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26.5.2002 | Von:
Rolf Keim
Rainer Neef

Ressourcen für das Leben im Problemquartier

Städtische Problemviertel gelten gemeinhin als "Stadtteile mit besonderer Bedürftigkeit". Die Untersuchung eines Problemviertels in einer westdeutschen Großstadt bezieht sich auf die Fähigkeiten der Bewohner zur Bewältigung ihrer sozial konfliktreichen Situation.

Einleitung

Ein neuer städtischer Entwicklungstyp ist noch nicht recht auf den Begriff gebracht: Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf, Problemviertel, Armutsghettos, Stadtteile mit Entwicklungspriorität, andernorts quartiers sensibles genannt. Hinter diesen Bezeichnungen verbirgt sich die Beobachtung, dass in allen Großstädten seit Ende der achtziger Jahre Stadtteile mit überwiegend arbeitsloser und armer Bevölkerung, mit sozialer und baulicher Vernachlässigung, mit Drogenkriminalität und jugendlicher Gewalt entstehen. Hier leben auch viele Ausländer, es gibt ethnische Konflikte.


Seit über einem Jahr untersuchen wir einen solchen Stadtteil hin auf die Potentiale der Bewohnerinnen und Bewohner [1] . Wir sehen den städtischen Raum nicht als "Behälter" in einem schlechten (baulichen) Zustand, der mit sozial Benachteiligten und Diskriminierten "angefüllt" ist, sondern als eine Ressource, die der Bewältigung ihrer zumeist schwierigen Lebenssituation dient [2] , oder sie erschwert (so Hartmut Häußermann in diesem Heft); und die Bewohnerinnen und Bewohner sehen wir nicht als Träger von Defiziten, sondern als Akteure. Welche Bewohnergruppen nutzen den sozialräumlichen Zusammenhang des Viertels als Stütze, und für welche Bewohnergruppen besiegelt das Leben hier den sozialen Abstieg bzw. führt ins gesellschaftliche "Draußen"?


Stadt und Stadtteil werden in unserer Darstellung namenlos bleiben, aus Rücksicht auf die Bewohner, die dort aktiven Initiativen und Einrichtungen sowie nicht zuletzt auf den Fortgang unserer Untersuchung. Es ist nicht leicht, verarmte oder verbitterte Bewohner für Interviews zu gewinnen - erst recht nicht, wenn man ihr Quartier damit ins Gerede bringt. Das Stigma solcher Viertel ist ein ernsthaftes Problem, das auch den Sozialarbeitern, Initiativen und Wohnungsgesellschaften zu schaffen macht. Die Zusammenarbeit zwischen ihnen und mit ihnen ist störungsanfällig und kann durch Veröffentlichungen zusätzlich beschädigt werden. Wir werden daher im Folgenden unser Untersuchungsgebiet schlicht Quartier nennen. Der Begriff Quartier unterstellt zwar eine einheitliche, eben quartierliche Lebenssituation; tatsächlich ist unser Untersuchungsgebiet aber gespalten in unterschiedliche Bewohnergruppen, räumliche Einheiten und Wohnungsteilmärkte.

Fußnoten

1.
Die zweijährige Hauptuntersuchung, die neben dem innerstädtischen Altbauviertel einen weiteren Stadtteil, ein randstädtisches Neubauviertel, mit einbezieht, ist vor kurzem angelaufen. Unsere bisherigen Ergebnisse gründen wesentlich auf 42 qualitativen Bewohnerinterviews, Expertengesprächen und der Analyse von Sekundärmaterialien.
2.
Vgl. Ulfert Herlyn u. a., Armut und Milieu. Benachteiligte Bewohner in großstädtischen Quartieren, Basel u. a. 1991; Christine Mussel, Bedürfnisse in der Planung der Städte, Kassel 1992.