten Gruppen beschrieben und spezifische Programme für eine städtische Intervention in "Krisengebieten" entwickelt. Inzwischen hat auch die Bundesregierung diese Probleme wahrgenommen und das Programm "Soziale Stadt" aufgelegt, das nun im ersten Jahr des dritten Jahrtausends in seiner ganzen (bescheidenen) Breite anlaufen wird.

Ausgrenzung



Anlass für diese Programme ist nicht lediglich die Zunahme von Armut und sozialer Deprivation, sondern die Herausbildung neuer Ungleichheitsstrukturen, die mit Begriffen wie "Spaltung der Stadt" [1] oder "Ausgrenzung" benannt werden. In den Städten gibt es eine wachsende Armutsbevölkerung, wie aus der Zunahme der Zahl von Sozialhilfeempfängern und aus dem wachsenden Anteil von Dauerarbeitslosen an der hohen Arbeitslosigkeit abgelesen werden kann. Zwischen 10 und 20 Prozent der Großstadtbevölkerung sind von Einkommensarmut betroffen [2] .

Gegenüber den traditionellen Formen von Armut stellt Ausgrenzung einen Prozess dar, in dem Individuen oder Haushalte sich von den durchschnittlichen gesellschaftlichen Standards der Lebensführung entfernen bzw. entfernt werden: in ökono-mischer Hinsicht, indem sie keinen Zutritt zum Arbeitsmarkt mehr finden; in institutioneller Hinsicht, indem sich zwischen ihnen und den politischen bzw. sozialstaatlichen Institutionen unüberwindliche Schranken aufbauen; in kultureller Hinsicht, wenn Stigmatisierung und Diskriminierung zum Verlust des Selbstwertgefühls und zum Verlust der moralischen Qualifikation führen, die für ein integriertes Leben Voraussetzung sind; und schließlich in sozialer Hinsicht, wenn durch soziale Isolation und das Leben in einem geschlossenen Milieu die Brücken zur "normalen" Gesellschaft verloren gegangen sind.

Verschiedene Bevölkerungsgruppen sind von Ausgrenzungsprozessen auf verschiedene Weise betroffen: Bei einem Teil der Arbeitslosen verfestigt sich die Arbeitslosigkeit, was sich in steigenden Zahlen von Dauerarbeitslosen zeigt. Wachsende Abstiegsrisiken sind auch mit dem Wandel der Familien- und Haushaltsstrukturen verbunden, weil angesichts immer kleiner werdender Familien und der Zunahme von individualisierten Lebensformen die Auffangmöglichkeit durch die informellen Netze von Familie und Verwandtschaft geringer werden; daher gehören die alleinerziehenden Mütter zu den Gruppen, die häufig von dauerhafter Armut bedroht sind. Zuwanderer und ethnische Minderheiten können Ausgrenzungsprozessen ausgesetzt sein, weil bei ihnen fehlende politische Rechte und ökonomische bzw. soziale Randständigkeit zusammentreffen [3] .

Der Ausgrenzungsprozess erreicht seinen Höhepunkt, wenn Individuen oder Haushalte in allen vier genannten Dimensionen weit von der Mitte der Gesellschaft entfernt sind, und wenn dies mit einer "inneren Kündigung" gegenüber der Gesellschaft zusammentrifft, die sich in Resignation, Apathie und Rückzug äußert. Von der Gesellschaft im Stich gelassen, erwarten die Betroffenen auch nichts mehr und verhalten sich entsprechend.

Neben den sozialen Risiken ist in jüngerer Zeit in unseren Städten die Herausbildung von sozialräumlichen Konstellationen zu beobachten, die selbst zur Ursache für Benachteiligung und Ausgrenzung werden können: eine schärfere soziale Segregation, durch die sich die marginalisierte Bevölkerung in bestimmten Quartieren konzentriert. Neben der subjektiven Abkoppelung kann soziale Isolation auch das Ergebnis von räumlicher Ausgrenzung sein. Oft bringt die eine Form der Ausgrenzung die andere mit sich.

Segregation



Marginalisierung und Ausgrenzung kann durch eine räumliche Konzentration von Personen und Haushalten, die in ähnlicher Weise verarmt, diskriminiert und benachteiligt sind, hervorgerufen, beschleunigt und verstärkt werden. Das ist die zentrale Aussage von wissenschaftlichen Analysen und Theorien, die in der neuerlich sich wieder verstärkenden sozialen Segregation in den Großstädten die Gefahr sozialer Desintegration sehen. In den USA hat Julius W. Wilson [4] mit seiner Behauptung, mitten in den Großstädten entstehe eine "new urban underclass" heftige Debatten ausgelöst [5] . In Europa waren es die Studien über die innerstädtischen Altbaugebiete in Großbritannien und über die Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus am Rande der französischen Großstädte [6] , die räumliche Exklusionsprozesse [7] auch in den Wohlfahrtsstaaten Europas nachgewiesen haben.

Ausgrenzungsprozesse durch eine stärkere soziale Segregation in den Großstädten ergeben sich aus dem Zusammenwirken von drei Veränderungen, die aus dem ökonomischen und sozialen Wandel der Großstädte resultieren:

a) Auf dem Arbeitsmarkt gehen in den Städten die Erwerbsmöglichkeiten für unqualifizierte Arbeiter verloren, weil Industriearbeitsplätze in großer Zahl abgebaut wurden; der wachsende Dienstleistungsbereich nimmt nicht genug bzw. nicht die auf, die infolge der Deindustrialisierung arbeitslos geworden sind.

b) Aufgrund der Finanznot der Städte, die sich aus dem steigenden Finanzbedarf für Sozialtransfers bei sinkenden Steuereinnahmen ergibt, werden soziale Leistungen reduziert bzw. zumindest nicht in dem Maße ausgebaut, wie es angesichts wachsender Notlagen nötig wäre.

c) Durch den Rückzug des Staates aus der Wohnungsversorgung und angesichts steigender Wahlmöglichkeiten beim Wohnstandort für Haushalte mit einem stabilen Einkommen lösen sich die sozial gemischten Quartiere auf und eine stärkere Sortierung der Wohnbevölkerung nach Einkommen, Lebensstil und Nationalität in verschiedenen Quartieren greift Platz. Quartiere, in die die Verlierer des sozio-ökonomischen Wandels abgedrängt werden, können so zu Orten sozialer Exklusion werden.

Sozialräumliche Polarisierung



Auch wenn in den meisten Quartieren der Großstädte von solchen Entwicklungen wenig zu spüren ist, so wandeln sich doch andere Quartiere umso rascher mit um so negativeren Begleiterscheinungen. Das ist ein Resultat der sozialräumlichen Polarisierung, die aus der Überlagerung der größer werdenden sozialen Ungleichheit mit dem Rückzug des Staates aus der Wohnungsversorgung in den großen Städten folgt. Die sozialräumliche Struktur einer Stadt ergibt sich aus der unterschiedlichen Attraktivität von Wohnquartieren, aus den Standortpräferenzen und der Kaufkraft der privaten Haushalte sowie aus der Art und Weise, wie die Wohnungen auf die Bevölkerung verteilt bzw. wie der Bevölkerung die Wohnungen zugeteilt werden. Je weniger Einfluss der Staat auf die Zuteilung von Wohnungen hat, desto direkter entscheiden Marktprozesse. Auf dem Markt unterscheiden sich die Preise der Wohnungen einerseits nach Qualität und Lage und andererseits - was für unseren Zusammenhang besonders wichtig ist - nach dem sozialen Milieu bzw. dem Prestige, das sich in der Wahrnehmung der Wohnungssuchenden mit einem bestimmten Gebiet verbindet. Für soziale Exklusivität muss eine höhere Miete bezahlt werden, und daher haben die Mieter und die privaten Vermieter die soziale Zusammensetzung der Bewohnerschaft eines Quartiers sehr genau im Auge. Eine deutliche soziale Profilierung von Wohngebieten entspricht der Logik des Wohnungsmarktes.

Unter Großstadtpolitikern herrscht Einigkeit darüber, dass die soziale Segregation in den Städten seit einigen Jahren wieder zunimmt - zumindest am unteren Rand der Sozialskala. In allen Städten kennt man heute Gebiete, in denen sich soziale Probleme und Konflikte so häufen, dass über Abhilfe nachgedacht werden muss. Früher hat man in den Großstädten von "sozialen Brennpunkten" gesprochen - ein Sprachgebrauch, den man inzwischen vermeidet, weil er die Sicht unterstützt, es handele sich um punktuelle Probleme, die man rasch - gleichsam mit einer Feuerwehr - löschen könne. In den sechziger Jahren - in einer von Wirtschaftswachstum und Arbeitskräftemangel geprägten Umwelt - mag dies eine adäquate Beschreibung gewesen sein, heute jedoch geht es um strukturelle Prozesse, die nicht mit kurzfristigem Aktivismus gestoppt oder umgedreht werden können.

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Fußnoten

1.
Diese Entwicklung ist in ihren Grundzügen bereits in den achtziger Jahren erkennbar gewesen; vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Neue Urbanität, Frankfurt/Main 1987.
2.
Vgl. Hans-Jürgen Andreß, Leben in Armut, Opladen - Wiesbaden 1999.
3.
Vgl. Peter Bremer/Norbert Gestring, Urban Underclass - neue Formen der Ausgrenzung auch in deutschen Städten?, in: PROKLA, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 27 (1997) 106.
4.
Vgl. Julius William Wilson, The Truly Disadvantaged. The Inner City, the Underclass, and Public Policy, Chicago 1987; ders., The Declining Significance of Race: Blacks and Changing American Institutions, Chicago 1978.
5.
Vgl. Christopher Jencks/Paul E. Peterson, (Hrsg.), The Urban Underclass, Washington 1991.
6.
Vgl. François Dubert/Didier Lapeyronnie, Im Aus der Vorstädte. Der Zerfall der demokratischen Gesellschaft, Stuttgart 1992.
7.
Im europäischen Diskurs, insbesondere im Sprachgebrauch der Institutionen der Europäischen Union hat sich der Begriff "Exclusion" durchgesetzt, dessen Vorteil darin besteht, dass er in den meisten Sprachen der EU unmittelbar verstanden wird und benutzt werden kann. Wir verwenden die Begriffe "Ausgrenzung" und "Exklusion" synonym. Vgl. Hartmut Häußermann, Armut in den Städten - eine neue städtische Unterklasse?, sowie Martin Kronauer, "Soziale Ausgrenzung" und "Underclass". Über neue Formen der gesellschaftlichen Spaltung, und Walter Siebel, Armut oder Ausgrenzung?, alle in: Leviathan, 25 (1997) 1.