Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt
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13.10.2017 | Von:
Grzegorz Rossoliński-Liebe

Verflochtene Geschichten. Stepan Bandera, der ukrainische Nationalismus und der transnationale Faschismus

Stepan Bandera gehörte lange zu jenen Akteuren der Geschichte, die vielen zwar dem Namen nach bekannt sind, von deren Leben und Handeln aber kaum jemand etwas Genaueres weiß.[1] Während des Kalten Kriegs war er in westlichen Ländern bei vielen antisowjetischen Aufmärschen auf Transparenten präsent. Zugleich war er ein wichtiger Bestandteil der antiwestlichen sowjetischen Propaganda. Da seine Vita und die Geschichte seiner Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) nicht erforscht waren, konnte man auf ihn verschiedene Ideen projizieren und ihn als ein Symbol sowohl des nationalen Freiheitskampfes als auch des mörderischen Nationalismus benutzen.

Die ersten kritischen und komplexen Studien, die Bandera im Kontext der transnationalen Faschismusforschung untersuchten, stießen auf aggressive Ablehnung und Kritik. Sie wurden von politischen Aktivisten angegriffen, deren Weltbilder dadurch hinterfragt wurden, und von Historikern abgewiesen, die ihre Publikationen, Positionen oder Interpretationen verteidigen wollten. Dabei ist die Faschismusforschung neben der Geschichte des Holocaust und der Sowjetunion von zentraler Bedeutung, um Banderas Leben, den Kult um ihn sowie die Geschichte der Organisation Ukrainischer Nationalisten zu verstehen. Eine kritische Erforschung der OUN ist wiederum wichtig, um eine komplexe Geschichte der Ukraine schreiben zu können und den Faschismus in Ostmitteleuropa in seiner transnationalen Dimension zu rekonstruieren. Auf der politischen Ebene birgt die Marginalisierung, Ignorierung oder Leugnung einer kritischen Bandera-Forschung Gefahren, wie in den vergangenen Jahren unter anderem an der Radikalisierung und Destabilisierung der Ukraine deutlich wurde.

Stepan Bandera wurde am 1. Januar 1909 in Staryj Uhryniw geboren, einem Dorf in Ostgalizien, der östlichsten Provinz der Habsburger Monarchie. Seine Heimat war von Ukrainern, Polen, Juden, Deutschen, Tschechen und anderen ethnischen Gruppen bewohnt, von denen vor allem Ukrainer und Polen rivalisierten und sich im Nationalismus gegenseitig überstiegen. Juden hingegen wurden zum Feind beider nationalen Gruppen stilisiert, wobei sie in diesem Teil Europas im Holocaust überwiegend von ihren ukrainischen Nachbarn und Deutschen ermordet werden sollten.[2]

Da der ukrainische Staat erst 1991 entstanden ist, waren Ukrainer lange verschiedenen imperialen und nationalen Politiken ausgesetzt. Obwohl dies aus nationaler Sicht bis heute als ungünstig interpretiert wird, förderte es die Vielfalt der ukrainischen Kultur und Identität. Bis 1914 lebten etwa 80 Prozent aller Ukrainer im Russischen Reich, das im Gegensatz zur Habsburger Monarchie eine restriktivere Politik gegenüber der Entfaltung nationaler Kulturen anwandte. Nach der Russischen Revolution proklamierten ukrainische Politiker im November 1917 einen Staat in Kiew, ein Jahr später in Lemberg einen weiteren. Ihre Armeen waren jedoch zu schwach, um sich erfolgreich gegen Polen und Russen zu verteidigen, die die Ukraine als ihren eigenen Territorien zugehörig verstanden. Aufgrund dieser Entwicklungen lebten in der Zwischenkriegszeit erneut etwa 80 Prozent aller Ukrainer in der sowjetischen Ukraine und etwa 20 Prozent in Polen, zu dem neben Ostgalizien auch Wolhynien gehörte.[3]

Bereits in seiner Kindheit wurden Banderas politische Ansichten und sein Weltbild von diesen gescheiterten Kämpfen um einen eigenständigen ukrainischen Nationalstaat geprägt. Auch die Rolle der Religion sollte nicht unterschätzt werden: Banderas Vater war griechisch-katholischer Priester und beeinflusste ihn dahingehend.

Europäischer Faschismus und Entwicklung der OUN

Nach dem Ersten Weltkrieg befanden sich die in Polen lebenden ukrainischen Nationalisten, die immer mehr zum Faschismus neigten, in einer ähnlichen politischen Situation wie Kroaten in Jugoslawien oder Slowaken in der Tschechoslowakei. Sie mussten zuerst einen Nationalstaat aufbauen, um anschließend ein faschistisches Regime zu errichten. Ihre Bewegung wies jedoch große Ähnlichkeiten nicht nur mit der kroatischen Ustaša und Hlinkas Slowakischer Volkspartei auf, sondern auch mit der rumänischen Eisernen Garde, den ungarischen Pfeilkreuzlern und dem polnischen Nationalradikalen Lager.[4] Benito Mussolini schulte einige OUN-Kader zusammen mit Ustaša-Kämpfern auf Sizilien. Dadurch baute die OUN besonders gute Kontakte zu den kroatischen "Freiheitskämpfern" auf. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangten zwischenfaschistische Netzwerke und die Rolle des Duce bei ihrer Etablierung unter anderem durch zwei Attentate 1934: Am 15. Juni ermordete die OUN in Warschau den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki, und am 9. Oktober fielen der jugoslawische König Alexander I. Karađorđević und der französische Außenminister Louis Barthou in Marseille der Zusammenarbeit von Ustaša und Innerer Mazedonischer Revolutionärer Organisation zum Opfer.[5]

Die Radikalisierung und Ethnisierung des ukrainischen Nationalismus vollzog sich parallel zu seiner Faschisierung.[6] Die Bewegung gewann erst in den späten 1920er Jahren an Bedeutung, als andere Gruppierungen sich ihr anschlossen, und sie sich für die galizische Jugend öffnete. Die offiziell erst 1929 gegründete OUN bestand von Anfang an aus zwei Generationen: Die ältere der um 1890 Geborenen kontrollierte die Führung im Exil. Sie hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, die Bewegung gegründet und die jüngere sogenannte Bandera-Generation in den "Freiheitskampf" involviert. Diese Gruppe der um 1910 Geborenen dominierte die Landesexekutive in Südostpolen. Sie kannte den Ersten Weltkrieg nur aus den Berichten ihrer Eltern und träumte davon, in einem weiteren Krieg für die Freiheit ihres Landes zu kämpfen. Sie neigte stärker dazu, Gewalt anzuwenden beziehungsweise diese als Mittel der Politik zu betrachten. Der im Exil lebende Führer der gesamten OUN, Jewhen Konowalez, genoss anders als sein Nachfolger Andrij Melnyk auch den Respekt der jüngeren Generation.[7]

Umfassend faschisierte die OUN ihre Ideologie erst in den 1930er Jahren, doch einige Ideologen wie Dmytro Donzow waren bereits in den frühen 1920er Jahren davon ausgegangen, dass ukrainische Nationalisten auch ukrainische Faschisten seien. In dem 1923 veröffentlichten Artikel "Sind wir Faschisten?" erklärte Donzow, der großen Einfluss auf die Bandera-Generation hatte, das Programm der italienischen Faschisten und folgerte: "Wenn dies das Programm des Faschismus ist, dann sind wir meinetwegen Faschisten!" Gleichzeitig riet er aber dazu, in der Öffentlichkeit nicht als Faschisten aufzutreten, um der Bewegung nicht zu schaden.[8] Jewhen Onazkyj argumentierte zunächst, dass die Bewegung nicht faschistisch sein könne, weil kein ukrainischer Staat existiere, in dem sie ihr faschistisches Regime aufbauen könne. Erst infolge interner Debatten änderte er seine Position und behauptete, dass der Faschismus auch eine Revolution sei, die zur Staatlichkeit führe.[9] Mykola Sciborśkyj, dessen Beziehung mit einer Jüdin zu Diskussionen in der Bewegung führte, erfand das politische System für den zukünftigen OUN-Staat und nannte es "Naciokratija" (Diktatur der Nation). Obwohl er mehrmals betonte, dass dieses nicht faschistisch sei, enthielt sein Entwurf alle zentralen Charakteristiken eines faschistischen Staates.[10] Der Antisemitismus wurde in der OUN unter anderem durch Volodymyr Martyneć rassistisch umgedeutet. In der 1938 veröffentlichten Broschüre "Das jüdische Problem in der Ukraine" behauptete er, dass Juden eine fremde Rasse seien, die von Ukrainern isoliert und nach allen Kräften vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden sollten.[11]

Bandera, der bereits zu Schulzeiten in Kontakt mit anderen jungen Nationalisten gestanden hatte, verinnerlichte ab seinem Eintritt in die OUN 1929 diese Ideologie und schöpfte sie aktiv mit. Er stieg in der Organisation schnell auf und stand – zunächst durch eine Haftstrafe daran gehindert – ab Anfang 1933 offiziell an der Spitze der Landesexekutive. Er organisierte mehrere Attentate, professionalisierte die ideologische, geheimdienstliche und militärische Ausbildung und verlangte von seinen Untergebenen absoluten Gehorsam. Die Zahl der Morde an OUN-Mitgliedern, die der Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst oder ideologischer Abweichungen bezichtigt wurden, stieg unter seiner Führung deutlich an. Außerdem forcierte Bandera die Propagandakampagnen gegen polnische Schulen und andere Institutionen der Zweiten Polnischen Republik, in die er unter anderem ukrainische Schüler einbezog. Auch wenn die Radikalisierung der westukrainischen Gesellschaft durch die OUN nicht ohne weitere Protagonisten seiner Generation möglich gewesen wäre, ist sie doch maßgeblich auf Banderas Eifer und organisatorische Fähigkeiten zurückzuführen.

Die OUN nutzte 1935/36 Prozesse gegen sich in Warschau und Lemberg, die wegen des Attentats auf den polnischen Innenminister Pieracki und anderer Verbrechen stattfanden, um ihren "Freiheitskampf" international bekannt zu machen. Bandera stilisierte sich nun explizit zum Führer einer faschistischen Bewegung, die die Ukraine befreien würde. Im Gerichtsaal wurde er von seinen Kampfgenossen mit faschistischem Gruß geehrt. Die Verhängung der Todesstrafe, die in Polen jedoch noch vor der Vollstreckung abgeschafft wurde, verstärkte seinen Ruhm: Bandera wurde endgültig zur politischen Kultfigur. Bereits zu dieser Zeit schrieb man Lieder über ihn und verband junge ukrainische Freiheitskämpfer mit seinem Namen. Nachdem der OUN-Führer Konowalez vom sowjetischen Geheimdienst NKWD am 23. Mai 1938 in Rotterdam ermordet worden war, versuchte eine Gruppe ukrainischer Nationalisten, Bandera aus dem Gefängnis zu befreien. Seine Zeit in Haft nutzte er unter anderem dafür, junge Ukrainer zu radikalisieren, die im Zweiten Weltkrieg Massenmorde organisieren sollten.

Staatlichkeit, Massenmorde und politische Ziele

Wenige Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs brach Bandera aus dem Gefängnis in Brześć aus und begab sich nach Lemberg. Zu dieser Zeit überlegte die OUN, einen Nationalaufstand zu initiieren und einen ukrainischen Staat auszurufen, gab diesen Plan jedoch auf, weil die Westukraine aufgrund des geheimen Ribbentrop-Molotow-Paktes in die sowjetische Ukraine eingegliedert worden war. Bandera verließ wie einige Hundert andere OUN-Mitglieder die Westukraine und ging nach Krakau, die Hauptstadt des Generalgouvernements. Dort wurde 1940 der generationelle Konflikt in der OUN ausgetragen, der zur Spaltung der Bewegung in die radikalere OUN-Bandera und die "gemäßigte" OUN-Melnyk führte. Obwohl sich beide Fraktionen vehement bekämpften, kollaborierten sie beide mit den Deutschen und halfen ihnen, den Angriff auf die Sowjetunion vorzubereiten. Gleichzeitig überlegten sie, wie sie anschließend ihren eigenen faschistischen Kollaborationsstaat errichten könnten.[12]

Die OUN-B kontrollierte den Großteil des Untergrundes in der Westukraine und erarbeitete im Generalgouvernement einen detaillierten Plan für den Ausbau eines faschistischen Staates auf allen administrativen Ebenen, den sie "Ukrainische Nationale Revolution" nannte. An seiner Verwirklichung sollten sich unter anderem die aus ukrainischen Freiwilligen bestehenden Bataillone "Roland" und "Nachtigall" der deutschen Wehrmacht sowie die sogenannten Marschgruppen beteiligen. Die OUN-B hoffte, dass die Nationalsozialisten ihren Staat akzeptieren würden, und dieser ähnlich wie die Slowakei im März 1939 und Kroatien im April 1940 zu einem politischen Organismus des "Neuen Europa" unter deren Führung werden würde.[13] Auf einem Kongress Anfang April 1941 in Krakau faschisierte sich die OUN-B weiter und leistete dadurch einen Beitrag zur Gestaltung des europäischen Faschismusdiskurses. Sie führte unter anderem den Gruß "Ehre der Ukraine! – Ehre den Helden!" ein, diskutierte die Gesundheit der ukrainischen Rasse und verdammte die Juden als Stütze der Sowjetunion. Das Führerprinzip baute sie auf dem Begriff providnyk auf, weil der eigentlich besser geeignete Ausdruck vožd bereits zuvor von Melnyk verwendet worden war. Einen Widerspruch zwischen Faschismus und Nationalismus sah die Führung der OUN-B nicht. Ganz im Gegenteil: Ihren eigenen Nationalismus verstand sie – ähnlich wie schon in den 1930er und teilweise auch 1920er Jahren – als eine Form des europäischen beziehungsweise globalen Faschismus.

Beim Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 trat die OUN-B als Verbündeter Deutschlands auf. Ohne die Zustimmung der nationalsozialistischen Führung begann sie, die Ukrainische Nationale Revolution umzusetzen. Obwohl die OUN-B die Abwehr und die Wehrmacht beim Krieg gegen die Rote Armee und den Sicherheitsdienst bei der Ermordung von Juden unterstützte, verbot das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Bandera, sich in die "befreiten" Gebiete zu begeben. Daher wurde ihr Staat am 30. Juni 1941 in Lemberg nicht durch den providnyk, sondern seinen Vertreter Jaroslav Stećko ausgerufen, der darüber in Briefen die faschistischen Führer Europas informierte und um Akzeptanz bat. Wenige Stunden vor der Proklamation begannen in Lemberg antijüdische Ausschreitungen, die die OUN-B mit den deutschen Truppen in einen zwei Tage dauernden Pogrom verwandelte.[14] Ähnliche Pogrome, die von nationalen Feierlichkeiten begleitet wurden, fanden in vielen ostgalizischen und wolhynischen Orten statt. Bandera wurde von den revolutionären Massen als der Führer des ukrainischen Staates gefeiert. Nachdem er am 5. Juli 1941 verhaftet worden war, weil die OUN-B die Staatsproklamation nicht zurücknehmen wollte, baten Hunderte in Briefen an Hitler um seine Freilassung.[15]

Die Nationalsozialisten errichteten schließlich generell keine Kollaborationsstaaten in Gebieten, die bis zum 22. Juni 1941 im sowjetischen Einflussgebiet gelegen hatten. Stećko und einige weitere prominente OUN-B Mitglieder wurden ähnlich wie Bandera verhaftet und bis Herbst 1944 als Sonderhäftlinge des RSHA in Berliner Gefängnissen und im Konzentrationslager Sachsenhausen gehalten. Dort war Bandera im gleichen Zellenbau untergebracht wie Horia Sima, der Führer der Eisernen Garde, und einige andere prominente politische "Ehrenhäftlinge".[16] Darüber hinaus verhafteten die Deutschen einige Hundert weniger bekannte OUN-Mitglieder, von denen etwa 200 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden. Da auch sie bevorzugt behandelt wurden, überlebten etwa 80 Prozent von ihnen das Lager. Unter den Gestorbenen beziehungsweise Ermordeten befanden sich jedoch Banderas Brüder Vasyl und Oleksandr.

Während Stepan Banderas Zeit in Berlin und Sachsenhausen wurden in der Ukraine massenweise Juden ermordet. Die Hälfte aller ukrainischen Juden – etwa 800000 – wurde auf dem kleinen Gebiet der Westukraine getötet, wo die OUN-B trotz der Verhaftung ihrer Führungsriege die Deutschen beim Judenmord unterstützte. Sie schickte ihre Mitglieder zur Polizei, damit sie bewaffnet wurden und die Besatzer bei den Deportationen und Erschießungen unterstützen konnten. Aufgrund der kleinen Anzahl von deutschen Polizisten in der Ukraine wäre die Ermordung von mehr als 90 Prozent aller westukrainischen Juden ohne sie nicht möglich gewesen.[17] Etwa zur selben Zeit, als die Deutschen Wolhynien und Ostgalizien für "judenfrei" erklärten, begann die Anfang 1943 von der OUN-B aufgestellte Ukrainische Aufständische Armee (UPA), dort auch massenhaft Polen zu ermorden. Mit Beginn dieser "Säuberung" der Westukraine von Polen schlossen sich ihr etwa 5000 ukrainische Polizisten an, die zuvor die Deutschen beim Holocaust unterstützt hatten. Insgesamt ermordete die UPA zwischen 70000 und 100000 Polen und zwang viele weitere dazu, ihre Lebensorte zu verlassen.[18]

Bandera ist für die Verbrechen, die OUN-B und UPA während seiner Internierung in Berlin und Sachsenhausen verübten, nur indirekt verantwortlich. Viele OUN-B-Mitglieder, die während des Holocaust in der deutschen Polizei dienten, und ein Teil der UPA-Partisanen, die Polen und Juden ermordeten, identifizierten sich zwar mit Bandera und betrachteten ihn als ihren providnyk oder bezeichneten sich selbst als banderivci (Bandera-Anhänger), aber Bandera erteilte ihnen keine Befehle. Seine politische Wirkungsmöglichkeit war in dieser Zeit eingeschränkt. Die politische Leitung war in den Händen von Roman Schuchewych, Mykola Lebed, Dmytro Kliachkivśkyj und anderen, die direkt vor Ort die Morde anordneten und die "Säuberung" der Westukraine koordinierten. Als Führer der Bewegung war Bandera jedoch moralisch für die Verbrechen der OUN-B und UPA verantwortlich. Vor dem Krieg machte er kein Geheimnis daraus, dass "nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden müssen",[19] damit die OUN ihre Ziele realisieren und ein ukrainischer Staat entstehen könne. Die Massengewalt beziehungsweise die "Säuberung" der Ukraine von Juden, Polen, Russen und anderen "Feinden" der Organisation war ein zentraler Bestandteil seiner Ziele.

Kalter Krieg, Mord und Neubelebung des Kultes

Am 28. September 1944 wurde Bandera aus Sachsenhausen entlassen, weil die Nationalsozialisten nach erheblichen Niederlagen Osteuropäer für den Kampf gegen die Rote Armee mobilisieren wollten. Bandera wirkte daran mit, verließ jedoch im Februar 1945 mit seiner Familie Berlin und versteckte sich in den folgenden Monaten in Österreich und Süddeutschland. Kurz nach dem Ende des Kriegs baute er mit Unterstützung des amerikanischen und britischen Geheimdienstes ein OUN-Zentrum in München auf. Die CIA, der MI6 und später auch der Bundesnachrichtendienst arbeiteten mit ihm zusammen. Sie finanzierten seine Organisation, schützten ihn und seine Familie vor dem sowjetischen KGB und bildeten seine Anhänger aus, die sie als Spione in die sowjetische Westukraine schickten, um dort Kontakt zum ukrainischen Untergrund aufzubauen. Doch weitere Konflikte innerhalb der OUN, auch wegen Banderas radikaler Ansichten und andauernder Begeisterung für den Faschismus, schwächten die Bewegung. In den frühen 1950er Jahren verspielte er das Vertrauen zuerst der CIA und anschließend auch des MI6, die lieber Mykola Lebed und dessen Anhänger innerhalb der OUN unterstützen. Einzig der Bundesnachrichtendienst distanzierte sich nicht von ihm und arbeitete weiterhin mit Bandera zusammen, bis dieser am 15. Oktober 1959 in München durch den jungen westukrainischen KGB-Agenten Bohdan Stašinskyj ermordet wurde.

Der Mord an Bandera, der erst aufgeklärt werden konnte, nachdem der Attentäter sich im August 1961 der Westberliner Polizei gestellt hatte, belebte den Kult um seine Person erneut. Mehrere Tausend seiner Verehrer hatten die Westukraine im Sommer 1944 mit den Deutschen verlassen und sich nach dem Krieg in Nordamerika, Großbritannien und auch Westdeutschland niedergelassen. Für sie wurde Bandera zum Märtyrer, der wie ein Held im Kampf um die Freiheit seines Landes gefallen war. Er wurde in Dutzenden von Orten, in denen die ukrainische Diaspora lebte, jedes Jahr zu seinem Todestag aufwendig mit Trauergottesdiensten, politischen Versammlungen oder antikommunistischen Aufmärschen geehrt. Diesem Kult setzte die Sowjetunion ihre eigene Propaganda entgegen. Ihr zufolge hätten die ukrainischen Nationalisten die Sowjetunion verraten und seien moralisch und politisch sogar schlimmer als die Nationalsozialisten gewesen, weil sie nach dem Sieg der Roten Armee ihre Landsleute in der Westukraine bis in die frühen 1950er Jahre hinein noch terrorisiert hätten. Bandera ist in diesem Diskurs zum Symbol des Verrats und der Massenmorde an sowjetischen Bürgern geworden. Die Bezeichnung banderivci wurde unter anderem benutzt, um gegen Dissidenten vorzugehen. Bandera wurde für die Diaspora zur Identifikationsfigur eines antisowjetischen Nationalhelden, der sein Leben für eine freie Ukraine gegeben hatte.

Ab den späten 1980er Jahren, noch vor dem Zerfall der Sowjetunion, tauchte der Bandera-Kult auch in der Westukraine erneut auf. Nach 1991 wurden vor allem in Ostgalizien für den providnyk mehrere Denkmäler errichtet, vier Museen eröffnet und Hunderte Straßen nach ihm benannt. Ebenso wurde er im Unterricht in Schulen und an Universitäten verehrt. Doch erst im Laufe der Präsidentschaft von Wiktor Juschtschenko (2005–2010) wurde der öffentliche Kult auf die übrige Ukraine ausgeweitet. Er stieß dort jedoch auf politischen und kulturellen Widerstand, weil die Mehrheit der dort lebenden Menschen sich mit der sowjetischen und nicht mit der nationalistischen Geschichte ihres Landes identifizierte und in Bandera weiterhin einen Verräter sah. In den vergangenen Jahren wurde der Kult um den westukrainischen Nationalhelden – der ein überzeugter Faschist gewesen war – zumindest ansatzweise auch aus demokratischen Gründen hinterfragt. Dies sorgte in allen Teilen des Landes für Verwirrung und wurde als eine Bedrohung eigener Traditionen verstanden. Insbesondere die Faschismus- und Holocaust-Forschung erregte die Gemüter vieler Kenner der ukrainischen Geschichte und motivierte sie zur Verteidigung eigener, zum großen Teil im Kalten Krieg konzeptualisierter und bis heute nicht revidierter Denk- und Forschungsansätze.

Schlussbetrachtung

Stepan Bandera wurde durch Instrumentalisierung und mangelnde historische Forschung zu einer Projektionsfläche für verschiedene geschichtspolitische Ziele. Während der Majdan-Proteste 2013/14 in Kiew demonstrierten nicht nur neofaschistische, sondern auch die Demokratie unterstützende Ukrainer mit Bandera-Transparenten für die Annährung der Ukraine an die EU beziehungsweise die Beendigung der prorussischen Politik. Einerseits wird die Geschichte des Faschismus in der Ukraine von prorussischen Medien instrumentalisiert, andererseits weisen proeuropäische und nationalistische Kräfte deren Existenz und Erforschung pauschal ab.

Der Bandera-Kult hat bis heute kaum an Wirkungsmacht verloren, weil bestimmte Aspekte der ukrainischen Geschichte lange Zeit einerseits nicht erforscht, andererseits aktiv tabuisiert wurden. Dazu gehörten neben der Beteiligung ukrainischer Nationalisten am Holocaust auch die Faschisierung der Bewegung beziehungsweise die innovative Schöpfung eines genuin ukrainischen Faschismus. Die Untersuchung dieser Elemente der ukrainischen Geschichte war deshalb unerwünscht, weil sie Aspekte der sowjetischen Propaganda bestätigen würden. Eine aktive Auseinandersetzung mit der komplexen historischen Realität jenseits von Verteufelung und kultischer Verehrung Banderas gefährdet aus Sicht vieler Politiker und Intellektueller in der Ukraine die Existenz des ohnehin instabilen Staates.

Der transnationale Faschismus ist neben einer komplexen Geschichte der deutschen Besatzung und des Judenmordes zentral, um Bandera und die radikale Form des ukrainischen Nationalismus zu verstehen. Selbst wenn die OUN ihren Faschismus aus nationalen Gründen zeitweilig tarnte, verstand sie sich als eine faschistische Bewegung und ihren europäischen Pendants zugehörig. Bandera wollte als ihr Führer einen faschistischen Kollaborationsstaat im von den Nationalsozialisten kontrollierten "Neuen Europa" errichten. Die "Säuberung" des Staates von Juden, Polen, Russen und anderen ethnischen und politischen "Feinden" war ein fester Bestandteil des politischen Programms der OUN, das die Bewegung zumindest in der Westukraine teilweise realisierte. Der ukrainische Fall – ähnlich wie der kroatische, slowakische oder rumänische – zeigt, dass der radikale Nationalismus in keinerlei Gegensatz zum Faschismus stand, sondern mit ihm verschmolz beziehungsweise ein fester Bestandteil dessen war.
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Fußnoten

1.
Der Beitrag basiert auf meiner Biografie Banderas, vgl. Grzegorz Rossoliński-Liebe, Stepan Bandera. The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide, and Cult, Stuttgart 2014.
2.
Vgl. Kai Struve, Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine, Berlin 2015; Dieter Pohl, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens, München 1997.
3.
Vgl. Serhy Yekelchyk, Ukraine. Birth of a Modern Nation, New York 2007, S. 33–84; Frank Golczewski, Deutsche und Ukrainer 1914–1939, Paderborn 2010, S. 240–360.
4.
Zur Frage des Faschismus in Ostmitteleuropa siehe Constantin Iordachi, Introduction. Fascism in Interwar East Central and Southeastern Europe. Toward a New Transnational Research Agenda, in: East-Central Europe 2–3/2010, S. 161–213.
5.
Vgl. Stanley G. Payne, A History of Fascism, 1914–1945, Madison 1995, S. 406. Zur transnationalen Kooperation von Faschisten siehe auch den Beitrag von Sven Reichardt in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. Grzegorz Rossoliński-Liebe, Der europäische Faschismus und der ukrainische Nationalismus. Verflechtungen, Annährungen und Wechselbeziehungen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2/2017, S. 153–169.
7.
Vgl. Franziska Bruder, "Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!". Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948, Berlin 2007, S. 118f.
8.
Vgl. Dmytro Donzow, Čy my fašysty?, in: Zahrava 1/1923, S. 97–102, hier S. 100; siehe auch Golczewski (Anm. 3), S. 574.
9.
Vgl. Jewhen Onackyj, Lysty z Italiї I. Deščo pro fašyzm, in: Rozbudova natsiї 3/1928, S. 95; ders., Fašyzm i my (Z pryvodu statti prof. Mytsjuka), in: Rozbudova natsiї 12/1929, S. 397.
10.
Vgl. Mykola Sciborśkyj, Naciokratija, Paris 1935, S. 50, S. 84, S. 87, S. 114ff.
11.
Vgl. Volodymyr Martyneć, Žydivśka probliema v Ukraїni, London 1938.
12.
Vgl. Struve (Anm. 2), S. 90–118, S. 172–207.
13.
Vgl. Grzegorz Rossoliński-Liebe, Der Verlauf und die Täter des Lemberger Pogroms vom Sommer 1941. Zum aktuellen Stand der Forschung, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 22/2013, S. 207–243, hier S. 213–216.
14.
Vgl. John-Paul Himka, The Lviv Pogrom of 1941. The Germans, Ukrainian Nationalists, and the Carnival Crowd, in: Canadian Slavonic Papers 2–4/2011, S. 209–243.
15.
Vgl. Grzegorz Rossoliński-Liebe, The "Ukrainian National Revolution" of 1941. Discourse and Practice of a Fascist Movement, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 1/2011, S. 83–114, hier S. 106–113.
16.
Vgl. ders., Inter-Fascist Conflicts in East Central Europe: The Nazis, the "Austrofascists", the Iron Guard, and the Organization of Ukrainian Nationalists, in: Arnd Bauerkämper/Grzegorz Rossoliński-Liebe (Hrsg.), Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945, Oxford 2017, S. 168–189, hier S. 176–184.
17.
Vgl. Pohl (Anm. 2); Shmuel Spector, The Holocaust of Volhynian Jews 1941–1944, Jerusalem 1990.
18.
Vgl. Grzegorz Motyka, Ukraińska partyzantka 1942–1960. Działalność Organizacji Ukraińskich Nacjonalistów i Ukraińskiej Powstańczej Armii, Warschau 2006, S. 298–413.
19.
Gerichtsprotokoll, 26.1.1936, CDIAL (Central’nyj deržavnyj istorychnyj archiv u L’vovi), f. 371, op. 1, spr. 8, od. 75, Bl. 176.
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Autor: Grzegorz Rossoliński-Liebe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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