Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Grzegorz Rossoliński-Liebe

Verflochtene Geschichten. Stepan Bandera, der ukrainische Nationalismus und der transnationale Faschismus

Stepan Bandera gehörte lange zu jenen Akteuren der Geschichte, die vielen zwar dem Namen nach bekannt sind, von deren Leben und Handeln aber kaum jemand etwas Genaueres weiß.[1] Während des Kalten Kriegs war er in westlichen Ländern bei vielen antisowjetischen Aufmärschen auf Transparenten präsent. Zugleich war er ein wichtiger Bestandteil der antiwestlichen sowjetischen Propaganda. Da seine Vita und die Geschichte seiner Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) nicht erforscht waren, konnte man auf ihn verschiedene Ideen projizieren und ihn als ein Symbol sowohl des nationalen Freiheitskampfes als auch des mörderischen Nationalismus benutzen.

Die ersten kritischen und komplexen Studien, die Bandera im Kontext der transnationalen Faschismusforschung untersuchten, stießen auf aggressive Ablehnung und Kritik. Sie wurden von politischen Aktivisten angegriffen, deren Weltbilder dadurch hinterfragt wurden, und von Historikern abgewiesen, die ihre Publikationen, Positionen oder Interpretationen verteidigen wollten. Dabei ist die Faschismusforschung neben der Geschichte des Holocaust und der Sowjetunion von zentraler Bedeutung, um Banderas Leben, den Kult um ihn sowie die Geschichte der Organisation Ukrainischer Nationalisten zu verstehen. Eine kritische Erforschung der OUN ist wiederum wichtig, um eine komplexe Geschichte der Ukraine schreiben zu können und den Faschismus in Ostmitteleuropa in seiner transnationalen Dimension zu rekonstruieren. Auf der politischen Ebene birgt die Marginalisierung, Ignorierung oder Leugnung einer kritischen Bandera-Forschung Gefahren, wie in den vergangenen Jahren unter anderem an der Radikalisierung und Destabilisierung der Ukraine deutlich wurde.

Stepan Bandera wurde am 1. Januar 1909 in Staryj Uhryniw geboren, einem Dorf in Ostgalizien, der östlichsten Provinz der Habsburger Monarchie. Seine Heimat war von Ukrainern, Polen, Juden, Deutschen, Tschechen und anderen ethnischen Gruppen bewohnt, von denen vor allem Ukrainer und Polen rivalisierten und sich im Nationalismus gegenseitig überstiegen. Juden hingegen wurden zum Feind beider nationalen Gruppen stilisiert, wobei sie in diesem Teil Europas im Holocaust überwiegend von ihren ukrainischen Nachbarn und Deutschen ermordet werden sollten.[2]

Da der ukrainische Staat erst 1991 entstanden ist, waren Ukrainer lange verschiedenen imperialen und nationalen Politiken ausgesetzt. Obwohl dies aus nationaler Sicht bis heute als ungünstig interpretiert wird, förderte es die Vielfalt der ukrainischen Kultur und Identität. Bis 1914 lebten etwa 80 Prozent aller Ukrainer im Russischen Reich, das im Gegensatz zur Habsburger Monarchie eine restriktivere Politik gegenüber der Entfaltung nationaler Kulturen anwandte. Nach der Russischen Revolution proklamierten ukrainische Politiker im November 1917 einen Staat in Kiew, ein Jahr später in Lemberg einen weiteren. Ihre Armeen waren jedoch zu schwach, um sich erfolgreich gegen Polen und Russen zu verteidigen, die die Ukraine als ihren eigenen Territorien zugehörig verstanden. Aufgrund dieser Entwicklungen lebten in der Zwischenkriegszeit erneut etwa 80 Prozent aller Ukrainer in der sowjetischen Ukraine und etwa 20 Prozent in Polen, zu dem neben Ostgalizien auch Wolhynien gehörte.[3]

Bereits in seiner Kindheit wurden Banderas politische Ansichten und sein Weltbild von diesen gescheiterten Kämpfen um einen eigenständigen ukrainischen Nationalstaat geprägt. Auch die Rolle der Religion sollte nicht unterschätzt werden: Banderas Vater war griechisch-katholischer Priester und beeinflusste ihn dahingehend.

Europäischer Faschismus und Entwicklung der OUN

Nach dem Ersten Weltkrieg befanden sich die in Polen lebenden ukrainischen Nationalisten, die immer mehr zum Faschismus neigten, in einer ähnlichen politischen Situation wie Kroaten in Jugoslawien oder Slowaken in der Tschechoslowakei. Sie mussten zuerst einen Nationalstaat aufbauen, um anschließend ein faschistisches Regime zu errichten. Ihre Bewegung wies jedoch große Ähnlichkeiten nicht nur mit der kroatischen Ustaša und Hlinkas Slowakischer Volkspartei auf, sondern auch mit der rumänischen Eisernen Garde, den ungarischen Pfeilkreuzlern und dem polnischen Nationalradikalen Lager.[4] Benito Mussolini schulte einige OUN-Kader zusammen mit Ustaša-Kämpfern auf Sizilien. Dadurch baute die OUN besonders gute Kontakte zu den kroatischen "Freiheitskämpfern" auf. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangten zwischenfaschistische Netzwerke und die Rolle des Duce bei ihrer Etablierung unter anderem durch zwei Attentate 1934: Am 15. Juni ermordete die OUN in Warschau den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki, und am 9. Oktober fielen der jugoslawische König Alexander I. Karađorđević und der französische Außenminister Louis Barthou in Marseille der Zusammenarbeit von Ustaša und Innerer Mazedonischer Revolutionärer Organisation zum Opfer.[5]

Die Radikalisierung und Ethnisierung des ukrainischen Nationalismus vollzog sich parallel zu seiner Faschisierung.[6] Die Bewegung gewann erst in den späten 1920er Jahren an Bedeutung, als andere Gruppierungen sich ihr anschlossen, und sie sich für die galizische Jugend öffnete. Die offiziell erst 1929 gegründete OUN bestand von Anfang an aus zwei Generationen: Die ältere der um 1890 Geborenen kontrollierte die Führung im Exil. Sie hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, die Bewegung gegründet und die jüngere sogenannte Bandera-Generation in den "Freiheitskampf" involviert. Diese Gruppe der um 1910 Geborenen dominierte die Landesexekutive in Südostpolen. Sie kannte den Ersten Weltkrieg nur aus den Berichten ihrer Eltern und träumte davon, in einem weiteren Krieg für die Freiheit ihres Landes zu kämpfen. Sie neigte stärker dazu, Gewalt anzuwenden beziehungsweise diese als Mittel der Politik zu betrachten. Der im Exil lebende Führer der gesamten OUN, Jewhen Konowalez, genoss anders als sein Nachfolger Andrij Melnyk auch den Respekt der jüngeren Generation.[7]

Umfassend faschisierte die OUN ihre Ideologie erst in den 1930er Jahren, doch einige Ideologen wie Dmytro Donzow waren bereits in den frühen 1920er Jahren davon ausgegangen, dass ukrainische Nationalisten auch ukrainische Faschisten seien. In dem 1923 veröffentlichten Artikel "Sind wir Faschisten?" erklärte Donzow, der großen Einfluss auf die Bandera-Generation hatte, das Programm der italienischen Faschisten und folgerte: "Wenn dies das Programm des Faschismus ist, dann sind wir meinetwegen Faschisten!" Gleichzeitig riet er aber dazu, in der Öffentlichkeit nicht als Faschisten aufzutreten, um der Bewegung nicht zu schaden.[8] Jewhen Onazkyj argumentierte zunächst, dass die Bewegung nicht faschistisch sein könne, weil kein ukrainischer Staat existiere, in dem sie ihr faschistisches Regime aufbauen könne. Erst infolge interner Debatten änderte er seine Position und behauptete, dass der Faschismus auch eine Revolution sei, die zur Staatlichkeit führe.[9] Mykola Sciborśkyj, dessen Beziehung mit einer Jüdin zu Diskussionen in der Bewegung führte, erfand das politische System für den zukünftigen OUN-Staat und nannte es "Naciokratija" (Diktatur der Nation). Obwohl er mehrmals betonte, dass dieses nicht faschistisch sei, enthielt sein Entwurf alle zentralen Charakteristiken eines faschistischen Staates.[10] Der Antisemitismus wurde in der OUN unter anderem durch Volodymyr Martyneć rassistisch umgedeutet. In der 1938 veröffentlichten Broschüre "Das jüdische Problem in der Ukraine" behauptete er, dass Juden eine fremde Rasse seien, die von Ukrainern isoliert und nach allen Kräften vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden sollten.[11]

Bandera, der bereits zu Schulzeiten in Kontakt mit anderen jungen Nationalisten gestanden hatte, verinnerlichte ab seinem Eintritt in die OUN 1929 diese Ideologie und schöpfte sie aktiv mit. Er stieg in der Organisation schnell auf und stand – zunächst durch eine Haftstrafe daran gehindert – ab Anfang 1933 offiziell an der Spitze der Landesexekutive. Er organisierte mehrere Attentate, professionalisierte die ideologische, geheimdienstliche und militärische Ausbildung und verlangte von seinen Untergebenen absoluten Gehorsam. Die Zahl der Morde an OUN-Mitgliedern, die der Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst oder ideologischer Abweichungen bezichtigt wurden, stieg unter seiner Führung deutlich an. Außerdem forcierte Bandera die Propagandakampagnen gegen polnische Schulen und andere Institutionen der Zweiten Polnischen Republik, in die er unter anderem ukrainische Schüler einbezog. Auch wenn die Radikalisierung der westukrainischen Gesellschaft durch die OUN nicht ohne weitere Protagonisten seiner Generation möglich gewesen wäre, ist sie doch maßgeblich auf Banderas Eifer und organisatorische Fähigkeiten zurückzuführen.

Die OUN nutzte 1935/36 Prozesse gegen sich in Warschau und Lemberg, die wegen des Attentats auf den polnischen Innenminister Pieracki und anderer Verbrechen stattfanden, um ihren "Freiheitskampf" international bekannt zu machen. Bandera stilisierte sich nun explizit zum Führer einer faschistischen Bewegung, die die Ukraine befreien würde. Im Gerichtsaal wurde er von seinen Kampfgenossen mit faschistischem Gruß geehrt. Die Verhängung der Todesstrafe, die in Polen jedoch noch vor der Vollstreckung abgeschafft wurde, verstärkte seinen Ruhm: Bandera wurde endgültig zur politischen Kultfigur. Bereits zu dieser Zeit schrieb man Lieder über ihn und verband junge ukrainische Freiheitskämpfer mit seinem Namen. Nachdem der OUN-Führer Konowalez vom sowjetischen Geheimdienst NKWD am 23. Mai 1938 in Rotterdam ermordet worden war, versuchte eine Gruppe ukrainischer Nationalisten, Bandera aus dem Gefängnis zu befreien. Seine Zeit in Haft nutzte er unter anderem dafür, junge Ukrainer zu radikalisieren, die im Zweiten Weltkrieg Massenmorde organisieren sollten.

Fußnoten

1.
Der Beitrag basiert auf meiner Biografie Banderas, vgl. Grzegorz Rossoliński-Liebe, Stepan Bandera. The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide, and Cult, Stuttgart 2014.
2.
Vgl. Kai Struve, Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine, Berlin 2015; Dieter Pohl, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens, München 1997.
3.
Vgl. Serhy Yekelchyk, Ukraine. Birth of a Modern Nation, New York 2007, S. 33–84; Frank Golczewski, Deutsche und Ukrainer 1914–1939, Paderborn 2010, S. 240–360.
4.
Zur Frage des Faschismus in Ostmitteleuropa siehe Constantin Iordachi, Introduction. Fascism in Interwar East Central and Southeastern Europe. Toward a New Transnational Research Agenda, in: East-Central Europe 2–3/2010, S. 161–213.
5.
Vgl. Stanley G. Payne, A History of Fascism, 1914–1945, Madison 1995, S. 406. Zur transnationalen Kooperation von Faschisten siehe auch den Beitrag von Sven Reichardt in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. Grzegorz Rossoliński-Liebe, Der europäische Faschismus und der ukrainische Nationalismus. Verflechtungen, Annährungen und Wechselbeziehungen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2/2017, S. 153–169.
7.
Vgl. Franziska Bruder, "Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!". Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948, Berlin 2007, S. 118f.
8.
Vgl. Dmytro Donzow, Čy my fašysty?, in: Zahrava 1/1923, S. 97–102, hier S. 100; siehe auch Golczewski (Anm. 3), S. 574.
9.
Vgl. Jewhen Onackyj, Lysty z Italiї I. Deščo pro fašyzm, in: Rozbudova natsiї 3/1928, S. 95; ders., Fašyzm i my (Z pryvodu statti prof. Mytsjuka), in: Rozbudova natsiї 12/1929, S. 397.
10.
Vgl. Mykola Sciborśkyj, Naciokratija, Paris 1935, S. 50, S. 84, S. 87, S. 114ff.
11.
Vgl. Volodymyr Martyneć, Žydivśka probliema v Ukraїni, London 1938.
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